Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 34 (28.8.1925)
- Date
- 1925-08-28
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Seite 11 eine echte Proklamation der Zionisten aufgefaßt zu werden. Dagegen ist die angebliche Verbindung der Zionisten mit den Tschechen, die der erste Aufruf anschaulich machen will, ein wichtiger Faktor in der deutschvölkischen Verleumdungskampagne gegen den Kongreß. Hat doch das Hakenkreuzlerorgan einmal sogar Extra-Ausgaben mit der Alarmnachricht kolportieren lassen, daß eine tschechoslowakische Armee an der Grenze Oesterreichs stehe und nur auf das Zeichen zum Einmarsch warte, um den bedrohten Zionistenkongreß zu schützen . . . Tischo Beaw in Jerusalem. Wer die echte jüdische Trauer erfassen will, der muß einei Tischo Beaw-Nacht an' der Klagemauer zu Jerusalem miterleben. Von der frühesten Abendstunde bis in die tiefe Mitternacht zurrt neunten Awi sind alle Wege und dunklen Gassen, die zur Tränenmauer führen, überfüllt von Passanten, dia alle das gleiche Ziel haben. Von dem engsten «»Viertel der Altstadt bis zu den Villenbewohnern aus der Peripherie ist in dieser Nacht alles in Bewegung.'An der .Mauer selbst zählt die Menge der in tiefer Trauer Verharrenden Beter nach Tausenden. Menschen kommen und gehen, aber die Gemeinde wird nicht kleiner, die Ttauermelodie nicht schwächer, die Tränen strömen weiter. Dieses Jahr sahen — wie der/ „Israelit" mitteilt — die alten Quadern so viele Besucher wie nie zuvor, und dieses Mal zeichnete sich das ganze, das keine Demonstration, keine Kundgebung genannt werden kann — da alles spontan aus aufrichtiger heiligster Stimmung geboren ist —, durch eine musterhafte Ordnung aus. Es fehlten die Araber, die sonst mit Neckereien und Schikanen die Trauergottesdienste der Nacht zu stören suchten, es fehlten auch die Touristen, die kalt und mit überlegenem Lächeln „das Getue" verfolgten, es fehlten aber Gott sei Dank auch die eigenen Rohlinge, die in früheren Jahren einzeln an der heiligen Stätte der Trauer es wagten, demonstrativ zu essen und zu trinken und weltlich nationale Lieder zu singen. Wie auf stilles Abkommen befleißigte sich jeder heiliger Ruhe und Würde und kein Mißton klang in diese ergreifende nationale Trauer des jüdischen Volkes von Jerusalem. Die jüdischen Wachtposten, die in geordneten Reihen die Mauer von innen und außen umringten,, bildeten mehr eine Ehrenwache, denn eine Schutztruppe. Auch die englische Polizei war gut vertreten und wachte still und taktvoll über die Ordnung, die sich in der Hauptsache darauf bschränkte, die Zu- und Ausgänge freizuhalten und lebensgefährliche Verkehrsstauungen zu verhindern. Die derzeitige Lage der italienischen Juden. Von wohi- Informierter Seite wird uns mitgeteilt: In dem in Nr. 31 in der „Wahrheit" unter obigem Titel erschienenen Artikel heißt es: Im diplomatischen und im Konsulardienst gibt es 40 Juden, unter ihnen mehrere Generalkonsuln; dem läßt sich noch hinzufügen: und einen Gesandten. Es ist dies Graf Vittorio Carrobbio, der die ganze diplomatische Laufbahn, vom Attache bis zum Legationsrat, an den Höfen von London^ Paris und Madrid absolviert hat und seit 12 Jahren der Gesandte Italiens in Kopenhagen ist. Graf Carrobbio ist mit einer Wienerin verheiratet, mit einer Tochter des im Jahre 1912 verstorbenen Großindustriellen David R. v. Gut mann. __A. K. 'flHHHHBIHHHHBHHBIIIBHBBHHHBBHBHHIIHHBB Ein Elendsfall. Wir werden um Veröffentlichung des folgenden Aufrufes für eine unglückliche, herzleidende Lehrerin gebeten: Emma Muschel (IL. Gr. Sperlgasse 41/8) ist seit Jahren krank und lebt mit ihrer 80jährigen Mutter und ihren seit langem stellenlosen Bruder, der ebenfalls Lehrer ist, von der Pfründe der Mutter, die S 30 im Monat beträgt. Daß infolge dieser traurigen Verhältnisse in der Familie die Mittel nicht langen, um die unglückliche Person einer Kur zuzuführen, ist ohne Zweifel feststehend, deshalb bittet um baldige Hilfe alle jene, die ein jüdisches Herz haben, Oskar Singer, II. Ferdinandstraße 17/11.______ Haben Sie die Bezugsgebühr für das laufende Halbjahr schon bezahlt? aiPjl Festesgruße |iipj Die vielen Glückwünsche, die uns anläßlich des vierzigjährigen Bestandes unseres Blattes von nah und fern zugekommen sind, erfüllen uns mit berechtigtem Stolze und großer Freude. Sie beweisen uns, daß sich „Die Wahrheit" nicht allein in Oesterreich viele Freunde erworben hat, sondern auch im nahen und entfernteren Ausland zahlreiche Verehrer besitzt, welche das Jubiläum unseres Blattes zum Anlaß genommen haben, uns ihre Anerkennung für unser Wirken im Dienste des Judentums zu zollen. Außerstande, allen Gratulanten gesondert zu danken, wollen wir an dieser Stelle allen Körperschaften, Vereinigungen und Einzelpersonen unseren aufrichtigsten Dank aussprechen. Aus der großen Anzahl von Festesgrüßen wollen wir heute wieder zwei veröffentlichen, deren Inhalt, wie wir glauben, das Interesse vieler Leser erwecken dürfte: Schon der Umstand allein, daß eine Zeitschrift, eine jüdische Wochenschrift, auf ein 40jähriges Bestehen zurückblicken kann, nötigt uns eine große Dosis Wertschätzung ab, geschweige, wenn man bedenkt, daß während eines solchen Zeitraumes die mannigfachsten Kämpfe zu bestehen, viele gefahrdrohende Klippen zu umsegeln waren. Der Dank für die bisherige aufopferungsvolle Tätigkeit, die die Leitung des Blattes entwickelt hat, müßte darin bestehen, daß für die immer weitere Verbreitung desselben Sorge getragen würde. Es wird die Bedeutung einer jüdischen Zeitschrift in unseren Tagen noch von vielen' verkannt. Sind es doch erhabene und erhebende Aufgaben, die eine solche zu lösen hat. Sie soll vor allem für unsere Religion und ihr Schrifttum immer sich erneuernde, frische, frohe, vom Herzen kommende Begeisterung erwecken, denn „Begeisterung ist keine Heringsware, die man einpökelt auf einige Jahre", es gilt, mit aller Energie, aber auch mit aller Liebe die Lauen und Indifferenten in unseren Reihen aufzurütteln, damit sie ihres Judentums bewußt werden. Weiter muß die Zeitschrift ihre Leser anregen, um ein Wort eines modernen Pädagogen zu variieren, daß sie sich in den Geist der Geschichte veresenken, nicht aber darin zu versinken, durch die Vergangenheit über das Vergangene sich zu erheben und in die Gegenwart hineinzuwachsen. Eine Zeitschrift, die jüdisch-religiösen Zwecken dient, muß auf den Frieden eingestellt sein. Anderseits kann Sie Schmähungen, Anfeindungen! und Hetzereien gegen Juden und Judentum nicht in stummer Lethargie ertragen, sondern muß gewappnet den Kampf aufnehmen, dem alten Vorbild gleich: In der einen Hand die Kelle, um zu arbeiten, in der anderen das Schwert, um sich zu verteidigen. Es gilt den Kampf um volle Gleichberechtigung aller Bürger jeglicher Glaubensrichtung; Es kann nicht oft genug wiederholt werden, daß die allgemein sittlichen und religiösen Grundlehren des Christentums sich mit denen des Judentums decken. Wir wissen, daß die „Wahrheit" (die Wahrheit ist das Siegel Gottes) diesen Kampf in mannhafter Weise führt und rufen ihr zu: Glückauf für die ferneren Jahrzehnte! Dr. M. Spanier, Magdeburg. * * * Vierzig Jahre sind für eine Wochenschrift, die jüdischen Interessen dient, ein Beweis großer Lebenskraft und damit vollbegründeter Existenzberechtigung. Während andere Blätter im Sturme der Zeit niedergesunken sind, hat sich die „Wahrheit" unter der alten Devise: „Der Siegel Gottes ist Wahrheit" aufrechterhalten, ja ist in dem Kampfe, den sie vom Anfang an für das Judentum geführt hat, zusehends gewachsen. Diesen Kampf zu führen, gilt es noch heute. Unausgesetzt sind die Judenfeinde an der Arbeit und seit dem Umstürze erhebt die Hydra des Antisemitismus ihr Haupt mächtiger denn jemals. Wie zu Esras Zeiten muß mit dem Schwerte in der Hand und mit der Kette auf der anderen Seite an Verteidigung und Aufbau des Judentums gearbeitet werden. Diesen Aufgaben widmet sich unentwegt die „Wahrheit" und betätigt dadurch den Wahlspruch des Rabbi Simon ben Samliel, welcher lautet: Auf drei Dingen ist die Welt fest .gegründet: auf der Wahrheit (Emes), der Gerechtigkeit (Din) und dem Frieden (Scholem) (Sprüche der Väter I, 18). Die „Wahrheit" ist stets für die „Gerechtigkeit4* nach außen und für den „Frieden" nach innen eingetreten. Möge sie auf diesem Grundlagen auch in Zukunft erfolgreich wirken. Dr. Alfred B e r g e r, Baden. »