Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 35 (4.9.1925)
- Date
- 1925-09-04
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 DIE WAHRHEIT Nr. 35 Herr Rosenberg, allerdings bekämpft die Juden nicht als Bahnbrecher des Bolschewismus, sondern als. Repräsentanten; des Kapitalismus. Nach seiner Meinung war das einzige Geschäft der mittelalterlichen Juden der W u c h e r, obwohl ihnen angeblich bis ins 14. Jahrhundert die Handwerkszünfte offenständen . . . . Was die Juden in Wirklichkeit auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens geleistet haben, die ihnen vorübergehend durch vorurteilsfreiere Herrscher erschlossen würden, davon weiß der deutschvölkische Historiker nichts, obwohl die bekannte Literaturgeschichte von Wilhelm Scherer beispielsweise sehr interessante Dinge über die wissenschaftliche und literarische Kulturarbeit der Juden unter dem großen Hohenstaufenkaiser Friedrich II. erzählt Dafür tischt Herr Rosenberg andere Folgen der ausnehmend guten Behandlung, die die Juden im Mittelalter genossen, auf, die beweisen, wie üppig die paradiesischen Wonnen des Ghettos deren Genießer machte. So wußten sich diese kein besseres Sonntags vergnügen — der Sonntag war bekantlich den Juden im Mittelalter besonders heilig! — als eine Spazierfahrt auf den christlichen Friedhöfen. Kann man sich denn auch einen fideleren Ausflugsort denken? Leider verschweigt der Entdecker dieser jüdischen Lustbarkeit, mit welcher Art Fahrzeug man auf e nem mittelalterlichen Friedhof herumkutschieren konnte. Er verrät nur, daß die in raffinierten Genüssen so erf inderischen Juden bei dieser Gelegenheit vollste Gala angelegt hatten. Die Hakenkreuzler, die in unseren Tagen die jüdischen Friedhöfe entweihen, zeigen jedenfalls, um wieviel gesitteter sich Angehörige einer Edelrasse an den Gräbern Andersgläubiger benehmen ... Dieser Gegensatz machte sich schon im Mittelalter bemerkbar und auch das vermittelt uns ein deutschnationialer Geschichtsforscher Dr. Ferdinand Bozula, der vor längerer Zeit in der Wiener „Urania" Sittenbilder aus dem deutschen Mittelalter vorführte. Dr. Bozula repräsentiert einen seriöseren Gelehrtentypus als Rosenberg und seine Forschungsergebnisse sind jedenfalls ernster zu nehmen als die GeschichtskÜtterungen des letzteren. Mit um so größerer Genugtuung können wir feststellen, daß die Sittenschilderungen Dr. Bozulas eine wahre Rehabilitierung des Judentums gegenüber den Anwürfen des Antisemitismus repräsentieren. Denn die besagten „Sittenbilder aus dem deutschen Mittelalter" stellen bereits alle ethischen Verirrungen, die heute als Folge der „Verjudung" Deutschlands hingestellt werden, schon zu einer Zeit bei den Deutschen fest, als sich zwischen jüdische und christliche Art noch Ghettomauern schoben. Wir hören zum Beispiel über eine der berüchtigtsten christlichen Institutionen: „Die Ketzergerichte suchten sich ihr einträgliches Amt zu erhalteiT, da ja tüte Verurteilung sich stets mit Vermögenseinziehung verband; reiche Leute zahlten dtem Priester jede Summe, um steh vor Anklagen zu schützen." Das also war der Geist jenes „heiligen" Amtes, das seine unerhörten Grausamkeiten gegen Ketzer und Juden mit der erhabenen Aufgabe bemäntelte, dem christlichen Volke die wahre Religion rein und unverfälscht erhalten zu müssen. Die Keuschheit des deutschen Liebeslebens, das heute mit allen Mitteln — man denke an die Ermordung Bettauers und das Attentat auf Magnus Hirschfeld! — gegen den „Ansturm des Judentums" geschützt wird, erfährt folgende Beleuchtung: „Die Bewilligung des Gütsherrn zur VereheÜchung mußte zwar eingeholt werden, er ließ sich aber das „jus primae noctis" in der Regel abkaufen, wie die zahlreichen Ausdrücke beweisen, die für diese Zahlung überliefert sind: Frauengeld, Schürzenzins Hemdenschilling." Also gesetzliche Sanktionierung des Ehebruchs, gemildert durch einen alles überragenden Schachergeist ... Die Sittenreinheit jener Zeit, der die klerikalen und völkischen Reaktionäre wie einem entschwundenen Paradiese nachweinen, wird auch durch die bevorzugte Stellung des Dirnentums grotesk beleuchtet. Kaiser Sigismund, der letzte Luxemburger, wie sein Verhalten gegen Hus zeigte, streng ultramontan gesinnt, tanzte während eines Aufenthaltes in Straßburg im Jahre 1414 auf offener Straße mit Prostituierten! In Wien bildete ein Wettlauf der Dirnen den Abschluß der Pferderennen ... Die Laxheit des sittlichen Empfindens beschränkte sich im Mittelalter nach den Ausführungen Dr. Bozutas nicht bloß auf die Laien. Auch die Priester legten von ihr manch bezeichnendes Pröbchen ab. Unberührt von diesem Treiben blieb nur — diese Feststellung einer geschichtlichen Tatsache fehlte allerdings in dem zitierten Vortrag — das Juden quartier. An den Toren des Ghettos prallte aller Schmutz des Lebens da draußen ab. Niemals haben die Juden die religiöse Gesinnung zum Handelsobjekt erniedrigt. Sie haben ihre eigene nie verkauft und die andere nie zum Gegenstand einträglicher Erpressungen gemacht wie die allerchristlichsten Ketzerrichter. Und auch sonst hätten, was die Reinheit des Lebens betrifft, die größten Verächter der Juden von diesen am meisten zu lernen gehabt ... Die älteste jüdische Gemeinde in Europa. Aus der Sammlung „Studien in Judaiten" von Professor S. S c h e c h t e r, New-York, sechr. lowe. Uebersetzt von Rahel E del stein-Fr iedmann. Die Judenschaft in Rom ist in unseren Reisehandbüchern nicht mehr zu finden. Die Zivilisation hat die Ghettomauern niedergerissen und dessen frühere Bewohner sind nicht mehr ein Volk, das „für sich allein" wohnt. Aber mit dieser wohlverdienten Zerstörung ist auch ziemlich viel von dem Interesse vernichtet^ worden, das der Reisende mit dem „eigentümlichen Volke" zu verknüpfen pflegt, das, eingesenkt in den schrecklichen römischen Sumpf, dort lebte.' Jedoch, wenn es wirklich etwas „Ewiges" gibt in der Ewigen Stadt, das weder von den Cäsaren aufgebaut, noch von den Päpsten verbessert worden war, so ist es die kleine Judengemeinde von Rom. Sie hat die ersteren überlebt und * hat durch viele Jahrhunderte unter den letzteren gelitten; aber da sie an dem allgemeinen Aufschwünge Teil hat, der über die italienische Nation gekommen ist, mag ihr noch eine große Zukunft bevorstehen. Und wirklich, die Beziehungen zwischen Israel und Rom sind so alt, daß es an Stoff für die Legehdenbildung wahrlich nicht gefehlt hat Die Rabbinen erzählen: An, dem Tage, an welchem König Salomo die Tochter des Pharao heiratete, stieg der Engel Gabriel hernieder. Er warf eine Binse in das Meer, Tang und ' Algen setzten, sich1, an dieselbean und