Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 37-38 (18.9.1925)
- Date
- 1925-09-18
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite iS DIE WAHfeHEIt Nr. 37/38 gung der jüdischen Gemeinschaft darstellt, mit dem deutschen Volke die Tausendjahrfeier des deutschen Rheinlandes zu begehen. Das Gotteshaus, das von dem gleichen Baumeister erbaut ist, wie der Dom von Worms, konnte kaum die vielen Hunderte von Festteilnehmern fassen. In. erhebenden Worten begrüßte der Rabbiner der Gemeinde, Dr. Holzer, die Delegierten des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten. Er gab einen kurzen Ueberblick über die lekiensreiche Geschichte der Juden am Rhein und pries die Tätigkeit des Bundes in ihrer segenspendenden und seelenaufrichtenden Art. Das gemeinsam gesprochene Kaddisch-Gebet, die Totenklage für die 12.000 jüdischen Gefallenen, beschloß den erhebenden Gottesdienst. Am frühen Nachmittag fand eine Besichtigung der historischen Sehenswürdigkeiten der Stadt Worms und des altberühmten jüdischen Friedhofes mit seinen zahlreichen Gräbern aus dem Mittelalter statt, das älteste Grabmal stammt aus dem Jahre 1049. Den Höhepunkt der Tagung bedeutete die feierliche Kundgebung, die die Ortsgruppe Worms des Bundes kn reichgeschmückten Festhause veranstaltete. Der Staatspräsident von Hessen, Ullrich, der Kreisdirektor Wolff, der Oberbürgermeister Rahn mit den Bürgermeistern und Stadtverordneten, die Geistlichkeit aller Konfessionen, der gesamte Vorstand der jüdischen Gemeinde, Vertreter der Kriegervereine und zahlreicher anderer Korporationen waren um 5^ Uhr im Festhaus versammelt. Im Fürstenzimmer wurde der Herr Staatspräsident von 'dem Hauptvorstand des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten begrüßt. Ein Orgelvorspiel leitete die Feier ein, worauf der Vorsitzende der Ortsgruppe Worms, Dr. Fried, die Erschienenen begrüßte. Ihm folgte als Redner Herr Oberbürgermeister Rahn, Worms, der im Namen der Stadtverwaltung den Reichsbund in den Mauern der ehrwürdigen Stadt Worms willkommen hieß, sich für einen Frieden aller Konfessionen aussprach und in nicht mißzuverstehender Weise die üblen Bestrebungen völkischer Kreise aus der Stadt Worms verwies. Lang abhaltender, lauter Beifall der tausende Versammelten lohnte seine Ausführungen. Im Namen des Vorstandes der jüdischen Gemeinde begrüßte Sanitätsrat Dr. N i c k e 1 s b u r g den Reichsbund und gab einen historischen Ueberblick über die ereignisreiche Geschichte der Wormser Judenheit. Ihm folgte, von der Versammlung stürmisch begrüßt, der Vorsitzende des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten, Dr. Leo Löwenstein, Berlin, der im Namen seiner Kameraden für alle die herzlichen Begrüßungsworte und für die außerordentlich liebenswürdige Aufnahme dankte, mit der die Ortsgruppe Worms ihre Bundesfreunde empfangen hatte. Er gedachte — während die Versammelten sich von ihren Sitzen erhoben — der 12.000 gefallenen Kameraden, die als immerwährende Ehrenmitglieder des Bundes geführt werden. Die Uraufführung der Arie für Cello und Klavier von Franz Levy, Worms, leitete hinüber zu dem eigentlichen Festvortrag, den Professor Dr. Goldstein, Darmstadt, Mitglied des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten, hielt. Die Festversammlung ging unter Orgelklang in dem stolzen Bewußtsein auseinander, eine Feierstunde deutschen Gefühles, deutschen Bekenntnisses und deutschen Empfindens am deutschen Rhein erlebt zu haben. Nach den festlichen Tagen in Worms fand die Haupttagung des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten, der aus Anlaß der Jahrtausendfeier das Rheinland zur Stätte seiner Tagung erwählt hatte, ihre Fortsetzung in Köln. Von Mainz aus begaben sich die Delegierten in einem Sonderdampfer den Rhein hinunter an ihren zweiten Versammlungsort. Köln. Hier fand am Sonntag, den 6. September, nachmittags 7% Uhr, in den Festräumen der Bürgergesellschaft eine Kundgebung statt, zu der alle Gesellschaftskreise Kölns sich eingefunden hatten. Nach einem von einem Mitglied der Ortsgruppe Köln vorgetragenen Prolog be^ grüßte der Vorsitzende der Ortsgruppe Köln, Dr. Speyer, die zahlreich erschienenen Gäste, worauf Justizrat Dr. Falk, lebhaft begrüßt, die Festrede hielt, die sich mit der Stellung des Reichsbundes «jüdischer Frontsoldaten innerhalb des deutschen Judentums befaßte. Der Bundesvorsitzende. Doktor Löwenstein, Berlin, dankte für die herzliche Aufnahme des Bundes in der Stadt Köln. Schließlich ergriff, stürmisch begrüßt, das Vorstandsmitglied des Bundes, Minister Doktor Haas, das Wort, um sich mit den Rassefanatikem und Deutschvölkischen auseinanderzusetzen und die Wichtigkeit des Bestehens des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten in unserem heutigen Deutschland zu betonen. Nicht endenwollender Beifall dankte ihm. An die feierliche Begrüßungsveranstaltung schloß sich ein „Kölnischer Ovend", der die Hunderte von Teilnehmern bis spät in die Nacht zusammenhielt. Am Montag vormittags begannen die internen Verhandlungen der Delegierten der Hauptversammlung. Im Nachfolgenden bringen wir einen Auszug aus der Rede, welche der Staatspräsident von Hessen Ullrich auf der Tagung gehalten hat: „Ich bin dem Wunsche, hier bei Ihnen zu erscheinen, sehr gern gefolgt. Ueberall dort, wo im Interesse des inneren und äußeren Friedens gearbeitet wird, bin ich jederzeit bereit, mit der Unterstützung meiner Regierung zur Stelle zu sein. Daß der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten sich hat zu einer Organisation zusammenschließen müssen, ist ein Stück historischen Geschehens. Die Gründung des Bundes war eine Folge der nach dem Kriege wiedererstandenen maßlosen antisemitischen Bewegung. Diese Tatsache läßt sich nicht leugnen, und man kann nicht verlangen, daß auf diesem gefährlichen Gebiet eine Mogel Strauß-Politik getrieben wird. Als diese Gefanr für die deutsche Judenheit entstanden war, war der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten eine Notwendigkeit, wollte man nicht durch die Wehrlosigkeit der jüdischen Gemeinschaft neue Gefahren für diese hervorrufen. Die Geschichte des jüdischen Volkes ist dlie Geschichte des Menschengeschlechtes^ von der Barbarei zur Zivilisation. Früher herrschte bei uns Barbarei, dann genossen die Juden Duldung und schließlich Gleichberechtigung, die allerdings von der Schmach unseres Volkes, der deutschvölkischen Bewegung, umstritten wird. Das zeigt deutlich auch den Jammer, in dem wir uns hier in Deutschland befinden. Zum Glück aber können wir behaupten, daß das deutsche Volk in seiner Mehrheit heute doch schon ganz anders geartet ist als früher. Die Kreise, die den antisemitischen Hetzern folgen, werden i^mer kleiner und einflußloser. Ihr Bund hat die Aufgabe, dahin zu wirken, daß alle Ihre Glaubensgenossen als gleichberechtigte Bürger, ungestört von völkischen Hetzern, im. Lande ihrer Väter und Kinder leben können. Diese Erklärung gebe ich im Namen der Regierung ab, die ich vertrete! Ich bin ein ausgesprochener Parteimann, bin aber als Vertreter der Regierung frei von jedem politischen Fanatismus und zur politischen Objektivität entschlossen. Diese Entschlossenheit habe ich auch dadurch bestätigt, daß ich Ihrer Einladung von Herzen gern gefolgt bin. Ich wünsche, daß der Gedanke der Gleichberechtigung sich so sehr und so intensiv den Massen des Volkes mitteilt, daß Ihr Bund nicht mehr nötig sein möge. So lange dies aber nicht der Fall ist. müssen Sie auch weiterhin unermüdlich als Reichsbuhd jüdischer Frontsoldaten auf dem Posten sein." Hebräer, Israeliten und Jnden. Ein kleiner literarhistorischer Beitrag von Schulrat Dr. H. P o 11 a k. Ueber dieses Thema hat meines Erinnerns mein werter Freund Rabbiner Dr. Armin A b e 1 e s vor vielen Jahren in Dr. Blochs „Oesterreichischer Wochenschrift" eine sehr interessante wissenschaftliche Abhandlung veröffentlicht und im folgenden sei es auch mir gestattet, einige Bemerkungen zu den in Rede stehenden drei Namen zu machen. Der Volksstamm, der aus den Nachkommen Jakobs sich entwickelt hat, führt in den heiligen Schriften den Namen -„Söhne Israel s'\ hie und da werden sie auch Ebräer genannt. (Die Schreibweise Hebräer ist von Luther eingeführt; so auch Hiob statt des biblischen Jjob zur Vermeidung des hiatus.) Dieser alte Volkstitöl wird auch äim gewöhnlichen Leben gegen den Stamm namem „Jude n" vertauscht. Der Name Jefrudiim kommt zuerst im II. Buche der Könige vor (16, 6); die Könige Rezin von Syrien und Pekach