Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 34 (28.8.1925)
- Date
- 1925-08-28
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 DIE WAHRHEIT Kr. te auf ihrem ungeteilten Territorium unter dem Szepter der Dynastie Karagjorgjevic. Mein Erhabener Vater und Ich werden nach den Grundsätzen der vollständigen Freiheit und Gleichberechtigung regieren. Alexander." Diese beglückende Botschaft, die der arme Diener der schwachen Synagoge mit den reichen Fürsten der mächtigen Kirchen zugleich bekam, Wurde in die edelste Tat umgesetzt. Am 30. Mai 1919 vernahm ich anläßlich meiner Audienz aus dem Munde des einzig liebenswürdigen, durch und durch demokratisch gesinnten Regenten, unseres jetzigen Königs, die bedeutsamen, goldenen Worte: „Unsere Hebräer (die Serben gebrauchen nur dieses Wort, die Ausdrücke Jude oder Israelit sind ihnen unbekannt) zeichneten sich während des Krieges sowohl an der Front, wie im Hinterlande besonders aus". Seine Güte gestattete die Veröffentlichung dieser Allerhöchsten, uns zum größten Lob gereichenden Aeußerung. Seine besondere Huld wurde dem Oberrabbiner der Beograder sephardischen Gemeinde, Dr. Isak Alkalay, der sich während des Krieges unvergängliche patriotische Verdienste erwarb, in reichem Maße zuteil. Der Schüler der Wiener theologischen Lehranstalt wurde mit dem höchsten Orden ausgezeichnet und zum Landesrabbiner Jugoslawiens ernannt Eine große Ehretfür unsere Konfession, eine gewaltige Auszeichnung für den Rabbinerstand, dessen Interessen er als Vorsitzender des Rabbinerverbandes zu wahren günstige und glückliche Gelegenheit hat. Im neugegründeten Königreiche S. H. S. konnte der verdienstvolle Vorsteher der jüdischen Gemeinde Osijek, Dr. Hugo Spitzer, seinen alten Plan verwirklichen und einen Gerneindebund gründen. Leider sind meine Befürchtungen zur schmerzlichen Wirklichkeit geworden. Seine wohlgemeinte Aktion rief bei einigen Orthodoxen der Vojvodina naturgemäß eine Reaktion hervor, sie gründeten einen von der liberalen Regierung genehmigten orthodoxen Verband. Während wir früher das Glück hatten, offiziell ein einheitliches Judentum zu sein, haben wir nun zum Malheur zwei Judentrümmer. Alexander v. Humboldt über — Judentaufes. Von Friedrich dem Großen stammt das schöne Wort: „In meinen Landen soll jeder nach seiner Fasson selig werden können", aber deshalb hatte dieser Freund Voltaires doch nicht die hohe geistige Unbefangenheit, selbst einem Moses Mendelssohn, den die Akademie der Wissenschaften zu ihrem Mitgliede erwählt hat, in dieser Würde zu bestätigen Der jüdische Welt weise tröstete sich hierüber allerdings mit den Worten: „Mir ist lieber, daß die Akademie mich wählte und der König mich aus der Liste strich, als wenn der König mich vorgeschlagen und die Akademie meinen Namen gestrichen hätte." Auch ein späterer Hohenzoller auf dem preußischen Königsthrone, Friedrich Wilhelm IV.. konnte sich noch schwer überwinden, seine Zustimmung zur Wahl des berühmten jüdischen Mathematikers Rieß in die Akademie zu erteilen; Alexander v. Humboldt war es, der den König bewog, seine Unterschrift auf die Bestätigungsurkunde zu setzen. Der geniale Mann, der sich im hohen Alter noch glücklich pries, einst zusammen mit seinem Bruder Wilhelm v. Humboldt Mendelssohns Umgang und Belehrung genossen zu haben, hat zeitlebens in Schrift und Wort nicht nur für die Emanzipation der Juden gekämpft, sondern auch seiner Verehrung für die Geschichte und die Ethik des Judentums Ausdruck verliehen. Wie aber Alexander v. Humboldt über den Abfall eines Juden von seinem angestammten Glauben dachte, darüber belehrt uns ein überaus interessanter Brief, den er vor etwa 70 Jahren an einen jungen jüdischen Gelehrten in Wien, Namens Dr. Emil Low richtete. Der Brief hat folgenden Wortlaut: "Verehrter Herr! Zu meinem tiefsten Bedauern ist es mir erst heute möglich, Ihre schöne, sympathisierende Zuschrift nebst Büchlein zu beantworten. Sie sind unstreitig im Rechte, wenn Sie die Poesie der Hebräer das* intensiv Beste aller morgenländischer Naturpoesie nennen, und in dieser Hinsicht hat Ihr Büchlein den richtigsten Weg eingeschlagen, was mir um so lieber ist, als die Hauptresultate derselben mit meiner eigenen, durch jahrzehntelange Erfahrungen gewonnenen Resultaten wesentlich übereinstimmen. Ich bitte Sie noch, die Stelle in meinem „Kosmos" gebührend zu bedenken, die sich in Band II, Seite 44, befindet. Es ist ein charakteristisches Kennzeichen der Naturpoesie der Hebräer, daß als Reflex des Monotheismus sie stets das Ganze des Weltalls in seiner Einheit umfaßt, sowohl das Erdenleben als die leuchtenden Himmelsräume. Sie weilt seltener bei dem Einzelnen der Erscheinung, sondern erfreut sich der Anschauung großer Massen. Die Natur wird nicht geschildert als ein für sich Bestehendes, durch eigene Schönheit Verherrlichtes; dem hebräischen Sänger erscheint sie immer in Beziehung auf eine höher waltende, geistige Macht. Die Natur ist ihm ein Geschaffenes, Angeordnetes, der lebendige Ausdruck der Alltgegenwart Gottes in den Erscheinungen der Sinnenwelt. Deshalb ist die lyrische Dichtung der Hebräer großartig und von feierlichem Ernst. In betreff nun des zweiten Teils Ihrer liebwerten Zuschrift, tut es mir unendlich wehe, Sie in einem so schweren Seelenkampfe zu wissen, der gleich schädlich Ihren Lebenszielen, wie Ihrem menschlichen Bewußtsein sein muß,. Um alles aber möchte ich Sie von dem Schritte abraten, Ihre R e- 1 i gion, noch die mit den Forschungen objektiver Wissenschaft am leichtesten zu vereinbarende, mit der in Ihrem Lande dominierenden „Trinitas" zu vertauschen. Harren Sie aus bei Ihren Brüdern, die einen so merkwürdigen Märtyrergang dluirch die Jahrhunderte vollbracht haben und jetzt an der Schwelle ihrer Freiheit stehen. Wildinen Sie der Geistesarbeit Ihrer tausendjährigen Geschichte Ihre Kräfte und Ihren Geist; der Erfolg kann und wird nicht ausbleiben, und die Resultate, die Sie, junger Freund, aus dem Schachte freier Wissenschaft erringen, werden Sie für so manche trübe Erfahrung der nebelgrauen, vor Anbruch des lichten Freiheitsmorgens stehenden Gegenwart trösten und beruhigen. Alexander v. Humboldt.