Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 35 (4.9.1925)
- Date
- 1925-09-04
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3062972-3064022-3064055--13954-3081486- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seife 10 DIE WAHRHEIT Nr. 35 One1 Stimme aus der'Provinz. In der jüngst erschienenen Jubüäumsnummer dieses verdienstvollen Blattes wurde an mehreren Stellen die Notwendigkeit der-Existenz eines jüdischen Blattes unter vielem anderen auch mit der hohen Bedeutung eines solchen Organs für die Juden in der Provinz begründet, die, einsam für sich lebend, gewöhnlich auch von feinden umgeben, eines Bindegliedes mit dem materiell und 'kulturell einen Machtfaktor darstellenden Grpßstadtjudentum bedürften. Die folgenden Zeilen mögen die Berechtigung dieser Behauptung durch ein Beispiel beweisen. Salzburg, «eine sehr alte Ansiedlungsstätte der Juden, beherbergt gegenwärtig eine jüdische Gemeinde von etwas über 80 Familien,, die zum größten Teil in der Stadt Salzburg wohnen, zum kleineren über das Land zerstreut sind. Diese kleine Gemeinschaft leistet für ihre Kräfte das denkbar Möglichste? sie besitzt nicht nur einen netten Tempel, sie erhält einen Rabbiner, einen Kantor, sorgt für die Schechita und zeigt auch das Interesse für ihr Gemeinwesen durch verhältnismäßig recht guten Besuch des Gottesdienstes. Die vielen Anfeindungen von außen haben die Eintracht gestärkt, der allenthalben auftretende Parteienkampf, liier ruht er völlig, und orthodoxer Jude, Zionist, Liberaler, sie sitzen friedlich beisammen, jeder nach seiner .Ueberzeugung das Judentum auffassend. So> blüht und gedeiht, durch inneren Frieden gekräftigt, die Salzburger Judengemeinde. Wie aber ist es um die Verbindung mit der jüdischen Außenwelt bestellt? Salzburg ist eine Fremdenstadt von Weltruf. Mächtig ist die Zahl der Fremden, die hier längere oder kürzere Zeit weilen; unter dem Reisepublikum ist, wie man sich leicht überzeugen kann, der Jude stark vertreten und sicher dürfte der Fernstehende meinen, die Salzburger Judenschaft würde kulturell, sogar auch materiell von den Fremden gewaltig unterstützt. Wie sehr-aber irrt der jenige,' der; so denkt. Sollte man es für möglich halten, daß während der Festspielzeit, da man eine Menge ortsfremder Juden täglich' beim Glockenspiel und bei den Festspieldarbietungen sehen kann, kaum ein oder zwei. Fremde nach dem Tempel gefragt und diesen besucht haben? Es ist ja sicher nicht zu verlangen, daß bei all diesen Juden das religiöse Bedürfnis zu heben vorhanden sei, aber wenn es lediglich national gesinnte Juden sind, dann möge sie eben dieses Empfinden dazu bestimmen, sich um ihre hiesigen Volksbrüder zu bekümmern, und der liberale Jude, er sollte es lediglich aus Interesse tun für seine Glaubensgenossen und ihre Institutionen. Und, wir müssen es uns offen eingestehen, der österreichische Jade ist in dieser Beziehung der ärgste, denn kommt hie und da einmal ein Gast, so ist es sicher ein Reichsdeutscher oder ein sonstiger Ausländer. Und nur die durchreisenden armen Juden, die der Unterstützung bedürfen, sie erinnern sich ihrer Zugehörigkeit zum Judentum und die Armenvorstehung der Gemeinde, die keinen bedürftigen Bruder ohne Hilfe lassen will, hat die größte Mühe, die nötigem Mittel aufzubringen. Wenn nun auch, Gott sei Dank, die Judenschaft in Salzburg nicht auf fremde Juden angewiesen ist, ist es dennoch leicht zu begreifen, welche unangenehme bittere Gefühle solche Interesselosigkeit bei jedem Juden auslösen muß, der nur ein einigermaßen jüdisches Herz im Leibe hat. Macht sich nun dieser Uebelstand im Tempel schon recht unliebsam bemerkbar, so wird er hinsichtlich einer anderen religiösen Institution weit gefährlicher. Mit großer Mühe ist es dem energischen Einschreiten des Kultusvorstandes gelungen, die Konzession für ein Koscher-Gasthäus zu erlangen, indem auf die vielen durchreisenden gesetzestreuen Juden hingewiesen wurde, für die eine solche Einrichtung geradezu unentbehrlich sei. Der Besitzer dieses Restaurants, der zugleich der Kantor der Gemeinde ist, gibt sich die größte Mühe, dieses auf voller Höhe zu erhalten, ja die Preise sind im allgemeinen nicht anders als in den nichtjüdischen Gasthäusern und trotzdem scheuen fast alle fremde Juden die Mühe, nach dem jüdischen Gasthaus zu fragen, und speisen lieber in einem Restaurant, dessen Besitzer womöglich noch ein wackerer Hakenkreuzler ist und bei jeder Gelegenheit gegen die Juden loszieht. Würden nicht einige Reichsdeutsche wenigstens einigermaßen für die Frequenz sorgen, wäre diese für eine Gemeinde in einer Fremdenstadt wie Salzburg so wichtige Institution bereits zu Grunde gegangen. Wie notwendig wäre es, die Großstadtjuden über die Pflichten zu belehren, die sie auf der Reise ihren Brüdern in der Provinz gegenüber zu erfüllen hätten, ohne dabei auch nur das geringste materielle Opfer bringen zu müssen. Der Appell an die jüdische Oeffentlichkeit scheint das einzige Mittel zu sein, dem Uebelstand abzuhelfen. Möge es von Erfolg begleitet sein. Dr. Manfred P a p o, Rabbiner in Salzburg. | Theater, Kunst u. Literatur Mose. Volkstragödie von I. Auerbach. Dieses Stück gelangte am 25. August , im Rahmen der Veranstaltungen des Zionistenköngresses zu einer durchaus würdigen Aufführung. Und es ist nur zu begrüßen; daß man einen Mann, der sich wie der Autor um die jüdische Sache verdient gemacht hat, durch die Aufführung seines Dramas ehrt Prinzipiell zu erledigen wäre zunächst die Frage, ob sich die Vbrgänge der heiligen Schrift überhaupt zur dramatischen Gestaltung eignen. Die gewaltigen Geschehnisse der Bibel sind wohl reich an dramatischen Begebenheiten, die aber meist die * Grenzen; des Wunderbaren, Unfaßlichen überschreiten. Jeden Konflikt löst der Glaube; Meere werden seicht, Berge verschwinden auf Gottes Wink. Geschlechter haben aus diesen Schriften Trost und Erbauung geschöpft. Das Drama verlangt mehr. Es will eine gedrängte Entwicklung, ein immerwährendes Vorwärtsschreiten, den Kampf gegen das Schicksal oder den Charakter des Helden. Blitz und Donner als Lösung einer Verwicklung sind ihm unverständlich. Bühnenwerke mit Vorwürfen aus der heiligen Schrift sind daher, soweit es sich nicht um rein geistliche Werke handelt, stets Fragmente geblieben. Wer ins Theater geht, will nicht von Vornherein glauben, er will überzeugt werden. Auerbachs Volkstragödie, die von eifrigstem Bibelstudium zeugt, beginnt an der Stelle, wo die Kundschafter in das gelobte Land gesandt werden, Uneinigkeit tobt im Volke. Die einen wollen auf dem Wege Gottes ausharren, die anderen in die ägyptische Sklaverei zurückkehren. Wie die Volksgegensätze aufeinanderprallen, ist hier mit packender Gewalt geschildert Wenn Arons Sohn aus dem Stiftszelte tritt und den Willen des Volkes, die Kundschafter zu entsenden, als den Willen Gottes verkündet, spricht er die in ihrer Einfachheit ergreifenden Worte: „Ich glaub* an dich, mein Volk, wie ich dich liebe!" Aber die Kundschafter kehren heim, zehn an der Zahl. Da bricht der Aufruhr los. Vergebens versuchen die Aeltesten, dann Mose selbst das Volk zu beruhigen. Und der greise Führer kniet nieder und betet für die, die ihn steinigen wollen. Da offenbart sich Gott in Blitz und Donner . . . Schaffath, der Aufrührer, fällt von der Pest befallen zu Boden. Und durch den Mund Moses erfährt das Volk seine Strafe: Vierzig Jahre soll es in der Wüste verbringen, dem vierzig Tage unerträglich waren. Namenloses Grauen faßt die Menge. Mose muß erhobenen Armes zusehen, wie die Besten seines Volkes dem sicheren Tode entgegengehen im Kampf gegen die Amalekiter. Aber aus seinem Schmerze wird ihm sein Trost. Er blickt auf die Kinder, die ihm entgegengeführt werden, die Hoffnung und die Zukunft des Volkes. Hier ist es auch,, daß sich die Stimme dieses größten Propheten der Menschheit zu Worten findet, die weit über das Werk hinaus Geltung haben. Der Ruf zur Arbeit an der Größe und Erstarkung des Volkes! Den Boden zu gründen unter seinen Füssen, eine Heimat ihm zu schaffen, dem Heimatlosen unter den Völkern, das überall daheim ist und nirgends, das Volk, das wankelmütig und gläubig zugleich, sich selbst mit Zweifeln zernagt, weil es nicht den Halt hat, den der eigene Boden, die Heimat gibt Diese mit heiligem Eifer gesprochenen Worte bilden den Höhepunkt des Dramas, das reich ist an lyrischen Schönheiten. Erschwert wird sein Verständnis leider durch die äußerst schwierige und komplizierte Sprache, welche die Schauspieler und die Regie vor schier unlösbare Aufgaben stellt. Auch das Sprunghafte in der Szenenfolge, die ermüdende Länge mancher Stellen machen sich unangenehm bemerkbar. Dazu gesellt sich die mangelnde Bühnengewandtheit des Autors, der allerdings nie an die Aufführung seines Werkes gedacht haben dürfte. Emil Feldmars Regie versuchte den Intentionen des Direktors nach Tunlichkeit gerecht zu werden. Daß ihm das nicht immer gelang, ist nicht seine Schuld. Besonders die Volksszenen zeugten von viel Fleiß und ehrlichem Eifer. Herr Marr als Mose nahm sich nicht allzuviel Mühe. Er kam über eine gewisse Schablone nicht heraus. Imponierend Scharwenka als Schaffath, der sich mit den rhetorischen: Schwierigkeiten seiner Rolle überraschend gut abfand. F e 1 dji a m m er hinreißend in manchen Szenen, in anderen weniger, bemühte sich zusammen mit den Herren Schreiber, Askonas, Strahl. Ehrle, Rhodenberg und Soltau ehrlich um den Erfolg des Abends. Der Autor durfte nach dem zweiten Akt vor dem nicht allzu zahlreich anwesenden Publikum erscheinen. Artur Reichenbaum.