Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 35 (4.9.1925)
- Date
- 1925-09-04
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Wahrheiten vom Tage Flucht aus dem Judentum. Beim Empfang, welchen die Kultusgemeinde anläßlich des Zionistenkongresses gegeben hat, machte der Präsident der zionistischen Exekutive Nahum Sokolow im Verlaufe seiner Rede eine ganz kleine Zwischenbemerkung, welche abeT doch zu denken gibt. Er gab nämlich, auf die Bilder der ehemaligen Gemeindevorsteher, welche den Festsaal der Gemeinde schmücken, hinweisend, seinem Zweifel darüber Ausdruck, ob die Nachkommen dieser um das Judentum so verdienten Männer noch alle zu uns gehören. Sokolow hat leider recht; die Söhne und Enkel vieler Männer, die einst die Zierde des Wiener Judentums bildeten, zieren heute andere Religionsgemeinschaften durch ihre Zugehörigkeit, sofern sie es nicht vorgezogen haben, die Zahl der „konfessionslosen Juden" zu vergrößern. Die Opfer, welche ihre Eltern, Großeltern und Ahnen einst für den angestammten Glauben gebracht haben, haben sie noch um ein weiteres Opfer vermehrt, indem sie ihren Glauben, das heiligste Gut ihrer Väter, kurzweg geopfert haben. Man denke an die Biedermanns, die Hoffmannsthal und an die vielen anderen, die im vorigen Jahrhundert als die Repräsentanten des Wiener Judentums gegolten haben und deren Nachkommen längst nicht mehr dem Judentume angehören, man denke an den großen Wiener Prediger Jellinek, einen der größten, der je die Kanzel . bestiegen hat und dessen Söhne die Taufe genommen haben. Doch Wien bildet nicht das einzige Beispiel für diese traurige Erscheinung. Vor kurzem stellte ein Budapester Publizist im „Egyenlöseg"' einige Betrachtungen! an, die! sich mit dem gleichen Thema beschäftigten. Bei einem Rundgange auf dem Budapester jüdischen Friedhofe zählte er die Grüfte jener zahlreichen jüdischen Patrizierfamilien, die seit Jahrzehnten nicht mehr belegt werden, weil die Nachkommen derselben keine Juden mehr sind. Er weist darauf hin, daß das Grabmal manches hervorragenden Mannes, dessen Namen noch heute in Budapest einen guten Klang besitzt wie zum Beispiel Moritz Wahrmann, vollständig verwahrlost ist, weil die jetzt lebende Generation oft nicht einmal so viel Pietät besitzt, das Andenken ihres Vorfahren zu ehren und seine letzte Ruhestätte vor dem vollständigen Verfall zu bewahren. Wir haben uns schon oft in diesem Blatte mit den Ursachen der Abfallbewegung beschäftigt und auf den erschütternden Gegensatz hingewiesen, der darin liegt, daß die Väte* bereit waren, lieber ihr Leben als ihren Glauben zu opfern, und die Söhne oft aus nichtigen Gründen, um eines eingebildeten Vorteiles willen, dem Judentum untreu werden. Allerdings ist der Austritt nur mehr der letzte Schritt einer Entwicklung, durch welche die Betreffenden immer mehr und mehr defrn Judentume entfremdet würden. Es wird durch die Zerreissung dieses letzten Bandes, das die Austretenden mit der Vergangenheit verbindet, nur nach außen dokumentiert, was sich in ihrem Innern bereits längst abgespielt hat; die Verdrängung einer idealen, auf das Ewige und Absolute gerichteten geistigen Einstellung, die den Vorfahren die Kraft gegeben hat, die schwersten Qualen zu ertragen, durch einen realen, auf das Alltägliche und Vergängliche gerichteten Sinn, dessen einziger Leitstern der momentane Vorteil ist Die Flucht aus dem Judentum ist daher für die meisten Abtrünnigen eine Flucht aus dem Menschentum überhaupt. Internationaler Nationalismus. Man wird sich gewiß nicht wundern, im „Eisernen Besen" einen Artikel von Tibor von Eckhardt, dem Präsidenten der „Erwachenden Magyaren" zu finden. Gehört dieser zu den wütendsten Judenfeinden Ungarns und vielleicht der ganzen Welt, so ist der „Eiserne Besen" ein antisemitisches Hetzblatt niedrigster Sorte. Wohl aber klingt der Titel des genannten Aufsatzes „internationaler Nationalimus" einigermaßen befremdend. Der Verfasser bemüht sich, die Möglichkeit eines solchen nachzuweisen und führt .als wichtigstes Argument für die Berechtigung desselben den Kampf gegen das „Internationale Judentum" an. Er versteigt sich in seinem Hetzartikel zu der Feststellung, daß das Judentum den einzigen Feind des ungarischen Volkes darstelle. Der „Erwachende" scheint noch zu träumen, mindestens aber nicht zu wissen, was rings um ihn vorgeht denn sonst würde er keinen solchen Unsinn behaupten. Daß die nationalen Chauvinisten aller Lander sich naturgemäß feindlich gegenüberstehen, daß sie die Macht und Größe des eigenen Volkes auf Kosten anderer Völker vergrößern wollen und ihnen zu diesem Zwecke kein Mittel zu schlecht ist, sind gerade jene Ursachen, welche das Entstehen eines wahren Internationalismus verhindern. Während sich religiöse, soziale oder humanitäre Verbände über alle geographischen, nationalen und staatlichen Grenzen hinweg die Hände reichen können — man denke an die katho^ lische Kirche, die pazifistische Internationale und das Rote Kreuz — fehlt den einzelnen, auf nationaler Basis aufgebauten Organisationen, die sich oft gegenseitig aufs heftigste bekämpfen, jegliches internationales Band — mit einziger Ausnahme des Judenhasses.-Daß die Menschheit diese internationale Schmach endlich überwinde und aus dem Zustande des Hasses, der Roheit und Unwissenheit erwache, das wird der „Erwachende Magyar" Tibor Eckhardt schließlich auch nicht verhindern können. Dann wird an die Stelle internationalen Hasses, dessen traurigste Abart wohl der Judenhaß ist, internationale Freundschaft und Gesittung treten. Hakenkreuzfrüchte. Die jüdische und die nichtjüdische Presse Kownos beschäftigt sich mit dem tragischen Tod des jungen Juden Strimling, der in Schaulen beim Baden ertrank, obwohl er nach den Umständen sehr leicht hätte gerettet werden können. Am Ufer stand eine antisemitische Menge, die sich über den mit dem Tode ringenden Juden belustigte und Schadenfreude äußerte. Sogar die antisemitischen Blätter tadeln dieses Benehmen und weisen darauf hin. daß man auch den Feind, wenn er in Todesgefahr schwebt, retten müsse. (Wir möchten bei diesem „gemütvollen" Vorgang an die Rettung des Herrn „Knüppel-Kunze" durch einen jüdischen Arzt erinnern. Die Schriftleitung.) Die heutigen Antisemiten Nachfolger Hamans? Zum besseren Verständnis der Zeitgeschichte soll diese Frage an Hand der Regierungserklärungen gelöst werden, die wir so häufig immer wieder zu hören bekommen und welche Erklärungen von den Kabinetten, die sie erlassen, dazu bestimmt sein sollen, um den Verdacht des Regierungsantisemitismus von sich abzuwenden, die aber anderseits so gehalten sind, daß der Antisemit auf den ersten Blick ihre Falschheit und die darin versteckte Ermutigung zu weiteren antisemitischen Ausschreitungen ersehen soll. Der Ministerrat in X hat sich versammelt, um die durch die letzten antisemitischen Ausschreitungen entstandene Lage zu untersuchen, die den Verlust von nur einigen jüdischen Menschenleben zu verzeichnen hat und die nur einigen hundert jüdischen Kaufleuten die wirtschaftliche Existenz kostete. Der Ministerrat konstatiert, daß die Polizeiorgane ihre Pflicht in der Abwehr der Angriffe vollauf getan haben, und daß in Zukunft die Zügel der Hermandad noch straffer gespannt werden sollen. An die Führer der völkischen Bewegung wird eine Verwarnung erlassen. Es wird an das nationale Gewissen der Völkischen appelliert, die nicht bedenken, daß die antisemitischen Ausschreitungen gerade im gegenwärtigen Zeitpunkte, wo wichtige Unterhandlungen mit Westlichen Finanzgruppen, wegen Aufnahme einer großen Anleihe im Gange sind, ungemein schädlich wirken und eine Hintanhaltung der wirtschaftlichen Konsolidierung des Landes nach sich ziehen. So etwa lautet der Text der Erklärungen aller nichtantisemitischen Regierungen. Im gegenwärtigen Zeitpunkte paßt es der Regierung nicht, den radauantisemitischen Pöbel gewähren zu lassen. Die Staatsraison gebietet Ruhe und Ordnung. Man könnte ja eigentlich gegen ein kleines Judenpogromen nichts einwenden. Manchmal wirkt ein solcher Unterhalt sehr wohltuend. Er lenkt die Aufmerksamkeit des Volkes von den Vorgängen im Lande ab. Manche Korruptionsaffäre ist schon im Blute der vor dem Gesetze vollkommen gleichberechtigten Staatsbürger mosaischer Konfession erstickt worden; manche begründete Unzufriedenheit der von der schikanösen Administrative ruinierten Massen ist im Rausche der entfachten Mordlust und Plünderungswut schließlich in ausgeglichene innere Harmonie umgeschlagen. Aber im gegenwärtigen Zeitpunkte ist es doch nicht schicklich. Es könnte anderseits großen Schaden verursachen. Der Staatssäckel erfordert dringend die Auffüllung mit gute Valuta. Und Geld hat keinen Geruch. Der Dollar ist ebenso gut, wenn er vom jüdischen Kapitalisten kommt. Die Weihe empfängt er schon, wenn er einmal im Land ist. Da war unser alter Haman doch ein viel charaktervollerer Antisemit. Mehr ehrlich und weniger begehrlich. Er aspirierte .nicht auf die Sympathie der jüdischen Geldmagnaten, wiewohl es auch damals nicht wenige dieser Sorte gegeben haben mag. Haman zeigte sich als Antisemit sehr großmütig und großzügig. Nicht einen Pogrom, nicht pöbelhafte Ausschreitungen, nicht Straßenkämpfe, sondern erst die Juden für sein gutes schwergewichtiges Silber regelrecht abgekauft, in sein rechtmäßiges Eigentum gebracht und dann mit ihnen nach Herzenslust wie mit seinem Eigentum verfahren. Wie tief stehen doch die Nachfahren des Erzvaters Haman hinter ihm zurück! Verdammte Epigonenbrut . . . M. Eine Vorläuferin der „Welsen von Zien". Das soeben erschienene Werk von J. Kracauer, „Geschichte der Juden In