Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 35 (4.9.1925)
- Date
- 1925-09-04
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 35 im Laufe der Zeit bildete sich eine große Insel, auf welcher später Rom errichtet wurde — ein Ereignis, womit viel Mühsal für Israel begann. Das waren die bösen Folgen jener ersten Mesalliänz. Tatsache war, daß sich die beiden Partner nie recht verstanden haben. Die Werbung und der endgültige Verspruch waren in jenem alexandrinischen Jargon abgefaßt, der eigentlich beiden Teilen fremd war. Seine Unverständlichkeiten wuchsen mit jeder Erläuterung, welche spätere Generationen darauf häuften. Unter solchen Umständen war kein glückliches Zusammenleben zu erwarten und der Familienzwist, der die Annalen des zivilisierten Europa erfüllt, brach nur zu bald aus. Das Judentum, besonders das römische Judentum, wohnte diesem Streite als Zeuge bei und sein Geschick hing sehr davon ab, welches von den beiden Elementen — ob das jüdische oder das heidnische — die Oberhand gewann. Ich verliere mich jedoch in Theologie und weiche von meinem Gegenstande ab. Auch kann ich nicht daran denken, die Geschichte der ältesten Judengemeinde in Europa, auch nur in Umrissen, zu geben. Dies hat Dr. Berliner ganz wunderbar getan, der sich mit diesem Gegenstande in einem fünfundzwanzigjährigem Studium befaßt hat. Ich möchte hier nur wenige von .den Eindrücken und Gedanken wiedergeben, welche jeder jüdische Reisende, der Rom durchstreift, an sich erfahren wird. Ich glaube natürlich keinen Augenblick, daß wir Juden einen besonderen Standpunkt gegenüber den Menschen und Dingen in diesem Paradiese Europas einzunehmen hätten. Es wäre ebenso einfältig, einen jüdischen Baedecker zu verlangen, als strenggläubige Mathematik zu treiben, kirchliche Logik oder völkische Moral gelten zu lassen — obgleich es, unglücklicherweise, auch solche Dinge gibt. Aber anderseits haben wir wirklich — wie der Fuchs in der Fabel — unser Herz nicht zu Hause gelassen. Tun wir unseren Gefühlen keinen Zwang an und übergeben wir nicht alles, was jüdisch ist und die Spuren unserer Geschichte trägt, mit schlecht gespielter Gleichgültigkeit. Wir sind weder Goethe noch Ruskin und unser künstlerisches Interesse kann kein so tiefgehendes sein, daß unser Herz den Eindrücken und Erinnerungen, die uns selbst betreffen, verschlossen sein sollte. Seien es sogar erfreuliche Gegensätze der lebendigen Gegenwart zur überwundenen Vergangenheit. Meinen ersten Besuch im Vatikan machte ich an einem Freitag. Nachdem ich mein Tagewerk in der vatikanischen Bibliothek, welche bis Mittag geöffnet ist, beendigt hatte, ging ich in die anschließende St. Peterskirche. Man kann nicht Augen genug haben, um alle* die Wunder aus Stein und Marmor zu betrachten, welche Kunst und Frömmigkeit durch Jahrhunderte hier aufgespeichert haben. Mit Hilfe eines Handbuches machte ich meine Runde durch den sakralen Bau. Allein, während ich Pi6tä von Michel Angelo betrachte, fällt mein Blick auf eine kleine vergitterte Säule, der die Pilger mit besonderer Ehrfurcht nahen; denn sie stammt aus Jerusalem, wie die Ueberlieferung besagt. Und man erinnert sich sogleich an den Bericht, den der berühmte Reisende Benjamin von Tudela von den Merkwürdigkeiten Roms gibt: „Es sind in San Giovanni in der Porta Latina (wahrscheinlich ist Lateran gemeint) zwei eherne Pfeiler zu sehen, erbaut von König Salomo, gesegneten Andenkens, dessen Name, Salomo, Sohn von David, auf jeder derselben eingraviert ist. ' Von diesen sagt man, daß sie jedes Jahr am 9. Ab (dem Jahrestage der Zerstörung Jerusalems) so sehr schwitzen, daß das Wasser daran herunterläuft." So weit Tudela im zwölften Jahrhundert. In unseren Tagen weinen Pfeiler nicht mehr. Und für Menschen ist es ein Zeichen guter Erziehung, sich steif und fühllos wie ein Pfeiler zu benehmen. Aber ein Seufzer wird doch wohl gestattet sein angesichts dieser in Gefangenschaft befindlichen Tempelsäulen, welche nicht weniger als die Pi6tä die Leiden eines ganzen Volkes symbolisiert. Allein der Vatikan ist der ungeeignetste Ort in der Welt, kritische Fähigkeiten zu entwickeln. Man ist so tief versenkt im Schauen, daß keine Zeit zum Denken bleibt. So wanderte ich von Flügel zu Flügel, von Nische zu Nische, von Altar zu Altar, schauend, staunend und bewundernd, als mein Blick plötzlich auf eine mächtige Statue fiel, welche die Inschrift trug: „Du sollst keine anderen Götter haben vor mir!" Hier stand ich vor einer Frage der Exegese, ob es erlaubt sei, seine Verstandeskräfte ohne Rücksicht auf Aesthetik zu gebrauchen. Doch keine von den mannigfaltigen Darstellungen der Zehn Gebote, kein Geschwätz über das Subjektiv-Objektive, das Absolute, und das Recht, womit übersinnliche Spekulanten den Begriff von d§r Einheit Gottes zu verwirren suchen, kann uns mit der Anschauung versöhnen, welche mittelalterliche Kunst den Zehn Geboten aufgeprägt hat Die Wahrheit muß anderwärts gesucht werden, meine Gedanken wandten sich nach der Synagoge, und dorthin ging ich denn auch. Der Tag neigte sich seinem Ende zu. Wunderbarerweise kam ich bei der Synagoge an, als die Gemeinde anstimmte: „Der Herr ist einzig und sein Name ist Ruhm und Herrlichkeit!" Hier war klare, gesunde txegese, obgleich ohne die greifbaren Illustrationen, woran der Vatikan so reich ist. Doch was bedurfte es künstlerischer oder künstlicher Glaubenshilfen angesichts eines so lebensvollen Glaubens, welcher die kleine Gemeinde befähigte, ihre protestierende Haltung der Herrin der Welt gegenüber aufrecht zu bewahren. Und das in einer Zeit, da die Nachfolger der alten römischen Kaiser nur einen Wink zu geben brauchten, um die ganze Welt zum Verzicht auf das Recht zu denken und zu urteilen in harte Erstarrung zu bringen. Doch (nebenbei) sind unsere Zeiten um so viel besser? Während ich diese Zeilen schreibe (Oktober 1893) höre ich, daß im deutschen Reichstag ein Antrag gestellt wird mit dem Verlangen, daß der Talmud einer Kommission unterworfen werde, die seinen Inhalt zu prüfen hätte (natürlich im feindlichen Sinne). Eine solche Kommission tagt in diesem Lande in ununterbrochener Sitzung mit dem siebenten Tage Pfefferkorns im 15. Jahrhundert Während im Vatikan gerade die Schüler Loyolas jedes Entgegenkommen, jede Bequemlichkeit dem Forscher bieten, der sich dem Studium rabbinischer Literatur widmet. Sind nicht die Werke einer großen Zahl unserer zeitgenössischen Dichter, Historiker, Theologen und der sogenannten Seher in unserem gesegneten Jahrhundert in vieler Hinsicht nur ein angestrengter Versuch, die wenigen humanen Grundsätze der jüngsten Generationen zu zerstören, während irgend ein brutaler Krieger, der seinerzeit vorübergehend Eriolg aufzuweisen hatte, mit einer Gloriole gefeiert wird. Und wieder ist die nationale Idee um so viel erhabener, so viel größer als die universelle der Religion, daß wir ihr gerne gestatten, sich der Mittel zu bedienen, welche wir dieser als inhuman und barbarisch verweigert hatten. Jedes Zeitalter hat seinen besonderen Götzendienst, und der ewig wandernde Jude wird immer das bevorzugte Opfer des Pagetmolochs sein Kehren wir jedoch zur Synagoge zurück, welche so vielen Grausamkeiten, alten und neuen, standgehalten hat. Der Platz, worauf sie steht, ist zunächst dem Ghetto und heißt Schulplatz (Piazza di Scuola). Sie ist mit wenigen kommunalen Häusern als das einzige Gebäude übriggeblieben, als die engen schmutzigen, Typhusherde bildenden Gassen des alten Ghetto niedergerissen worden sind, womit eine kluge und humane Regierung den letzten Fleck von Roms Geschichte getilgt hat Auf dieser großen leeren Fläche sieht die Synagoge klein und unbedeutend aus, niedergedrückt vom hohen Alter. Sie blickt auf ihre Kinder, die sie gelehrt, genährt, getröstet und beschützt hat. seit Jahrhunderten. Und nun, da sie alt geworden, haben die Kinder sie verlassen und haben sich bis in die Enden der Stadt zerstreut. Von all ihren früheren Bekannten scheint ihr nur der Vater Tiber geblieben zu sein, der ihr manche alte Sage zuzumurmeln weiß, noch aus der Zeit vor ihrer Zeit. (Schluß folgt.) ius einer Audienz bei Kaiser Jon«>f. Völker sind meist, wie die Individuen, undankbar und vergessen leicht die ihnen erwiesenen Wohltaten. Die Nachkommen jener böhmischen Bauern, die Kaiser Josef von der Leibeigenschaft befreit hat, haben seine Denkmäler zerstört. Die Juden würden niemals vergessen, was sie dem „Schätzer der Menschen", dem Schöpfer des Toleranzediktes, zu verdanken haben. Wie derselbe auf Kultur und Frömmigkeit seiner Juden bedacht war, erkennt man aus einer Audienz, über welche der geistliche Seminardirektor Fessler in seiner Selbstbiographie berichtet. Fessler, ursprünglich Kapuziner, war von Kaiser Josef zum Professor der orientalischen Sprachen an der Universität Lemberg ernannt worden. Die Audienz fand im Jahre 1787 in Lemberg