Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 32-33 (17.8.1925)
- Date
- 1925-08-17
- Page
- – (sequence 36)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 32 DIE WAHRHEIT Nr. 32/33 um. Befand er sich auf dem rechten Weg? Wo war das Dorf? Cr hielt sich die Hand schützend über die Augen und bemühte sich, den Horizont zu umfassen. Stand sein Fuß auf heimatlichem Boden? Er suchte nach den Bergen und Wäldern. Es war, als hätte ein Riese aus der Unterwelt sich ertiooen und Berge und Wälder auf die Schultern geladen und davongetragen. . . . Alles war kahl und platt geworden ringsum. . . . Ah, dort in der Ecke entdeckte Daniel ein paar sanfte Anhöhen und in einiger Entfernung ein paar Bäume, die man, wie zum Andenken, hatte stehen lassen. . . . Mit ihren höllischen Maschinen waren sie hergekommen, hatten die Wälder umgehauen und ausgerodet, die Berge abgetragen, die Täler verschüttet und alles gemacht, um darüber einen weißen, geradlinigen Damm hinaufzuführen, auf dem zwei Paar schwarzer Stränge liefen .... Und der Fluß? Wo war denn der Fluß hingeraten? . . . Dort lag er zwischen zwei strengen, harten Linien, ein schmales, steifes, gerade hingestrecktes Band; keine Weiden rauschten an seinen Ufern, kein Röhricht schaukelte sich über seinem Spiegel! . . . Daniel stand da und fühlte sich wie einer, dem man plötzlich etwas unendlich Teueres geraubt hat. Er war wie verwaist. Irgendein lebendiges Wesen, das ihn mit dieser Welt verband, war gestorben, begraben. Er hatte keine Heimat mehr. . . . Wildfremde Züge starrten ihm entgegen. . . . Was gingen ihn die Schienenstränge an, und dieser Eisenbahndamm, und die Telegraphenstangen und Barrieren, die alle zusammen wie eine schwächliche Nachahmung jener amerikanischen Herrlichkeiten erschienen, denen er entflohen war? . . . Eine Weile betrachtete er wirren Blickes die Gegend, dann brach er auf und fing an umherzustreifen; er wollte um jeden Preis sein Elternhaus finden oder wenigstens den Platz, wo es ehemals gestanden. Tm Lichte des Morgenrotes lief er umher. . . . Ah, da! muß es gewesen sein, da und nirgends anders. . . . Die Anhöhe war abgetragen, fast glatt wegrasiert. Ein schmuckes, zierliches Wächterhäuschen mit einem kleinen Vorgarten erhob sich auf dem flachen Plätzchen. . . . Daniels Augen suchen den Birnbaum, dessen zurückgebliebene Hälfte hier irgendwo in der Entfernung von einigen Schritten ragen mußte. . . . Daniel versuchte sich zu orientieren. Er fand die Spur des Steges, der durch den Garten zum Fluß hinunterführte. Der Gartpi war in eine Art Rasenplatz verwandelt und! feiri säuberlich in Parzellen eingeteilt. Daniel irrte suchend zwischen den Parzellen umher. ... Da ragte moosbedeckü aus dem Boden ein mächtiger Baumstumpf hervor, oben glatt, wie abgehobelt. . . . Der Stamm war verschwunden. ... In Daniels Erinnerung tauchte wie aus fernen Tiefen das topographische Bild auf. Es bestand kein Zweifel, das war der) einzige Rest des alten Birnbaumes. ... Daniel war es, als schnürte sich das Herz in seiner Brust zusammen. Er ließ sich auf den Baumstumpf niedersinken und saß da wie ein Trauernder, das Gesicht mit den Händen bedeckt Einige hundert Schritte weiter rollten die Eisenbahnzüge über die Schienenstränge dahin, wälzten Menschen und Tiere und Güter, rasselten, knatterten und pfauchten, die Lokomotiven sprühten Funken, spien Rauch und Dampf in die Höhe und erfüllten die Luft mit einem wilden Getöse. . . . In einiger Entfernung saß Daniel noch immer auf dem Baumstumpf, das Gesicht mit den Händen verhüllt. . . . Die Wandlung. Von Dr. Willy Cohn. Es war an einem -heiißenl Sommerabend. In jejtaem eleganten Kurbade des westlichen Deutschland fluteten die Menschen in angeregter Unterhaltung auf und ab. Die Musik spielte die üblichen Weisen, die man schon zu wiederholten Malen gehört hatte, die aber doch an so einem durchglühten Abend ihre Wirkung nicht verfehlten. Wenn man auf einer Bank der sogenannten Lästerallee sitzend, die Gesichtszüge der Auf- und Abpromenierenden musterte, so konnte man feststellen, daß sich unter ihnen zahlreiche Juden befanden. Legte doch der Jude durch die Tradition von Jahrtausenden einen besonderen Wert auf seine Gesundheit und hielt 'es für seine Pflicht, wenn sich irgendwie Schäden bemerkbar machten, bald vor die rechte Schmiede zu gehen. Wenn Vater und Mutter eine Kur nötig hatten, war es da nicht selbstverständlich, daß man dann auch die Kinder mitnahm? So tummelte sich eben auch in unserem Bade eine fröhliche Jugend beiderlei Geschlechtes. Wenn man auf die Unterhaltungen horchte, die zwischen den jungen Leuten geführt wurden, so konnte man bald verschiedene Gruppen herauserkennen..1 Da waren die einen, die ganz und gar aufgingen in den gesellschaftlichen Nichtigkeiten und für diejes das große Ereignis war, wenri irgendwo auf dem Turf ein Favorit siegte? oder beim Tennis ein neuer Meister sich durchsetzte. Selbstverständlich legten diese auch den größten Wert darauf, stets nach der letzten Mode gekleidet zu sein und in jeder Beziehung den Anschein zu erwecken, als ob sie Menschen wären, die sich restlos der Umwelt a_npaßten. Andere Gruppen sah man in großen Redeschlachten begriffen. In ihnen hatte die jüdische Erschütterung bereits Platz gegriffen, ihnen war klar geworden, daß es eine Hohlheit und Nichtigkeit bedeutete, sein Leben so zu vertändeln, sie hatten zumeist heimgefunden zum alten Stamm und fühlten sich durch die Macht des Zionismus aufs neue mit' ihrem Volke verkettet. Wohl gab es auch unter diesen noch so manchen, der nur spielend in dieser neuen Gedankenwelt lebte, aber gar viele trugen sich ernsthaft mit der Absicht, den Staub Europas von den Füßen zu schütteln, den tiefen Demütigungen zu entgehen, denen man in jeder Stunde ausgesetzt war, und heimzukehren in das Land der Väter. Wohl wußte man, daß auch dort harte Arbeit auf den einzelnen wartete, daß man nicht in ein Land zurückkehrte, in dem Milch und Honig überfloß, mancher würde auch dort sein Leben lassen müssen, wenn der Körper zusammenbrach unter der, allzu harten, nicht gewohnten Arbeit, aber die Kraft der Idee würde sicher aus manchem schwachen Golusjüngling einen kräftigen Pionier machen. Und während mari noch so plaudernd auf und ab schritt, da kam die Erinnerung an den Tjag, den man morgen beging. An den Tag der Zerstörung Jerusalems. In diesem Augenblicke war ihnen so zu Mute, als ob all das, was um1 sie wäre, Lüge bedeutete. Sie konnten mit einem Male die schalen Melodien der Modetänze nicht mehr hören, es störte sie das Licht der Bogenlampen. Irgendwo im Waldesdunkel wollte man still , in sich gehen, um sich1 vorzubereiten auf das, was am nächsten Tage kommen mußte. War diesen auf dem Wege der Rückkehr begriffeneu jungen Menschen nicht so zu Mute, als ob die Jahrtausende von ihnen abfielen, als ob sie nicht dieselben wären, die in den Tagen des Jeremias lebten oder in denen der Zerstörung des zweiten Tempels. Wandern nicht dieselben Judenseelen immer wieder durch andere Körper, die wohl in das 'Gewand ihrer Zeit gehüllt, doch stets von demselben Rhythmus erfüllt sind? So lijj! man noch einmal die Qualen, die man in einem anderen Leben bereits erfahren hatte. Was sind Jahrtausende für den, der sich mit. seinen Vorfahren verbunden fühlt? Die Nacht brach herein. Es war Zeit, in das Quartier zurückzukehren. Still und ruhig suchten sie ihre Zimmer auf, aber sie schliefen nicht viel in dieser Nacht, sie mußten nachdenken über die Lüge) ihrer eigenen Zeit. Als der nächste Abend herangekommen war, fand man sich wieder zusammen. Fern von dem lauten und lärmenden Treiben des Kurplatzes lag ein jüdisches Restaurant. Hier fanden sich die Juden aus-dem Osten zusammen, die diesen weltberühmten Kurort aufzusuchen pflegten. Wer sich die Mühe gab, ihnen näherzutreten, der fand Menschen von tiefer Weisheit und 4 innerer Geschlossenheit. Man sah unter ihnen Köpfe, die den* Judentypus in schönster Reinheit verkörperten, glaubte man! ja hier und da die Gestalten der Patriarchen aus ihrer Mitte; hervortreten zu sehen. Der heutige Tag bedeutete für sie etwas Besonderes. Die Juden des Westens hattenin ihrer Mehrzahl schon lange den Tag der Zerstörung Jerusalems aus ihrem Herzen und ihrem Leben gestrichen. Aber für den Juden des Ostens, für den die Verfolgungen nicht abreißen und der in keinem Augenblick daran vergißt, daß er im Golus ist, für ihn hat dieser Tag in viel höhexem Maße lebendige Bedeutung. Und an ihm klagen sie um die verlorene Heimat. Der Jude des Westens braucht prächtige Tempel, um in ihnen beten zu können. Dem Juden des Ostens verwandelt sich jeder Raum in ein Gotteshaus. Hatte man nicht noch eben beim Mahle zusammengesessen? Schnell waren die Tische und Stühle zusammengeschoben, und schon stand einer vorn, der in ergreifendster Weise alle die Klagelieder betete. Ja djeses ist eigentlich nicht der richtige Ausdruck — es war kein Beten. Es war, als ob aus ihm. selbst die Klagen aufstiegen, als ob der da vorne eins wurde mit der Vergangenheit, ,und als ob nicht Jahrtausende vergangen wären seit der Zerstörung des Tempels, sondern als wenn in diesem selben Augenblicke die Mauern zusammenbrächen, und die Eroberer hereinstürmten und alles niedermetzelten. Und' um ihn herum