Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 36 (11.9.1925)
- Date
- 1925-09-11
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 36 Dl£ WAHRHETf Seit» 5 Subkomitees an der Arbeit, um offengelassene Fragen durchzuberaten; ihre Entscheidungen wurden dem Uebersetzerkomitee unterbreitet, welches darüber abstimmte. Bevor das Manuskript in Druck gegeben wurde, wurde" es nochmals untersucht, um alle Vorschläge und Aenderungen, die im Laufe der sieben Jahre gemacht wurden, miteinander in Einklang zu bringen. Die erste Korrektur des Gesamtwerkes wurde jedem Mitglied zur Revision zugesandt. Alle vorgeschlagenen Verbesserungen wurden registriert . und diejenigen, auf die sich eine Mehrheit einigte, wurden beibehalten. Gegen 300 Fälle, für welche weder Professor Margolis, noch der Vorsitzende, Cyrus Adler, die Verantwortung übernehmen wollte, wurden auf der letzten gemeinsamen Sitzung nochmals durchberaten. Darauf wurde eine zweite Korrektur hergestellt, von Margolis und von Adler sorgfältig mit der ersten verglichen, kleine Verschiedenheiten und Abweichungen wurden ausgeglichen, wobei die einzelnen Uebersetzer brieflich um Rat gefragt wurden. Außerdem wurden mehrere Korrekturen von berufsmäßigen Korrektoren gelesen und noch in jedem Stadium der Drucklegung die Uebersetzung mit der Urschrift verglichen. Häufig wurden ganze Abschnitte umgesetzt, nur um das typographische Büd schöner zu gestalten. „Jede' Maßnahme wurde ergriffen, um die Edition von jeglichem Gesichtspunkte aus anziehend zu machen. Keine Arbeit, keine Kosten wurden gespart." Der 1920 verstorbene aus Frankreich a. Main nach New York eingewanderte Philantrop Jacob H. Schiff hatte der Gesellschaft für den Bibelfonds das nette Sümmchen von 50.000 Dollars zur Verfügung gestellt, und .das ermöglichte ihr die großartige Organisation und den billigen Verkaufspreis. Der Stil der Uebersetzung wurde nach derAuthorized Version und nach der Revised Version modelliert, die feierliche und getragene Vortragsweise der Elisabethinischen Epoche wurde beibehalten, jedoch wurden die veralteten und seltenen Ausdrucksweisen, Wendungen und Wiederholungen fallen gelassen, und dem Ganzen ein einheitliches, volkstümliches Gepräge verliehen. Die wichtigsten Aenderungen gegenüber den früheren Uebersetzungen bestehen jedoch in den exegetischen Verbesserungen. Die Jewish Publication Society bereitet einen populären Bibelkommentar in sechs Bänden vor, der seiner Vollendung entgegengeht, und hier sollen die exegetischen Verbesserungen, deren Zahl sich auf ungefähr 50.000 beläuft, eingehend begründet werden. Da diese Uebersetzung für das Volk bestimmt ist, so war die Regel, daß rein theoretische Neuerungen nicht eingeführt werden dürfen, noch das. was die Probe derzeit noch nicht bestanden hat; nur dort, wo Assyriologie, Geographie, Zoologie und Botanik auf unbestreitbare Ergebnisse hinweisen können, wurde von der überlieferten Exegese abgewichen und die Abweichung in der Uebersetzung sichtbar gemacht. Das Uebersetzungskollegium vereinigte in sich die Repräsentanten aller religiösen Richtungen im Judentum, die wissenschaftlich vorzüglich für ihre Aufgabe ausgerüstet waren. Vor allen Dingen brachten sie eine gediegene Kenntnis des Hebräischen in allen seinen Entwicklungsphasen mit, hatten die Kenntnis dieser Sprache nicht erst in späteren Jahren mät Grammatik und Wörterbuch in der Hand erworben, sondern sie gleichsam mit der Muttermilch eingesogen. Mit der Bibel waren sie von Kindesbeinen an in der Ursprache vertraut. Die alten jüdischen' Kommentare, die Homilien des Talmud und des Midrasch waren die steten Begleiter ihrer Studien gewesen. Und auf dieser Basis baute sich bei ihnen der modern wissenschaftliche, kritische Apparat auf. Das ermöglichte ihnen, auf eine unvergleichliche Weise aus allen jüdischen Quellen, bis zurück zu den entlegensten, und aus allen außerjüdischen in gleichem Masse zu schöpfen und die Wahrheit anzunehmen, wo sie sie fanden. So ist in Amerika das Bedürfnis der Juden nach einer eigenen Bibelübersetzung erfüllt worden. Dieses Bedürfnis ist ein zweifaches. Die Juden haben natürlich ebenfalls Anspruch auf eine Uebersetzung, die allen Ansprüchen der gesicherten wissenschaftlichen Ergebnisse genügt. Dabei aber muß diese Uebersetzung von Männern jüdischen Glaubens verfaßt sein. Die Bibel ist nicht nur ein literarisches Denkmal; für uns Juden ist sie das Buch unserer Geschichte und für uns wie für andere ist sie die Quelle unseres Glaubens. Alle christlichen Glaubensgemeinschaften haben Bibelübersetzungen für ihren Gebrauch herausgegeben, dae sich untereinander in einer Menge von Nuancen unterscheiden; diese bilden in ihrer Gesamtheit eine Tönung und Färbung, auch abgesehen von den direkt christologischen Deutungen, die uns die Bücher unserer Propheten, Psalmisten und Geschichtsschreiber manchmal fremdartig erscheinen lassen. Der Jude kann es nicht dem Nichtjuden überlassen, für ihn eine Uebersetzung seiner Heiligen Bücher zu besorgen. Vor allem aber ist es wichtig, daß es nicht den Anschein habe, als seien wir in geistige Abhängigkeit von der nichtjüdischen Exegese und Interpretation geraten, und könnten aus eigenen Mitteln nichts Bedeutendes hervorbringen. Es war daher eine Tat von geistesgeschichtlicher Bedeutung, daß die erlesensten Fachmänner, die repräsentativen Geister einer fast drei Millionen zählenden jüdischen Gemeinschaft sich zusammengetan haben, um in gemeinsamer, langjähriger Arbeit eine Bibelübersetzung zu schaffen. Es ist diesmal nicht das Werk eines Einzelnen, sondern der Gesamtheit, vertreten durch ihre feinste Auslese. Im Judentum geboren und erzogen, von jüdischer Tradition durchtränkt, verkörperten diese Männer das jüdische Bewußtsein in seiner vornehmsten Gestalt. Dabei waren sie mit dem gesamten Fachwissen unserer Zeit ausgerüstet, und sie traten an die Arbeit heran, beseelt von dem absoluten Willen zur Wahrheit und mit jener Liebe und Ehrfurcht, ohne die ein derartiges Werk nimmer gededhen kann. Sie haben darum nicht nur der Judenheit, sondern auch der nichtjüdischen Welt edne wertvolle Gabe dargebracht, die diese nichtjüdische Welt denn auch dankbar begrüßt hat. Wie oben erwähnt, bereitet die Jewish Publscation Society of America einen sechsbändigen Bibelkommentar vor. Dieser soll sich an die Uebersetzung anschließen und gleich dieser volkstümlich sein, also weniger für die Gelehrten, als für den Lehrer und den gebildeten Leser bestimmt sein. Eine „Einleitung in die Bibel" soll vorangehen, welche jedem Buch seinen Platz im Kanon nach der jüdischen Ueberlieferung anweist, die Literaturgattung bestimmt, zu der es gehört, Zeitalter, historische Umstände usw. charakterisiert. Die Probleme der Bibelkritik sollen berührt werden, doch ohne auf die roimmer endenwollende Polemik der Schulen ausführlich einzugehen. Die Hauptaufgabe des Kommentars ist, den Sinn des Textes dem Leser klar und fassbar zu machen. Die Erklärungen sollen aus allen alten und neuen Quellen herangezogen werden. Höchst wertvolles Material ist in den alten jüdischen Kommentaren enthalten, das in den modernen Werken noch lange nicht zur vollen Geltung gekommen ist, ja häufig überhaupt nicht berücksichtigt wurde, teils weil diese Kommentare den meist christlichen, modernen Forschern nicht zugänglich waren, teils, weil soviel als möglich es vermeiden wollten, den Anteil der Juden an der wissenschaftlichen Erklärung der Bibel allzu sehr hervortreten zu lassen. Demgegenüber will der Kommentar gerade das in der ganzen nachbiblischen Literatur enthaltene wertvolle exegetische Material hervorheben und ins rechte Licht rücken, damit die Kontinuität des jüdischen Gedankens durch die Jahrhunderte sichtbar werde. Es kommt vor, daß mancher moderne Autor, ein jüdischer oder ein christlicher, z. B. Barth oder Noeldecke von Ibn Ganach oder Ibn Ezra antizipiert wurde. Da muß natürlich das Prioritätsrecht des alten jüdischen Kommentars gewahrt bleiben. Daß dabei manchmal Rasch! neben Wellhausen zu stehen kommt, ist umso bedeutsamer. Die älteste jüdische Gemeinde in Europa. Aus der Sammlung „Studien in Judaismen" von Professor S. Schechter, New York, sechr. lowe. Uebersetzt von Rahel Edelstein-Friedman.n. (Fortsetzung.) Und wenn er den Gebeten lauschte, die aus ihren Mauern drangen, wenn die Abgesandten der Gemeinde sich für den Gang zu dem päpstlichen Hof vorbereiteten, so war das, was er hörte, ein bitteres Seufzen und Weheschreien. Und manch ein jüdisches Herz, das den Tod einem Leben der Sklaverei unter den Herren der Welt vorzog, fand seine Ruhe in des alten Tiber Wellen. Unbedeutend wie die Synagoge erscheint, war sie doch das geistige Bollwerk gegen die Angriffe jeder Zeüt, und ihr tapferer Widerstand ist umso mehr zu bewundern, wenn man die Menge der Kirchen und Klöster in Betracht zieht, die die nächste Umgebung des Ghetto bilden, und gleich Schlachtfronten all ihr Rüstzeug und ihre Waffen gegen das unansehnliche Gebäude richten, dasselbe mit Tod und Zerstörung bedrohend.