Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 36 (11.9.1925)
- Date
- 1925-09-11
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3064022-3064056--13969-3081502- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Agen 1× ep/1043981
OCR text
Seite 8 DIE WAHRfffitt Nr. 36 Wahrheiten vom Tage Geschäft ist Geschäft Der eine handelt mit Mausefallen, der andere rriit Insektenpulver, die „Deutschösterreichische Tages-Zeitung", deren geschmackvolle Abkürzung „Dötz" lautet, handelt mit „Volksaufklärung". Da aber dieses Geschäft in Oesterreich offenbar sehr schlecht geht — sie selbst beklagt sich bitterlich über ihre kleine Auflage — nimmt süe zu merkwürdigen Geschäftspraktiken Zuflucht, um ihren Leserkreis zu vergößern. Sie erläßt einen Aufruf „an das arische, deutsch-christliche, ehrlich arbeitende Volk von Wien", in welchem sich neben orthographischen Fehlern auch eine ganze Anzahl Lügen, Verleumdungen und Uebertreiibungen findet, ganz im Sinne jenes Leitspruches, welcher an der Spitze des Aufrufes prangt: „Willst Du die Wahrheit wissen, darfst Du die „Dötz" nicht missen!" Der „Aufruf der Deutschösterreichische (!) Tages-Zeitung" arbeitet mit Zahlen, die niemand kontrollieren kann, und nennt Ziffern, die nur der überschwänglichsten Phantasie eines direkt pathologischen Judenhasses entsprungen sein können. Auf Grund dieser „Beweise" kommt d£e „Dötz" zu dem Schlüsse, daß an allem Uebel nur die Juden schuld sind (wer denn sonst?) und daß daher der jüdische Einfluß auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens bekämpft werden müsse. „Oesterreich ist ein Staat im Judenjoch und nur durch die Nationalisierung (lies Aufteilung) des gesamten von Juden geraubten Volksvermögens kann Oesterreich saniert werden". Schließlich bringt ihr Aufruf ein „Merkblatt zum 14. Zionistenkongreß", in dem die Sätze, mit welchen die „Wahrheit" seinerzeit die Wortführer des radikalen Zionismus gekennzeichnet hat, als eigenes Geistesprodukt und fast Wort für Wort wiedergegeben sind, nur mit dem Unterschied, daß sie dem gesamten Judentum entgegengeschleudert werden. Ihren Lesern die Wahrheit über die „Wahrheit" zu sagen, fällt natürlich dem so wahrheitsliebenden Blatte trotz seines "schönen Wahlspruches nicht ein und so müssen wir uns mit der beschämenden Auszeichnung begnügen, in einem antisemitischen Aufruf, wenn auch in entstellter Form und vollkommen inkognito abgedruckt zu stehen. Zum Schlüsse richtet der Aufruf einen Appell an alle Arier ,ihr Gehirn nicht mit dem schleichenden Gift der Judenpresse benebeln zu lassen," sondern die Deutschösterreichische Tages-Zeitung zu bestellen. Dies ist ja das Wichtigste für die „Dötz" und in diesem Sinne ist auch der ganze antisemitische Aufruf zu verstehen. Es äst nichts als ein Konkurrenzmanöver niedrigster Sorte und könnte am besten (auch schon wegen des Plagiates) als „unlauterer Wettbewerb" bezeichnet werden. Daß aber antisemitische Schlagworte noch immer als dankbares Propagandamittel von ebenso skrupelwie geistloser Zeitungsmache angesehen werden, ist ein trauriges Zeichen einer von wahrhafter Gesittung noch ziemlich weit entfernten Zeit. Eüie gefährliche Drohung leistet sich die „Deutschösterreichische i ages-Zeitung'* gegenüber der „Wahrheit *. In ihrer Nummer vom 8. d. M. greiit sie als Schutzpatronin der „Lausbuben und Strolche", deren Politik" wir vor vierzehn l agen genügend gekennzeichnet haben, unser Blatt wütend an und warnt uns vor dem unausbleiblichen „Tag der Abrechnung, den man sich in der Heinestraße, wo die .Wahrheit' zu Hause ist, merken möge". Die gleichzeitige Angabe unserer genauen Adresse bezweckt offenbar, den Werkzeugen der Vorsehung ihre Arbeit zu erleichtern. Was hat es für einen Zweck, ein Blatt unschädlich zu machen, das nach der Meinung der „Dötz" ohnehin „unter Ausschluß der Öffentlichkeit" erscheint? Was hat es für einen Sinn, einem solch unmaßgeblichen Blatt eine ganze Spalte des so kostbaren Raumes der „Dötz" zu opfern? Zu welchem Zwecke macht sie die Leser mit den Anschauungen unseres Blattes so eingehend bekannt, nachdem sie uns bereits zwei Tage vorher — allerdings ohne Quellenangabe — abgeschrieben hat? Was ist es nun, das die „Dötz" der „Wahrheit" zum Vorwurfe macht? Sie beklagt sich, daß wir nicht mit der gebührenden Hochachtung und schmeichelhaften Worten von ihren Freunden gesprochen haben, welche die Straßen und Plätze «unserer Stadt zum Schauplatz wüster -Ausschreitungen gemacht haben, sie ist darüber ungehalten, daß 3vir ihren Schützlingen gegenüber die Anwendung schärfster Mittel empfohlen haben und wütet gegen unser Blatt, das es wagte, den Lesern die Meinung des Auslandes über die Wiener Exzesse zur Kenntnis zu bringen. Wir haben vom „guten Ruf Wiens" und vom „Ansehen unserer Republik" gesprochen, wir haben auf den „moralischen und materiellen Schaden" hingewiesen, den das Treiben der Hakenkreuzler verursacht und uns nicht gescheut, die völkisch-antisemitischen Hetzer beim währen Namen zu nennen. Wir haben mit diesen Herrschaften deutsch gesprochen und diese scheinen uns auch, wie vorliegender Artikel beweist, gut verstanden zu haben. Womit widerlegt nun die „Dötz" unsere schweren Anschuldigungen? Eigentlich gar nicht, das heißt, sie wirft uns bloß vor, wir hätten im „üddischen Deitsch" geschrieben. Nein, liebe „Dötz", unser Deutsch ist ein viel besseres als das Deutsch jenes Blattes, welches das Deutschtum fortwährend im Munde führt und deren Spalten nur so von Fehlern wimmeln, abgesehen davon, daß sein Stil ein jämmerlicher ist. Zum Beweis hierfür wollen wir nur auf jenen Satz hinweisen, in welchem uns der Vorwurf einer mangelhaften Schreibweise gemacht wird und der selbst ein stilistisches Monstrum ist. Der Herr Hauptschriftleiter Hartmeyer, der sich offenbar hinter dem kleinen „—r." verbirgt, kennt als guter Deutscher sicherlich das alte deutsche Sprichwort von „der eigenen Tür", so daß wir dasselbe hier nicht zu wiederholen brauchen. Das eine aber wollen wir doch noch einmal wiederholen: Wir werden weiterhin ein klares Deutsch sprechen, woran uns weder Einschüchterungsversuche noch gefährliche Drohungen hindern sollen. Ein neuer Anschlag. Vor einigen Monaten wurde, wie die „Wahrheit" seinerzeit berichtet hat in Wien ein „V e rband nationaldeutscher Juden" gegründet. Die Gründer dieses Vereines wollen auf diese Weise „das nationale Bewußtsein der deutschfühlenden Wiener Juden stärken und den Kampf gegen den Zionismus in schärfster Form führen". Nunmehr sind die Gründer dieses Vereines, nämlich Fred Hornik-Harden und cand. rer. pol. Walter Eckstein, denen die Wiener Judenschaft offenbar noch zu wenig „national" empfindet, mit folgendem, an Mauern und Plakatwänden prangenden Aufrufe in die Oeffentlichkeit getreten: „Deutschfühlende Juden Oesterreichs. Verfolgt ihr die Vorgänge, die sich auf dem Zionistenkongreß abspielen? Begreift ihr den von den zionistischen Führern selbst eingestandenen Zusammenbruch des mit soviel Geschrei angepriesenen Palästinawerkes? Zieht die Lehre aus dieser Erkenntnis! Viel zu lange haben wir deutschfühlende Juden dem Zionismus Duldung entgegengebracht, viel zu lange haben wir mit angesehen, wie diese Menschen unsere Kinder beschwatzen und sich als die einzig wahren Juden aufspielen. Wer Heämatrecht auf deutschem Boden beansprucht, muß auch im Herzen ein ganzer Deutscher sein. Deutschfühlende Juden, tretet auf unsere Seite als Kampfesgenossen gegen undeutsches Fühlen und Handeln, mag es von fremdfühlenden Zionisten oder von fremdländischen Hakenkreuzlern in unser Land getragen werden. Verband nationaldeutscher Juden." Wir haben uns bereits des öfteren mit den „nationildeutschen Juden" beschäftigt und auch anläßlich der Gründung des Wiener Verbandes einige Worte, soviel uns eben notwendig schien, über diese merkwürdige Bewegung gesprochen. Insbesondere wollen wir an den bei dieser Gelegenheit wiedergegebenen Brief des Geheimrates Eugen Fuchs erinnern, in welchem ein Mann, welcher ein ebenso guter Deutscher wie überzeugungstreuer Jude war; als die Aufgabe der deutschen Juden eine Synthese zwischen Deutschtum und Judentum aufgestellt. In diesem Sinne wirkt der von ihm begründete „Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" unermüdlich weiter und hat sich durch seine Tätigkeit die Sympathien auch vieler deutscher Nichtjuden erworben. Als sich nach dem Kriege der deutsche Nationalismus bis zur Raserei steigerte, da fanden sich leider auch in den Reihen der deutschen Juden einige Männer, welche von dieser seelischen Krankheit angesteckt wurden. Immerhin versuchte ein Dr. Naumann, welcher sich zum Wortführer dieser Bewegung machte, mit allerhand Theorien und Argumenten und unter Verschwendung enormer Mengen von Papier und Druckerschwärze Anhänger für diese Bewegung zu finden; doch er blieb fast allein mitten in einem Ozean von Flugzetteln und Propagandaschriften. Wenn nun bereits in Deutschland wahrhaft deutschfühlende Juden den Nationalismus ablehnten, wiewohl sich ein Dr. Naumann, und zwar mit Argumenten für denselben energisch einsetzte,- so will , es uns bedünken, daß es einem Fred Hornik und seinem Adlatus noch viel weniger gelingen wird, im österreichischen, Judentum eine deutschnationale Gesinnung wachzurufen, zumal er in seinem Aufrufe.l eerePhrasen drischt. Doch die geduldigen Wiener Plakatwände und Litfaßsäulen, welche schon viele hakenkreuzlerische und kommunistische Aufrufe überstanden haben*, werden auch diesen neuen schweren Anschlagüberdauern. Die