Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 34 (28.8.1925)
- Date
- 1925-08-28
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 2 DIE WAHRHEIT Nr. 34 hang in jenen Kreisen ihrer Wählerschaft, die den Antisemitismus^ als einen nicht unwichtigen Programmpunkt der Partei betrachten. Haben die Weitblickenderen unter den christlichsozialen Politikern vor allem das Interesse des österreichischen Gewerbestandes im Auge, jener wahrhaft bodenständigen Bevölkerung, deren schwere wirtschaftliche Lage nur durch einen möglichst zahlreichen Fremdenstrom verbessert werden kann, so denken andere, wenn sie das Wort „bodenständig" gebrauchen, vor allem an jene Elemente, die den Wiener Boden ständig zum Schauplatz ihrer Ausschreitungen und Krawalle machen. Diesen inneren. Zwiespalt, der den Eingeweihten schon lang kein Geheimnis war, deckt das christlichsoziale Partei-Communique vom 19. August mit einem Schlage auf. In diesem heißt es wörtlich: „Der Antisemitismus der bodenständigen Bevölkerung richtet sich nicht gegen die nationalen Bestrebungen der zionistischen Juden, sondern gegen jenes Judentum, das durch seine Wühlarbeit auf kulturellem, seine Ueberhebung auf wirtschaftlichem und politischem Gebiet und die Ausschreitungen der von ihm geleiteten zügellosen Presse Moral und Wirtschaft unseres Volkes unter gräb t." Diese parteiamtliche Verlautbarung klingt wie eine Stelle aus irgend einem Flugblatt aus den ärgsten Zeiten der Luegerei, als der Antisemitismus der „bodenständigen" Bevölkerung von der damals noch kleinen christlichsozialen Partei geschützt wurde, um die politische Macht an sich zu reißen. Es ist gewiß sehr löblich, die Bestrebungen der nationalen Juden anzuerkennen und die zum Zionistenkongreß nach Wien gekommenen ausländischen Glaubensbrüder warm zu begrüßen, doch stellt es den Gipfelpunkt der Ironie dar, zwei Tage darauf in einem offiziellen Communique die Juden des eigenen Landes zu beschimpfen und ihre Tätigkeit als Wühlarbeit, Ueberhebung, Untergrabung der Moral hinzustellen. Die österreichische Judenschaft, deren Patriotismus und deren Verdienste um unseren Staat in dieser Weise gewürdigt wird, kann es nicht ruhig hinnehmen, daß man ihre Ehre in den Kot zerrt, um den tiefgehenden Riß innerhalb der Partei zu verkleistern. Wenn die genannte Partei „entschlossen ist" — wie es in dem Communique heißt — „die Führung dieses berechtigten (!) Abwehrkampfes mit allen gesetzlichen Mitteln fortzusetzen, dann ist die österreichische Judenheit gezwungen, mit der gleichen Entschlossenheit ihre Ehre und ihre Rechte mit allen gesetzlichen Mitteln zu verteidigen. Durch antisemitische Reden und Verlautbarungen aber werden die Herren Seipelianer weder die im Schwinden begriffene Gesinnungsbegeisterung neu erwecken, noch auch den anderen radikal-antisemitischen Parteien den Wind aus den Segeln nehmen. Der einzige Erfolg einer frisch, frei und fröhlichen Judenhetze wird der sein, daß das Vertrauen, welches Dr. Seipel seinerzeit im Auslande für unsere Republik erworben hat, einen schweren Schlag erleidet. Der Schluß dieses merkwürdigen Communiques mutet einem wie ein schlechter Witz an. Es heißt darin nämlich, daß die Parteileitung beschlossen habe, beim Polizeipräsidenten vorstellig zu werden, wie dies Altkanzler Dr. Seipel bereits getan hat, „um eine gleichmäßige Behandlung aller Staatsbürger'durch die Polizeiorgane sicherzustelle n." Wir glauben, daß sich die Behandlung, die die Polizei den „Staatsbürgern" (es waren auch fremde Staatsbürger unter den Demonstranten) zuteil werden läßt, sich ausschließlich nach ihrem Benehmen richten muß. Es scheint uns ausgeschlossen, daß diejenigen, denen der Schutz des Lebens und Eigentums aller, auch der christlichsozialen Bürgern unserer Stadt anvertraut ist, die Pflastersteine werfenden, Bänke ausreißenden und Fensterscheiben zertrümmernden „Staatsbürger" ebenso behandeln wie alle diejenigen, denen Ruhe und Ordnung die erste Bürgerpflicht ist. Nein, meine Herren Christlichsozialen, die Tragödie vom Montag, die sich auf der Wiener Bühne abgespielt hat, wird dadurch nicht wettgemacht, daß drei Tage nachher eine große Komödie aufgeführt wird, wenn auch die Parteitänze noch so gut arrangiert sind. Der Eindruck, den die letzten Wiener Vorgänge im Auslände hervorgerufen haben, wird hierdurch sicher nicht verbessert. * * * Wir haben uns im Vorstehenden bemüht, die Vorgänge, welche sich außerhalb des Kongresses abgespielt haben, näher zu beleuchten. Diese haben jedoch auf den Kongreß selbst*) keinen Einfluß ausgeübt und dieser tagte, gewissermaßen von einer hermetischen Mauer der Weltanschauung von der Außenwelt abgeschlossen, unbekümmert um die Vorgänge in seiner nächsten Umgebung. Unsere Stellungnahme zum Zionismus braucht nicht wiederholt zu werden, sie geht klar und deutlich aus der programmatischen Erklärung hervor, welche wir an die Spitze unserer Jubiläumsnummer gestellt haben und in welcher wir einen jüdischen Nationalismus ebenso entschieden abgelehnt als das schöne Werk des Wiederaufbaues des Heiligen Landes begrüßt haben. Von diesem Standpunkte aus begleiten wir die Verhandlungen des Kongresses mit großem Interesse, da wir die wichtigste Aufgabe dieses Kongresses darin erblicken, das ganze jüdische Volk im Zeichen des Wiederaufbaues von Erez Jisroel zu einigen. Es ist daher klar, daß wir die Bestrebungen der rührigen Exekutive und insbesondere des hervorragenden Präsidenten der zionistischen Weltorganisation Prof. Chaim Weizmann, die Voraussetzungen für eine Zusammenarbeit aller zionsfreundlichen Juden zu schaffen, ebenso unterstützen, wie wir die Versuche der sogenannten „radikalen Zionisten", die Einigung der Gesamtjudenschaft und *) Es ist uns natürlich unmöglich, auf die vielen Reden und sonstigen Vorgänge des Kongresses, in dessen Mitte wir beim Schreiben dieser Zeilen stehen, derzeit näher einzugehen und wir behalten uns deshalb vor, auf dasjenige, was die bisher abgeführte politische Debatte an Bemerkenswertem gebracht hat, in einem späteren Zeitpunkte ausführlich zurückzukommen ebenso auf die vielen wirtschaftlichen Fragen,"welche noch nicht ausführlich auf dem Kongresse behandelt werden konnten.