Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 37-38 (18.9.1925)
- Date
- 1925-09-18
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3064022-3064057--13982-3081516- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 4 Nr. 37/38 zuhalten und flin mit ernstem Nachdenken, mit Sinnen und Forschen über unser Leben und unsere Bestimmung zu erfüllen. Er soll uns von neuem die ,Pforten der Buße" öffnen, den Weg zu Gott bahnen und ebnen. Wieder soll auch jeder Einzelne von uns Herz und Nieren prüfen und sein wahres Menschentum zurückfinden können. Dies bildet seine Verjüngung und Wiedergeburt; Worte und Begriffe, welchen man gerade in unseren Tagen oft genug begegnen kann. Aber auch in der Thora — und nicht minder in der Propheten-Vorlesung unseres ersten Neujahrstages ist vom Neugeborenen die Rede. Vom neugeborenen Menschen, in welchem sich ja das Leben — der Hauptinhalt der nach unserer Tradition am Neuj'hr^Ke von Gott einst erschaffenen Welt — in seiner höchsten und schönsten Gestalt und Form offenbart. Von ihm, dem neugeborenen Menschen — der „Krone der Schöpfune" — der doch das Wesentlichste in dieser von Gott erschaffenen Welt ausmacht, erzählt sowohl die Thora — als auch die Haftora — Vorlesung am ersten Neujahrstage. Vom neugeborenen Sohne Saras. von Isak, wie auch von Hannas Kind, von Samuel. Aber nicht nur für diese neugeborenen Kinder 4m Schnftabsehnitte aus Thora und Propheten, sondern der erste Pschri gilt nach der Meinung unserer Weisen auch als der Schöpfungstag des ersten Menschen, der in der zehnten Stunde schon durch das Uebertreten des Verbotes, vom Baume der Erkenntnis zu essen, sündigte; in der elften gerichtet und in der zwölften Stunde wieder begnadigt wurde. „Und der Heilige, gelobt sei er, sprach zu dem ersten Menschen: Dies sei eine Vorbereitung für Deine Kinder, wie Du am heutigen Tage vor mir gestanden und Gnade gefunden hast, so werden Deine Kinder e'nst vor mir stehen und Verzeihung finden." Ein schöner, tiefer Gedanke ist wohl in dieser phantasiereichen Schilderung der Pesikta enthalten, enthalten. Gleich Adam, dem am ersten Tischri geschaffenen Menschen, der sich gar bald vergessen konnte und dem göttlichen Verbote zuwiderhandelte, gleich ihm ist wohl jeder Sterbliche der Sünde fähig. ,.Irren ist menschlich" und so mancher Mensch kann gleich Adam der Sünde anheimfallen. Jedoch wie einst dem ersten Menschen, ist es auch jedem anderen ermöglicht durch „Teschuwa". durch Umkehr und Buße, Verzeihung und Gnade zu finden. Gleich Adam ist es auch jedem Einzelnen gegeben,?m N*mjahrstage eine geistige, s'ttlidie und reHsriöse Wiedergeburt zu erreichen, sich, auf die Größe und Erhabenheit seines Stammes und Volkes zu besinnen und so erneut und verjüngt aus diesem Tage hervorzugehen. Verjüngt und neugeboren soll aber nicht allein bloß der einzelne Jude an seinem Roschhascho erscheinen; neu- Olaubens, in grausamster Weise gemordet worden. Gewaltsam hat man sie von allen höheren Berufen ferngehalten und hat ihnen nur d&e niedrigsten und verächtlichsten offen gelassen, um sie? dann doppelt der Verachtung Dreiszugeben. Man demütigte sie, schmähte sie, schloß sie in enge schmutzige Gäßchen ein. wo sie täglich eines Ueberfalles gewärtig, scheu und verängstigt gebeugt umherschlichen. Und dermioäi — trotz dieser widrigen Verhältnisse, unter denen man sie zu lebn zwang, wieviel hat die Welt den Juden zu verdanken! Wieviele große Denker, Dichter und Forscher haben sie der Menschheit geschenkt! Und gar mächtige Kräfte sohiuiranern noch in dem Judenstamme. Wisse, mein Ki^d. das geistig und sittlich so hochstehende Jtidenvolk wird der Menschheit noch Außerordentliches, Üebergroße?, leisten . . . Also, gräme dich nicht, wenn sie dich „Jude" sohirnpfen, dmn sie beschimpfen dich nicht, sie loben dich. Aber grolle ihnen auch nicht und überhebe dich nicht beweise ihnen vielmehr als aufrechter Mensch, nicht allein durch die Vergangenheit deines Volkes, sondern afch durch deine eigene Lebensführung, daß das Wort „Jude" kein Schimpfname ist, sondern ein Ehrenname. geboren und mit neuem Lebensmut soll am Neujahrstag auch das ganze Volk, ganz Israel hervorgehen. Aufbau, Erneuerung, „Sanierung" und wie diese schönen Worte alle, die wir doch jetzt nur sot oft hören können, heißen mögen; in welch weiter Ferne liegt doch ihre Verwirklichung! Völkerbund und Völkerfriede; welch schwer realisierbare Ideale, so lange noch trennende Mauern zwischen Mensch und Mensch, zwischen Volk und Volk bestehen, und immer wieder und wieder von neuem aufgerichtet werden! Und haben etwa Kriegsgreuel, Jammer und Elend, Leid und Not, haben die -etwa die Menschheit eines Besseren zu belehren vermocht? Haben sogenannter Friede und Versöhnung wirklich schon die wahre und echte, die aufrichtige Eintracht und Einigkeit unter die Menschen gebracht? Jene große „Aguda achas". jenen herrlichen „einen Bund" und so ideale Vereinigung der Gesamtheit „um Deinen Willen mit ganzem Herzen zu vollziehen", von welchem Israel in seinem Neujahrsgebete so schön träumt? Wie berechtigt, wie notwendig erscheint doch noch immer dieses so alte, aber nicht veraltete und ewig junge jüdische Gebet auch in unseren Tagen! Trotz so vieler Kultur und Zivilisation, trotz so großen Fortschritts auf dem Gebiete der Wissenschaft und Technik, trotz so vielen Geredes von Völkerbund und Völkerfrieden! Die zur Erreichung dieses Zweckes sich gestellten Aufgaben, die zu Verwirklichung und Erlangung dieser Ideale so herbeigesehnten Mittel und Dinge; die Begriffe von Aufbau, von Wiederherstellung und Erneuerung, wo haben sie sich so bewährt, wo sind sie denn sonst zum Durchbruch und zur Geltung gekommen, wenn nicht in unserer eigenen Stammes- und Volksgeschichte! Welches Volk und welche Nation könnte vom Aufbau, von Wiedergeburt und Wiederherstellung so viel erzählen und sprechen als Israel, dessen ganzes geschichtliches Dasein eine fortwährende Erneuerung, ein Sich-Aufraffen zu neuem Leben bildet! Wer denn sonst, wenn nicht wir Juden, gleichen jenem von allen Aerzten aufgegebenen Kranken, der dieser schrecklichen Diagnose zum Trotz immer wieder zu neuem Leben erwacht! Wie viel doch von diesen so heilkräftigen, starken Lebensenergien strömen und sprudeln allein aus den so großen lebenspendenden Quellen hervor, die schon in unseren so einzigartigen Gebeten dieser, „ehrfurchtgebietenden Tas:e" enthalten sind. Oder kann und vermag jemand den gewaltigen und erhabenen, in unseren Neujahrsgebeten zum Ausdruck kommenden Geist leugnen? Könnte etwa ihr so herrlicher idealer Sinn und Inhalt verkannt und umgedeutet oder auch nur angezweifelt werden? Künden sie doch deutlich genug die reinsten und schönsten Motive, die zu jeder Zeit die Sehnsucht aller Edlen in der Welt waren! „Gottesfurcht bei allen Geschöpfen; Sieg der Gerechten; Freude der Rechtschaffenen, Aufhören und Schwinden der Bosheit, der Schlechtigkeit und der Ungerechtigkeit!" In zahlreichen Wendungen kehren ja diese Variationen in der Liturgie des Neujahrstages wieder. Wie aber muß das jüdische Herz höher schlagen bei jenen drei Teilen des Mussaph-Gebetes, bei Malchiot, Sichronot und Schofrot, die ihm die größten Augenblicke aus seiner alten Stammes- und Volksgeschichte in Erinnerung rufen! Muß doch da — um mit dem bilderreichen Propheten zu sprechen — das Herz von Stein weichen und dem Herzen von Fleisch Platz machen. Soll aber diese ganze so große Macht und Kraft, die in diesen unseren Neujahrsgebeten eine so beredte Sprache führt, soll sie auch auf uns ihre so segensreiche Wirkung nicht verfehlen, so. müssen wir, allen voran, m unserem eigenen Lager, im Volksganzen den so herbeigesehnten „einen Bund" zu bewerkstelligen, die Eintracht und Einigkeit in den verschieden gearteten Parteirichtungen und -Schattierungen zu schaffen suchen! In unserem Volke, in Israel selbst soll zuerst unter dem Gesichtswinkel des Roschhaschono sich die Wiedergeburt und Erneuerung vollziehen. Im eigenen Innern soll in erster Reihe Haß und Zwist, Streit und Hader aufhören; da sollen die Waffen entfernt, die Gegensätze gemildert und ausgeglichen werden. Allen soll das eine Ziel vorschweben, alle der eine Gedanke binden, alle sollen einig sein in dem Wunsch und Willen, lediglich und einzig und allein dem Wohle des Volkes, dem Heile der Gesamtheit zu dienen! In diesem höheren Sinne soll auch das ganze Volk der Neugeborene werden. Dies wäre wohl die schönste, am Roschhaschono sich vollziehende Wiedergeburt. Dann wäre aber auch die gerade an diesem Tage so besonders auftauchende Frage nach der Entwicklung der kommenden Dinge, nach der Gestaltung der Zukunft wie