Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 35 (4.9.1925)
- Date
- 1925-09-04
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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S*to6 ftifc Wahrheit Hr. 35 statt Nach Besprechung einiger kirchlichen Angelegenheiten, fragte der Kaiser: „Schreiben Sie hier nicht?" „Ich habe geschrieben" (und überreichte seine hebräische Anthologie). „Ich habe Sie zum Zensor der Juden im Lande ernannt; nimmt dies Volk auch an der Kultur einigermaßen zu?" „Vielleicht könnte ich etwas dazu beitragen, wenn Eurer Majestät meine Zensurbeiugnisse zu erweitern geruhten." „Wieso?" „Sie drucken unter ihre Thora einen chaldäisehen Kommentar, Raschin genannt welchen der gemeine Mann nicht versteht, der Rabbiner zur Hineintragung mancherlei Irrtümer und Aberglauben mißbraucht. Wie, wenn ich ihnen diesen Raschi streichen und sie anhalten dürfte, anstatt desselben, Moses Mendelssohns Uebersetzung beiziuldrucken?" „Das geht nicht an. Mendelssohn war ein Naturalist und ich will nicht, daß meine Juden Naturalisten werden." Man weiß nicht worüber man mehr staunen soll — über die Behauptung des Professors für orientalische Sprachen, der Raschi-Kommentar sei chaldäisch und werde von Rabbinern mißbraucht, womit der Vorschlag, eine von den Frommen verpönte Uebersetzung unterzuschieben, motiviert wird — oder die entschiedene Ablehnung des Kaisers, der obwohl selbst Freidenker, die Religiosität seiner Juden vor dem Naturalismus zu bewahren trachtet. Dr. A. B. Moses Montefiore. Ein Erinnerungsblatt von Dr. Max G r u n w a 1 d. (Fortsetzung.) Ueber Tiberias ging es nach Jerusalem, und man schlug ein Lager auf dem Oelberg auf. Sie traten in die heilige Stadt ein, begleitet von einer langen Reihe türkischer Soldaten, die der Gouverneur hatte aufstellen lassen, um dem Freunde des ägyptischen Vizekönigs, des damaligen Herrschers von Syrien, Ehre zu erweisen. Auf der Rückreise in Alexandrien erwirkte Sir Moses bei Mehemet Ali für die Juden die Erlaubnis, Land zu erwerben und zu bebauen. Im nächsten Jahre wurde indessen Syrien durch die Türken den Aegptern entrissen. In diesem Jahre wurde die Tätigkeit Montefiores für eine Angelegenheit in Anspruch genommen, die damals die ganze zivilisierte Welt in Aufregung versetzte. Im Jahre 1840 war das „rote Gespenst", die mittelalterliche Blutbeschuldigung, im Orient wieder gegen die Juden aufgetaucht. In Rhodus war ein griechischer Knabe verschwunden, in Damaskus ein Kapuzinermönch, der Pater Thomas, und sein Bedienter. Der Pöbel verbreitete das Gerücht, daß die Juden diese Personen getötet hätten, „um das für die Mazzoth (Osterbrote) notwendige Blut" zu erhalten. Die türkischen Lokalgouverneure ließen eine so günstige Gelegenheit, einen gehörigen Backschisch zu erpressen, nicht vorübergehen. Diejenigen Juden, die ihre Freiheit nicht erkaufen konnten, wurden ins Gefängnis geworfen und erhielten die Bastonade. In Damaskus verschlimmerte sich die ernste Lage noch durch den französischen Konsul Ratti Menton, indem er sein Gewicht gegen die unglücklichen Juden in Damaskus in die Wagschale warf, damit Frankreich als Protektor der Katholiken im Orient auftreten könne. Zur Ehre Oesterreichs sei hier betont, daß im Sinne Metternichs und seinem Auftrage gemäß der österreichische Konsul der einzige war, der sich der Sache der Gerechtigkeit der verfolgten Juden energisch annahm. Montefiore erhielt dringende und herzzerreißende Briefe aus Syrien. Er hielt sofort eine Konferenz in seinem Hause ab, der eine öffentliche Versammlung folgte. Außer vielen anderen politischen Persönlichkeiten jener Zeit waren unter anderen auch Daniel O'Conell und der Dichter Campbell unter denen, die sich unter dem Vorsitze des Lord Mayörs von London versammelten. Resolutionen wurden angenommen, die dem englischen Publikum die UnglaubWürdigkeit der Anklagen darlegten. Sir Moses stellte sich an die Spitze einer Deputation an Lord Palmerston, der die tätige Hilfe des auswärtigen Amtes zusicherte. In England, Amerika, Frankreich und anderen Ländern wurden bedeutende Summen gezeichnet, um eine Mission nach Aegypten und der Türkei zu senden und eine gerechte Untersuchung der in Anklagezustand versetzten Juden zu erlangen. Montefiore wurde mit der Leitung dieser Mission betraut, die er hauptsächlich auf seine eigenen Kosten ausrüstete. Er wurde bis nach Aegypten von Adolph Cr6mieux begleitet, damals Vizepräsident des Zentralkonsistoriums der Juden Frankreichs. Es war, Cremieux nicht gelungen, die offizielle Unterstützung Thiers' zu erlangen. „Nous avons la France contre nous" (wir haben Frankreich gegen uns), mußte er in öffentlicher Versammlung ausrufen. Lady Montefiore, Mr. Wire, der mit Montefiore Untersheriff. gewesen war und später Lord Mayor von London wurde, Dr. Loewe und Doktor Madden schlössen sich dieser Reisegesellschaft nach dem Orient an. Sie verließen London am 7. Juli und hörten unterwegs, daß man die in Rhodus angeklagten Juden nach gerichtlicher Verhandlung in Konstantinopel auf ehrenvolle Weise von der gegen sie erhobenen Beschuldigung freigesprochen hatte. Aber die Schwierigkeiten der Damaszener Affäre vermehrten sich durch die Streitigkeiten, die in Syrien zwischen den Anhängern der Pforte und denen Mehemet Alis herrschten. In Alexandrien erfreute sich Sir Moses der Unterstützung aller Konsuln mit Ausnahme des französischen. Da aber Frankreich den damaligen Herrscher von Aegypten bestimmte, nur französischen Beistand gegen den Souverän von Konstantinopel anzunehmen, so war Frankreichs Antipathie in diesem Falle bedenklich. Alles, was Montefiore, trotz unausgesetzter Mühe, vorderhand erreichen konnte, war eine mildere Behandlung der verhafteten Juden. Drei waren schon an den Folgen der Tortur jgestörben und neun verblieben noch in Gefangenschaft. Ein öffentliches Gerichtsverfahren konnte nicht erlangt werden. Die Angeklagten wurden schließlich auf dem Gnadenwege in Freiheit gesetzt. Eine Ordre, daß die Platzkommandanten die Juden gegen Verfolgung schützen sollten, kam aus Kairo, und Mehemet Ali erklärte, daß er persönlich die Anklage als eine Lüge betrachte. Trotzdem es also an einer öffentlichen Verhandlung fehlte und diese überhaupt nicht durchgesetzt werden konnte, war der Verleumdung doch jede Unterlage genommen. Einige Jahre später fand Sir Moses in Damaskus in einer römisch-katholischen Kirche einen Stein, dem Pater Thomas geweiht, der auf der Inschrift bezeichnet war als „von den Juden gemordet." Als von ihm Anstrengungen gemacht wurden, diesen Stein aus Damaskus zu entfernen, schwor der französische Konsul, daß er eine Prozession zum Grabe des Priesters führen würde, und nur infolge der dringendsten Vorstellungen Montefiores gab er sein Vorhaben auf. In Rom und Paris erneuerte Montefiore seine Anstrengungen für die Entfernung dieses schändlichen Denksteins. Aber dieser Stein fuhr fort sein Lügenmärchen zu erzählen, bis in einem Aufstand der Moslemin gegen die Christen im Jahre 1860 die Kirche mit all ihren Monumenten vollständig durch Feuer verzehrt wurde. Sobald Montefiore in Alexandrien die vollständige Befreiung der Damaszener Juden erwirkt hatte, begab er sich nach Konstantinopel. Bei der Pforte, die von jeher den Juden ein Wohlwollen bezeigte, was von ihrer Behandlung in der Christenheit wohltuend abstach, errang er einen äußerst glänzenden Erfolg, der für alle Folgezeiten von der günstigsten Wirkung war. Am 12. November 1840. übergab ihm Raschid Pascha im Auftrage des Sultans Abdul-Medjid einen Firman, vom Sultan unterzeichnet und gerichtet an den obersten Gerichtshof in Konstantinopel, in dem die Ursachen des alten Vorurteils gegen die Juden untersucht werden, die Freisprechung der Juden von Rhodus erwähnt und an die. biblische Vorschrift erinnert wird, die den Juden verbietet, sogar das Blut der Tiere zu gebrauchen, und somit die Anklage, daß sie Menschenblut zu irgendeinem Zwecke verwenden, als völlig grundlos verworfen wird. Der Beherrscher der Gläubigen erklärt ferner die vollständige Gleichheit der Juden ypr dem Gesetz neben den anderen Konfessionen; er befiehlt, daß sie beschützt und verteidigt werden sollen und verbietet irgendwelche Beeinträchtigung in ihren religiösen oder weltlichen Angelegenheiten. Dieser Firman vom 12. Ramazan 1256 ist für die Folge oft vom größten Nutzen gewesen, indem er in verschiedenen Teilen des. ottomatüschen Reiches , die Juden gegen heilloses Unglück schützte.