Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 36 (11.9.1925)
- Date
- 1925-09-11
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 36 DIE WAHRHEIT Seite 9 Wiener Juden aber werden den Aufruf, die Ausgeburt einer zügellosen politischen Phantasie, je nach ihrer Gemütsart mit Gleichmut, Aerger, Belustigung oder überhaupt nicht lesen. Renegatentum. Zu den traurigsten Momenten in der Geschichte unseres an Schmerzen und Demütigungen wahrlich nicht armen Volkes gehört das Verhalten der aus dem Judentum ausgetretenen Söhne gegenüber ihren früheren Glaubensgenossen. Hier ein neuer Fall verräterischer Gesinnung eines Renegaten, der jeden Juden, welche Weltanschauung er auch besitzen mag, tief erschüttern muß. Hans H e r z 1 ist der einzige Sohn Theodor Herzls, des Begründers des Zionismus. Hans Herzl war das heißersehnte und mit überschwänglicher Liebe umgebene Kind eines großen Vaters: „Möge er mir gesund und glücklich werden, ein starker Mann und Fortsetzer meines Werkes!" schreibt Herzl am 7. Geburtstage seines „guten Hans" in sein Tagebuch. Hans Herzl aber sagt kein Kaddisch am Todestage seines Vaters, er nimmt die Taufe an diesem Tage. Hans Herzl ist offen in das Lager der Judenfeinde übergegangen und veröffentlicht in der Sonntagsnummer der antisemitischen „R e i c h s p o s t" einen Artikel, in welchem er nicht davor zurückschreckt, das Werk, für das sich sein Vater geopfert, zu verhöhnen und herabzusetzen. Er schreibt: „Der heutige Zionismus ist materiell. Er ist eine rein politische Bewegung geworden und seines nationalistischen Gehaltes verlustig gegangen. Unter Nationalismus verstehe ich das geistige Band, das eine Nation zusammenhält. Er ist die Liebe zum Volk. Der Zionismus ist heute Imperialismus, Begehrlichkeit nach einem Lande. Ich meine nicht, daß der Imperialismus unter keinen Umständen berechtigt sei; er gehört aber in eine reichere Zeit als diese mageren Jahre. Das Verlangen nach Palästina, als einem jüdischen Land, wird geschürt durch eine Organisation, deren Lebensblut nicht mehr das Ideal, sondern das „geruchlose" Geld ist. Die Zionistische Organisation sucht die Unterstützung reicher Juden, nicht solcher, die jüdische Staatskunst üben. Darum will die längst geplante „Jewish Agency" nicht zustande kommen — jener Körper, welcher die jüdischen Staatsgeschäfte führen soll. Der jüdische Nationalismus ist nicht an ein Territorium gebunden. Die Juden haben sich ihre Gerechtsame in der Zerstreuung durch nahezu 2000 Jahre ersessen. Der Mantel des jüdischen Patriotismus ruht nicht auf den Schultern der Zionistenführer. Die Balfour-Deklaration von der nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina ist das tote Ende des „Baseler Programms". Sie ist eine rein staatsmännische Geste, beruhend auf Unkenntnis des jüdischen Nationalismus. Das englische Volk teilt diesen Irrtum nicht. Es weiß, daß im mittleren. Osten nur für einen Nationalismus Platz ist — für den arabischen. Dies brachte es während des Weltkrieges zum Ausdruck durch seine Waffenbrüderschaft mit den Arabern. Das' sogenannte Aufbauwerk, das seit dem Kriege in Palästina geleistet wurde, hat 'gewiß seine Bedeutung, aber diese ist rein zivilisatorischer, nicht kultureller Art, und bekanntlich kümmern sich die Elementargewalten nur wenig um Zivilisation. Wenn ich daher als Nationaljude (!) einen Appell an mein Volk (?) richten darf, so ist es, die übersättigte Zivilisation nicht vermehren zu wollen (die Welt verträgt nicht mehr als ein gewisses Maß von Zivilisation), sondern sich auf sein wahres Selbst zu besinnen und am kulturellen Wiederaufbau der wahren jüdischen Heimstätte mit aller Kraft zu wirken." Wir wollen hierauf nichts erwidern: man kann ja über den Zionismus verschiedener Meinung sein und unsere Anschauung hierüber ist ja zu gut bekannt, als daß sie an dieser Stelle wiederholt werden müßte. Wir wollen nur daran erinnern, was unser großer Lehrer Moses vor vielen tausend Jahren mit ehernem Griffel tief in die Tafeln aus Stein und noch tiefer in die Herzen aller guten Juden eingegraben hat: Ehre deinen Vater und deine Mutter, damit du lange lebest auf dem Erdreiche, welches der Ewige, dein Gott dir gibt. Manieren eines Bürgermeisters. Unter diesem Titel haben wir in der Nummer vom 7. August d. J. einen gehässigen Artikel der in Gmunden erscheinenden „Neuesten Post", deren Herausgeber der Bürgermeister dieses Ortes, Dr. Thomas, ist, kritisiert. Ein Mitarbeiter unseres Blattes, welcher Gelegenheit hatte, mit dem Gmundener Bürgermeister zu sprechen, teilt uns mit, daß dieser die beleidigenden Aeußerungen des genannten Artikels, welcher ohne sein Wissen erschienen ist, durchaus nicht billige und *es für seine Pflicht halte, schon im Interesse des altbekanntea Kurortes dem Treiben der Hakenkreuzler entschieden entgegenzutreten. Lehr- und Lernfreiheit. In seiner von uns in unserer letzten Nummer charakterisierten herausfordernden Kongreßrede fand Stricker scharfe Worte dafür, daß an der ersten Hebräischen Universität die Lehr- und Lernfreiheit angeblich auf den Einfluß Baron Rothschilds nicht ungehemmt geübt werden kann. Man erinnert sich noch an seinen Artikel in der „Wiener Morgenzeitung", in welchem er eine Lanze für die „Freiheit der objektiven Kritik der sachlichen Grundlagen der Bibel" brach. Die Bemühungen Strickers fanden aber bisher starke Ablehnung. Genau so wie Sokolow die Begrüßung Rothschilds an den Kongreß nicht als eine Sympathiekundgebung eines einzelnen bewertet, sondern als den Ausdruck einer mä-htigen, weite Kreise umfassenden Richtung, so ist auch der Einfluß Rothschilds bei der Richtunggebung der judaistischen Fakultät an der Jerusalemer Universität nicht die persönliche Stellungnahme Rothschilds, sondern der Willensausdruck vieler Juden. Davon abgesehen, hat Stricker vom rein taktischen Gesichtspunkt betrachtet, die Exekutive in eine unangenehme Situation versetzt. Das Recht der freien Kritik an den Handlungen der Exekutive bedeutet noch nicht die Freiheit zur Aufwerfung von Fragen vor dem Plenum des Kongresses, die zu den delikatesten gehören. Die von Stricker angeschnittene Frage ist an sich sehr delikat, ist aber zufolge der Stellung der hierbei interessierten Persönlichkeit für die Exekutive doppelt delikat. Wir glauben nicht, daß die betreffenden Persönlichkeiten dem Herrn Stricker für die Aufrollung dieser Frage besonders dankbar sein v/erden. Sokolow hat auf die Antwort nicht lange warten lassen. Wir bedauern es. daß er in seiner Antwort die Forderung Strickers als solche nicht berührte, sondern die Aufwerfung der Frage nur vom kongreß-technischen Standpunkte behandelte. Sokolow hat es vorgezogen, die Erledigung dieser dornenvollen Frage Weizmann zu überlassen. Wir hätten es aber lieber gesehen, wenn diese minzioielle Frage von Sokolow behandelt worden wäre. Die Bemerkung der ..Wiener Morgenzeitung", daß Stricker starke Zustimmung des Hauses fand, als er die freie Lehre an der Universität forderte, ist nur dann zu verstehen, wenn man mit den Augen der „Wiener Morgenzeitung" sieht. Louis Marshall und die Jewish Agency. Das ..Israelitische Wochenblatt für die Schweiz" veröffentlicht eine Unterredung des Herrn David Shklar mit dem gegenwärtig in Gent weilenden amerikanisch-indischen Führer Louis Marshall, der in Amerika mit Weizmann im Namen ^er Komitees der Nichtzionisten die Verhandlungen über die Erweiterung der Jew«sb Agency geführt hat. Mr. Louis Marshall sagte wörtlich, daß bei der gegenwärtigen Lage „marbe Deworim, marbe schtus" (wer viel redet, redet Unsinn) und die „Vielparteilichkeit", die Verschiedenheit der Richtunsren der Tat den Aufbau Palästinas herabsetzt. Wir sind bereit, sasrte Mr. Louis Marshall. unsere heilige Pflicht (duM zum Volke zu erfüllen und wir wünschen, daß auch die Zionisten bereit sein sollen. Wir haben schon cremig ..Parteilichkeit" geübt: die Zeit ist reif genug, daß wir friedlich und vereint handeln. Gegenwärtig läßt sich keine bestimmte Meinung über zukünftige Form und Inhalt der Jewish Agency fällen: zuerst soll der Zionistenkongreß s;eh aussprechen, und in entscheidender Selbständigkeit seine Beschlüsse fassen, nachher kommt unsere Antwort, welche für die Einigung der Kräfte bestimmt und zur Realisierung unseres Ideals bestrebt ist. Wir wollen nicht viel sprechen, wir wollen handeln. Frankreich wünscht iüdtsche Kolonisten. Zu Ehren des in Czernowitz weilenden Delegierten des französischen Ackerbanministeriums, des bekannten Dichters Andre Soire und des Delegierten der Welthilfskonferenz, Agronom Kaminka, fand im Hotel „Central" zu Czernowitz ein Tee statt, zu welchem auf Einladung des Vorsitzenden des Czernowitzer Emigrationskomitees. Dr. Markus Kremer. eine Peihe indischer Persönlichkeiten erschienen war. Herr Soire legte dar. die französische Pegierung besitze namentlich im Süden des Landes weite Strecken früher bebauten, jetzt brachliegenden Bodens, der nun wieder bebaut werden soll. Frankreich habe mehr als anderthalb Millionen Männer verloren, viele Gehöfte seien verlassen, da die Besitzer und oeren Familien während des Krieges umgekommen sind. Die französische Regierung wünsche, daß diese Landstrecken, die zu den fruchtbarsten Frankreichs gehören, wieder bevölkert werden. Bei der Kolonisierung werde das iüdische Element bevorzugt. Natürlich kommen in erster Linie für die Landwirtschaft ouah'fizierte Arbeiter in Betracht. — Herr Kaminka erläuterte die Modalitäten, unter denen sich eine jüdische Emigration nach Frankreich vollziehen könne. Aus den persönlichen Wahrnehmungen die Herr Kaminka in der Gegend zwischen Toulouse und Bordeaux machte, schließe er. daß die Stimmung unter der Bevölkerung der indischen Einwanderung günstig sei. — In einer von Dr. Kremer vorgeschlagenen Resolution wurde den Herren Spire und Kaminka der Dank ausgesprochen.