Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 34 (28.8.1925)
- Date
- 1925-08-28
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3062972-3064022-3064054--13937-3081468- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 10 DIE WAHRHEIT Nr. 34 Blatt diese Mitteilung gebracht hat, ohne von ihrer Stichhältigkeit überzeugt zu sein, nur zu dem Zwecke, Oel ins Feuer zu gießen und die „tiefgreifende Erregung der Wiener Bevölkerung" noch zu vergrößern. Denn sie meldet weder, wer die Toten sind, noch wo und unter welchen Umständen sie getötet wurden. Vierundzwanzig Stunden nachher sieht sich genanntes Blatt gezwungen, die Lügenmeldung von den zwei Toten (auf Seite 5!) zu dementieren: „Glücklicherweise haben die Kämpfe am Montag keine Todesopser gefordert." Jawohl, glücklicherweise! Denn man kann sich vorstellen, in welcher Art die „Deutschösterreichische Tages-Zeitung" gehetzt und das Volk in Erregung versetzt hätte, wenn tatsächlich die Ausschreitungen einer aufgestachelten Horde zwei Todesopfer gefordert hätten. Die „Blutschuld Rameks" wäre dann wohl durch eine noch aufreizendere Ueberschrift ersetzt worden. Wir haben aus der großen Zahl der „Ausschreitungen der (zwar nicht von den „Juden", sondern von den christlicharischen Gesinnungsgenossen geleiteten) zügellosen Presse gebracht, um den Herren von der christlichsozialen Partei zu zeigen, welches die wahren Ursachen der Erregung gewisser Bevölkerungskreise sind und in wessen Lager jene skrupellosen Hetzer zu suchen sind, welche das politische Leben in Oesterreich ständig vergiften, keine Ruhe und Ordnung in unserem Staate aufkommen lassen und wie es in dem ParteikommuniquS so schön heißt: „die- Moral und Wirtschaft unseres Volkes untergraben." Wenn die Herren Christlichsozialen aufrichtig gewesen wären, dann hätten sie sich selbst an die Brust schlagen und ausrufen müssen: mea culpa, mea maxima culpa! So aber wird nach altbewährter Manier das Judentum für die eigenen Unterlassungssünden verantwortlich gemacht. Durch Abwesenheit glänzten . . . Der feierlichen Eröffnung des 14. Zionistenkongresses wohnte fast das ganze diplomatische Korps bei. Am charakteristischen aber ist für die Sachlage, festzustellen, wer von den Vertretern der hohen Politik durch Abwesenheit glänzte: der Vertreter des päpstlichen Stuhles, der Gesandte Ungarns und — die Repräsentanz der sozialdemokratischen Stadtverwaltung Wiens .... Wir hätten nie geglaubt, unsere Stadtväter jemals in solcher Gesellschaft anführen zu müssen und. tun es mit um so größerem Erstaunen, als für eine solche Verletzung des primitivsten Anstandes kaum stichhältige Gründe gefunden werden können. Politische Unduldsamkeit kann nicht maßgebend sein in einer Angelegenheit, in der nur die Pflichten selbstverständlicher Höflichkeit bestimmend zu wirken pflegen. Auch die Wiener Sozialdemokraten wissen sonst sehr gut, was sich schickt. Sie haben französische Schwimmer und südamerikanische Fußballspieler ins Rathaus eingeladen und feierlich be-" wirtet Um so auffallender ist ihr Streik dem Zionistenkongreß gegenüber, an dem ja auch die marxistisch organisierten' und namens des sozialdemokratischen Parteivorstandes vom Nationalrat Tomschik bei ihrem Eintreffen in Wien begrüßten Poaile-Zionisten teilnahm. Wir sind neugierig, ob Herr Seitz dafür bei den nächsten Wahlen die Stimmen der Nationalsozialisten erhalten und auf die jüdischen Stimmen verzichten wird. Wir wissen übrigens, daß der Herr Bürgermeister für seine Taktik in diesem Falle nicht persönlich verantwortlich zu machen ist. Er hielt sich nur an die Parole der Parteileitung, die für ihre Stellung zum Zionistenkongreß des schöne Kouplet aus dem „Böhm in Amerika" zum Motto erhoben hat: ..W a s geht das uns an? Das geht uns gar nix an!" Es scheint aber, daß nicht alle Parteimitglieder diese Parole so stramm befolgt haben, wie die der Stadtrepräsentanz angehörenden. Das Polizeipräsidium hat eine Statistik der Parteizugehörigkeit jener Leute veröffentlicht, die bei den Demonstrationen gegen den Zionistenkongreß verhaftet wurden, und siehe da! — nicht weniger als 29 bekannten sich zur sozialdemokratischen Partei . . . Während aber diese Leute durch Nichtbefolgung der Parteiparole zu Schaden kamen, hat eine andere Gruppe gewerkschaftlich Organisierter durch parteidisziplinwidrige Kenntnisnahme der Kongreßtagung geradezu Vorteile zu gewinnen versucht, nämlich die Kellner der jüdischen Restaurants. Diese Herren haben sich einen groben Vorstoß gegen die Kollektivvertragsbestimmungen zuschulden kommen lassen, indem sie just die Zeit einer durch den Kongreß erhöhten Konjunktur ihrer Dienstgeber zu einem jäh vom Zaune gebrochenen Lohnkampf auszunützen suchten. Die sozialdemokratische Parteiparole hat also, wie man sieht, nur die Ausübung von Anstandspflichten verhindert .... „Deutschösterreichische Tageszeitung". Ich verbrachte heuer meinen Urlaub im Monat August an den Ufern des lieblichen Wörthersees. In dem Gasthause, das ich besuchte, lag unter anderem das oben genannte Blatt auf. Ich nahm es einmal in die Hand und blätterte es durch. Mit tiefer Betrübnis bemerkte ich, daß diesem Blatte kein Mittel im Kampfe gegen die Juden und zur Verhetzung der Bevölkerung zu schlecht sei. Nun überlegte ich, ob ich dieses Blatt nochmals in die Hand nehmen und dabei Gefahr laufen sollte, meine Stimmung in der schönen Natur zu verderben. Da erinnerte ich mich eines Gespräches mit dem derzeitigen Redakteur der „Wahrheit", der darin die Wichtigkeit des Lesens gegnerischer Blätter hervorhob, schon zu dem Zweck, um sie zu widerlegen. Ich konnte nuri täglich dieselbe Wahrnehmung machen. In jeder Nummer stand wenigstens eine auffallende Unwahrheit oder eine ganz widerspruchsvolle Behauptung. In dieser Hinsicht sei folgendes angeführt: In einer als Werbeschrift bezeichneten Zusammenstellung wird angeführt, daß die Zahl der Juden in Oesterreich 720.000 beträgt. Der Mörder Mohapels, namens Seidl, wurde nach der Tat von einem Ostjuden behufs Anlegung eines Verbandes zu den Barmherzigen Brüdern geführt, um die Angelegenheit zu vertuschen. An eine Mitteilung, daß anläßlich des Zionistenkongresses ein Ausflug in die Wachau veranstaltet wird, wird die Aufforderung geknüpft, den Teilnehmern den entsprechenden Empfang in den an der Donau gelegenen Orten zu bereiten. (In solchen Fällen spricht dann das Blatt nachher von jüdischen Provokationen.) Ueber den Zweck des; Zionistenkongressesl läßt sich die Deutschösterreichische Tageszeitung von einem Gewährsmann, der viel mit Juden verkehrt, berichten, ohne dessen Namen, wie in zahlreichen anderen Fällen, in denen sie Unwahrheiten verbreitet, zu nennen. Die Schrift „Die Weisen von Zion" wird als einwandfreie Quelle oft angeführt. Daß es sich hier um eine grobe Fälschung handelt, wird nicht erwähnt Nicht unerwähnt! kann ich es lassen, daß ich um dieselbe Zeit das derselben Richtung angehörige Blatt „Der Michel" las. Dieses verschweigt seinen Lesern wenigstens nicht, daß der Einwand der Fälschung der S-hrift „Die Weisen von Zion" nicht widerlegt werden konnte. Diese Art des Kampfes mit vergifteten Waffen und mit Unwahrheiten ist im höchsten Grad unmoralisch. Die vielen Unwahrheiten muß jeder Leser der „Deutschösterreichischen Tageszeitung", wenn er nicht blinder Partedfanatiker ist, selbst erkennen. Warum wird das Blatt in dieser Weise geführt? Es kann nur einen Zweck haben: Sich Leser, die an einer solchen Schreibweise Gefallen finden, zu sichern undj sich neue derartige Leser zu erwerben. Daß dieses Geschäft auf Kosten der Ehre anderer Mitbürger geht, ficht den Herausgeber und die Mitarbeiter des-, Blattes nicht an. v Dr. W. Methoden der Hakenkreuzler. Gegenüber den agitatorischen Exzessen einer aus allgemeinen Steuergeldern erhaltenen Clique von Geistlichen und Staatsbeamten, welch letztere das Hauptkontingent der Hakenkreuzler bilden, vertrat die Deputation der bodenständigen Gewerbetreibenden, die beim Bundeskanzler und im Polizeipräsidium zugunsten des ungestörten Verlaufs des Zionistenkongresses intervenierte, das Interesse des steuerzahlenden Bürgertums. Es ist immerhin grotesk, daß hierzulande die staatserhaltenden Elemente einem überheblichen Parasitentum von Staatspfründiern gegenüber erst umständlich den Schutz der Behörden anrufen mußten. Trotzdem ist es nützlich, daß dies geschah, weil es die von den Hakenkreuzlern verbreitete Legende von der Erbitterung der gesamten christlichen Wiener gegen den Zionistenkongreß gründlich Lügen strafte. Uebrigens wissen auch die Nationalsozialisten ganz gut, daß von einer solchen Erbitterung keine Spur vorhanden ist. Sie wären sonst nicht so eifrig bemüht, das, was sie in ihren Versammlungen und Zeitungen beständig als natürlichen Instinkt germanischen Wesens hinstellen, künstlich zu erzeugen. Welcher Mittel sich hierbei die Propagandisten der ..sittlichen" Erneuerung deutschen Volkstums bedienen, zeigen gefälschte Affichen, die sie in dunkler Nacht an Laternen und Mauern ankleben, wie folgende: Sokoln! Der Zionistenkongreß muß uns vereinigt seh'n! Auf zum Kampf der unterdrückten Minderheiten! Jüdischer Nationalrat, Büro Wien. * * * Ihr blöden Christen, dreckige Arier, Seid gut als, Arbeiter, als Proletarier! Keren Kajemeth. Das zweite Plakat fällt ein wenig aus der Rolle, da es offenbar darauf verzichtet, auch nur von dem Naivsten als