Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 36 (11.9.1925)
- Date
- 1925-09-11
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3064022-3064056--13972-3081505- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 36 DIE WAHRHEIT Seite Ii j Theater, Kunst u, Literatur [ Dr. I. Zoller, Sinaischrift und griechisch - lateinisches Alphabet, Trieste 1925 (Selbstverlag, Trieste, Via S. Nicolo 30). Mit glücklicher Anwendung eines erschöpfenden wissenschaftlichen Apparates ist der Verfasser zu einer überraschenden Entdeckung gelangt. Die in letzter Zeit vielfach diskutierten sinaitischen Inschriften weisen ein Alphabet auf, das zur Feststellung des Ursprunges unserer Schriftzeichen einen dankenswerten Wegweiser bildet. „Wir finden", schreibt Zoller S. 65, „in dem alt-sinaitischen Alphabet ein einheitlich logisches Prinzip, d. i. das der Liebe in kosmographis^h-anthropologischer Auffassung. Die Idee der Liebe und der Fruchtbarkeit macht .es zu einer Ganzheit. Die Autoren dieses Alphabetes hatten vor sich die ganze Fülle ägyptischer Schriftzeichen und wählten mit Hilfe der Akrophonie eine Reihe von Zeichen heraus, allein nach einem genau bestimmten Ideengange". Ohne mit psychoanalytischen Gedankengängen vertraut zu sein, wandelt Zoller in dieser geistvollen Studie ganz in dieser Richtung. Das Alef bedeutet „Fruchtbarkeit", das Taw „Lebenskraft", die Zeichen Bet bis Kaf „Liebe und Befruchtung", die von Lamed bis Samech „Muterschaft", Ajin bis Sehen (so Zoller statt „Schin") „Das Stillen des Kindes und Neues Leben". Was an dieser, zum Teil schon von Grimme angebahnten Hypothese unwiderstehlich anzieht, ist die nahezu lückenlose Durchführung eines einheitlichen Grundgedankens, die sie zutage fördert. Das Vorwalten sexueller Motive in allen primitiven Kulturen spricht für die Wahrscheinlichkeit eines solchen Systemes auch bei der Erfindung des Alphabets. Die eingehenden! Studiums würdige Arbeit verdient auch in Laienkreisen weiteste Verbreitung. Dr. Grunwald. „Das verborgene Licht" von Martin Bub er. Verlag Rutten und Loening, Frankfurt a. M. Preis 5 Mark. Das Buch enthält in kleinen Fragen und Antworten das tiefste, was uns Buber in seinen chassidischen Schriften übermittelt hat. Es gliedert sich in verschiedene Abschnitte: „Von Gott und dem Menschen, vom Gebet, von dem Führer und der Gemeinde, von der Umkehr, vom Tod, von der Erlösung." „Die Lehre", sagt Buber in seinen Einleitungsworten, „sollte hier sichtbar werden, indem, Gegenstand für Gegenstand, berichtet wurde, wie sie gelebt worden ist." Darauf, „wie sie gelebt worden ist", beruht der Hauptwert des Buches, das in keiner Weise frömmelnd oder erzieherisch sein will, das aber in seiner Klarheit und Schlichtheit so eindringlich und nachhaltig wirkt, daß es ein Erbauungs- und Erziehungsbuch ist. das beste, das man sich wünschen mag. Es ist wert, daß es der Lehrer mit seinen Schülern bespricht, es verdient in die Predigt eingewoben zu werden, und im häuslichen Kreis, wo das religiöse Leben immer mehr verblaßt, ist es imstande, Eltern und Kindern in gleicher Weise Religiosität vor Augen zu führen. „Religion ist Tun". Die Gestaltung dieses Tuns findet in allen Antworten ihre Verkörperung. Wie diese Anforderungen verinnerUcht wirken, zeigt ein Gespräch über die Demut: „Man fragte derr: Maggid: „Alle Gebote stehen doch in der Thora geschrieben, aber die Demut, die alle Tugenden aufwiegt, ist nicht darin geboten. Nur nachgerühmt wird Mose, er sei demütiger gewesen als alle Menschen. Was bedeutet dieses Verschweigen?" „Wollte einer", antwortete der Rabbi, „Demut üben, um ein Gebot zu erfüllen, er würde nie zur wahren Demut gelangen. Zu meinen, Demut sei ein Gebot, das ist nur Eingebung des Satans. Der bläst das Herz eines Menschen auf: er sei gelehrt und gerecht und gottesfürchtig und aller guten Werke Meister, und wäre würdig, sich über dem Volk zu erheben, aber das hieße hochmütig seün und unfromm handeln, es sei geboten, Demut zu üben und sich mit den Leuten gemein zu machen; und der Mensch vollzieht das vermeintliche Gebot und füttert auch damit noch seinen Hochmut." Dr. Frank. Juden in der deutschen Literatur. Essays über zeitgenössische Schriftsteller, herausgegeben von Gustav Krojanker (1922, Welt-Verlag, Berlin). Vielfache Anregung bietet dieses Buch, Anregung für den Juden, der sich im Spiegel fremden Schaffens selbst besser kennen lernt, Anregung für •den Nichtjuden, der hier in objektiver, leidenschaftsloser Darstellung Vorzüge und Fehler eines vielbefehdeten, vielgehaßten Volksstammes aufschimmern sieht. Daß Schlagworte gefährlich ^ind, weil sie ein Urteil aussprechen, ohne dieses Urteil genügend zu stützen, dies sollte nun endlich jedem klar sein, der in der Oeffentlichkeit wirkt. Die Juden fordern weder blinde Zustimmung noch bedingungslose Gefolgschaft, sie können und müssen aber Gerechtigkeit verlangen, Verständnis für ihre Eigenart und Sinn für geschichtliche Bedingtheit. Es ist gewiß nicht verwunderlich, wenn dieJuden nach langer, bitterer Qual eine Heimat ersehnen, wenn sie sich dem Boden, dem die Erinnerungen der Kindheit und Jugend gehören, verwurzelt fühlen, wie beispielweise Jakob Wassermann, ohne dabei dem eigensten Wesen untreu zu werden. Deutsch sein und doch Jude, welch schmerzlicher Zwiespalt, der besonders den Großstadtjuden trifft, dem man die Zugehörigkeit zu anderer Art niemals glauben will. Dabei denkt man nicht daran, daß das Spezifische eines Volksstammes sich nicht restlos in Worte und Begriffe fassen läßt, daß man feine Unterschiede lediglich in der Art herausspüren kann, wie sich Juden und Nichtjuden der Welt und ihren Problemen gegenüberstellen. Der Jude ist kraft seiner Erlebnisse und seiner Ausnahmsstellung unter den Völkern skeptischer, ironischer, selten unbedenklich dem Augenblick ergeben. Diesen Konflikt empfinden — um wieder ein konkretes Exempel anzuführen — die Gestalten Arthur Schnitzlers stets aufs neue, sä flüchten trunken ins Leben, doch der herbe Nachgeschmack der Reflexion verbittert ihnen auch die schönste Stunde. Wahrheit, wer vermag sie zu ergründen, Wahrheit liegt vielleicht an der Grenze zwischen Sein und Schein. Der Künstler und sein Geistesverwandter bauen sich eine Welt aus der Phantasie auf, wenn die irdische Welt nicht genügt, unselig, wahrhaft verdammt ist bloß der, der sich in Selbstvorwürfen und Grübeleien, ohne produktives Tun verzehrt, wie Georg Hermanns Dr. Herzfeld, dieser Typus des Entwurzelten, oder wie Otto Weininger, dieser geniale Verneiner, der die Altäre seines Glaubens stürzte und in der Eisluft der Erkenntnis zugrundeging, weil jede Erkenntnis sich nur auf wohlfundierter Ethik aufbaut. Maximilian Harden, den mutigen Streiter, den fanatischen Diener am Worte sehen wir vor uns erstehen, einen Mann strenger Postulate, seinen Widerpart, den Hasser des Bürgertums, Karl Sternheim, muß man fast bedauern, denn er bekämpft Phantome und versteinert dabei allmählich. Anders die Jugend; Arnold Zweig, Kornfeld, Adler, sie stehen fest in der Zuversicht an nationale Wiedergeburt, woran Aeltere, wie Buber und Beer-Hofmann, schon lange glauben: Gewiß: Was zeugungskräftig ist in unserem Volke, soll gepflegt und wachgehalten werden. Wir brauchen uns vor anderen nicht ducken, wir haben in Literatur, Musik, Philosophie vieles geleistet, wir haben fremdes Verdienst nie geschmälert und wir sind nicht die gewissenlosen Ausbeuter, Profitgeier, als die man uns so gerne hinstellt. Auch wir haben zwei Seelen in der Brust wie jeder sterbliche Mensch, wir kämpfen mit dem Alltag und lassen uns doch wieder gerne in die Regionen der Erkenntnis führen, wo kein anderer Lohn winkt als die Läuterung des eigenen Ich. Doch sich selbst eine Brücke zu den Gefährten suchen — dazu fordern uns unsere Denker und Dichter auf. „Nihil humani a me alienum puto." Wann werden wir aus Parteihaß und Phrasennebel auftauchen und freudig ausrufen: „Nichts Menschliches ist mir fremd!" Dr. Otto Fröhlich, Wien. Ein palästinensischer Roman. In der August-Nummer der Menorah", illustrierte Monatsschrift für die jüdische Familie, Wien 1/1, Postfach 161, beginnt ein neuer Roman: „Der Traumsiedler". Es ist dies der erste Roman aus dem palästinensischen Leben des jüdischen Bauern. Was die Zeit bisher an Palästina-Büchern gebracht hat, war in der Hauptsache über das Leben in diesem Lande. Der neue Roman entrollt dem Leser das Leben in Erez Israel selbst, in seiner ganzen Tiefe und Fülle. Denn nicht um das Land vornehmlich handelt es sich hier, sondern, was viel mehr bedeutet, um das Erleben. Was der jüdische Bauer fühlt und denkt, leidet und schafft, mit einem Wort: Was er in seinem Lande in der Tiefe seiner Seele erlebt, wird uns in diesem Roman mit einer Klarheit geboten, die nur dem möglich ist, der mittätig schafft. Wir sehen da den jüdischen Kolonisten schwer mit seinem Boden ringen. Hart und störrig ist dieser Boden, der von den Fesseln einer zweitausendjährigen Verwahrlosung befreit werden soll. Aber härter und fester sein als neuer Besitzer. Sein unbeugsamer Wille siegt. Und ihm zur Seite steht sein Weib, ihm ebenbürtig im Fühlen und Denken. Glücklich, wieder eine Heimat, ihre Heimat, gefunden zu haben, teilt sie sich mit natürlicher Selbstverständlichkeit m die Arbeit mit ihrem Manne. Munter und frisch hüpft die Schar der Kinder unter der belebenden Sonne Erez Israels. Was sonst die Phantasie des Dichters schafft — im „Traumsiedler" ist es echtes Erleben, reine Wirklichkeit.