Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 37-38 (18.9.1925)
- Date
- 1925-09-18
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 2 DIE WAHRHEIT Nr. 37/38 nung (Schofroth) und Zuversicht, der Gewißheit daß der das Volk nicht verlassen wird, welcher diesem unter Posaunenschall seinen Willen offenbart hat, damit es ihn allen Völkern verkünde: „Denn barmherzig ist der Herr, dein Gott: Er. wird dich nicht verlassen, dich nicht vernichten und nicht vergessen den Bund, den er geschlossen hat mit deinen Vätern" (5. Mos. 4, 31). Haben wir früher der physischen Macht Gottes geJacht, so gedenken wir nunmehr der sittlichen Macht des Ewigen und huldigen Ihm als dem Offenbarer des Sittengesetzes durch den Klang des Schofars zur Erinnerung an die Offenbarung am Sinai, welche unter Posaunenschall stattgefunden hat: „Und es geschah am dritten Tage des dritten Monates nach dem Auszuge der Kinder Israels aus dem Lande Mizrajim, als es Morgen ward, da waren Donner und Blitz und ein schweres Gewölk auf dem Berge Sinai und ein Posaunenschall ertönte, daß das ganze Volk erbebte. Der Posaunenschall nahm immer mehr zu und ward sehr stark und Moses redete und der Allmächtige antwortete ihm mit lauter Stimme." (2. Mos. 19, 16 und 19). In jener Stunde ist Israel als das Volk Gottes ins Dasein getreten. — Die Staatslehre unterscheidet drei Gewalten als Attribute der staatlichen Souveränität: Die exekutive oder ausführende, die judizielle oder richterliche und die legislative oder gesetzgebende Gewalt. In höherem Sinne finden wir diese drei Gewalten in Gott, dem Beherrscher der Welt, vereinigt und hierauf bezieht sich auch die dreifache Huddigung, die wir Ihm als seine Untertanen am Rosch Haschonoh durch den Klang des Schofars' darbringen: Malchioth, Sichronoth, Schofroth. Wir huldigen Ihm, dem Lenker der Welt, dem ewigen Richter und dem Schöpfer jener unabänderlichen Gesetze, welche kein Umsturz, keine Revolution aus der Welt schaffen kann, der Sittengesetze. Ihren Höhepunkt erreicht aber die Huldigung beim Ertönen jenes langgezogenen Schofartones, welchen wir als „Tekioh G e d a u 1 o h" bezeichnen. Hat uns die Tekioh aus unserem Schlafe geweckt, sind wir durch die gebrochenen Klänge der Scheworim innerlich aufgerüttelt worden und haben wir, wenn die Theruoh erschallt, neue Hoffnung gefaßt, dann läßt uns die „Tekioh Gedauloh" die Heüigkeit jenes Tages ahnen, „an dem Gott der Eine und sein Name eins sein wird" (Zach. 14, 9). Denn die Posaunenklänge, welche einst die Geburt Israels am Fuße des Berges Sinai verkündeten, sind nicht verklungen, sondern „kaiu! godaui welau jossof, (5. Mos. 5, 19.) sie tönen fort seit Jahrtausenden und finden ihr Echo im Herzen aller, die Gott fürchten. Sie werden auch Verkünder sein des gewaltigsten aller Geschehnisse, jenes Tages, an welchem alle Menschen einen heiligen Bund schließen und wahre Gotteserkenntnis die Welt erfüllen wird. An jenem Tage wird mit elementarer Gewalt der alles umfassende, weltumspannende Posaunenschall ertönen, der uns Juden ein Symbol des Anbruches der messianischen Zeit ist. „Und Gott selbst wird," wie der Prophet sagt: „An jenem Tage in die Posaune stoßen und den Frieden unter den Völkern verkünden." (Jes. 27, 13.) Es wird ertönen die „Tekioh Gediauilöh" an jenem Tage. „Und Gott wird Richter sein zwischen den Nationen und sie werden umschmieden! ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Lanzen zu Siehein; denn kein Volk wird d!as Schwert erhebein gegen das andere und den Krieg werden sie nicht mehr lernen" (Mich. 4, 3). \mm\ Feuilleton ||j§ll Die Schofarstimme.*) Von Dr. Felix Kanter, Zwittau (Mähren.). Ein mächtiger König belagerte einst im Kriege eine der stärksten Festungen im Feindesland, die als uneinnehmbar galt. Der Krieg zog sich infolgedessen in die Länge, und es hieß aligemein, daß nur die Einnahme der Festung eine entscheidende, günstige Wendung des Krieges herbeiführen könne. Um diese zu erreichen, ließ der König auf Anraten seiner Heerführer durch Herolde verkünden: „Wer als erster die Festung stürmt und in ihren Mauern seinen Einzug hält, soll fürstlich belohnt und zum Ratgeber des Königs ernannt werden." Bald darauf wurde dem König die frohe Botschaft überbracht, daß es zwei Angehörigen seiner Trappen als erste gelungen sei, in die so lange vergebens belagerte Festung gleichzeitig ihren Einzug zu halten. Der König, darob hocherfreut, ließ diese beiden tapferen -Krieger zu sich bescheiden, um ihnen für die vollbrachte Heldentat zu danken und die in Aussicht *) Aus dem lesenswerten Buche des bekannten Verfassers „Gleichnisse und Parabeln", erschienen im Jüdischen Buch- und Kunstverlag. Max Hickl, Brünn. gestellte königliche Belohnung zu überreichen. Auf die Frage des Königs, wie und auf welche Weise es ihnen gelang, in dieses Bollwerk einzudringen, erwiderte der eine: „Beim Ertönen des Heroki'rufes ging eine mächtige Bewegung durch die kriegsgeübten Truppen, viele stürmten gegen das Bollwerk an und ich — schloß mich ihnen gedankenlos an und durch Zufall gelang es mir, in das Innere der Festung als erster dnizudtoinigen. loh ließ mich dkibei von keiner bestimmten Absicht leiten, weder von der in Aussicht gestellten Belohnung, noch aus Furcht vor einer zu gewärtigenden Strafe bei Vernachlässigung meiner Pflichten.'' Der zweite sprach: „Auch ich ließ mich nicht von der in Aussicht gestellten Belohnung bestimmen. Was mich jedoch bewog, allen Gefahren zu trotzen und mein Leben zu wagen, war, die Hoffnung, in deine Nähe, mein König, zu gelangen, mich dir nähern zu dürfen und mich im Glänze deiner Majestät zu1 sonnen. Dieses Ziel erschien mir als des höchsten Strebens wert und dies war es auch, was mich aneiferte, das Höchste zu wagen und zu vollbringen." * * * „Heil dem Volke, das die Stimme des Schofar versteht, um im Lichte deines Angesichtes zu wandeln." Das ist auch der eigentliche Zweck und die wahre Bedeutung des Rufes, der am Beginne des neuen Jahres ertönt: Die Rückkehr zu Gott, in seine