Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 37-38 (18.9.1925)
- Date
- 1925-09-18
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Österreichische Wochenschrift iflr indische Interessen Mit dem Beiblatt: Veröffentlichungen der ..Union deutschösterreichlsther Juden** Redaktion und Administration: Wien DL. HelnestraOe 13. - Fernruf 42-2-16 XLI. Jahrgang Wien, 18. September 1925 Nummer 37 38 Tekioh Gedauloh. Von Dr. Franz Josef Weiß. Es ist der Ruf, der jedes wahrhaft jüdische Herz in seinem Innersten aufwühlt, der Schall, der jede gottesiürchtige Seele erbeben macht Wie das Brausen des Meeres, dessen mächtige Wogen die Felsen und Riffe des Ufers peitschen, wie das Heulen des Sturmes und das Grollen des Donners uns an die Allgewalt dessen gemahnt, „der die Grundfesten des Weltalls geschaffen, auf die er die Erde gestellt hat" (1. Sam. 2, 8), so soll der Posaunenschall, der am Beginn eines jeden Jahres ertönt, ehrfürchtiges Erschauern in unserem Bewußtsein hervorrufen vor jenem Einzigen, dessen Größe kein Irdischer erfassen kann. „An allen euren Freuden-, Fest- und Neumondstagen sollt ihr stoßen in die Posaune und dabei eures Gottes gedenken, denn ich bin der Ewige, euer Gott!" (4. Mos. 10, 10.) Doch nicht allein im Grollen des Donners, im Brausen des Meeres und im Heulen des Sturmes offenbart sich uns der Ewige, auch im leichten Säuseln des Windes, im Rauschen des Waldes und im Plätschern des Baches vernehmen wir die Stimme des Allmächtigen, der die Erde hat geschaffen mit allem, was auf ihr zu finden ist. Aber auch „die Himmel erzählen von der Herrlichkeit Gottes und seiner Hände Werk verkündet das Firmament" (Ps. 19, 1). Er hat die ewigen Gesetze geschaffen, nach welchen die Sterne seit undenklichen Zeiten ihren Lauf vollführen, aber auch das Sittengesetz in unsere Brust gesenkt, auf daß die richtende Stimme unseres Gewissens uns Seinen Willen offenbare. Mit Recht sagt der Weise von Königsberg: „Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je Öfter und anhaltender sich das Nachdenken mit ihnen beschäftigt: Der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir. Der erstere Anblick einer zahllosen Weltenmenge vernichtet gleichsam meine Wichtigkeit als eines tierischen Geschöpfes, das die Materie, daraus es ward, dem Planeten einem bloßen Punkt im Weltall wiedergeben muß, nachdem es eine kurze Zeit mit Lebenskraft versehen gewesen; der zweite dagegen erhebt meinen Wert als einer Intelligenz, unendlich durch meine Persönlichkeit, in welcher das moralische Gesetz mir ein von der Tierheit und selbst von der ganzen Sinnenwelt unabhängiges Leben offenbart." (Kant, Kritik der praktischen Vernunft 2.) Dem Schöpfer des Universums, dem erhabenen Richter und dem, der das Sittengesetz geoffenbart hat gilt die Huldigung, die wir am 1. und 2. Tage des siebenten Monates durch den Klang des Schofars darbringen, in dieser dreifachen Eigenschaft huldigen wir dem Ewigen „am Tage des Posaunen«, schalls", indem wir zu Mussaph dreimal die Posaunen ertönen lassen. Die ersten Schofarklänige, die zu Mussaph erschallen, sind die Töne der Erkenntnis (Malchioth). Klar und eindringlich tritt vor unsere Seele die Vorstellung Gottes als des Herrn der Schöpfung, des Urgrundes alles Seins, des wahren und wirklichen Königs im Himmel und auf Erden, der nach festen, unabänderlichen Gesetzen die Welt regiert. Wir gedenken der physischen Macht des Weltenkönigs und huldigen Ihm. wie man Königen in alter Zeit gehuldigt hat mit dem Klange der Posaune. Die zweiten Sahofarklänge sdwt die Töne der Erinnerung (Sichronoth), der Erinnerung in doppeltem Sinne. Wk erinnern ums nämtlich an diesem Tage, an dem der Ewige Gericht hält und das Geschick der Menschen bestimmt, all unserer Handlungen, diie wir im abgelaufenen Jahre begangen haben. Wie m vergangener Zeit am Tage des Gerichtes durch Posaunen- oder Trompetentöne das gesamte Volk versammelt wurde, so sollen auch uns die Schofartönie daran erinnern, daß wir an diesem Tage vor den Richterstuhl Gottes treten. „Denn alles Tun bringt Gott ins Gericht, das Verborgene und Geheime, das Gute wie das Böse" (Koheleth 12. 14). „Er vergilt dem Menschen sein Handeln, läßt jeden den Lohn seines Wandels finden" (Hiob 34, 11). Doch auch in einem anderen Sinne sind die Klänge des Schofars Töne der Erinnerung. Rabbi Abahu sagte (Rosch Haschanah 16, 34): „Warum wird das Horn eines Widders zum Posaunenblasen verwendet? Der Heilige, gelobt sei Sein Name, sprach nämlich: blaset vor mir mit einem Widderhon!, damit ich mich der Opferung Isaaks, des Sohnes Abrahams, erinnere, an dessen statt ein Widder geopfert wurde, und es euch anrechne, als hättet ihr euch selbst für mich geopfert" Wir aber wollen uns beim Klange des Schofars derer erinnern, welche ihr Leben tatsächlich geopfert haben, auf daß der Name des Ewigen geheiligt werde, die lieber ins Wasser und ins Feuer gegangen sind, als daß sie den Glauben ihrer Väter verraten hätten. Wir wollen uns erinnern der ganzen Leidensgeschichte unseres vielgeprüften Volkes, welches immer wieder von neuem bereit war, sich für den Ewigen zu opfern, so wie Abraham das Leben seines heißersehnten, innigstgeliebten Kindes dem Allmächtigen zum Opfer bringen wollte. Und wenn zum drittenmal die Schofarklänge erschallen, dann sind sie für uns Töne der Hofft ■ i ' f,