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Die Wahrheit · 1925-08-28 · Heft 34 (28.8.1925) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 34 (28.8.1925)
Date
1925-08-28
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 34 DIE WAHRHEIT Seit e 3 zwar aus „nationalen" Gründen zu vereiteln, bekämpfen werden. In der Tat sind, abgesehen von den sonstigen politischen und religiösen Gegensätzen, welche auf dem Kongresse zum Ausdrucke kamen, gerade diese zwei Richtungen hart aneinander geraten und die Debatten, welche bei dieser Gelegenheit abgeführt wurden, gewähren dem objektiven Beobachter einen deutlichen Einblick in die Methoden, mit welchen diese beiden Hauptrichtungen auch sonst zu arbeiten pflegen. Auf der einen Seite findet man eine weitblickende, auf dem Boden der Tatsachen stehende und ihrer Verantwortung voll bewußte Politik, die von dem Gedanken durchdrungen ist, daß ein Land nicht durch hochtrabende Worte und schön klingende Phrasen, sondern nur durch Eintracht, Zähigkeit und Ausdauer aufgebaut werden kann,, auf der anderen Seite sehen wir etwas, das man nicht als Politik, sondern bestenfalls als Demagogie bezeichnen könnte. Denn durch Temperamentsausbrüche werden die historisch-politischen Gegebenheiten nicht aus der Welt geschafft, und Schlagworte können, mögen diese noch so hell auflodernde Begeisterung in den Gemütern politisch unreifer Menschen hervorrufen, niemals die Mittel herbeischaffen, welche für ein so großes und schweres Werk notwendig sind. Deshalb ist es als günstiges Vorzeichen für den Aufbau Palästinas anzusehen, wenn sich, insbesondere unter dem Eindrucke der überzeugenden Schlußausführungen Prof. Weizmanns, auf diesem Kongreß die Voraussetzungen dafür ergeben werden, innerhalb der kommenden zweijährigen Funktionsperiode an die Erweiterung der Jewish Agency heranzutreten, und es ist wahrscheinlich, daß bis zum nächsten Kongresse die Heranziehung auch der nichtnationalen Juden für die Zwecke des Palästinaaufbaues bereits greifbare Gestalt angenommen hat. Die andere Seite, Von Dr. Rudolf Schwarz-Hiller. Als sich bereits die Oeffentlichkeit der ganzen Welt über die Verpreußung der Wiener Kultur, über die sonderbare Handhabung der Gastfreundschaft in Wien sowie über die mehr als sonderbaren Exzesse der einheimischen und importierten Helden in den Wiener Straßen mokierte, fand es die Leitung der Genfer Partei denn doch für geraten, irgend etwas zu tun und zu erklären und mit aller Macht die Schmach und Schande der verübten Roheiten von sich abzuwälzen; und so kam jenes rabulistische Communique zustande, welches die Wiener Morgenblätter vom 20. August 1925 veröffentlichten. Durch mehr als ein halbes Jahr hindurch wurde in Wien in verstärktem Tempo aufgehetzt und aufgereizt. Das Hauptorgan der christlichsozialen Partei tat in dem Reigen jener Parteiblätter, welche lediglich durch einen rüden Radikalismus ihre Existenzberechtigung zu erweisen vermögen, wacker mit. An den Demonstrationen und Ausschreitungen nahmen christlichsoziale Parteigänger in großer Anzahl teil. Inwieweit „offizielle Organisationen der Wiener christlichsozialen Partei" oder offizielle Organisationen der christlichsozialen Partei innerhalb Wiens bei den Exzessen engagiert waren, können Außenstehende begreiflicherweise schwer beurteilen. Die Ausrede auf die „andere Seite" wird aber wohl bei niemandem überzeugend wirken. Die Regierung hatte es zweimal in der Hand, die Abhaltung des Zionistenkongresses in Wien nicht zu gestatten. Hätte sie die Abhaltung dieses Kongresses in Wien verboten, so wäre die Haltung der Regierung einwandfrei gewesen, hatte sie aber die Abhaltung des Kongresses einmal oder mehrere Male ausdrücklich gestattet, so war sie verpflichtet, ihre Zusage ganz und ohne Einschränkung einzuhalten. Diese altösterreichische Art des Schaltens mit geheimen Verschaltem ist weder anständig noch würdevoll. Es ist unwahr, daß die Straßenexzesse auf eine tiefgreifende Erregung der Wiener Bevölkerung zurückzuführen sind. Von einer „tiefgreifenden Erregung" der Wiener Bevölkerung war auch während der häßlichen Exzesse nichts zu verspüren, ebenso wenig wie während der vor längerer Zeit im Wiener Stadtpark stattgefundenen planmäßigen Exzesse. Die Wiener Bevölkerung, die mit Recht wegen ihrer Liebenswürdigkeit und Menschlichkeit weltberühmt ist, hat weder bei diesen Exzessen noch bei den Stadtparkexzessen mitgetan oder sich tiefer erregt. Diese Exzesse sind auf ausländischen Einfluß zurückzuführen, sind auch sicher mit ausländischem Gelde arrangiert und von einer ganz kleinen Minorität planmäßig, mit kühler Ueberlegung und nicht in tiefer Erregung in Szene gesetzt worden. Die tiefe Erregung wurde nur von den Führern und Presseleuten dieser Bewegung markiert. Als Ursache der tiefen Erregung wird zuerst seit vielen Wochen der Zionistenkongreß bezeichnet Als dieses Argument schließlich peinlich und lächerlich wirkt, wird die jüdische Wühlarbeit und Ueberhebung auf den verschiedensten Gebieten des öffentlichen Lebens herangezogen, gegen welche der Abwehrkampf nunmehr mit allen gesetzlichen Mitteln geführt werden soll, nachdem er sicher — argumentum ex contrario — mit allen ungesetzlichen Mitteln wie Scheibeneinschlagen, Gewalttätigkeiten usw. begonnen wurde. Von einer näheren Ausführung der zur Begründung des „Abwehrkampfes" rasch herbeigeholten Anwürfe wird in dem Communique ebenso abgesehen wie von einer näheren Bezeichnung und Charakterisierung der „unverantwortlichen Gruppen", bzw. der „anderen Seite". Dieses Communique ist wahrhaftig kein Meisterstück und seine Verfasser müssen darauf nicht übermäßig stolz sein. Das Communique ist unehelich, es ist sicherlich auch unter einem gewissen Zwange entstanden. Vielleicht hat bei Hinausgabe des Communiques und beim Abflauen des Skandals die Rebellion unter den schwer geschädigten Gewerbetreibenden mitgewirkt, die plötzlich erkannten, daß die rote Wiener Gemeindeverwaltung ihnen trotz der hohen Steuern den ruhigen Gewerbebetrieb viel mehr verbürge als die bürgerliehe Regierung mit ihren camelots du Roy (de Prusse) und der gefälligen, im Geheimen unterstützten „anderen Seite". Die Wiener haben im Jahre 1918 keine anständige Revolution gemacht, die Wiener haben auch für eine Revolution kein Talent und vor allem keinen Ernst. Das unnütze Zündeln und Spielen aber sollte man besser für eine Zeit aufheben, die nicht wirtschaftlich und politisch so trist ist wie die gegenwärtige.

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