Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 36 (11.9.1925)
- Date
- 1925-09-11
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite <> Die WAHRHEIT Nr. 36 Eine dieser Kirchen, wahrscheinlich von einem jüdischen Täufling gegründet, der sein Brot und seine Seligkeit dabei fand, trägt am Eingange in hebräischer Sprache die Worte: „Ich habe meine Hände den ganzen Tag über ein störrliches Volk gebreitet, das in Wegen geht, die nicht gut sind, und seinen eigenen Sinnen folgt, ein Volk, das mfiir Aergexnis ins Antlitz schleudert." Jesajas K. 15, V. 2. 3. Der Drohung folgt die Ueberredung, dem Verse* werden die lateinischen Worte hinzugefügt: Indul gentia plenaria quotidiana perpentina pro vivfis et defunctis. („Vollständige Nachsicht sei täglich und fortwährend für die Lebenden und Toten.") Theologen, die am liebsten um Dinge streiten, die sie am wenigsten wissen können, haben seit Generationen die Frage erwogen, ob für die Toten Gebete zu sprechen seien. Hier wird die Sache durch eine einfache Ankündigung entschieden. Ohne'Frage, man würde die Erbschaft nach einem alten Sünder mit mehr Seelenruhe genießen, wenn man sicher wäre, durch einige Gebetspfennige den Erblasser im Hades behaglich und glücklich zu machen. Dieser Gedanke ist wirklich sehr trostreich, und man darf sich daher nicht wundern, daß auch die Synagoge in Rom der Versuchung nicht widerstehen konnte, und in den Segensspruch des zur Thora Aufgerufenen die Worte einschob: „Zum Besten der Seele des Abgeschiedenen." Freilich muß viel von dieser Tendenz dem Ford Jabbok zugeschrieben werden, einem Buche, das in jenem Lande sehr volkstümlich ist und war; aber die Tatsache, daß der Verfasser des jüdischen „Buches von den Toten" ein Italiener (aus Modena) war, zeigt klar, daß hier ein katholischer Einfluß am Werke ist, von welchem auch andere Zeit- und Landesgenossen, wie Azariak de Rossi und Judak Messer Lesu sich nicht gänzlich freimachen konnten. Ich sollte eigentlich von römischen Synagogen im Plural sprechen, da das Gebäude im Ghetto vier Gebetsräume umfaßt für spanischen und italienischen Ritus. Es spricht sehr zugunsten des römischen Judentums, daß Verschiedenheiten im Ritus keine Scheidewand unter den Gemeindemitgliedern aufrichten konnten. In den Gemeinden von Verona und Modena wurde sogar der deutsche Ritus weiter gepflegt, welchen die aus den Rheinlanden stammenden Vorfahren mitgebracht hatten, wobei man die spanische Aussprache annahm. Ich wünschte, die englisch-jüdischen Gemeinden würden sich dies zum Beispiel nehmen, nicht etwa weil ich die spanische Aussprache für richtiger hielte als die deutsche. Jedes System hat seine Fehler und Irrtümer, und es ist mehr als wahrscheinlich, daß der Prophet Jesajah oder der Verfasser des Kobeleth ebensowenig den Gebeten in Bevis Marks wie jenen in Dukes Platz folgen könnten. Aber da nun einmal die nichtjüdische wissenschaftliche Welt — zwar nur aus reinem Zufall — die spanische Lernweise des Hebräischen angenommen hat, so würde ich gerne den geringfügigen Unterschied von Baruch oder Boruch endlich verschwinden und ähnliche kleine Veränderungen, die ohne wirkliche Bedeutung für uns sind, sich verallgemeinern sehen. Das Innere dieser Synagoge ist womöglich noch einfacher als die Außenseite. Man sagt mir, daß die im vergangenen Winter einer Feuersbrunst zum Opfer gefallene Synagoge, auch ein Teil des Hauptgebäudes, sich mancherlei Zierat rühmen dürfte; allein ich habe in all den Synagogen, welche ich Gelegenheit hatte, zu besuchen, nichts Derartiges gesehen. Ebensowenig ist etwas von Repräsentation zu bemerken, und man fühlt sich versöhnt mit den armseligen kleinen Synagogen von sonst irgendwo. Ich wage zu denken, daß wir auch hierin den katholischen Einfluß wahrnehmen können. Es war, glaube ich, einer der Leiter der Oxford-Bewegung, der mit Entzücken von jener Italienerin erzählte, die ärmlich gekleidet in die Kirche kam, ihren Korb vom Rücken nahm, und vor einem der Altäre zum Gebete niederkniete. Aehnlich kann man in den römischen Synagogen eine gewisse Familiarität beim Gottesdienste bemerken. Ich sah eine Frau in die Abteilung für Männer kommen, obgleich eine Frauengalerie vorhanden war. ohne Hut oder Kopfbedeckung, mit einem Kinde auf dem Arm, die unbefangen am Gebete teilnahm und dann mit ihrem Manne nach Hause ging. Auch das übrige Publikum war unruhig; es war ein fortwährendes Kommen und Gehen, und die meisten der Besucher verließen die Synagoge, nachdem die Vorlesung aus der Thora beendet war. Dies war kein erhebender Anblick. Ein Weniger an äußerem Wohlanstande bedeutet nicht immer ein Mehr an Andacht, ebensowenig wie eine auf die Spitze getriebene steifleinene Würde ein Zeichen wahrer Frömmigkeit ist. Es ist nicht uninteressant, daß die römische Synagoge trotz ihrer alten Traditionen sich modernen Reformen nicht gänzlich verschlossen hat. So wurde das Herausrufen zur Thora auf die kurze Formel gebracht: „Lasset den Priester oder Leviten herzutreten," ohne Nennung von Namen oder Titeln, ein Vorgang, den ich unseren Gemeinden lebhaft empfehlen möchte. Ich hoffe, niemand wird mich der Ketzerei verdächtigen, die Weisheit aller synagogalen Einrichtungen in Frage zu stellen, aber ich glaube, daß die Aufgabe, die Anrede „Rabbi", „Mitglied" oder „Meister" zu verleihen, doch nicht in das Tätigkeitsgebiet des Synagogendieners fällt. Diese Sache könnte nur durch eine richtige Prüfungskommission entschieden werden. Da es eine solche jedoch in der Gemeinde nicht gibt und keiner der Aufzurufenden sich einer solchen Prüfung wird unterziehen wollen, so. dürfte es am klügsten sein, alle Leute ihrer Titel zu entkleiden, und sie' in der erwähnten Weise — titellos aufzurufen. Die Kleidung der Funktionäre (ähnlich jener der griechischen Geistlichkeit) ist wahrscheinlich auch eine moderne Neuerung; die alten orthodoxen Rabbis fühlten für spezielle Synagogenkleidung des Predigers oder Vorbeters dieselbe Verachtung wie die alten Puritaner für Stola und Mitra. Aber das Prinzip „Schönheit der Heiligkeit" erwies sich als zu stark für Widerstand, und es ist eine verzeihliche Eitelkeit, wenn dSe Reformer mit der Verschönerung der eigenen Person selbst begonnen haben. „Eitelkeit der Eitelkeiten," sagt der Prediiger so oft, bis er sich an sie gewöhnt hat. Sie wird jedoch reichlich aufgewogen durch die Tatsache, daß der Prediger seine Uniform seinem geringeren Bruder nicht mißgönnt, dem Diener, der sich in den meisten Fällen vom amtierenden Gelehrten nur durch das Bronzeplättchen unterscheidet, das er auf der Brüst mit dem eingravierten Worte „Diener" trägt. (Schluß folgt.) Möses Montefiore. Ein Erinnerungsblatt von Dr. Max G r u n w a 1 d. (Fortsetzung.) Erwähnung verdient an dieser Stelle auch ein Vorfall, der besonders in Wiener Kreisen dem Blutmärchen den Boden entzogen hat. Auf der Kanzel der Stefanskirche erklärte der gefeierte Domprediger Jph. Emanuel V e i t h feierlich mit dem Kruzifix in der hoch erhobenen Hand die Blutbeschuldigung für Lüge und Verleumdung. In der richtigen Erkenntnis der Bedeutung dieses Zeugnisses aus solchem Munde und an solcher Stelle für die Zukunft, ließ ein angesehenes Mitglied der Wiener jüdischen Gemeinde, Heinrich Berger, die Tatsächlichkeit dieser Aussage von Veiths Bruder, einem Arzte, schriftlich bestätigen. Das Protokoll wurde dem Archiv der Kultusgemeinde einverleibt. Nach dem Sultan besuchte Montefiore dessen Erbfeind, den Zaren Nikolaus. Die Eroberung Litauens und Polens hatte, drei Millionen .Juden unter moskowitische Herrschaft gebracht In seinem Streben, über ein homogenes, gleichmäßig schabl'oniertes Volk zu herrschen, versuchte Nikolaus auf Grund verschiedener Verleumdungen die Juden den Russen dadurch zu assimilieren, daß er ihre Söhne scharenweise zum Dienste in der Armee und Marine fortschleppen ließ. Im Jahre 1845 erließ der Zar, von verschiedenen Verleumdungen beeinflußt, einen Ukas, daß alle jüdischen Familien, die bis 50 Werst von der Grenze wohnten, ins Innere des Landes transportiert werden sollten. Der Notschrei der so grausam Verfolgten drang in alle jüdischen Gemeinden. Er fand ein Echo auch im Herzen der englischen Juden. Sir Moses erhielt die Mission, nach Rußland zu gehen und, wenn möglich, diese massenhafte Transportation zu verhindern und damit der Zerstörung zahlreicher Existenzen vorzubeugen. In dem rauhen, eisigkalten Winter der Monate Februar und März 1846 begaben sich Montefiore und seine Gattin nach St. Petersburg. Länger als einen Monat waren sie unterwegs. Auf der Landstraße hörten sie das Geheul von Rudeln hungriger Wölfe und mußten fortwährend eine Glocke in Bewegung halten, um die Bestien zu verscheuchen. Dank der warmen Empfehlung des Hofes von St. James, empfing sie der Zar Nikolaus sehr gnädig. Die Stockung im Handel und Verkehr, die das entsetzliche Dekret unvermeidlich zur Folge gehabt hätte, war leicht vorauszusehen. Montefiore wies mit Nachdruck darauf hin. Der Ukas. wurde zuerst aufgeschoben und zuletzt gänzlich aufgehoben. „Seine Majestät sagte mir", so schreibt .Montefiore an einen Freund in London, „ich könne die Befriedigung haben, seine und Seiner Minister Versicherung mitzunehmen, daß die Verbesserung der Lage meiner Glaubensgenossen in des Zaren