Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 32-33 (17.8.1925)
- Date
- 1925-08-17
- Page
- – (sequence 38)
- Language
- German
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Seite 34 DIE WAHRHEIT Nr. 32/33 Selbst an Sonntagen, wenn Bodenständige und Eintagsgäste den Kurpark überfluten," ist nicht nur dieser erträglich, sondern auch auf der „Moritzruhe" und unzähligen anderen Zufluchtswinkeln, ganz besonders in den stillumfriedeten Gärten ein Buen retiro gesichert. Der gedämpfte, beherrschte, liebenswürdige Ton der Biedermeierzeit, dessen Prägung Baden auf Schritt und Tritt verrät, widersteht noch immer dem Einbruch des dernier cri, den Vandalismus exotischer Geschmacksverwirrung, der einem sonst nahezu jeden Kurort verleidet. Man kann hier Musik genießen, ohne von früh bis abends Glatzköpfe wie Windlinge das Bein nach Rhythmen schwingen zu sehen, die eher an Tierstimmenimitation als an Kunst erinnern. Und das Wichtigste! Man kann in Baden — schlafen. Da lärmen keine Bars ohne Polizeistunde, da gröhlt keine übernächtige Jeunesse dor£e. Selbst die Hähne legen sich eine anerkennenswerte Rücksichtnahme auf und überlassen das Wecken gegebenenfalls dem Hausdiener oder Stubenmädchen. Wer halbwegs Glück hat, entgeht auch dem schnarchenden Zimmernachbar, in dem die Zimmer vielfach statt durch Türen durch veritable Wände voneinander geschieden sind. Kurzum ein Garten Eden. Und wenn auch hier nicht so weit wie in dem Originalparadies Modezwang ausgeschaltet ist — dem, der nach Baden kommt, um wirklich und gründlich auzuruhen, ist es ein Labsal, das hier von „Pflanz" nichts wahrzunehmen ist. Wer das Wien und Oesterreich von heute in seiner wahren Gestalt sehen will, der braucht nur die Bescheidenheit in Kleidung und Auftreten zu beobachten, mit der Baden gegenwärtig gegen andere Sommeraufenthalte und selbst gegen seine eigene Vergangenheit wohltuend absticht. Was hat nun aber dieses Idyll mit der „Wahrheit" und ihrem Jubiläum zu tun, dem ich ja einige Worte widmen wollte? Wenn ich Baden ein Paradies genannt habe, ein in allen Jahreszeiten willkommenes Nestchen zur Erholung .und Kräfteauffrischung, so darf ich dort nicht ganz die Schlange in diesem Paradies verschweigen. Das ist die Erinnerung an Wien. Nicht jeder kann doch dauernd in Baden bleiben. Um in Baden leben zu können, muß man doch ab und zu nach Wien bei Baden, um die Mittel dafür zu erschwingen. Und so nah dieses Wien auch bei Baden liegt, so wunderbar die Verkehrsmöglichkeiten, der Gegensatz der Stimmung ist doch wie der Wechsel des Klimas schon auf der Bahn zu spüren. So heftig in Wien die Geister und noch heftiger die Fäuste und Knüttel aufeinander prallen, so still und friedlich ist es in Baden. Wenigstens, soweit man sehen kann. Mit Sokrates muß man an dem Grundsatz festhalten: „Prügel, die ich hinter meinem Rücken bekomme, gehen mich nichts an." Aber wie eine Treuga Dei, wie ein Burgfrieden ist es über Baden gebreitet Auch die Parteien im Judentum vertragen sich hier, von allem Zwist im jüdischen Lager kann man hier ausruhen. Und das ist wohl der Grund, weshalb ich die „Wahrheit" hier mit erhöhtem Behagen genieße, sie paßt in diesem Rahmen. Unsere Alten sagten: „ben arboim lebhinoh". mit vierzig kommt man zur Vernunft. Auch die „Wahrheit" hat das Schwabenalter erreicht. Sie hat sich umsiohtlich ihren Standpunkt gewählt, einen Standpunkt über den Parteien. Ihn soll sie behaupten! Mitten im brausenden Branden erhitzter Parteileidenschaft soll sie eine Zuflucht bieten, allen, die Juden und nichts als Juden sein wollen. Sie bleiben das Baden in unserer Zeitungswelt, aber ein Baden ohne Schwefel, das heißt ohne Pech und Schwefel parteiwütiger Bannflüche, ein Dorado, in dem man mit innerstem Behagen Gott dankt! „Hier bin ich Mensch, hier darf ich's sein. Hier bin ich Jude und alle „Machlakot", hier dürfen sie mir nicht herein! Nachschrift. Daß „Baden" (vgl. Gaden bei Baden und Aden in Arabien) ursprünglich „B'eden" (d. h. in Eden) hieß, dürfen wir als bekannt bei allen denen voraussetzen, die aus Fabricius und anderen altösterreichischen Chronisten wissen, daß vor Jahrtausenden Abraham, der Stammvater der Hebräer, in Niederösterreich ein jüdisches Reich gegründet hat. Erinnerungen an jene semitischen Anfänge Badens erblicken wir auf der Badener Kurpromenade in der erwähnten ,.Moritz(!)-Ruhe" in den nach gut jüdischen Familien, wie Mauthner, Zöllner, Anninger u. a. benannten Wegen und Höhen. Auch daß man noch heute von der Kurmusik Werke von Brahms (offensichtlich verstümmelt aus „Abrahams", übrigens Brahms bekannter jüdischer Name, Anfangsbuchstaben von Ben R. Mosche Selig), von Beethoven (Beth Oven: ein biblischer Ort), von Händel (vergl. Hahn, Isak zum roten Hahn u. dgl.), von Strauß, von Bach und gar von Offenbach (!) usw. zu Gehör gebracht werden, weist auf das Alter und die semitischen Ursprünge der Badener Kultur hin. Als Abraham und die Seinen sich dann entschlossen, nach Palästina auszuwandern, wurde zunächst nach Wien ein „Kongreß" einberufen. Die Teilnehmer trugen ein Abzeichen, das in hebräischen Lettern das Wort h-k-n-g-r-z (= „Der Kongreß") aufwies, das im Lerchenfelder Dialekt ausgesprochen wurde als: Hakengraz (vgl. auch „Krätzer1). Die hochdeutsche Abwandlung läßt noch heute die Aussprache „Hakenkreuz" hören, womit auch die vielumstrittene Herkunft dieser historischen Erscheinung sprachgeschichtlich einwandfrei undunwiderlegbar erwiesen erscheint. Der Verf. Literatur und Journalistik Von Dr. Adolf Kapralik. „Körper und Stimme leiht die Schrift dem stummen Gedanken, Durch der Jahrhunderte Strom trägt ihn das redende Blatt." In seinem unvergleichlich herrlichen Gedichte „Der Spazier gang", diesem mit unerreichter Meisterschaft gezeichneten Bilde der Entwicklung der gesamten Kultur, charakterisiert Schiller mit dem obenstehenden Distichon die Bedeutung der Schrift und der Druckkunst für jene geistigen Schöpfungen, die wir im Begriffe „Literatur" im weitesten Sinne — wissenschaftliche und. schöne — zusammenfassen. Literatur im weitesten Sinne! Das ist der Inbegriff sämtlicher geschriebenen und gedruckten Werke der Völker. Dazu gehöxt jedes Dokument menschlichen Geistes, der sprachlich richtige und stilistisch abgerundete Bericht eines „Augenzeugen" über ein Ereignis, dem er beigewohnt, und ein Lehrbuch der Mathematik ebenso wie die poetischen Erzeugnisse großer Dichter und die wissenschaftlichen Systeme der Gelehrten. In der Regel jedoch faßt man den Begriff „Literatur" viel enger und versteht; unter ihm lediglich die poetische Literatur eines Volkes. So manche Literaturgeschichte behandelt neben den klassischen Meisterwerken der großen Dichter auch die allerbescheidensten Produkte theatralischer Schriftsteller und hat für die bedeutendsten wissenschaftlichen Werke keinen Raum. Soll aber eine Literaturgeschichte ihren Zweck erfüllen: nicht nur den Zeitgenossen, sondern auch der Nachwelt ein getreues Bild vom geistigen Leben einer Zeit zu liefern, so gehört ein ausführliches Kapitel über die jeweilige Tagespresse — und zu ihr zählen wir ja auch Wochen- und Monatsschriften — ' in ihren1 Rahmen. Es istl nicht richtig, daß die Tagespresse nur das enthält, was der Augenblick gebiert und derselbe Tag wieder verschlingt Wie vieles verdient festgehalten zu werden, ' ob auchi nur für den Tag geschrieben, doch weit über ihn hinausreichend und über das, was ihn bewegt! Aus wie vielen kurzen Darstellungen in knapper Form läßt sich nicht mehr Aufklärung und Belehrung schöpfen als aus so manchem dickleibigen Buche! Welch wichtiges Quellenmaterial für den künftigen Historiker! Und das soll E i n t a g s 1 i t erat u r sein? Mit nichten! Weit mehr gebührt dieser Tagesliteratur ein Ehrenplatz in der Kultur- und Literaturgeschichte als so manchem Bühnenwerke, und wenn es mit noch so rauschendem Beifall über die Bretter gegangen, die — längst nicht mehr die Welt bedeuten. Indem ich dies niederschreibe, denke ich an „D i e Wahrheit" und die vielen Beiträge wissenschaftlichen, religiösen, ethischen, kritischen Inhaltes,, die ich stets mit dem lebhaftesten Interesse gelesen habe. Und so beglückwünsche ich sie anläßlich ihres Jubiläums, sie und ihre Leitung auf das herzlichste. Möge sie fortfahren wie bisher Körper und Stimme zu leihen dem sittlichen Gedanken und mit unverminderter Kraft diesen durch der Zeiten Strom zu tragen! , Was wünsche ich von einer jüdischen Zeitung? Von Direktor S. Krenberg'er, Wien. Ein<? Zeitung ist die Mittlerin der Allgemeinheit zur Allgemeinheit, sie ist der Lautsprecher an hunderte und tausende Leser und Hörer. Sie unterrichtet über Geschehenes und belehrt über Gegenwärtiges und verkündig! Zukünftiges. Sie ist das Organ der Meinungen und_Ansichten