Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 32-33 (17.8.1925)
- Date
- 1925-08-17
- Page
- – (sequence 42)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 38 DIE WAHRHEIT Nr. 32/33 Strömung und Flutung zog, war: vorwärts zum Gipfelpunkt der Kultur und der Menschheit, vorwärts in dem Bestreben, das Judentum als wahres Kulturelement der Menschheit zu ehren. Dazu aber gilt es, die Vergangenheit gründlich zu kennen, um uns mit der Gegenwart desto richtiger zu verbinden. Nicht Duldung ist es, nicht Toleranz, die wir von der Menschheit erwarten, wohl wissend, daß Duldung nur für Schwächliche erbeten werden muß. Nein, Gleichberechtigung und Ebenbürtigkeit mit der allgemeinen Gesamtheit, Mitwirkung an ihren großen Zielen, Mitbürgerschaft neben und unter ihr. Und in dem Wogen des heutigen Geisteskampfes kann schließlich doch nur Aussicht auf Sieg haben, der offen mit der Wahrheit als Schild und edlem Menschentum als Schwert dem Feinde sich entgegenstellt Dieser Standpunkt möge zum Heile und Wohle der Judenheit und Gesamtheit stets in diesem Blatte zum Ausdrucke kommen. Mögen dem Streben desselben stets neue Freunde und Gönner werden und neue Leser ihr zugeführt werden, denn es gilt die Forderungen der Zeit weise zu beachten und die Opfer und Anstrengungen, die sie verlangt, gerne mit zu übernehmen, um unseren hoffenden Blick desto getroster auf eine schöne Zukunft richten zu können. Das ist unser Glückwunsch dem Blatte, das da bleiben möge, was es bisher war und als das es sich durch so viele Jahre bewährt hat, die uns Leser alle anheimelnde und erfreuende, den Sabbattisch allwöchentlich schmückende und für das Judentum erziehende „W a h rh e i t." Das jüdische Blatt und sein Redakteur. Von Dr. Viktor Kur rein, Linz. Es ist ganz unterhaltsam, in alten Jahrgängen jüdischer Zeitschriften zu blättern. Nach Jahren und Jahrzehnten sind sie vielleicht wertvoller und interessanter als zur Zeit ihres Erscheinens. Man tut daher Unrecht, wenn man jüdische Zeitungen nach dem Lesen achtlos wegwirft. Man sollte sie aufheben und sammeln. Durch den zeitlichen Abstand von den Ereignissen und Dingen offenbart sich nämlich eine Eigentümlichkeit des jüdischen Blattes. Die großen Tageszeitungen der Allgemeinheit tragen im, Grunde etwas Unpersönliches an sich. Der Schreiber der Aufsätze und Artikel verschwindet hinter dem großen Format des Gebotenen, ohne daß in der Regel eine Bindung zwischen Autor und Leser im schlichten Sinne des Wortes eintritt. Redakteure kommen und gehen, die Zeitung bleibt bestehen. Sie läuft wie der Eisenbahnzug pünktlich und regelmäßig aus der Halle der Redaktion und ebensowenig ein besonderes Verhältnis den Fahrgast mit dem Lokomotivführer verbindet, so wenig tritt der Leser der Tageszeitung in eine Beziehung zu dem Schreiber der Aufsätze, die er liest, beifällig oder abfällig beurteilt. Anders liegen die Dinge bei der jüdischen Zeitung, die nach einem schönen Grundsatze regelmäßig als Sabbatlektüre in das jüdische Haus einzieht. Man liest die jüdische Zeitung mit einem gewissen Interesse in dem Schreiber der Aufsätze. So kommt es, daß das jüdische Blatt mit der Person seines Redakteurs aufs engste verbunden ist Es ist kein Zufall, daß viele jüdische Zeitungen zu erscheinen aufhörten oder aufhören mußten, als ihr Herausgeber von der Bühne des Lebens abtrat. Man kann die Wahrnehmung machen, daß die Zugkraft des Blattes auf das jüdische Leserpublikum erlischt, wenn es seinen Redakteur verliert. Diese Erscheinung veranlaßt uns, den Zusammenhang zwischen dem jüdischen Blatte und seinem Redakteur weiteren Kreisen vor Augen zu führen. „Die Wahrheit" feiert ein Jubiläum. Sie hat vier Dezennien, ein Menschenalter, gelebt. Um sie herum sind andere jüdische Blätter, die vielverbreitet, gut redigiert, gerne gelesen waren, leider ins Grab gesunken. Sie ist heute gottlob lebensfrisch und wird sich, wie wir wünschen, noch eines langen, glücklichen Lebens erfreuen. Das hängt aber erfahrungsgemäß gar sehr von ihrem Redakteur ab. Als ich einmal bei einer Generalversammlung eines großen jüdischen Wohlfahrtsheimes war und viele schöne Worte den Stiftern Und Spendern gesagt wurden, hatte der verewigte treffliche Salo Cohn aus Wien ersucht, doch , lieber den in dem Heime tätigen Arbeitskräften Dankesworte zu sagen, da ihre Arbeit den Betrieb erhält. Nach diesem ehrlichen Grundsatze soll man bei dem Jubiläum einer Zeitung der Arbeit des Redakteurs nicht vergessen. Der Wiener Prediger Jellinek hat in „Der jüdische Stamm" (I.. S. 51) den Journalisten analysiert und was er dort geschrieben, ist wert, daß es wiederholt werde. „Der Journalist muß lebhaft, beweglich, rasch, enthusiastisch, zersetzend, auflösend, kombinierend, zusammenfassend sein, muß in medias res eintreten, den Kern einer Tagesfrage, den Mittelpunkt einer Debatte vor Augen haben, muß in scharfen und markierten Umrissen seinen Gegenstand behandeln epigrammatisch, antithetisch, sententiös, in kurzen, schlagenden Sätzen ihn darstellen, ihm durch ein gewisses Pathos Leben, durch Esprit Farbe, durch Schärfe Witz verleihen..." Das ist viel, sehr Viel an geistiger Potenz und wenn Bismarcjc den Journalisten als den Mann, der seinen Beruf verfehlt hat, kennzeichnete, so hat er wahrscheinlich keinen Beruf gewußt, der den Mann so vielseitig in Anspruch nimmt Der jüdische Journalist ist aber nicht nur der Journalist des Judentums. Dieser muß noch ein Mehr von Fähigkeiten besitzen. Man denke nur an Männer wie Philippsohn, Brüll, Szanto, Bloch, Karpeles und andere, die hervorragende Kenner der jüdischen Wissenschaft und gleichzeitig auf allen Gebieten allgemeiner Bildung zu Hause waren. Eine ausgeprägte Liebe zu jüdischem Wesen und Leben ist die conditio sine qua non für den Redakteur eines jüdischen Blattes. Alles, was in der jüdischen Welt bis zu kleinsten Dorfgemeinde vorgeht, erregt sein Interesse. Er strebt nach der Bekanntschaft aller Persönlichkeiten, die unter den Juden Namen und Bedeutung haben, gewinnt Kenntnis von allen Vorgängen in Gemeinden und Gemeindestuben, richtet sein Augenmerk auf alle Richtungen. Parteien und Bewegungen innerhalb des Judentums, sieht Fortschritt oder Rückgang jüdischer Kul|us- und Wohlfahrtseinrichtungen, regt Neuerungen und SSf? besserungen an, tadelt Mängel und Fehler, rückt Familie^ ereignisse in das Licht breiterer Oeffentlichkeit, fördert$|ie , Kenntnis jüdischen Schrifttums und jüdischer Leistungen, ver- *• mittelt den Zusammenhang aller Ereignisse der großen Welt mit * der jüdischen Allgemeinheit, wehrt Angriffe ab, verbreitet Aufklärung und hält das Ehrenschild des jüdischen Namens bljffk und rein. Diese Aufgabe ist groß und wichtig, aber sie erfor^-vt eine ganze Persönlichkeit. Zieht man in Betracht, daß es '"tt&rh $ Journalisten im allgemeinen ergeht ähnlich „dem Mimen, dem * die Nachwelt keine Kränze flicht", daß seine Leistung und sein Ruhm meist kurzlebig und rasch vergessen ist wie der Zeitungsartikel selbst, so wird es gerechtfertigt erscheinen, bei dem Jubiläum einer jüdischen Zeitschrift von dem Blatte und seinem Redakteur zu sprechen. Wenn wir] der derzeitigen Leitungrrer „Wahrheit" Dank sprechen, so sei auch dessen, der sie bisprjor fünf Jahren geleitet hat, dankbar gedacht. Bauer hat sich d Srch sein Wirken große Verdienste um den Stand der jüdisijaen Beamten, insbesondere der Kantoren, erworben, so daß sein Name heute nicht ungenannt bleiben darf. Die jüdische Geschichte hat dem jüdischen Zeitungswesen bereits ein besonderes Kapitel eingeräumt und damit die Bedeutung desselben für die Entwicklung des Judentums gewertet. -Das jüdische Publikum als solches muß aber in den breitesten Schichten zu Erkenntnis gelangen, daß es in der jüdischen Zeitung einen wichtigsten Kulturfaktor besitzt, und die selbstlose — dieses Wort darf aus Erfahrung gesagt werden — Arbeit des Redakteurs, der um geringen materiellen Gewinn für das Judentum schafft und arbeitet, dadurch lohnen, daß in jedem jüdischen Hause wenigstens eine jüdische Zeitung gehalten und gelesen wird. Wie jeder gebildete Mensch eine Zeitung lesen muß, so muß auch jeder Jude ein jüdisches Blatt regelmäßig lesen. Dies bringe die Judenheit Oesterreichs der „Wahrheit" als Jubiläumsgabe. f! Vorbeter mit angenehmem Organ, mit sämtlichen Funktionen (Schacharis, Mussaf, Bal-Koreh, Bal-Tokea) bestens vertraut, empfiehlt sich für die hohen Feiertage für Wien oder Provinz. * Zuschriften an Adolf Landau, VIII., Stolzenthalerg. 11 J Werbet und die „Weit"!