Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 34 (28.8.1925)
- Date
- 1925-08-28
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 4 DIE WAHRHEIT Nr. 34 Tüeodor Herzl, der — Antisemit. Man kann Theodor Herzl von den verschiedensten Standpunkten aus zu würdigen und zu kritisieren suchen, als Meister des klassischen Feuilletons, als Bühnendichter und als Begründer des modernen Zionismus. Einem teutonischen Federhelden ist es aber vorbehalten geblieben, dem Bild dieses großen Juden noch eine ganz neue Seite abzugewinnen: er reiht ihn unter die Propagandisten für dieHeilslehre des Antisemitismus ein. Dieser kühne Entdecker heißt 0 11 o k a r Stauf von der March. Oder richtiger gesagt: er heißt nicht so; er nennt sich bloß so, was den unschätzbaren Vorteil für ihn hat, daß seinen Adel auch die österreichische Republik nicht abschaffen konnte, weil er von jeher nur in dem imaginären Reiche der Träume vorhanden war, über das unserem adelsfeindlichen Staate nach dem Friedensvertrag von St. Germain keinerlei Hoheitsrecht zusteht. . . . Dagegen ist Ottokar Stauf v. d. March Herr und Gebieter in diesem luftigen Reiche, denn er ist ein D i c h t e r. Die breitere Oeffentlichkeit bekam seine Poesie allerdings nur dann zu Gesicht, wenn sich ein Käsehändler des Papieres, das durch die Staufsche Muse in Makulatur verwandelt worden war, erbarmte und der darauf prangenden Lyrik durch Einwickeln seiner duftenden Ware erst köstlichen Gehalt verlieh. Fühlte sich der Käufer nach dem Genuß des Käses noch nicht ganz satt, dann brauchte er nur die Staufschen Verse auf der Hülle zu lesen, tun den Appetit restlos auf einige Tage zu verlieren . . . Nur der Dichter selbst wurde von seinen Werken nicht satt und so kam er auf die Idee, einmal ein Buch auf den Markt zu werfen, von dem er sich einen größeren Erfolg versprechen durfte, als von seinen früheren, weil es — nicht von ihm war . . . Es enthält nämlich nur eine „Sammlung jüdischer und nichtjüdischer Aussprüche", führt den Titel „Die Juden im Urteil der Zeiten" und erschien im Deutschen Volksverlag, München. Der Zweck dieser Zusammenstellung ist der, zu zeigen, daß Ottokar Stauf v. d. March mit Schopenhauer, Richard Wagner und anderen anerkannten Genies von einem geistigen Band umschlossen wird, nämlich dem des Antisemitismus! Herr Ottokar Stauf v. d. March ist nämlich Rassenantisemit. Das hindert ihn aber nicht, in seinem Buche auch Juden das Wort zu erteilen, freilich nur, um das Urteil, das Herr Ottokar Stauf v. d. March über ihre Rasse intuitiv gefällt hat, zu bestätigen. Und das tun erstaunlich viele, die sich's nie hätten träumen lassen, daß sie mit den Ausgeburten ihrer orientalischen Phantasie das Buch eines rassenstolzen Teutonen würden füllen dürfen, selbstverständlich, ohne um Erlaubnis gefragt worden zu sein und für ihre Beiträge ein Honorar zu erhalten. Das Geld steckt der germanische Idealist selber ein. Denn ein Buch, das ihm nichts einträgt, hätte er ja allein verfassen können, dazu hätte er es nicht nötig gehabt, sich mit fremden, zum Teil sogar rassefremden Federn zu schmücken! So aber hat er die größten Geister ohne Unterschied der Rasse und des Glaubens zur .unfreiwilligen Mitarbeit herangezogen, um seinem Werke Glanz und Anziehungskraft auf die Käufer zu verleihen. Diese materielle Ausbeutung jüdischer Denker ist aber noch lange nicht das Aergste. Viel schlimmer ist ihre ideelle Vergewaltigung. Denn unter den angeführten Juden sind zwar einige, wie z. B. Otto W e i n i n g e r, die bewußt judenfeindlich geschrieben haben, wenn auch aus einer anderen Geistigkeit heraus als Herr Ottokar Stauf v. d. March. Aber mit solchen begnügt sich dieser nicht. Er stempelt vielmehr auch solche Juden zu Kronzeugen des Antisemitismus, deren ganzes Lebenswerk durch eine solche Auffassung aufs frivolste besudelt und in den Kot gezerrt wird. Schopenhauer und Weininger haben den Juden unter anderem die „Verecundia" abgesprochen, das ist die Fähigkeit, vor Personen und Dingen, die anderen heilig sind, Ehrfurcht zu empfinden. Der antisemitische Verehrer von Schopenhauer und Weininger liefert nun einen grotesken Beweis für die Existenz deutsch-arischer Verecundia, indem er sogar den Mann, den jeder Jude — er mag national oder religiös eingestellt sein — nur mit höchster Ehrfurcht nennt, weil sein Name ihm als Symbol der neuerwachten jüdischen Würde heilig ist, zu seinen schmutzigen Zwecken mißbraucht. Er erkühnt sich, auch Aussprüche Theodor H e r z 1 s in den Dienst seiner antisemitischen Propaganda zu stellen! Diese Idee ist so skurril, daß sich die Empörung über eine solche Leichenschändung unwillkürlich in befreiende Heiterkeit auflöst. Der arme Tropf, der diesmal mit Schere und Kleister einem Erfolg nachjagt, der seiner Feder bisher versagt blieb, verdient gar nicht ernstgenommen zu werden und sei hier nur als ein Zeuge für die Art, wie die antisemitische „Literatur" unserer Tage zustande kommt, deutlicher, als es seiner Bedeutung zukommt, in die Sonne gestellt. Ottokar Stauf v. d. March zog einst gegen das Judentum mit dem Schlachtruf: „Die Waffen hoch!" (Titel eines seiner Werke) aus. Heute stiehlt er sich die Waffen, da sich seine eigenen als stumpf verweisen, zusammen, wo er sie findet. Und im Finden ist er — das muß man ihm lassen — wirklich genial. So fand er ein brauchbares Herzl-Wort in der „Jüdischen Zeitung" von 1890, obwohl die „Jüdische Zeitung" erst im Jahre 1906 zu erscheinen begann . . . Und das so „Gefundene" verwendet er geschickt für seine Zwecke. Das ist allerdings nicht so schwer, wie es aussieht. Denn ein aus dem textlichen Zusammenhang gerissenes Zitat kann man jeder beliebigen Deutung zuführen, auch der, die der Weltanschauung seines Schöpfers und der Tendenz des Werkes, aus dem es stammt, polar entgegengesetzt ist. Wenn man jemandem, der von L e s s i n g nichts weiß, nur die Aussprüche des Patriarchen von Jerusalem vorliest, wird er „Nathan den Weisen" für ein antisemitisches Tendenzstück halten. Auf diese Weise kann man Bismarck als Deutschenhasser und Voltaire als einen katholischen Missionär, Tolstoi als alten Teppen und Ottokar Stauf v. d. March als einen genialen Dichter hinstellen — warum, also nicht Theodor Herzl als Antisemiten? Dazu gehört keinerlei Genie, son-