Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 37-38 (18.9.1925)
- Date
- 1925-09-18
- Page
- – (sequence 24)
- Language
- German
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Seite 22 DIE WAHRHEIT JNn 37/38 Konzessionsverlust und dreijährigem Verlust aller politischen Rechte. Friedmann legte Berufung ein. Kinder des Hakenkreuzes. Die Zeitung „Hinterpommer" berichtet aus Polzin: „In unserem Kurort weilt eine jüdische Familie Reinglas zur Erholung. Ihr elfjähriger Junge spielt eines Tages im Kurpark. Eine Horde Polziner Schuljungen kommt auf ihn zu und fordert unter Vorzeigung des Hakenkreuzes eine Schlägerei. Der zehnjährige Sohn des Zigarrenhändlers Frädrich zog einen geladenen Revolver und setzte äm. auf die Brust des jüdischen Knaben, um ihn zu „erledigen". Anwesende Gäste verhinderten das Vorhaben dieser Hakenkreuzlümmel." Antisemitischer Gesinnungs-Ausverkauf. Die Breslauer „Jüdische Zeitung für Ostdeutschland" schreibt: „Wie wir von "zuverlässiger Seite hören, wandte sich das deutschnationale Blatt „Die Schlesische Tagespost" mündlich und schriftlich au eine Reihe jüdischer Firmen in Breslau und Oberschlesien mit der Mitteilung, daß es nach einem Wechsel in der Redaktion keine antisemitischen Artikel mehr veröffentlichen werde und mit Rücksicht darauf um Inserate jüdischer Firmen bitte. Dasselbe Manöver hat die gleiche Zeitung, wie wir uns erinnern, schon vor einigen Jahren versucht, vermutlich, als ihre Kassenbestände besonders schlecht waren, und hat in der Tat für kurze Zeit antisemitische Artikel unterdrückt, allerdings nur, um das Versäumte in verstärktem Maße nachzuholen. „Deutsch sein, heißt eine Sache um ihrer selbst willen tun" Und was heißt nach dieser Probe deutschnatianal sein?" Bayreuth und der »jüdische Bolschewismus". Die Völkischen scheinen nunmehr ihren Plan, aus Bayreuth ein völkisches Mekka zu machen — für den sich bekanntlich im vorigen Jahre Herr Ludendorff gewaltig ins Zeug gelegt hatte, um auch hier das für ihn unvermeidlidfe Fiasko zu erleben — aufgegeben zu haben. Der „Völkische Beobachter" berichtet sehr unwirsch, daß Hitler in Bayreuth „inkognito" bei den Festspielen geweilt habe und dort auf das schärfste überwacht worden sei. (Der einstige Mussolini-Imitator Hitler gefällt sich offenbar jetzt sogar in fürstlichen Allüren.) Wie schlecht Herr Hitler und seine Leute auf Bayreuth zu sprechen sind, zeigt ein Artikel des „Volk. Beob." vom 8. August aus der Feder seines Feuilletonredakteurs Josef S t o 1 z i n g. der seinen Wagnerischen Meistersin'ger-Namen nur adoptiert hat, während er in Wirklichkeit auf den urtschechischen Namen Cerny hört Dort heißt es: „Die Zugeständnisse, die Siegfried Wagner dem Judentum machte, indem er sogar den Wotan von einem Juden singen ließ, dazu noch den Froh (so!) und Mime jüdischen Künstlern anvertraute und die Waltraute ebenfalls einer Jüdin, haben alles nichts genutzt: die Judenpresse hetzt unentwegt weiter gegen Bayreuth... Siegt auch in Deutschland der jüdische Bolschewismus — dann fällt als erstes Opfer Bayreuth! Das möge Siegfried Wagner bedenken und darnach handeln!" In einem anderen Artikel des Blattes schreibt Herr Cerny-Stolzing: „Daß aber Siegfried Wagner mit diesem Schorr just einen Vollblutjuden den Wotan singen ließ, gehört in ein anderes Kapitel." (Herr Schorr von der Berliner Staatsoper ist natürlich kein Jude). Der Kampf gegen den Bolschewismus ist von Herrn Hitler und seinen Leuten als Verlegenheitsbehelf aus der Rumpelkammer hervorgezogen worden. Hitler selbst wettert in Versammlungen gegen ihn und der „Volk. Beob." hat eine diesem Kampf gewidmete Sondernummer herausgegeben, die geradezu kläglich anmutet. Man hat den Eindruck, daß sie nur hergestellt worden ist, um die Klischeeh einiger JudenkarikatureiT wieder einmal zu verwerten, die das Blatt vor einigen Jahren von dem seligen Dietrich geerbt hat und die es seitdem immer und immer wieder zum Abdruck bringt Das ist natürlich ein sehr billiges Vergnügen. Der angezogene Artikel des Herrn Cerny gehört eigentlich in die „Antibolschewistische Sondernummer"; er kennzeichnet auf das Treffendste den „Geist", in dem diese Nummer gehalten ist. Demokratie. Als Abschluß des Kongresses kommt uns die Nachricht zu, daß bei der Wahl des neuen Direktoriums des K. K. L. Böhm und W a r b u r g nicht mehr wiedergewählt wurden. Der oberflächliche Beobachter wird sich denken, daß wohl soviel hervorragende Fachleute im zionistischen Lager vorhanden seien, daß man nicht alle entsprechend verwerter, könne. Aber auch dann-wird man noch fragen müssen, ob ein Mann wie Böhm, dessen Name mit dem K. K. bereits unlöslich verwachsen ist, ob ein Warburg, der Nachfolger Wolfsohns, nicht wichtiger wären als mancher andere. Doch es scheint nicht so. Die Jüdischnationalen haben zwar nicht Ueberfluß an Fachleuten, nur haben die beiden genannten Herren einen Fehler, sie sind „nur" Zionisten. Und diese sind heute sehr im Werte gesunken. Es kommt nicht auf die Meinung, sondern auf die Fraktion an, die man vertritt. Demokratie und nicht Persönlichkeit. Und darum mußten Böhm und Warburg fallen. Auswandererschicksal. Das Wort „Auswanderer" hatte btets für mich etwas besonders Trauriges und Ergreifendes. Und so fiel es mir nicht leicht, als ich beschloß, unsere Palästinawanderer, die auf der Durchreise in Wien weilen, zu besuchen. Ich hatte mein Herz mit der notwendigen Härte gewappnet, um den sicher zu erwartenden Bitten um Hilfe ein wenig standhalten zu können. Aber es sollte anders kommen. Gleich ihr Aussehen überraschte mich. Das waren keine Leute, die daheim nichts mehr zu verHeren hatten und leichten Herzens sich zu neuen Abenteuern aufmachten. Urwüchsige, jüdische Gesichter blickten mich an und bitteres Leid sah aus den schwermütigen Augen dieser jungen, jüdischen Menschen. Bald erfuhr ich, daß sie alle Söhne des besseren Mittelstandes in Polen waren; einige sogar waren jung verheiratet. Nie hatten sie auch im entferntesten an ein so bitteres Los gedacht. Aber die schwere wirtschaftliche Lage daheim trieb sie in die Fremde und ein geheimnisvolles, tief in ihrer Seele schlummerndes Etwas zog sie nach Erez Jisroel, dem Lande ihrer Sehnsucht. Die meisten hatten ihre Jugend in der wundersamen Sphäre des Beth-Hamidrasch verbracht und so manchen Tag gelernt und geträumt vom Moschiach und Elijahu, «yon dem heiligen Lande mit den hochragenden Bergen. Und das ist es auch, was sie mit urgewaltiger Kraft nach Palästina ziehen läßt. Sie wollen aber nicht hin, um dort von Almosen zu leben, sondern freudig, den Spaten mit fester Hand führend, arbeiten und aufbauen das Land ihrer Väter im Geiste ihrer Väter. Dann erzählten sie weiter von ihrem furchtbaren Leiden. 14 bis 16 Monate warten sie schon in unserer Stadt auf ein Palästinavisum und noch immer vergebens. Uebergroße Hindernisse stellen sich ihnen in den Weg und versperren ihnen die Tore Palästinas. Da frug ich sie erwartungsvoll, wie ich ihnen helfen könnte? Sie erwiderten: „Haben Sie nicht etwa daheim alte jüdische Bücher oder Talmudfolianten, damit wir unsere trübe Sorge durch Lernen erleichtern können!" Ganz verwundert richtete ich an sie die Frage: „Habt ihr denn auch genügend zu essen?" Darauf wurden sie still und sprachen bald über anderes. Später erst erfuhr ich, daß sie alle ihre Mittel während des langdauernden Aufenthaltes in Wien aufgezehrt hatten und sich nicht ein Stückchen Brot kaufen können. Mancher von ihnen ist schon ohnmächtig vor Hunger auf offener Straße zusammengefallen. Und trotz allem schweigen sie. Ich konnte es wahrlich nicht begreifen: Menschen, die nicht ein Stückchen Brot besitzen, verlangen nichts anderes als Bücher! — Da kam mir in Erinnerung das Bild unserer Väter aus dem Mittelalter, die in den dunklen Golusnächten alles hihopferten und nur ihrer Thora lebten. Ja, etwas von ihrem Heroismus haben diese Juden hier in sich. Und! so leben sie schon über ein Jahr in Wien und unbekannt, ohne Hilfe und Stütze, ihr schweres Schicksal geduldig ertragend. Zwar sind einige beherzte junge Leute der Agudas-Jisroel-Jugendgruppe eifrig bemüht, ihre Lage zu erleichtern, doch steht die große jüdische Oeffentlichkeit ferne, allzu ferne, und so leiden diese guten, armen Menschen Not, bitterste Not Mögen alle, in deren Brust ein warmfühlendes jüdisches Herz schlägt, sich anläßlich der bevorstehenden Festtage dieser armen, unschuldig in Not geratenen Glaubensbrüder gedenken und die Zeit, die sie in unserer Stadt zu verbringen gezwungen sind, leichter ertragen lassen. 0. Spenden für diesen edlen Zweck nimmt die Redaktion der „Wahrheit" entgegen sowie die Jugendgruppe deT Agudas Jsroel, IL, Ob. Donaustraße 69. &clfe*$!• BOTGASSE-1 FHnmjTiiimiimininniiifinminimrnRiiiiiniiffYrilHiinmnitniminniiHi ii it"!