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Die Wahrheit · 1925-08-28 · Heft 34 (28.8.1925) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 34 (28.8.1925)
Date
1925-08-28
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 34 DIE WAHRHEIT Seite 5 dem nur Mangel an Verecundia, größer als ihn die diebischen Einbrecher in die Weimarer Fürstengruft an den Tag legten. Denn diese haben die Särge Schillers und Goethes ihres Metallschmucks beraubt, aber sie haben — zum Unterschied von Ottokar Stauf v. d. March — sich nicht an der Geistigkeit der großen Toten vergriffen, um sie zu schänden . . . Dr. Hugo Spiegier. Die Juden in Jugoslawien. Von Oberrabbiner Dr. Julius Diamant, Vukovar. Am 29. Oktober 1918 beschloß das kroatische Parlament (Sabor) die vollständige Trennung und gänzliche Losreißung Kroatien - Slawoniens von Ungarn und Oesterreich. Am 1. Dezember erfolgte von seiten des damaligen Regenten Alexander als Vertreter seines greisen Vaters Peter des Großen und des Befreiers, wie ihn-das dankbare Gesetz benannte, die feierliche Erklärung, daß die Dynastie Karagjorgjevic die Herrschaft über alle Jugoslawen übernimmt. Mit dieser feierlichen Erklärung wurde der Staat Jugoslawien, oder das Königreich S. H. S. (Srba, Hrvacka, Slovenskä, d. h. der Serben, Kroaten und Slowenen) geschaffen. Es besteht aus Altserbien, Mazedonien, Montenegro (früher ein selbstständiges Königreich), Bosnien und der Herzegowina (die von der Doppelmonarchie annektiert wurden), Dalmatien (das de jure zu Ungarn, beziehungsweise Kroatien gehörte, tatsächlich jedoch von Oesterreich verwaltet wurde), Kroatien und Slawonien (die mit Ungarn die Länder der Heiligen Stephanskrone bildeten), Slawonien (ein Teil des Kaisertums Oesterreich), der Vojvodina (Teile der ehemaligen ungarischen Backa, Banat und Baranya) und der Murgegend (die ebenfalls zu Ungarn gehörte). Montenegro hat für uns vom konfessionellen Standpunkte gar keine Bedeutung, denn die Zahl der auf dem Gebiete der „Schwarzen Berge" wohnhaften Glaubensgenossen beträgt nach Angabe der letzten Statistik — 17 Seelen. In Dalmatien wohnen auch nur 322 jüdische Seelen und hat heute keine einzige Kultusgemeinde, während vor Jahrhunderten Split (Spalato) und Dubrovnik (Ragusa) in unserer Geschichte eine Rolle spielten. Gering ist die Zahl der Juden auch in Slowenien, das über eine Millionen Einwohner hat, in welchem jedoch bloß 964 Juden zerstreut leben, ohne eine geregelte Kultusgemeinde. Trotz der so geringen Zahl der Juden ist die fast ausschließlich katholische Bevölkerung antisemitisch (um das übliche, aber unzutreffende Wort zu gebrauchen) gesinnt. Ein trauriger Beweis dafür, daß die Seuche auch dort Nährboden findet, wo die Juden nicht in Massen wohnen. Altserbien hat an 6000 Juden vornehmlich in der Hauptstadt Beograd (Belgrad), wo eine große sephardische und eine aschkenasische Gemeinde besteht. Die Zahl der in Mazedonien Lebenden ist fast so groß, nur sind diese sephardischen Glaubensbrüder kulturell und wirtschaftlich sehr zurückgeblieben. Ueber 12.000 größtenteils Sephardim wohnen in Bosnien und der Herzegowina, die weitaus größere Hälfte in Sarajevo mit ebenfalls zwei Gemeinden. Die Zahl der Juden, die im früheren Ungarn lebten, ist etwas über 20.000. Ihre Großgemeinden Subotica (Izabadka) und Novisad (Neusatz) haben nicht nur herrliche Gotteshäuser, sondern aiuch blühende Institutionen. Die größte Zahl der Juden — über 22.000 — und die meisten Kultusgemeinden — 22 — hat Kroatien. Die Zahl der Juden des ganzen Königreiches dürfte an 70.000 betragen, somit ungefähr 40 Kultusgemeinden und 19.000 Kultussteuerzahlenden, Die Statistik des Gemeindebundes verzeichnet 111 Kultusgemeinden, 76 aschkenasische und 35 sephardische. Die überwiegend größere Hälfte verdient jedoch nicht diese Benennung, denn sie besteht aus Miniatur- oder Karrikaturgemeinden, deren Kriterium der „Rausch-HakohoP bildet. Ein ambitiöses Mitglied einer kleinen jüdischen Gemeinschaft will unbedingt eine Spitze erklimmen, dazu eignet sich am leichtesten und sichersten die Gründung einer „selbstständigen" Kultusgemeinde. Sie hat zwar keine Institutionen, um religiöse Bedürfnisse zu befriedigen, manchmal nicht einmal einen Schächter, ist jedoch in der angenehmen Lage, Ehrgeizigen Aemter und Würden zu verteilen. Die größte Kultusgemeinde ist in Zagreb (Agram), an deren Spitze heute Männer stehen, die für unsere Bedürfnisse Herz und Verständnis haben. Vor drei Monaten ist ihr greises religiöses Oberhaupt Dr. Hosea Jacobi nach einer segensreichen Tätigkeit von mehr als einem halben Jahrhundert heimgegangen. Die Seelsorge wurde dem bewährten und tüchtigen Rabbiner und Professor Dr. Gaoro Schwarz anvertraut, dessen Wirken zu den schönsten Hoffnungen berechtigt. Die Juden gehören besonders in der Vojvodina und in Kroatien zur wohlhabenden Klasse der Bevölkerung und betätigen sich vornehmlich aiuff dem Gebiete desHandels. Die Gleichberechtigung undGleichstellung besteht nicht nur in der Theorie und auf dem Papiere, sie äußert sich auch in der Praxis, in der Wirklichkeit. Die tatsächlich günstige Lage der Juden in Jugoslawien ist allerdings nur relativ zu bewerten. Auch bei uns ist die Zugehörigkeit zum jüdischen Stamm und zu jener Religion, welche der Menschheit die Bibel und die Propheten schenkte, nicht die vorzüglichste Empfehlung. Unser Parlament hat kein einziges jüdisches Mitglied, denn unser allgemeines, geheimes Wahlrecht berücksichtigt das territoriale System und die jüdischen Stimmen bilden überall eine nicht ausschlaggebende Minorität. Auf der Kandidatenliste der großen liberalen politischen Parteien begegnen wir zwar Juden, aber nicht an führender Stelle. Um einen Posten im diplomatischen Dienst, im auswärtigen Amte, würde sich auch der befähigteste Jude vergeblich bemühen, die Lehrkanzel an einer Hochschule wird ihm ebenfalls unzugänglich gemacht. In anderen Zweigen des Staatsdienstes können sie sich jedoch mit Erfolg betätigen. Das schönste Beispiel der Toleranz liefert Seine Majestät unser König. Einer seiner Hofärzte ist Jude. Er hält sich strenge an das hohe Prinzip der Gleichheit seiner Untertanen. Nach der Gründung unseres Staates erhielt der Schreiber dieser Zeilen als Oberrabbiner von Syrmien folgendes Telegramm: „Tief rührten mich Ihre aufrichtigen Glückwünsche, die Sie an Meinen Erhabenen Vater Sr. Majestät den König Peter und an Mich richteten, anläßlich des historischen Ereignisses der Vereinigung unseres ganzen dreinamigen Volkes der Serben, Kroaten und Slowenen

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