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Die Wahrheit · 1925-09-18 · Heft 37-38 (18.9.1925) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 37-38 (18.9.1925)
Date
1925-09-18
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 6 DIE WAHRHEIT Nr. 37/38 „Aber Herr Hauptschriftleiter, wir haben doch nur mehr eine arische Kunst, ein arisches Theater, eine reinrassige Wissenschaft und Politik gibt es deshalb keine, weil alle Volksgenossen einer Meinung sind!" „Also lesen Sie sich doch wenigstens .,Die Wahrheit' durch, wenn Ihnen schon selber nichts einfällt. Vielleicht finden Sie dort einen Artikel, den Sie irgendwie verwerten können!" „Die Wahrheit? Mit der wurde doch schon längst abgerechnet!" Schließlich mußte der Hauptschriftleiter der ,:Dötz" erkennen, daß man mangels Juden nichts mehr über Juden schreiben könne. Da kam er ganz außer Rand und Band und schrie in furchtbarem Zorne: „Und da soll unsereiner nicht Antisemit sein! Sogar die ausgewanderten Juden bringen einen noch ums Brot!" * * * Drei Jahre später. In der Redaktion der „Dötz" herrschte tiefe Trauer. Keine Hetzartikel waren möglich, keine Aufrufe gab es, keine Auseinandersetzungen mit der „volksvergiftenden Judenpresse". Es wurden keine Ehrenbeleidigungs- und Preßprozesse geführt, keine Massenversammlungen und Demonstrationsaufzüge abgehalten, in der Volksvertretung des vollkommen judenreinen Staates wurde nur mehr über die Unsterblichkeit der Maikäfer und das Seelenleben der Heuschrecken debattiert, mit einem Wort, der politische Teil der Zeitung war vollkommen verödet und es begannen sich bereits die Zustände einzustellen, welche ein vor dreihundert Jahren lebender Geschichtsforscher in dem seinerzeit erschienenen Werke „Der Untergang des Abendlandes" anschaulich geschildert hatte. Es herrschte eine trostlose Stimmung unter der Bevölkerung und selbst die Auflage der einst stark verbreiteten „Dötz" war infolge der Interesselosigkeit ihrer Leser auf ein Minimum gesunken. Der Not gehorchend, nicht dem eigenen Triebe, sah sich der erste Hauptschriftleiter gezwungen, anläßlich der dreijährigen Wiederkehr jenes folgenschweren 13. September, an welchem der letzte Jude Wien verlassen mußte, folgenden Leitartikel zu schreiben: „Die Auswanderung der Juden hat einen so nachhaltigen Einfluß auf die Wohlfahrt des Landes im Gefolge gehabt, daß das Volk nunmehr die Rückberufung der Juden fordert. Namentlich in Wien sind die Verhältnisse unhaltbar geworden. Der geschäftliche Verkehr liegt fast völlig darnieder; die Arbeitslosigkeit hat einen erschreckenden Grad erreicht. An den Häusern, Zäunen, in den Aerotaxis sowie in gewissen öffentlichen Anstalten findet man die Aufcshrift: „Schmeißt die Juden wieder herein!" Es gibt nur eine Rettung: Zurückberufung der zur Auswanderung gezwungenen Herren Israeliten unter Vergütung der denselben erwachsenen Umzugskosten!" ,! * * * Hier findet das Illusionsdrama sein versöhnliches Ende, nachdem die übrigen Attraktionen der politischen Arena bereits seit langem nicht mehr zu sehen waren. Man findet nur mehr weißgekleidete Mädchen und feierlich gestimmte Herren in Frack und Zylinder, welche sich auf den würdigen Empfang der ersten nach Wien zurückkehrenden Juden vorbereiten. Gleichzeitig wurde im Amtsblatt verlautbart, daß den Juden aller Länder die Einreise ohne Visum gestattet ist. Eine alte jüdische Predigt. Von Oberrabbiner Dr. Simon Hevesi, Budapest Im soeben erschienenen Juli-August-Hefte der „Monatschrift für die Wissenschaft des Judentums" ist eine Abhandlung von Herrn Leo B a e c k (Berlin) enthalten unter dem Titel: ZweiBei Spielern id r a s c h i s c h e r Predigt. Die verdienstvolle Abhandlung weist darauf hin, daß die midraschische Predigt eine Einheit, dies Inihaltes aufzeigt, die durch das heuristische Prinzip der Polemik gegen die aufblühende jungchristliche religiöse Theorie klargestellt und aufgefunden werden kann. Zum Beweise dieser These analysiert der Verfasser in genialer Weise zwei Midiraschpredigten, und zwar den Vortrag des Hoschana rabba zu Beginn des Breschiharabba und erste Pesikta (Ad. Buber), die für Chanukka bestimmt war. Die Ausführungen des gelehrten Verfassers wirken überzeugend und es gereicht mir zur Freude, mich im Grundgedanken mit ihm in Uebereinstimmung zu befinden. Die an zweiter Stelle erwähnte Pesikta für Chanukka hatte ich nämlich' in einem Aufsatz in der ersten Nummer des Jahrganges 1923 der „Magvar zsido Szemie" dem Inihalte nach demselben heuristischen Prinzip gemäß behandelt. Ich fasse hier den Gedankengang dieses Artikels im folgenden in Kürze zusammen. Meine Auffassung divergiert wohl von der des Herrn L. Baeck darin, daß Herr Baeck das Thema der Pesikta- Predigt mit dien Worten bezeichnet: „Es ist die Frage, wo die Stätte der Schechina ist" und die Antwort: „Nicht in Christus ist die Schechina herniiedergestiegen und nicht in der Kirche hat sie ihre dauernde Stätte, sondern in den Heiligtümern Israels" etc. Ich hingegen finde, daß eine ganze Serie von Streitpunkten in der Pesikta- Prediigt diskutiert wird. Text der Pesikta-Prediigt ist Nummer 7, Vers 1—3, beleuchtet durch Cant 5, 1 und 3, 9—11; denn das Hohelied spricht von der Braut Gottes und die Einweihung des Stiftszeltes ist das Verlobungsfest Gottes mit Israel, daher auch in Nr. 7, 1, der Ausdruck: bejom kallot. Nun greift dlie Polemik ein. Ist es denn möglich, daß Gott sich und seine Schechina ausschließlich einem Volke, dem Volke Israel zu eigen gab? Wo bleibt da der Universalismus der religiösen Idee; sollte denn nur ein Volk und nicht die Menschheit durch die Religion beglückt werden? Ist da der ' Gottesbegriff nicht zu beengt und bleibt er nicht zurück hinter einer universalistischen Gottesidee? Die Predigt antwortet: ikkar schechina batachtonim. Ursprünglich, zu Adams Zeit, war die göttliche Glorie allen Sterblichen geweiht und sie sollte hiernieden weilen, doch die Sünden der Menschheit verscheuchten, vertrieben sie bis in den siebenten Himmel, die Sünden Adams, Enoch's, der Aegypter, der Sidonniter, der Sintflutperiode, der Haflaga-

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