Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 37-38 (18.9.1925)
- Date
- 1925-09-18
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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ttr. ä7/ä6 DIE WAHRHEIT Seite 17 Einsam und gemeinsam. Von Prof. Dr. Emil Hofmann, Rabb. in Redchenberg. Zum Rhythmus üfes Innenlebenis gehört beides: Einsamkeit und Gemeinsamkeit. Zwischen diesen zwei Polen flutet der breite Strom des Daseins dahin. In den stillen Stunden, in die wir uns aus dem Lärm des Tages flüchten, werden die großen Gedanken geboren, erfolgt die Klärung auf die Gärung, reift der Charakter und erblüht der Friede mit dem Schicksal. Diese stillen Stunden reden am lautesten zu uns. Und in der trauten Zwiesprache mit dem Schöpfer kann jeder seine Horebstunde erleben. Darum haben sich alle großen Religionsstifter in die Einsamkeit der Wüste zurückgezogen, um ihres Gottes gewiß zu werden« Mit Recht werden in der Sommerszeit die „Ferien vom Ich" empfohlen, damit man die Tretmühle'^fler Berufsarbeit auf eine Weile verlasse. Aber von unserem besseren Ich nehmen wir sowohl in der ruhelosen Hetzjagd, als auch in der Zeit, in der wir frei von Berufspflichten sind, allzulange Ferien. Die Einsamkeit, diese unentbehrliche und unschätzbare Kraftquelle, kann auch zur Qual werden. Selbst Gedankensouveräne, die als königliche Einsiedler lebten, litten schwer unter der Einsamkeit, mochte sie eine äußere oder innere gewesen sein, mochte sie sich als Verlassenheit, oder als Unverstandensein gezeigt haben. Selbst Elia, dieser gewaltige Felsenriff, rief verzagt aus: „Ich allein bin übrig geblieben!" Und der Eremit Nietzsche, dessen fünfundzwanzigster Todestag sich jetzt jährt, der das Hohelied vom einsamen Mann sang, der verzückt hinausschrie in die Welt: „Einsamkeit, Du meine Heimat Einsamkeit!", klagte erschütternd: „Wer wärmt mich, wer liebt mlioh nödh? Gebt heiße Hamide, gebt Herzenskohlenbecken!" Die Einsamkeit ist wie das Meer, es hat Tiefen und Reize, aber auch Klippen und Gefahren. Die Definition des Aristoteles, der Mensch sei ein „Zoon politikon", ein geselliges Lebewesen, hat nichts von ihrer Gültigkeit verloren. Erst im Austausch mit anderen wird das eigene Geistes- und Gefühlsleben entfaltet und bereichert. Erst in der Gemeinschaft erprobt sich die Kraft, werden die Kenntnisse verwertet. Die Seele bleibt daher nur dann gesund und tragfähig, wann in ihr die Sehnsucht sowohl nach Einsamkeit wie auch nach Gemeinsamkeit lebt. Diese zwei Quellpunkte finden wir auch im Judentum. Zu dem Bibelwort: „Jakob blieb allein", fügt der Talmud die Bemerkung hinzu: „Er blieib bei kleinen Oelkrügelein zurück." Etiese Sätze sprechen Bände, liefern einen förmlichen Kommentar zu unserer Geschichte. Der beste Wertmesser für die Bedeutung eines Volkes ist die Feststellung, ob und in welchem Maße es zum Lichtschatz der Menschheit beigetragen hat. Von Israel strahlte zuerst das Licht wahrer Gotteskenntnis, wahrer Sittlichkeit und Menschenliebe aus. Um unserer Sendung, Hüter und Mehrer des Lichtschatzes der Menschheit zu sein, treu bleiben zu können), mußte Einsamkeit, „glänzende Isolierung" unser Los sein. Ein stolzer Ritter soll einmal in längst verklungenen Zeiten als Wallfahrer eine Kerze in der heiligen Stadt entzündet und dabei gelobt haben, dieses Licht unversehrt nach seiner fernen Heimat zu bringen. Unter unsäglichen Beschwerden und Gefahren führt er sein Vorhaben durch. Fr darf nicht nach rechts and links schauen, er darf an nichts anderes denken, als an seine Flamme. Auf den Höhen des Horeb erhielten wir den Ritterschlag; das siniaitische Licht tragen wir auf unserer Wallfahrt durch die Hallen der Geschichte. Für unsere heilige Flamme war uns kein Opfer zu groß, auch nicht das der uns von der Welt aufgezwungenen Vereinsamung. Aehnliches haben nur noch die Deutschen in diesem Weltkriege und in der Nachkriegszeit erlebt Auch sie wissen ]etzt. was Völkerhaß, Verkennung und Unbill bedeutet; auch sie kennen jetzt den eisernen Wall der Isolierung. Freilich, uns hat diese Einsamkeit nie verbittert. Im Bewußtsein unserer geschichtlichen Sendung haben wir in früheren Zeiten uns selber genügt und es hat uns keine Ueberwindung gekostet, das Prophejtenwort getreulich zu befolgen: „Geh, mein Volk, in Deine Kammer, bis der Sturm vorübergezogen!" Das bewährteste Gegengewicht für unsere Einsamkeit ist die Pflege der Gemeinsamkeit in unserer Mitte. Diese wird ja in der jüdischen Lehre auf Schritt und Tritt betont. „Entweder Verbindung oder Tod" sagen unsere alten Weisen. Hört die Verbindung, der Gedankenaustausch mit den Genossen auf, so kann dies ein inneres Absterben zur Folge haben. Aus der Tiefe der jüdischen Volksseele ist der Ausspruch von Hillel geschöpft: „Sondere Dich nicht ab von der Gesamtheit!" Und welch wichtige Rolle spielt im rabbinischen Schrifttum der Begriff „Zibbur"! Es ist ein erfreuliches Zeichen, das uns mit Zuversicht für die Zukunft erfüllt, daß in der Gegenwart sich der Gemeinschaftsgeist kräftig regt. Hat sich so manches in unseren Reihen gelockert, so ist wenigstens der Gemeinschaftsgeist erstarkt. Ja, er wird von vielen mit religiöser Inbrunst gehegt und gepflegt. Und das ist recht so! Wir wollen ja nicht für eine charakterlose Verschwommenheit eintreten, wir wollen vielmehr die Unterschiede in der Lebensauffassung und Weltanschauung nicht verwischen, aber bei alldem nicht immer nur das sehen, was uns trennt, sondern mehr als bisher auch das beachten, was uns eint. Es gibt genug genieinsame Aufgaben, deren gedeihliche Lösung allen jüdischen Parteien obliegt. Die Pflege des Gemeinschaftsgeistes ist ein Gebot der Stunde. Er birgt ja auch Ewigkeitswerte in sich, die die Einsamkeit wohl nicht bannen, aber doch mildern und für sie reichlich entschädigen. Die Rheinlandfeier der jüdischen Frontsoldaten. Ein Kaddisch-Gebet für die 12.000 Gefallenen. Der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten veranstaltete seine diesjährige Hauptversammlung vom 5. bis 7. September 1925 in Worms und Köln, um im Jahre der Jahrtausend-Feier auch seinerseits die Verbundenheit der jüdiSchen Gemeinschaft mit dem deutschen Volke feierlich zu bekunden. Am Sonnabend, den 5. September, an dem bereits mehrere Hunderte von Delegierten aus allen Teilen des deutschen Reiches in Worms eingetroffen waren, wurde die Tagung mit einem feierlichen und ergreifenden Festgottesdienst in der altehrwürdigen Synagoge in Worms eröffnet, die, im Jahre 1036 erbaut, ein steinernes Monument für die Berechtig