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Die Wahrheit · 1925-08-28 · Heft 34 (28.8.1925) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 34 (28.8.1925)
Date
1925-08-28
Page
– (sequence 9)
Language
German
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DIE WAHRHEIT Seife 1 Dieser eigenhändig von Humboldt geschriebene Brief ist von Adolf Köhaut im Jahre 1869 in der großen Autographensammlung des Dr,. Brodi (Wien) entdeckt worden und von dem ausgezeichneten Schriftsteller in einer vor mehr als einem halben Jahrhundert erschienenen, jetzt völlig verschollenen Schrift auch veröffentlicht worden. Bei diesen Aeußerungen Humboldts über die Taufe von Juden darf zunächst nicht übersehen werden, daß sie aus einer Zeit stammen, in der sozusagen unter den Juden eine Taufepidemie herrschte; aber Humboldts Worte verdienen sicherlich, abgesehen von der Persönlichkeit ihres Autors, gegenwärtig, wo so viele Juden aus den nichtigsten Gründen dem Glauben ihrer Väter den Rücken kehren, die höchste Beachtung. Der leider verlorene Brief des Wiener Gelehrten, der offenbar in einem tiefen Seelenkonflikt (die Taufe war in dem alten Oesterreich in der Regel die Vorbedingung einer wissenschaftlichen oder amtlichen 'Karriere) sich vertrauensvoll an Humboldt gewandt hatte, dürfte Näheres über die Verhältnisse des Dr. Emil Low enthalten! haben. Wir sind nicht in der Lage, das Dunkel, das die Gestalt dieses Dr. Emil Low umhüllt, zu erhellen und wir wissen daher nicht, ob er den herzlichen Worten Humboldts Folge geleistet hat. Frauen wir uns, daß die Antwort Humboldts für alle Zeiten bewahrt werden kann, als ruhmvolles Zeugnis für die Ehre des Judentums und als Denkmal der erhabenen Gesinnungen des Mannes, der eine der stolzesten Zierden Deutschlands bildet. Humboldt zeigt sich da in der Frage über Juden und Judentum gesinnungsverwandt seinem Freund Varnhagen v. Enke, der einmal schrieb: „Ich habe nur einen Menschen gekannt, der ganz die Lehren des Evangeliums verkörperte und das war ein — Jude." Moses Montefiore. EuvErinnerungsblatt von Dr. Max Grun wald. (Fortsetzung.) Im Jahre 1827 unternahm das Ehepaar Montefiore seine erste Pilgerreise in das heilige Land. Am 1. Mai fuhren sie in zwölf Stunden in ihrem Reisewagen, den sie sich in Paris hatten bauen lassen und der im Notfalle eine Herberge ersetzte, den sie auch aufs Dampfboot nach Boulogne transportieren ließen — ein Bild dieses Wagens besitzen wir —» von London nach Dover. In Gesellschaft ihrer Freunde, David Salomons und Frau, ging es dann weiter durch Frankreich und über den Mont Cenis nach Turin, Mailand, Bologna, Florenz. In Neapel wartete man auf ein Schiff, das nach. Malta segeln würde. In Neapel sagten Montefiore und Frau ihren Reisebegleitern Lebewohl. Sie segelten in einer italienische* Brigg nach Messina. In einer Sänfte wurden sie über die sizilianischen Berge getragen. Dann mieteten sie eine sizilianische Yacht, um sich nach Malta übersetzen zu lassen. Hier inspizierten sie die Fabrik einer Seidengesellschaft, deren Direktor Moses Montefiore war; überall wurden die Armen der Gemeinde reichlich unterstützt. In Malta wurde Mrs. Montefiore vom Fieber heimgesucht und war hocherfreut, als sie hörte, daß man ein Schiff zur Abfahrt nach. Alexandrien ausfindig gemacht habe und daß sie dorthin mit vier anderen Kauffahrern vom Kriegsschiff ..Grumet" begleitet werden sollten. Die Reisenden erreichten Alexandrien nach einer beunruhigenden Verfolgung durch ein Piratenschiff und segelten alsdann den Nil hinauf bis nach Kairo. Hier wur,de Montefiore Mehemed Ali vorgestellt, dem später so berühmt gewordenen Vizekönig von Aegypten, der damals nur an merkantile Projekte dachte, seine sehr bedeutende Unternehmungen in den Plantagen und Fabriken selbst leitete und wie er Montefiore versicherte, nur vier Stunden des Nachts schlief. Sie prophezeiten dem merkwürdigen Manne, der im Alter von 45 Jahren sich selbst das Lesen und Schreiben angeeignet hatte, eine noch weit größere Zukunft. Die Gefühle gegenseitiger Hochachtung, durch diese Zusammenkunft eingeflößt, legten den Grundstein zu einer Freundschaft, die später den orientalischen Juden zu großem Nutzen gereichte. Wie Mehemed Ali war übrigens auch sein Nachfolger mit Montefiore befreundet. Er besuchte ihn längere Zeit und ließ unter seiner Aufsicht seinen Sohn in London studieren. Von Alexandrien segelten Mr. und Mrs. Montefiore nach Jaffa, ungeachtet der Warnungen des britischen Konsuls in Alexandrien, der behauptete, daß sie Gefahr liefen, ergriffen und als Sklaven verkauft zu werden, wenn sie das türkische Reich beträten. Am 18. Oktober ritten sie nach Jerusalem, „einer verfallenen, verwüsteten und verheerten Stadt", wie Lady Montefiore sie beschreibt. Die Rabbiner kamen ihnen entgegen, um den Willkommengruß darzubringen. Der Gouverneur empfing sie sehr freundlich und bot ihnen sein Haus an. Montefiore lehnte dankend mit den Worten ab: „Ich hoffe, daß ich stets leben und sterben werde unter meinen Brüdern von Israel." Die Ankommenden hörten von schrecklichen Gelderpressungen seitens der Regierung, unter denen ihre armen Glaubensgenossen zu leiden hatten, und von der Armut und der Unterdrückung, in der sie schmachteten. Für das Privilegium, an der Tempelmauer weinen zu dürfen, zahlten damals die Juden dem Eigentümer des Hauses, das neben jenem Teile der verwüsteten Stadt liegt, dreihundert Pfund Sterling! Am 21. Oktober verließen die Reisenden Jerusalem. Bei ihrer Rückkehr nach Alexandrien hörten sie die arabischen Frauen in den Straßen über die Niederlage bei Navarino wehklagen. Ein ägyptischer Schiffskapitän ließ im Hafen, aus Furcht vor Strafe, vor den Augen der Montefiores sein Schiff mit der ganzen Mannschaft in die Luft sprengen. In Malta trafen sie ihren alten Freund Admiral Codrington, den Helden von Navarino, der ihnen ein Paketboot zur Verfügung stellte. Ein Kriegsschiff brachte sie in sechs Tagen nach Messina, von dort nach Neapel, von wo aus sie dieselbe Route nach Hause machten, die sie von London nach Italien gewählt hatten. Ein Jahr nach dieser Orientreise wurde Montefiore Mitglied des Board of Deputies of British Jews, des Gemeindebundes der englischen Juden, der in jenen Tagen, wo es so wenig jüdisches Leben außerhalb der Synagoge gab, eine noch viel wichtigere Körperschaft darstellte, als er es heute ist. Im Jahre 1835 wurde er zum Präsidenten des Board ernannt. 1836 wurde er — eine zu jener Zeit nicht gewöhnliche Auszeichnung — Mitglied der Kgl. Gesellschaft der Wissenschaften, wie es im Diplom heißt, „als ein Gentleman, der der Wissenschaft und deren praktischer Anwendung sehr zugetan" sei. Seine Bemühungen um Einführung der Gasbeleuchtung gaben ihm ein Anrecht auf diese Auszeichnung.*) 1837 wurde er Sheriff und vom Könige zum Ritter geschlagen. Bei seinem ersten Empfang bei Hofe erkundigte sich die Herzogin von Kent, die Mutter der Königin, angelegentlich bei dem Sheriff nach East Cliff, Ramsgate, seinem Besitz, auf dem sie und ihre königliche Tochter so viele glückliche Tage zugebracht hätten. Sogleich, nachdem Montefiore von den Obliegenheiten seines Sheriffamtes entbunden worden war (im November 1838), begab er sich mit seiner Gattin zum zweitenmale nach Palästina. Sie fuhren mit der Post nach Dover, mit dem Dampfboot nach Calais, alsdann via Brüssel, Straßburg und Avignon nach Rom, wo sie das Pessachfest begingen. Französische Dampfer brachten die Reisenden von Civita Vecchia nach Malta. Hier erhielten sie die Nachricht, daß in Jerusalem die Pest wütete, und Montefiore wollte daraufhin die Reise allein machen. „Diesem Entschluß widersetzte ich mich ganz kategorisch", schreibt Lady Montefiore, „und die Worte der Ruth an Noomi erfüllten mein Herz: «Bitte mich nicht, Dich zu verlassen oder davon abzulassen, Dir zu folgen, denn wohin Du gehst, will auch ich gehen; und wo Du weilst, will ich weilen.»" Der englische Dampfer brachte sie nach Alexandrien und von dort nach Beyrut. Von Beyrut ritten sie, ihre Zelte mit sich führend, ins gelobte Land. Eine Nacht mußten sie auf ihren wollenen Teppichen schlafen, während zwei europäische Begleiter mit geladenen Pistolen Wache hielten. Die Juden von Safed empfingen die Reisenden mit Enthusiasmus. Hier feierten sie das Wochenfest, verteilten, wie überall. Almosen, berieten sich mit den Rabbinern über den Ankauf von Ländereien zum Zweck der Erziehung der Jugend zum Ackerbau. _ (Fortsetzung folgt) *) 1813 wurde in London die erste Gasanstalt eröffnet, 1815 erhielt Paris von London aus seine erste Straßengasbeleuchtung, Berlin folgte erst 1826.

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