Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 37-38 (18.9.1925)
- Date
- 1925-09-18
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3062972-3064022-3064057--13983-3081517- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
von selbst beantwortet. Dann braucht uns auch weiter um die Zukunft nicht bange zu sein, dann können wir ihr ruhig entgegensehen! Neu geboren durch die bewährte Kraft und Macht unseres geheiligten, uralten väterlichen Glaubens, verjüngt, gefestigt und gestärkt durch die Eintracht und Hormonie in allen Schichten unseres Volkes; so begrüßen wir das Neue Jahr! Nach dreihundert Jahren. So mancher Leser wird sich folgender lustigen Zirkusepisode erinnern: Der dumme August welcher in diesem Falle ein sehr gescheiter August ist, macht sich erbötig, einen Zirkusdiener im Boxen zu unterweisen, und zwar unter der Bedingung, daß auf Kommando begonnen und auf Kommando aufgehört werden soll. Der Clown, welcher selbst das Kommando führt, schreit: „Anfangen!", indem er seinem Partner einige feste Stöße versetzt. Sobald der Getroffene aber seinerseits zum Hiebe ausholt, ruft er schnell: „Aufhören!" und entzieht sich auf diesem einfachen Wege jedesmal der verdienten Schläge. So ungefähr ist das Verhältnis zwischen der „Wahrheit" und der verehrlichen Redaktion der „Deutschösterreichischen Tageszeitung", die also in diesem Falle die Rolle des „gescheiten August" spielt . . . Auf Kommando (das heißt auf einen Wink von „oben") wird auf die Juden losgedroschen, was Platz hat. Schlag auf Schlag sausen die Beleidigungen herab : Gauner, Betrüger, Wucherer. Ausbeuter und wie die anderen Kosenamen des Hakenkreuzwörterbuches heißen. Sobald aber „Die Wahrheit" zurückschlägt und die femstereiwdreschenden, pflastersteinwerfendieo, "hitlerhemdtragendien jungen Herren mit dem richtigen Namen belegt, schreit die „Dötz" sofort: „Aufhören! . . . Sonst! . . ." Sonst freut euch auf die Abrechnung, die in der Heinestraße veranstaltet werden wird. Diese Drohung soll offenbar alle unsere Glieder vor Schreck lähmen und uns unfähig machen, weiters auf die Angriffe zu erwidern. * , * * Nun wollen wir uns aber nicht länger mit den Vorgängen beschäftigen, welche sich im kleinen Zirkus abspielen, sondern einen Blick in jenen großen Zirkus werfen^ den man als „Politik" bezeichnet und in dem es oft nicht weniger lustig zugeht, wenn auch die Akteure meist eine traurige Rolle spielen. Hereinspaziert meine Herrschaften, hereinspaziert! Hier sehen Sie den großen Tiergarten, den unser Herrgott geschaffen hat! Hakenkreuzler und Ku-Klux- Klowns neben Buschmännern und Judenfressern! Nationalsozialisten und reinrassige Wotanssöhne, welche ihren Stammbaum bis auf Siegfried, den Drachentöter, zurückfuhren können! Zum Schlüsse das grandiose Illusionsdrama: Wien in 300 Jahren! Nachdem die ersten Attraktionen unseren Lesern bereits bekannt sein dürften, und zwar sowohl aus eigener Wahrnehmung, als aus den ausführlichen Berichten der „Wahrheit", wollen wir uns heute bloß mit dem erschütternden Illusionsdrama beschäftigen, das in Wien im Jahre 2225 spielt, in jenem Jahr, in welchem nach einer Berechnung des berühmten Hakenkreuzpropheten Walter Gattermeyer der letzte Jude Wien verlassen haben wird. (Siehe sein Plakat „Praktischer Zionismus"!) Dieses Drama ist der letzte Teil der Trilogie „Untergang des Abendlandes", welcher aber noch im letzten Moment glücklicherweise verhindert wird. Doch! wir wollen nicht vorgreifen, sondern lieber der Reihenfolge nach jene Dinge berichten, die sich am 13. September 2225 abgespielt haben. * * „Hallo, Hallo, hier Radio Wien, auf Welle 530! Soeben hat der letzte Jude Wien verlassen. Als Abschiedsgruß wurden ihm feus lauter Begeisterung die Kupeefenster eingeschlagen." Die in der Redaktion der „Dötz" versammelten Schriftleiter führten nach dieser Meldung einen wahren Freudentanz auf; sie umarmten und küßten sich und gelobten sich, diesen Tag ranerd&r als Gedenktag zu feiern. Am nächsten Morgen stand in der „Dötz" unter der triumphierenden Ueberschrift: „Der letzte Jude aus Wien zurückgeschlagen!" ein fulminanter Aufsatz, der mit folgenden Sätzen begann: „Das deutsche Volk hat den Weltkrieg nicht verloren: Es hat ihn gewonnen, auf der ganzen Linie hat es ihn gewonnen! Denn dieser Krieg wurde nicht gegen England, Frankreich, Rußland und Genossen geführt, sondern gegen Alljuda. Alljuda aber ist besiegt, sein letzter Vertreter hat gestern die Flucht aus unserer Vaterstadt angetreten, und der Siegesschrei des befreiten Volkes mag ihm schrecklich genug in den Ohren geklungen haben." * * * Der diesen Artikel geschrieben hatte, betrat jetzt das Redaktionszimmer der „Dötz", eine Zigarre im Mund, wohlgelaunt, in erhobener Stimmung. „Nun Kamerad," begrüßte der Gewaltige den zweiten Schriftleiter, „was macht die Nummer für morgen?" Der Angeredete machte ein verdrießliches Gesicht. „Es sind ja ein paar ganz nette Sachen da, zum Beispiel eine erhebende Schilderung des Augenblicks, als sich der Zug mit dem letzten Juden in Bewegung setzte. Er fuhr natürlich II. Klasse, der Schieber. Auch ist eine Anregung aus dem Publikum eingegangen, den Waggon zum ewigen Andenken im Museum auszustellen. Aber ich zerbreche mir vergeblich den Kopf, was ich im Leitartikel sagen soll. Und einen Leitartikel müssen wir doch unbedingt haben." „Gewiß," unterbrach ihn der Hauptschriftleiter, „Sie werden nie ein Zeitungsmann großen Stils werden, mein Lieber! Ich begreife ja, nach meinem gestrigen Artikel fällt es Ihnen natürlich nicht leicht. Also ich werde Ihnen helfen. Ich glaube, wir haben fange nichts über die Verjudung der Presse geschrieben." „Ja, aber die ist dtoch gegenstandslos geworden. Die Herrschaften sitzen längst in Jerusalem und schreiben nur noch hebräisch!" „Hm, allerdings, Sie haben nicht ganz unrecht. Man hat sich noch nicht recht daran gewöhnt. Also kommen wir einmal wissenschaftlich. Bringen wir eine medizieisch-zcK)logiscn-a^^ sophische Abhandlung über die Gefahr, welche die Ehen zwischen Ariern und Semiten für die indogermanische Rasse bedeutet." „Aber es gibt doch bei uns keine Semiten mehr, die unsere Rasse gefährden könnten!" „Ach so! . . . Natürlich! . . . Was machen wir denn da?" Der Gewaltige runzelte die Stirne, überlegte scharf und sagte, schon etwas nervös geworden: „So schreiben Sie halt über die Verjudung der Kunst, Wissenschaft und Politik!"