Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1925-09-04 · Heft 35 (4.9.1925) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 35 (4.9.1925)
Date
1925-09-04
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3062972-3064022-3064055--13953-3081485
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 35 DIE WAHRHEIT Seite 9 Frankfurt an Main", enthält eine Darstellung der „Frankfurter Juden Verschwörung 1603", zu der die „Protokolle der Weisen von Zion" ein Arialogon sind. Im Jahre 1603 tagte in Frankfurt eine Versammlung deutscher Rabbiner, die sich über Abhilfe verschiedener Mißstände im Leben ihrer Gemeinden beraten wollten. Die Beschlüsse der Versammlung wurden in einer Urkunde niedergelegt. Einem getauften Juden, der sich zum böswilligsten Judenfeind entwickelt hatte, gelang es, sich in der Umgebung des Kaisers Gehör zu verschaffen und den Glauben zu erwecken, die Judenversammlung in Frankfurt hätte nichts Geringeres bezweckt, als „sowohl Ihrer Kaiserlichen Majestät Hoheit wie anderer Kurfürsten, Fürsten und Stände im Reich regalia, tribunalia, Rechte, Gerechtigkeiten zu verkleinern, verkürzen ... die Ehrung Gottes und die Justiz zu unterdrücken". Die Anklage fand mit der Zeit Glauben. Im November 1606 traf eine kaiserliche Kommission in Frankfurt ein und verlangte von dem Rat der Stadt, daß er ihr in der Untersuchung dieser Angelegenheit behilflich sein solle. Das Zentrum der Verschwörung sei das Frankfurter, Ghetto, allwo sich auch die „Verschwörungsurkunde" befinden müsse. Nach langwierigen Durchsuchungen fand man schließlich auch die Verbandsurkunde aus dem Jahre 1603. Die beiden Gemeinderabbiner mußten die hebräische Urkunde, die in dreifacher Ausfertigung vorhanden war. in getrennten Räumen übersetzen. Die dritte Ausfertigung wurde einem des Hebräischen nur wenig kundigen Christen zur Uebersetzung übergeben. Immerhin stimmten die Uebersetzungen ziemlich überein und die Frankfurter Ratsherren erklärten, die Harmlosigkeit der Urkunde mache jede weitere Untersuchung überflüssig. Aber die kaiserliche Kommission wollte nicht blamiert dastehen und zimmerte eine Anklage zusammen. Es wurde eine große Anzahl von Juden aus den verschiedensten Teilen Deutschlands vor das geistliche Gericht nach Mainz zitiert, wo die umfassendsten Verhöre mit ihnen angestellt wurden. Ganze Aktenbündel von Protokollen darüber sind noch vorhanden. Schließlich mußte von jeder Anklage Abstand genommen werden. Ein autonomes jüdisches Gebiet In Rußland. Der Stellvertreter des Vorsitzenden im Rat der Volkskommissäre der Sowjetunion Tschubar gab auf dem ukrainischen Rätekongreß namens der Räteregierung die Erklärung ab, daß nach Zunahme der jüdischen landwitrschaftlichen Bevölkerung in CheTSon dort eine jüdische Verwaltung eingesetzt und ein jüdisches autonomes Gebiet geschaffen werden solle. Cherson, ehemals ein selbständiges Gouvernement des russischen Reiches, bildet derzeit einen Teil der ukrainischen Räterepublik. Am Schwarzen Meere gelegen und von den Flüssen Dnjepr und Dnjestr nach Osten und Westen abgegrenzt, umfaßt es ein Areal von 71.300 Quadratkilometer, ist also etwas kleiner als das heutige Oesterreich. Das Land ist größtenteils Steppenland, doch besitzt es einige fruchtbare Gebietsstreifen. Von der zirka 3,800.000 Einwohner betragenden Bevölkerung sind ungefähr 180.000 Juden, welche zum größeren Teil dem talmudischen, zum geringeren dem karaitischen Bekenntnisse angehören. Die jüdische landwirtschaftliche Bevölkerung zählt derzeit ungefähr 30.000 Köpfe, doch will das ukrainische Zentral-Exekutivkomitee, wie Volkskommissär Tschubar ausführte, Grund und Boden für die Ansiedlung weiterer 7000 jüdischer Familien bereitstellen. In der Stadt Cherson selbst, dem Hauptorte des gleichnamigen Gouvernements, befindet sich eine starke jüdische Gemeinde, welche zwei große Synagogen, zehn Bethäuser und eine eigene jüdische Schule besitzt. Bei der zweideutigen Haltung, welche die Sowjetregierung in der Judenfrage stets eingenommen hat, müssen die Versprechungen, welche der Volkskommissär auf dem ukrainischen Rätekongreß gemacht hat, mit großer Vorsicht aufgenommen werden. Die nächste Zeit erst wird lehren, ob die Regierung der Räterepublik tatsächlich die Absicht hat, die den Juden gemachten Zusicherungen in die Tat umzusetzen. Der Schöpfer der neuen italienischen Verfassung. Wir haben in zwei der letzten Nummern unseres Blattes die Rede wiedergegeben, welche Prof. Dr. Preuß, der Schöpfer der Weimarer Verfassung, anläßlich der Tagung des preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden gehalten hat Die Verfassung ist vonkomjtnen auf dem demokratischen und parlamentarisch-republikanischen Prinzip aufgebaut und auch die genannte Festrede ist ganz vom Geiste der Freiheit und des Fortschrittes durchdrungen. In scharfem Gegensatze zur neuen deutschen Reichs Verfassung steht der Verfassungsentwurf für die neue italienische Konstitution, welche, entsprechend den Prinzipien des Faszismus, auf aristokratischer und antiparlamentarischer Grundlage aufgebaut ist und die Errichtung einer ständischen Monarchie zum Ziele hat. Bemerkenswert ist es, daß der Vorsitzende der Kommission, welche die italienische Regierung zur Ausarbeitung einer rein taszistischen Verfassung eingesetzt hat, ebenfalls ein Jude ist, nämlich der Professor der Staatswissenschaften an der Universität zu Genua Arias. Außerdem gehören noch zwei andere bekannte jüdische Gelehrte dieser Kommission an. Der Verfassungsentwurf, welchen man nach seinem Hauptverfasser kurz als.. „R e 1 a z i o n e Arias" bezeichnet, wird jetzt in Italien von allen politischen Parteien eifrig diskutiert und dürfte im wesentlichen vom Parlamente, in welchem die faszistische Partei die Zwei-Drittel-Majorität besitzt, angenommen werden. Diese neue italienische Verfassung stellt dem König als beratendes und beschließendes Organ eine als Interessenvertretung zu bezeichnende Ständevertretung zur Seite, welche aus den Vertretern der Berufsorganisationen und Gewerkschaften zusammengesetzt ist. Während die ständische Verfassung die wirtschaftlichen Interessen der einzelnen Beiufsschichten deutlicher und besser zum Ausdruck bringt, als es bei der parlamentarischen Verfassung der FaH ist, ist der politische Einfluß, welchen das Volk, bzw. seine Vertreter auf die Staatsgeschäfte nehmen kann, ein viel geringerer als in den parlamentarisch regierten Staaten. Die ständische Verfassungsform, welche auch von den deutschen nationalistischen Parteien eifrig propagiert wird, ist daher trotz mancher Vorzüge im Wesen als eine undemokratische und rückschrittliche zu bezeichnen. Sprachreinheit und Fremdwort Die Zeitschrift des deutschen Sprachvereines, „Muttersprache", vom April 1925 der Bühne: Von Urban, „Vossische Zeitung" vom 5. Oktober 1924; ebenda am 19. Oktober, von Elise Unger; ebenda am 26. Oktober, von Dr. Kkschner; ebenda am 2. November von Dr. Peyser und von F. Goetz; ebenda am 16. November von Dr. Peyser. Die erste der sieben Zuschriften beschwert sich darüber, daß seit einiger Zeit auf gewissen großstädtischen Bühnen „gejüdelt" werde, auch in Stücken, die außerhalb jüdischer Kreise spielen. Elise Unger erhebt als Mitglied des Verbandes nationaldeutscher Juden Einspruch gegen das Jüdeln im täglichen Leben, In der dritten Zuschrift antwortet Dr. Kirschner gereizt als einer von den „übrigen Juden", daß hebräische Wörter wie pleite, mies, Bowel und viele andere in der deutschen Sprache vollberechtigt seien, daß das Jiddische keine Verachtung verdiene und die deutsche Sprache die Ergänzung durch jüdische Wörter nicht entbehren könne. Dr. N e h a b dagegen tritt für die möglichste Pflege einer reinen und edlen deutschen Sprache ein, in der jiddische Brocken wie pleite, mies, schofel, einzumengen geschmacklos sei, Wörter, die übrigens auch nicht die besten Seiten jüdischen Wesens widerspiegelten, sondern Sprachkehricht seien _und von solchen wie Thora, Sabbat, Eden, wohl unterschieden werden müßten. Peyser will Mundart und Kauderwelsch geschieden wissen: Jiddisch sei eine Mundart, der Jargon dagegen Kauderwelsch und Sprachmengung, das Muscheln diene nur dazu. Juden und Jüdisches lächerlich zu machen. Goetz tritt dieser Unterscheidung bei und ruft den Zentralverband oder den Reichsbund jüdischer Frontsoldaten zum Kampfe gegen diese Selbstentehrung auf." Wir haben hiermit eine Reihe von Ansichten über die Verwendung von Wörtern jüdischen Ursprungs in der deutschen Sprache gehört. Ich schließe mich der Anschauung Dr. Nehabs an: Pflegen wir eine reine und edle deutsche Sprache, denn sie ist ein Zeichen wahrer Bildung' Dr. Emil Weinberg, Wien. Antisemitische Anträge in Thüringen. Die Fraktion der „nationalsozialistischen Arbeiterpartei" im thüringischen Landtag, die aus 3 (i. W. drei!) Abgeordneten besteht, brachte folgende Anträge ein: Den Juden soll in Thüringen der Vieh- und Getreidehandel verboten; die seit dem Jahre 1914 in Thüringen eingewanderten Ostjuden sollen ausgewiesen werden, deren Vermögen ist zu beschlagnahmen, da es sich um „ergaunertes Volksvermögen" handelt; die Landesuniversität Jena ist für Juden zu sperren, den Kindern jüdischer Eltern ist der Besuch der thüringischen öffentlichen Schulen zu verbieten, „da sie durch die Anschauungen, Sittenbegriffe und sonstigen Eigentümlichkeiten ihrer Rasse sowie durch Frühreife die deutsche Jugend seelisch, geistig, sittlich und gesundheitlich schädigen", an den thüringischen öffentlichen Schulen und an der Landesuniversität Jena dürfen Juden als Lehrer nicht angestellt werden. Als Jude im Sinne der Dinterschen Forderungen ist jeder anzusehen, der in der väterlichen oder großväterlichen Generation noch Blutsverwandte hatte, die sich zum mosaischen Glauben bekannten, einerlei, ob er heute getauft ist oder nicht.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.