Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 32-33 (17.8.1925)
- Date
- 1925-08-17
- Page
- – (sequence 39)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 32/33 DHE WAHRHEIT Seite 35 der Beeinflussung vieler. Ihre Aufgabe ist daher eine umfassende und wichtige. Sie ist Lehrerin und Erzieherin, sie .kann auf die geistige Entwicklung ungezählter Menschen entscheidenden Einfluß nehmen. Daher scheint .es notwendig, ihre Aufgaben und1 Pflichten zu beschreiben und zu umgrenzen. Eine Zeitung für die allgemeinen Interessen des Judentums hat in ihrem Titel schon diese Aufgaben und Pflichten genannt. Es gilt jetzt nur, diese allgemeinen Interessen des Judentums zu definieren, ins einzelste klarzulegen. Das erste Interesse der Leser einer jüdischen Zeitung in sachlicher Hinsicht scheint mir Informierung derselben über alles, was in der Gesamtheit der Juden, also in der Judenheit geschehen ist und geschieht und für das Wesen der Juden, also für das Judentum wertvoll ist. Wertvoll ist, was allgemein gültig und notwendig ist. Beide Adjektiva beziehen sich natürlich auf das gesamte Leben der Judenheit. Dieses manifestiert sich und wirkt sich aus in der materiellen Existenz unserer Brüder und Schwestern, in deren staatlichem, kulturellem und religiösem Erleben. Alle vier Lebensbeziehungen sind gleich wichtig. Ohne Sicherung des physischen Lebens gedeiht kein geistiges. Ohne staatliche Sicherheit erblüht kein^ Kultur und ohne Kultur ist keine Aufwärtsentwicklung und) ohne religiöse Beeinflussung und Regelung ist jedes Tun hemmungslos und daher ohne Wert. Eine jüdische Zeitung hat daher alle Beiauge des jüdischen Lebens sub specie aeternf zu beachten und stets davon den Lesern zu berichten und zu erzählen. Insbesondere soll sie über Geschehnisse und Vorgänge in den jüdischen Organisationen der1 Heimat stetig und ständig berichten. Wir sollen aus ihr erfahren, was und wie die Kultusgemeinden in Wien, St. Pölten, Graz, Innsbruck, Eisenstadt, Linz und Klagenfurt wirken und schaffen, wie sich in ihnen jüdisches Leben entwickelt, wie Erziehung, Unterricht und Kultus organisiert sind, wie für die physische und geistige Hebung der Jugend gearbeitet wird, wie die jüdische Fürsorge ist, die jüdische Lehre. Aber auch die kleineren Gemeinden des Bundeslandes sind in den Bereich dieser Berichterstattung zu ziehen und vor allem die zerstreuten jüdischen Ansiedler in kleineren Dörfern und Flecken. Sie sind besonders der Aufmerksamkeit unserer Zeitung empfohlen. Sie sind sonst dem Untergang preisgegebeTi. Ihre Kinder werden ohne jüdischen Unterricht und ohne jüdisches Leben bald Andersgläubige und die Namfen des Fürsterzbischofs Dr. Theodor Kolm von Olmütz, des Fürstbischofes! Dr. Kahn von Kärnten, des Direktors Df. Katz im Benediktinerstift St. Paul in Kärnten sind Beweise für. die vollständige Einreihungi solcher einzeln wohnender Juden, deren die andere Gesamtheit nicht achtet. Hier kann eine jüdische Zeitung Großes schaffen. Es bringt doch jüdische Kunde, jüdisches Leben in die vereinsamten jüdischen Häuser. Dann soll eine jüdische Zeitung alle jüdischen Blätter des Auslandes von London, Paris. New-York. Warschau, Rußland, Palästina usw. lesen und .daraus ihre Leser über die Vorkommnisse der ganzen Welt belehren. Das bildet und regt an. Es trägt zur eigenen Entwicklung bei und verhütet das Geben in alten Geleisen, eine leider bei uns' sehr sichtbare Erscheinung. Damit d. h. mit den geforderten zwei Berichterstattungen ergeben sich Stoffe zur Behandlung politischer, kultureller, religiöser und allgemeiner Fragen. Die Diskussion darüber soll von diesen berichteten Tatsachen ausgehen und eine wirkliche Diskussion werden. Keine Leitartikel, keine Monologe! Fachmänner sollen darüber sprechen mit Kenntnis der Tatsachen, geschult in kritischer Bewertung. Solche Art des Schrifttums wird fortdauernd Gutes erzeugen. In! der Form solcher Mitarbeit an einer jüdischen Zeitung wird neben Ernst auch Humor, Satire und Ironie aufscheinen, wird Belehrung und Unterhaltung gegeben sein. Eine solche Zeitschrift wird dauernd der Judenheit und dem Judentum nützen und ein dauerndes Andenken sich sichern. Möge unsere „Wahrheit" sich in diesem Sinne entwickeln! Halten Sie die Bezugsgebühr für das laufende Halbjahr schon bezahlt? Die Wahrheit. Von Oberrabbiner W. R e i c h, Baden bei Wien. In einer hirnrissigen Erzählung des Romantikers Achim v. Arnim wird eine jüdische Sage angeführt, deren Schlüsselpunkt das hebräische Wort Emes, zu deutsch die Wahrheit, ist. Es ist sehr verwunderlich, daß dieser preußische Junker, der mit der Judenheit nie eine persönliche Berührung hatte, derselben sogar feindlich gegenüberstand, obwohl er sie gar nicht kannte, sich zur Benützung einer jüdischen Legende herabließ. Seine Art in seiner ganzen literarischen Tätigkeit war es wohl, aus alten Scharteken deutsche Volkssagen zusammenzuklauben und aus ihnen romantische Bilder zu gestalten, auf denen er seine Erzählungen in phantastischer Form aufbaute, die in ihrem Wirrwarr sich würdig an die Spitze seines Vorbildes E. T. A. Hoff ma^n n reihten. Zu seiner Zeit war, so wie in der Gegenwart, das Deutschtum durch die napoleonischen Siege tief herabgekommen und es war das Streben, besonders das seinige, darauf gerichtet, das deutsche Volk literarisch zu purifizieren und hat1 auch der Judenhaß — wenn auch nicht so wie heutzutage — seine Rolle gespielt. Arnim hat sogar eine „Deutsche Tischgesellschaft" gegründet, deren erster Paragraph der Statuten lautete, daß kein Franzose und kein Jude in derselben aufgenommen werden dürfen. Obwohl in Berlin lebend, in welcher Stadt zu jener Zeit die literarischen Kreise in den jüdischen Salons eine prominente Rolle spielten, hat er doch immer den Verkehr mit Juden gemieden, wenn sie auch noch so hochstehend; waren. Umsomehr ist es zu verwundern, daß er eine jüdische Sage zum Mittelpunkt einer seiner Erzählungen machte. In Wirklichkeit kam er überhaupt zu derselben dadurch, daß er diese jüdische Legende aus einer Zeitschrift entnommen hat, welche von seinem Freunde Jakob Grimm herausgegeben wurde, wodurch er in der angenehmen Lage war, selbst die hebräischen Worte anführen zu-können, von denen er eigentlich keine Ahnung hatte. Die Erzählung führt den Titel „I s a b e 11 a von Aegypten" mit dem Untertitel „Kaiser Karl V. erste Jugendliebe"; es ist hier von dessen Prinzenzeit, die er in G e n H verlebt hatte, die Rede. Isabella von Aegypten ist die Tochter eines Zigeunerherzogs, der aus Aegvpten nach den Niederlanden kam und dort einen schmählichen Tod fand. Die zurückgebliebene Tochter, eine faszinierende Schönheit, aber voller Unschuld sollte nach dem Horoskop einer alten Zigeunerin, die sie betreute, durcW die Verehelichung mit einem Weltherrscher das vertriebene Zigeunervolk wieder in seine Heimat bringen. Prinz Karl sah sie und entbrannte in Liebe zu ihr. Auf ein kleines Alraunmännchen, welches sie stets begleitete, wurde er schrecklich eifersüchtig. Ein Freund des Prinzen hatte, um ihn von der Eifersucht zu heilen, die Idee, unterstützt von einem indischen Kabbalisten aus Gent, ein der Isabella ganz ähnliches Geschöpf durch Schaffung eines Golem dem Alrannmännchen anstatt der wirklichen Isabella zuzuführen. Hierüber schreibt Arnim folgendes: ..Diese Golems sind Figuren aus Ton nach dem Ebenbilde eines Menschen abgedruckt, über welche das geheimnisvolle, wunderkräftige Semhamohoras gesprochen wurde, auf deren Stirn das Wort Aemaeth. Wahrheit, geschrieben wird, wodurch sie lebendig werden und zu allen Geschäften *u gebrauchen wären, wenn sie nicht so schnell wüchsen. d?ß sie bald stärker als ihr Schöofer sind. So lange man aber ihre Stirn erreichen kann, ist es leicht, sie zu töten. Es braucht nur das A e von der Stirn ausgestrichen zu werden, so bleibt bloß das letzere maeth stehen, welches tot bezeichnet, und im Augenblick fallen sie wie ein trockener Ton zusammen." Wir sehen, daß diese Golemsage sich von der des hohen Rabbi Loew in Prag sehr unterscheidet. Aber jede Volkssage hat auch ihren inneren Kern, auf dem sie beruht. Es wird hiermit angedeutet, daß der Mensch, wenn er von der Wahrheit auch nur im geringsten abweicht, wenn auch nur e i n Buchstabe, und selbst der unscheinbarste wie hier das A1 i f, fehlt, solch ein Mensch nicht mehr wert sei als ein Golem, der wie ein Tonklumoeu in ein Nichts, in* einen Scherbenhaufen, in sich zusammenfällt. Unsere Weisen haben den hohen Wert der Wahrheit, aber auch den schweren Kampf, den sie zu führen hat, an