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Die Wahrheit · 1925-09-11 · Heft 36 (11.9.1925) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 36 (11.9.1925)
Date
1925-09-11
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 4 DIE WAHRHEIT Nr. 36 Hauptstadt dieses Landes noch so viel Propaganda gemacht wird. Aber auch die österreichischen Staatsbürger ziehen es vor, jenseits der Grenze, in der Schweiz, in Italien, in den böhmischen Bädern, Erholung zu suchen, um nicht den Anpöbelungen einer verrohten Horde ausgesetzt zu sein. Die Folgen der geschilderten Zustände für die österreichischen Sommerfrischen waren katastrophale und bezeichnend ist es, was eine deutschnationale Nachrichtenstelle, wie die Korrespondenz Herwei, über die Eindrücke berichtet, die die christlichsozialen und großdeutschen Abgeordneten bei einer Rundreise durch die Fremdenverkehrsorte Oesterreichs empfangen haben: „Die Abgeordneten, die aus der Provinz eingetroffen sind, erzählten, daß man draußen in den Ländern heuer sehr enttäuscht über den Fremdenverkehr sei, der den gehegten Erwartungen nicht entsprach. Nach vorläufigen Schätzungen sollen im Salzkammergut und anderen größeren Fremdenverkehrsorten Oberösterreichs und Salzburgs im heurigen Sommer einige tausend Betten nicht vermietet worden sein. Dies bedeutet einen finanziellen Verlust sowohl für die Fremdenverkehrsorte, als auch für die Landesfinanzen." Eben jetzt'gehen die Fremdenverkehrs- und Hoteliersverbände daran, über die Maßregeln zu beraten, welche angesichts der traurigen Lage des österreichischen Fremdenverkehrs ergriffen werden sollen und sind einstimmig zur Ansicht gelangt, daß die Propaganda im In- und Auslande für die österreichischen Kurorte und Sommerfrischen verbessert werden müsse, damit die nächstjährige Saison besser ausfalle als die verflossene. Menschenjagden und Mißhandlungen von Frauen und Kindern aber sind sicher keine erfolgreiche Fremdenverkehrspropaganda. Jeder anständige Oesterreicher ohne Unterschied der Partei wird sich der Vorfälle, die sich in Schönberg abgespielt haben, aufrichtig schämen und alle, denen das Gedeihen unseres Staates am Herzen liegt, werden sich der Forderung anschließen müssen, die wir zwar nur im Namen der jüdischen Staatsbürger, aber im Interesse aller Oesterreicher an die Regierung stellen: Schluß mit den Hakenkreuzkrawallen! Das amerikanisch-jüdische Bibelwerk. Von Binjamin Segel. Die amerikanische Judenheit hat ein Werk vollbracht, auf das sie stolz sein kann und um das die viel älteren jüdischen Gemeinschaften in Europa allen Anlaß haben, sie zu beneiden. Sie hat eine Uebersetzung der Bibel herausgegeben, die in wissenschaftlicher, stilistischer und nicht zuletzt in typographischer Beziehung eine vollendete Leistung darstellt. Die englisch sprechende Judenheit hat somit ein Ereignis zu verzeichnen, das berufen ist, in der Geschichte ihres geistigen und religiösen Lebens geradezu Epoche zu machen. Nicht als ob es etwa an englischen Bibelübersetzungen gemangelt hätte, aber es mangelte an einer jüdischen Bibelübersetzung ins Englische, die auf der Höhe der neuesten wissenschaftlichen Forschung stünde und zugleich populär wäre, im besten Sinne des Wortes, den breiten Massen der Gebildeten durch Ausstattung, Umfang und Stil •zugänglich. Es gab in englischer Sprache drei Bibelübersetzungen, die älteste wurde in England von Dr. A. Benisch verfaßt, die zweite in Amerika von Issak Leeser, die dritte abermals in England von Dr. Michael Friedländer. Die verbredtetste war die amerikanische von Leeser, die von allen jüdischen Gemeinden in den Vereinigten Staaten rezipiert'ward. Exegetisch beruhte sie auf der deutschen Uebersetzung von Mendelssohn und seiner Schule und dem §ie begleitenden Kommentar, der unter dem Sammelnamen „Biur" bekannt war, sowie auf der Zunzschen Uebersetzung, an der einige der hervorragendsten Zeitgenossen Zunzens mitgearbeitet hatten. Diese beiden Uebersetzungen genossen! innerhalb der deutsch sprechenden Judenheit lange Zeit großes. Ansehen. Beide sind jedoch durch die großen Fortschritte, die die Bibelforschung seither in sprachlicher, archäologischer und historischer Beziehung gemacht hat, längst überholt. Es machte sich also das Bedürfnis nach einer neuen Uebersetzung immer lebhafter geltend. Die Jewish Publication Society unternahm es schon im Jahre 1892, also in den ersten Zeiten ihrer Existenz, dem Bedürfnis zu entsprechen. Es wurde der Plan entworfen, eine Reihe von jüdischen Gelehrten in den Vereinigten Staaten und in Großbritannien mit der Aufgabe zu betrauen, derart, daß je ein Uebersetzer die Bearbeitung eines Buches übernehme. Es wurde indessen immer klarer, daß dieser Weg ein sehr langwieriger und beschwerlicher war und daß es Jahrzehnte dauern müßte, bis das Gesamtwerk das Licht der Welt erblicken würde. Mittlerweile starb Dr. Marcus J a s t r o w, das Oberhaupt des Herausgeber-Ausschusses. Gleichzeitig wurde Dr. Salomon Schechter, Professor der rabbinischen Literatur und Sprache an der Universität Cambridge in England als Präsident der Jewish Theological Seminary of America nach New York berufen, und in diesem Mann gewann die jüdische Welt in den Vereinigten Staaten eine ganz ausnehmlich hervorragende Kraft. Im Jahre 1908 faßte die Jewish Publication Society of America im Vereine mit der Central Conference of American Rabbis den Beschluß, die Bibelübersetzung nach einem veränderten Plan zu vollenden. Anstatt jedes Buch einem besonderen Uebersetzer zu übertragen und dann die einzelnen Arbeiten von einem Herausgeberkomitee revidieren und untereinander in Einklang bringen zu lassen, sollte das ganze Werk die gemeinsame Arbeit eines Uebersetzerkomitees sein. In dieses Komitee wurden gewählt: Doktor Salomon Schechter, Dr. Cyrus Adler, Dr. Joseph Jacobs, als Vertreter der Jewish Publication Society of America; Dr. Kaufmann Kohl er, Dr. David Phil ipso n, Dr. Samuel Schulmann, als Repräsentanten der Central Conference of American Rabbis. Diese sechs Männer wählten als siebenten den Professor Dr. Max L. Margolis, und er wurde zugleich als Hauptherausgeber bestellt. Zum Vorsitzenden dieses Uebersetzungskomitees wurde Dr. Cyrus Adler gewählt. Derart waren in dem Komitee die drei großen amerikanischen Lehrstätten für die Wissenschaft des Judentums ]repräsentiert: Das Jiewish Theblogiical Seminary of America durch Dr. Schechter, das Hebrew Union College durch Dr. Kaufmann Kohler, das Dropsie College for Jewish andCognate L e a r i n g durch Prof. Max L. Margolis. Die Methode, nach der die Uebersetzung hergestellt wurde, war nun folgende: Professor Margolis widmete sich volle sieben Jahre ganz dem Werke, nahm die Hauptarbeit auf sich und lieferte den Text der Uebersetzung, wobei er die Aufgabe hatte, aus allen bereits vorhandenen englischen Uebersetzungen das Wertvollste und Dauernde herauszuziehen, namentlich aus der Authorized Version und der Revised Version (nämlich die offizielle Bibelübersetzung der anglikanischen Hochkirche), den drei erwähnten jüdischen sowie aus den in der vorhergehenden Epoche für die Jewish Publication Society vorbereiteten Uebersetzungen. Es wurden ferner alle wichtigsten alten und neuen Kommentare befragt. Großes Gewicht wurde auf die alten Uebersetzungen als Quellen der Exegese gelegt: Septuaginta, Aquila, Symmachus, Theodotion, die Thargumim, die Vulgata, die Peschitto und die arabische Uebersetzung des Saadia Gaon. Die (oft sehr scharfsinnigen) Deutungen im Talmud und Midrasch, wurden berücksichtigt, sodann wurden die großen jüdischen Erklärer des Mittelalters konsultiert: Raschi, Kimchi, Ibn Esra, Gersonides; aber auch die neueren und neuesten: Luzatto, Malbim und Ehrlich. Von diesem Manuskript wurde je eine Abschrift an jedes Mitglied versandt, so daß diese alle von Margolis vorgeschlagenen Aenderungen .und Verbesserungen prüfen und neue Vorschläge vorbereiten konnten. Im Verlaufe von sieben Jahren wurde» nun sechzehn gemeinsame Sitzungen abgehaltene von denen jede mindestens zehn volle Tage dauerte. Jeder Punkt wurde gründlich durchgesprochen und die Ansicht der Mehrheit dem Manuskript einverleibt. Von Zeit , zu Zeit waren

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