Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 34 (28.8.1925)
- Date
- 1925-08-28
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 34 DIE WAHRHEIT Seite 9 Das Echo der Wiener Krawalle ist, wie zu erwarten war, nicht ausgeblieben. Führende Zeitungen des In- und Auslandes beschäftigen sich eingehend mit den Vorgängen, die sich bei der Eröffnung des Zionistenkongresses m Wien abgespielt haben und unterziehen fast ausnahmslos das Verhalten der Wiener Regierung sowie der christlichsozialen Partei einer 'scharfen Kritik. Besonders in den angelsächsischen Ländern herrscht Erregung übr die Wiener Zustände und diese kommt auch in den Pressestimmen deutlich zum Ausdruck. Die konservative, also durchaus nicht judenfreundliche „M o rning Post" ist der Ansicht, daß die radikalen Elemente innerhalb des österreichischen Kabinetts .die loyale Haltung, die der Regierungschef gegenüber einem internationalen Kongreß einnimmt, als Vorwand benützen wollen, um die Oberherrschaft innerhalb der Regierung an sich zu reißen, und daß die von einflußreichen Persönlichkeiten künstlich geschürte Erregung gewisser Kreise der Wiener Bevölkerung tatsächlich keineswegs einen antizionistischen Charakter besitze. Das ungemein verbreitete liberale englische Blatt „Manchester Guardian" ist der Ansicht, daß die Wahl Wiens als Kongreßort angesichts der antisemitischen Strömungen in Oesterreich trotz der Zusicherungen der Wiener Regierung keine kluge war. „Das entschuldigt aber durchaus nicht", so führt das Blatt in seinen, den Wiener Ereignissen gewidmeten Betrachtungen fort, „die gefährliche Milde und Schlappheit der österreichischen Regierung gegenüber den antisemitischen Unruhestiftern und noch weniger die hakenkreuzlerischen Hetzer selbst. Diese Krakeeler sind in allen Ländern zu finden, die den Krieg verloren haben, und überall reagieren sie auf das Unglück in derselben Art. Daß die österreichische Regierung eine Tendenz nach rechts hat, hat unglücklicherweise, wie noch inj schrecklicherem Umfang in München, zu 'einer Duldung der Fascisten geführt, die) sie kühn macht. Wenn die Fascisten sicher wären, die schweren Strafen zu erhalten, die sie verdienen und die das Gesetz vorsieht, würden sie mit ihren Revolvern und Totschlägern viel weniger frei umgehen. Aber die Justiz ist geneigt gewesen, eine sehr ungerechte Nachsicht gegen diese Elemente zu zeigen. Vielleicht wird der Mißkredit, den die Ereignisse der letzten Tage für Wien in den Augen der Welt geschaffen haben, eine Reaktion gegen die österreichischen Fascisten hervorrufen." In einem Bericht über die Hakenkreuzlerdemonstrationen in Wien sagt der „Observer", daß die Mehrzahl der Bevölkerung in Wien wenig oder gar nichts mit den antisemitischen Demonstrationen zu tun gehabt habe. Diese wünsche in Frieden zu leben und habe die Tagung des Zionistenkongresses hauptsächlich aus geschäftlichen Gründen begrüßt. Der „Observer" weist ferner auf die etwas merkwürdige Haltung Dr. Seipels hin und glaubt, daß für seine Stellungnahme der Vatikan verantwortlich sei. Vom Vatikan sei der österreichischen Regierung die Unzufriedenheit darüber ausgedrückt worden, daß die Zionisten eingeladen worden sind, im katholischen Wien ihren Kongreß abzuhalten. Es sei charakteristisch, daß Doktor Seipel, obwohl er ein gesetzestreuer Mann sei, den Polizeipräsidenten Schober angeklagt habe, weil er die Gesetze gegen die Rowdies angewandt hat, und ebenso kritisch das Verhalten des Bundeskanzlers Ramek beurteilt hat, obwohl doch sicher sei, daß die christlichsozialen und alldeutschen Rowdies eher zu milde als zu hart bestraft worden seien. Auch die von jenseits des Ozeans zu uns herüberkommenden amerikanischen Zeitungen haben, einer kurzen Nachricht aus New-York zufolge, die Ereignisse, die sich am 17. und 18. d. M. in Wien abgespielt haben, mit großer Lebendigkeit geschildert, und die Betrachtungen, die sich an diese Schilderungen anschließen, sind für Oesterreich sehr wenig erbaulich. Auf diese Weise hat eine zahlenmäßig kaum nennenswerte Anzahl un-' verantwortlicher Hetzer ein friedliebendes und gastfreundliches Volk, wie es die Oesterreicher sind, fast auf der ganzen Welt in Mißkredit gebracht. Aber nicht nur im Auslande mehren sich die Stimmen, welche das Verhalten der Wiener Regierung tadeln und gegen das Treiben der Hakenkreuzler entschieden Stellung nehmen, sondern auch in Oesterreich selbst* haben die traurigen Vorgänge, die sich in der vergangenen Woche abgespielt haben, ein bemerkenswertes Echo gefunden. Ja sogar innerhalb der christlichsozialen Partei selbst hat das Verhalten der Wiener Christlichsozialen eine scharfe Opposition der besonnenen Kreise der Partei zur Folge gehabt und das „Grazer Volksblatt", das führende christlichsoziale Provinzorgan, wendet sich energisch gegen die Wiener Parteigenossen, die bei den letzten Krawallen den hierbei Beteiligten gewissermaßen die Mauer gemacht haben. Das genannte Blatt schreibt »wörtlich folgendes: „Wenn die österreichische Regierung die Erlaubnis gab, in Wien den diesjährigen Kongreß abzuhalten, so wird sie ihre Gründe1 gehabt haben, nach gegebener Zustimmung aber hatte sie die Pflicht, das Gastrecht zu schützen und zu beweisen, daß erstens Oesterreich und Wien nicht auf dem Balkan oder in Wildwest liegen, und zweitens, daß in Oesterreich eine verantwortliche und auch wirkliche Regierung vorhanden ist und nicht irgendeine Nebenregierung entscheidet, ob eingegangene Verpflichtungen gehalten werden und Gäste ihres Lebens sicher! sind oder nicht. So hat die Polizeidirektion nur in Erfüllung ihrer Pflicht die „Protestversammlung" verboten, um größere Ausschreitungen zu verhindern. Wenn nun trotzdem Blut floß, gottlob gab es nur Leichtverletzte, so haben jene schuld, die gegen die Entscheidung der Behörden und in offener Auflehnung gegen Regierung und Polizei auf die Straße zogen. Das ist unsere Haltung und feste Ueberzeugung, unbekümmert um die Stellungnahme christlichsozialer Parteiblätter und ganz vereinzelter christlichsozialer Mandatare, unbekümmert auch um die Proteste einzelner christlicher unpolitischer Organisationen, die auch in den Ruf nach .Sturz der Regierung' einstimmten." Diese klare und deutliche Sprache des Grazer Blattes richtet sich vor allem gegen das Wiener. christlichsoziale Parteiblatt , D i e R e i c h s p o s t". die so tut, als ob die randalierenden Elemente, welche die Wiener Straßen und Plätze zum Schauplatze ihrer Ausschreitungen machen, die Vertreter des christlichen Wiener Bürgertums wären. Wer sie in der Tat sind, meldet „Die Reichspost" begreiflicherweise nicht. Wohl aber teilt der Polizeibericht mit. aus was für Individuen sich jene Horden zusammensetzen, welche den guten Ruf unserer Republik gefährden. Es wäre Pflicht jedes aufrechten Bürgers unserer Republik, das einzige; Gut zu schützen, das wir Oesterreicher aus dem beispiellosen politischen und wirtschaftlichen Zusammenbruche gerettet haben — unseren guten Namen — und nicht zu dulden, daß derselbe durch* wen auch immer in den Kot gezerrt wird. Je früher sich diese Ueberzeugung auch bei den Wiener Christlichsozialen durchsetzt, desto! besser für unseren kleinen, von Schicksalsschlägen hart mitgenommenen Staat. Volksverhetzung. ..Die Vorgänge der letzten Tage sind auf eine tiefgreifende Erregung der Wiener Bevölkerung zurückzuführen, die nicht erst durch den Zionistenkongreß ausgelöst worden ist." Diesen Satz findet man in dem von uns an leitender Stelle besprochenen Communique' der christlichzozialen Partei. Da jedoch in demselben nur mitgeteilt wird, wodurch die „tiefgreifende Erregung der Wiener Bevölkerung" nicht ausgelöst wird und fm übrigen nur von der „Untergrabung der Moral" und den „Ausschreitungen einer zügellosen Presse" die Rede ist, halten wir es für notwendig, den Herren Christlichsozialen zu zeigen, wo die wahren Ursachen der Erregung gewisser Bevölkerungskreise zu suchen sind und insbesonders wollen wir an zwei Beispielen der letzten Woche zeigen, was es mit den .Ausschreitungen einer zügellosen Presse" für ein Bewandnis hat. Am Tage nach den Hakenkreuzlerausschreitungen, als durch das energische Vorgehen der Polizei Wien vor noch größerem Unglück und Oesterreich vor noch mehr Schande bewahrt worden ist, brachten die „W iener Stimme n". welche der christlichsozialen Partei selbst nahestehen, in großer Aufmachung die Mitteilung, daß der jüdische Hofrat Doktor Pollak in besonders rücksichtsloser Weise gegen die Demonstranten vorgegangen sei und durch sein Auftreten die Zusammenstöße geradezu provoziert habe. Demgegenüber stellt die Polizeidirektion fest, daß Hofrat Dr. Pollak erstens überhaupt nicht in der Sicherheitswache dient, zweitens seit Jahren überhaupt keinen Exekutivdienst versieht und drittens seit dem ersten August auf Urlaub weilt. Vom Tage nach dieser Feststellung, aus welcher klar hervorgeht daß der genannte Funktionär bei den Aufläufen von Montag nicht anwesend sein konnte, bringt die . Deutsche Arbeiter Presse'" die gleiche Meldung: . . . „zahlreicher Augenzeugen." Noch verwerflicher ist das Verhalten der „Deutschösterreichischen Tageszeitung", die der „Großdeutschen Volkspartei" nahesteht, einer Partei, die auch zu den „Stützen" der Regierung Ramek gehört. Diese bringt am Tage nach den Hakenkreuztumulten, in ihrem Morgenblatt vom 18. d. M. auf der ersten Seite in fetten Lettern die aufreizende Ueberschrift: „Zwei Tote — Rameks Blutschul d'\ Man muß annehmen, daß dieses