Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 37-38 (18.9.1925)
- Date
- 1925-09-18
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 37/38 DIE WAHRHEIT Seite 3 Bis dahin sollen uns die Klänge des Schofars alljährlich Töne der Erkenntnis, der Erinnerung und Hoffnung sein und uns unsere Geschichte, unsere Aufgabe und unsere Bestimmung von Augen fuhren, und zwar anjenem Tage, welcher Vergangenheit und Zukunft verbindet: „Heil dem Volke, das den Jubelklamg versteht und wallet, Herr, in deinem Lichte vor deiniem strahlenden AntMtz!" (Ps. 9, 16.) Der Neugeborene. Eine Betrachtung zu Roschhaschono 5686. Von Rabbiner Dr. M. G. Mehrer. Ein neues Jahr! Wie sind doch diese drei kurzen Worte geeignet, eme Fülle von Gedanken in uns wachzurufen! Welche lange Reihe von Empfindungen und Gefühlen vermögen wohl diese drei kleinen Worte aus der Tiefe unserer Seele hervorzuzaubern! Und welchem Sterblichen mag mag es wohl gegönnt sein, den Schleier der Zukunft zu lüften und was da kommen soll, vorauszusehen? Wer wollte sich etwa der Kunst rühmen, die kommenden Dinge zu durchschauen und Ereignisse, die da die neue Zeit ausfüllen und den Inhalt des mit dem heutigen Tage begonnenen neuen Jahres 'bilden werden, zu überblicken? Im Leben des Einzelnen sowohl, als auch in dem der Gesamtheit! „Vermauert ist dem Sterblichen die Zukunft", dunkel und unsichtbar sind ja ihre Pforten und keinem ist es vergönnt, in ihre Geheimnisse zu dringen und sie zu enträtseln. Können wir nun an unserem Neujahrstage wohl nicht gleich auch den .Gang und Lauf des Jahres voraussehen, so vermögen wir doch in unsere Herzen starke und mächtige Spuren einzuzeichnen, die in uns Neujahrsgedanken in des Wortes reinstem und schönstem Sinne auszulösen geeignet erscheinen. Müde und. matt von des Jahres Lasten und Plagen, zermürbt und gebrochen vom Kampf ums Dasein, verabschieden wir die Zeit, um mit Ernst und Weihe in das neue Jahr einzuziehen. So betreten wir an diesen Tagen die heiligen Hallen des Gotteshauses. Welcher Schauer erfaßt uns doch da ob der „ehrfurchtgebietenden Tage"! Welch herrliche Gedanke bemächtigten sich da unser! Die Poesie unserer so einzigartigen Gebete, die wir Nähe. Zwei, so bemerken unsere Weisen, vernehmen zu gleicher Zeit die Schofarstimme, der eine erfüllt dabei seine Pflicht, der andere nicht. Jenem ging diese Stimme zu Herzen, diesen ließ sie ganz unberührt. Auf das Herz kommt es hier an, auf die Wirkung, die diese Stimme auf das Herz ausübt und im Herzen zurückläßt. „Durch die Schofarstimme soll das Herz erzittern und erbeben; diese Stimme soll das Herz aufwecken und aufrütteln aus dem Schlafe des Alltagslebens", um es für alles Gute und Erhabene empfänglich zu machen und es veranlassen, zu Gott zurückzukehren, in seine Nähe zu gelangen. „Ist der erste Tag des beginnenden Jahres kalt, so ist das ganze Jahr kalt, ist er aber warm, dann ist das ganze Jahr'warm." Das heißt: Wen der erste Tag der Buße kalt und gleichgültig läßt, wer sich an diesem Tage nicht erwärmt und begeistert für seine Religion, seinen Glauben, sein Judentum, der wird kalt und gleichgültig bleiben das ganze Jahr und alle weiteren Jahre seines Lebens. Wer aber an diesem Tage den glimmenden Funken zu einer heilen Flamme anfacht und sich daran erwärmt und begeistert, auf den übt dieser Tag die Wirkung aus, daß er in religiöser Beziehung nie ganz erkalten und erstarren wird. Wer die Schofarstimme versteht, ihre Mahnung und Warnung vernimmt mit dem Vorsatz, sie zu beherzigen, der wandelt stets im Lichte, im Lichte der wahren Erkenntnis. zum Himmel emporsenden; das weiße Gewand, das Zeichen der Unschuld; die alten erschütternden und vielsagenden Melodien; vollends gar die nur an diesen Tagen vernehmbare, so eigenartig tönende Schofarstimme; wie vereinigt sich doch dies alles zu starken und gewaltigen Akkorden, die ihren Resonanzboden in unserem Inneren, in unserer Seele finden! Wie lebenswahr und frisch erscheint uns dann wohl auch das ganze, so meisterhaft entworfene Bild jenes an diesem Tage sich vollziehenden himmlischen Gerichtes, das uns das „Unsaneh Tokef" zu veranschaulichen sucht! Nicht erst dieser Abschnitt aus dem Mussaphgebete muß es uns künden; wir empfinden, und fühlen es ja auch selbst, gleich jenen zitternden Engeln, die unter Angst und Bangen es ausrufen: „Siehe, es ist ein Tag des Gerichts"! Denn auch wir selber halten einen Gerichtstag mit uns selbst; wir gehen in uns, wir halten Einkehr in unser eigenstes Inneres, wir prüfen unser Tun und Lassen an jenem heiligen Tage. An ihm, dem „Tage des Gedenkens", bedenken und erwägen auch wir die Bedeutung, das Wesen und den Wert unseres Lebens und Seins. Auch wir selbst lassen so manche Augenblicke und Momente aus des Jahres Lauf an unserem geistigen Auge vorüberziehen. So begleiten und verfolgen wir am Neujahrstage dieses so buntfarbige und abwechslungsreiche Bild, diese so große Welle des ganzjährigen Bewegens und Geschehens nach ganz eigenartiger Art und Weise, gleichsam mit anderen Augen. Nicht mehr wie im nüchternen Alltag, der durch das ganze Jahr hindurch uns gefangen nimmt; nein, wir legen einen ganz anderen Maßstab an unsere Handlungen an. So empfinden und verspüren wir an uns selbst die bedeutsame Wirkung des Roschhaschono, an dessen Gebetsschluß wir behaupten: „Heute stärkst Du uns"; heute erlangen wir frische Kraft und Stärke! Schon allein in diesem Umstände zeigt und offenbart sich die Größe und die „Heiligkeit des Tages", die uns neue Macht verleiht, uns mit neuem Lebensmut und -willen für die kommende Zeit rüstet. An diesem ersten der Bußetage sollen wir wieder den Weg zu Gott finden können: den Pfad und Weg zum Göttlichen, zu allem Edlen und Guten, zu allem Schönen und Erhabenen, der uns in des Jahres Lauf, im Getriebe des Alltags, in seinem Trubel und Lärm, im Kampfe um Hab und Gut, um Geld und Besitz, um krassen Materialismus wohl mehr als einmal verlorengegangen ist. Darin liegt die Bedeutung des Neujahrstages, d«r doch äußerlich jedem anderen Tage gleicht und von ihm sich durch nichts unterscheidet. Als Meilenstein in unserem Erdenwallen soll er uns erscheinen, würdig, an demselben eine Weile inne- Wenn sie dich Jude schimpfen . .. (Meinem Kinde ins Stammbuch.) Von Wilhelm Eckield. Wenn sie dich, mein Kind, .Jude" schimpfen, so gräme dich nicht, denn sie beschimpfen dich nicht, sie loben dich. Sie sagen damit, daß du dem uralten Kulturvolke angehörst, das der Welt die zehn Uebote gegeben und die Menschheit erst zur Sittlichkeit erzogen hat. Sie sagen damit, daß du dem geist;gen Adelsgcschlechte angehörst, das bereits vor Jahrtausenden, als ringsum; <d&e meisten Völker noch in tiefer Barbarei lebten, in seiner Bibel das Mitleid gelehrt hat. das Mitleid nicht nur mit Menschen, sondern aucn mit Tieren. Ja, das Judenvolk ist e" gentlich so recht das Volk des Mitleids. Denn wo wind noch in solchem MaSe Wohltätigkeit f eiibt wie bei Juden? Wo herrscht noch solche Hilfsbereitschaft wfe bei Juden? Wer besitzt noch ein solch verfeinertes Gefühl für jedes Leid wie der JudeV Insbesondere für jedes geistige Leid, für jede feistige Unterdrückung! Sie haben aber auch eine lange, überlange Leidensschule selbst durchgemacht, die Juden. Seit zweitausend Jahren werden sie überall unterdrückt und gequält. Und wie viele von ihnen sind nur wegen ihres Glaubens, ihres erhabenen