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Die Wahrheit · 1925-08-17 · Heft 32-33 (17.8.1925) · page 41

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 32-33 (17.8.1925)
Date
1925-08-17
Page
– (sequence 41)
Language
German
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Nr. 32/3S DIE WAHRHEIT Seite 37 Das Wiener Judentum besitzt eine Fülle hervorragender Gelehrter alter und neuer Richtung, sorgt ein Mäceii dafür, daß zur Thora auch das „Mehl", d. h. die sorgenfreie Ernährung sich geselle? In Wien leben und wirken jüdische Schriftsteller von Weltruf, allein ihre Federn widmen sie fast durchwegs fremden Themen und vermeiden es zumeist, das jüdische Leben zu beleuchten, weil ihre geistigen Produkte dann nur auf geringen materiellen Erfolg rechnen könnten. Und welchen Leidensweg hat erst eine jüdische Zeitung zurückzulegen! Wie sind nicht selten 40 Jahre ihres Bestandes ebemsoviele Jahre einer Wüstenwanderung, in der sie gleichsam nur durch Wunder, keinesfalls aber durch ausgiebige Förderung ihrer Anhänger und Nutznießer sich behaupten konnte. Und doch wie notwendig ist gerade in der Jetztzeit für den. Juden der jüdische Geist und das jüdische Wort! In keinem Hause, das mit dem Judentum, wenn auch nur lose, zusammenhängt, sollten drei Dinge fehlen: die Bibel, im Urtexte oder sei es auch in der Uebersetzung, die jüdische Geschichte und die jüdische Zeitung. Die beiden ersten als ewig fließende Quelle des Wissens, die letztere als -von Zeit zur Zeit erquickende Labung in der Gluthitze der Tageskämpfe. Die jüdische Zeitung ist notwendig für den Juden der Großstadt. Wenn er auf den Straßen und in Versammlungen beschimpfende Worte über die angebliche Minderwertigkeit der jüdischen Sitte und Sittlichkeit hört, die jüdische Zeitung erzählt ihm, welche hervorragenden Männer in allen Teilen der Welt uns angehören, sie sammelt einzelne Züge zu einem Gesamtbilde, bei dessen Betrachtung der jüdische Leser zur Ueberzeugung gelangt, daß ein Stamm, der solche Zweige und Früchte trotz ungünstiger Verhältnisse hervorbringen kann, gesund, kraft- und saftvoll in jeder Beziehung dasteht und von sich behaupten kann: „Gar viel verfolgten sie mich seit meiner Jugend, sie vermochten aber nichts gegen mich!" Die jüdische Zeitung ist notwendig füi den Juden auf dem Lande. Isoliert, vereinsamt, lebt er dort und als eine Auszeichnung betrachtet er es nicht selten, wenn ihn der Herr, Gendarm oder der Herr Sekretär durch eine Ansprache ehrt Er dünkt sich häufig ausgeschaltet) und verfemt, da langt die jüdische Zeitung ein und. er fühlt sich als ein Teil einer großen Gesamtheit, geborgen und geschützt, er weiß, daß sein Ruf um Hilfe und um Recht nicht ungehört verhaleln würde, daß ihm in der Not „ein Bruder erstehen würde". Die jüdische Zeitung braucht schließlich die heranwachsende Generation. Der jüdische Lehrling, der in der Werkstatt von höhnenden Zurufen empfangen wird, daß er nicht selten in sich den inneren Halt verliert, der jüdische Mittelschüler, dessen Lehrer aus der antisemitischen Pseudophilosophie Schlagworte in ihren Vortrag mengen und von einer vollwertigen und einer minderwertigen Rasse sprechen. Eine kurze Notiz über jüdische Geistesheroen, deren viele die Gegenwart zählt, widerlegt all diese Anwürfe, und der jüdische Jüngling, das jüdische Mädchen vertrauen auf die Zukunft ihres Volkes sowie auf ihre eigene. In der heiligen Schrift heißt es: „Nicht von Brot allein lebt der Mensch, sondern von all dem, was aus dem Munde Gottes hervorgegangen ist". Noch nie galt diese Mahnung so scharf wie in der Jetztzeit, da mancher Glaubensbruder über dem materiellen Brot das geistige zu vergessen scheint. i, Unsere Weisen meinten einst: Das Buch und das Schwert seien beide vom Himmel dem Menschen übergeben worden und das eine schließe das andere aus. Das Schwert hat lange zerstörend und verheerend gewütet. Möge wieder das Buch zur Geltung kommen! Möge das jüdische Buch und das jüdische Blatt, das jüdische Wort und der j-üdische Geist überall nicht bloß platonische, sondern auch materielle Förderung finden, möge das jüdische Publikum sich endlich aufraffen zur Pflichterfüllung gegen geistige Arbeiter und geistige Arbeit und so zur Ueberzeugung gelangen, daß es hierdurch nicht weni-g wirkt und beiträgt „für j udis che Interessen"» Die vorliegende Nummer ist 46 Seiten stark. Festgruß an „Die Wahrheit64. Von Schulrat Dr. Ii Pollak. Wenn ich aus dem gewohnten Stilleben und aus dem Otium, das mir noch manche freiwillig übernommene Pflichten auferlegt, heraus- und mit diesem Festgruß an „Die Wahrheit" hervortrete, so geschieht es, weil es mit ein aufrichtiges Herzensbedürfnis ist, dem jubilierenden Blatte meinerseits einen aufrichtigen Glückwunsch darzubringen. Denn dieses Blatt, das den Interessen des Judentums gewidmet ist, nimmt mit Fug und Recht im Kreise der jüdischen Wochenblätter eine achtunggebietende Stelle ein und hat zumal in» letzten Quinquennium einen großen Aufschwung genommen, was sich sowohl in dem regelmäßigen Erscheinen als Wochen blatt, als auch in der großen Verbreitung und Beliebtheit, deren es sich allenthalben erfreut, ausdrückt. Und dies dankt das Blatt der zielbewußten Leitung der Redaktion, sowie der großen Zahl bedeutender Mitarbeiter des In- und Auslandes, die ihre hervorragenden Fähigkeiten in den Dienst desselben stellen. Es berichtet von Ereignissen und Vorgängen in Bezug auf die Stellung der Juden, von den Gedanken und Stimmungen, die dadurch erzeugt werden, es berichtet von dem im religiösen, Gemeinde- und Volksleben vorhandenen Bewegungen, Stimmungen und Strömungen—kurz es gibt kein Gebiet jüdischen Denkens, Fühlens und Wollens, das nicht darin Berücksichtigung, keine Parteirichtung, die nicht die gebührende Achtung und Beachtung fände, da Meinung und Gegenmeinung im offenen Gedankenaustausche zu Worte kommen, und gerade dadurch klären sich Ansichten und Begriffe und führen auf dem goldenen Mittelweg zur „Wahrherit". Es muß dem Blatte ferner nachgerühmt werden, daß es das Hochbaimer des Judentums stets emporgeschwungen, dessen inneres Wesen zur Geltung zu bringen bemüht ist, daß es jeder Zeit für die leider so oft angegriffene Ehre des Judentums und für unsere heilige Lehre mannbar und mutig, entschieden und entschlossen e i n- und auch a u fgetreten ist, dabei aber immer einen gewissen vornehmen Ton und Takt bewahrt und damit ein großes Stück „Apologetik" geleistet hat, dessen Wort von Wert, dessen Urteil auch als ein solches allgemein gewertet wird. Und ein solches Wochenblatt ist auch ein Bedürfnis unserer Zeit; denn ein eigenes latum schwebte stets über dem Judentum und unserem Volke, das doch als erstes in Mitten der allgemeinen Finsternis des Altertums, der Gefangenschaft der Geister, die noch lange in Fesseln geschlagen waren, als Arm von dem großen Strome der Menschheit alle religiösen, geistigen und sittlichen Gefilde bewässert und befruchtet hat. Ja, das Judentum ist eine Religion des Lebens für das Leben, der Menschenfreiheit und Gleichheit, des Friedens aller Völker und Nationen. Und dies zur lebendigen Anschauung und Erkenntnis, weiter Kreise zu bringen, ist und war „Die Wahrheit" mit Ernst und Eifer stets mit Erfolg bemüht und wahrlich — sie hat darin noch viel, sehr viel zu leisten! Denn noch weit ist der Weg und groß der Kampf zu diesem Ziele. Denn traurige Anzeichen und Bilder steigen in der Gegenwart vor uns auf, es wurden und werden noch immer aus einer alten und — wie man glauben sollte — veralteten Rüstkammer neue Vorurteile als Waffen gegen uns geschmiedet; noch heute stehen — eine wahre Psychose vieler — Fanatismus und Menschenhaß einerseits, Religionshaß und Verfolgungswahn anderseits als unerschütterliche Schranke dem allgemeinen Gedeihen und der Entwicklung entyeyen. Und „Die Wahrheit" hat in Wahrheit rücksichtslos als K ä m p f e r i n, aber nie und nimmer als R u f e t i n irrt Streite sich bewährt und' bewiesen. Sie war auch nicht blind vor den Erscheinungen der Zeit, verschloß nicht ihr Ohr vor den Stimmen der Zeit, denn sie ging immer mit der Zeit und damit für die Zeit. Gotthold Salomons Prolog für die erste deutsche jüdische Zeitschrift enthält die Worte: „Wir treiben Gottes Werk und dulden mutig des Lebens Drangsal!" Dieses Wort gilt auch für dieses Blatt; es treibt Gottes Werk, des Gottes, der am Steuerruder der jüdischen Geschichte steht, sie leitet durch alle Fluten, Wellen und Wogen zum sicheren Hafen einstiger Elösung und Freiheit „Wir dulden murig des Lebens Drangsal!" Denn es gibt keine Wahrheit, die nicht erst erstritten, keine Erlösung, die nicht erst erkämpft werden muß Die Parole, unter der „Die Wahrheit" durch der Zeiten

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