Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 32-33 (17.8.1925)
- Date
- 1925-08-17
- Page
- – (sequence 35)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 52/35 DIE WAHRHEIT der ihn bis nach seinem Geburtsdörfchen Lopus_zna bringen sollte. Oder aber, er würde die zwei Mellen zu Fuß zurücklegen. An diesem schönen Sommermorgen, bei aufgehender Sonne, würde das einen erquickenden Spaziergang bilden . . . Daniel sah im Geiste den kleinen Bahnhof, den Vorplatz mit den malerisch verstreuten Baumgruppen, von da ab führte der Weg durch das kleine, armselige, aus zwei Reiher? niedriger Häuser bestehende Städtchen hinaus in die Hochebene. Dann ging; es durch Felder und Wiesen, zwischen blühenden! Gärten und grünenden Hainen und Wäldern bis nach Lopuszna. Dieses kleine Dörfchen lag in einem breiten Tal, eingebettet zwischen hochragenden, bewaldeten Bergen. Daniel sah jetzt vor sich sein Elternhaus, ein Mauerwerk mit Giebeldach, auf einer Anf höhe -gelegen, von wo aus sich die Aussicht über die ganze Gegend eröffnete. ... Ob es noch an seiner alten Stelle stand? . . . Durch das Tal schlängelte sich) ein Fluß, an den Krümmungen von Weiden eingerahmt, von denen man im Sommer Zweige schnitt, um Pfeifen aus ihnen zu schnitzen, zum Laubhüttenfest, um den Feststrauß zu schmücken und Hoschaanoth zu winden. In der südlichen Ecke, von wo aus der Fluß hervorbrach, liefen die bewaldeten Berge so dicht zusammen, daß die Welt dort ein Ende zu haben schien. Aber im Norden verbreiterte sich das Bett, als wollte der Fluß sich ins Weite hinausdrängen. Von dem väterlichen Hause Daniels trennte den Fluß ein schöner, großer Garten, in dem sich ein mächtiger, alter Birnbaum erhob. Die Birnen waren klein und herb und reiften erst spät im September, man nannte sie deshalb Kolnidrebirnen. Aber im Mail und Juni prangte der weitästige Baum wie in einem wunderbaren, duftigen Festgewand, ganz übersät von schneeweißen, kleinem Blüten. Aus den Aesten zwitscherte es aus unzähligen Vogelnestern. Die Aeste saßen so dicht und fest) beieinander, daß man von einem zum anderen herumklettern konnte wie auf einem bequemen Heuboden. Es war eine Wonne, in einem solchen Ast sitzend, zu den kleinen Kindern, die dort unten, am Fuße des ungeheuer dicken Stammes, herumkrabbelten, aus der Höhe wie ein Vogel hinunterzurufen. Ueberhaupt spielte dieser Baum in Daniels Kinderleben eine große Rolle. Einmal, im Hochsommer, hatte sich nämlich ein gewaltiger Sturm entladen, stundenlang dröhnte der Donner, begleitet von dem zehnfachen Echo der Berge, die Wäldeö' erbebten, ein unablässiges Rauschen fegte durch die Wipfel. Auf einmal kam ein langgezogenes Krachen, welches sich wie ein geheimnisvoller Strom vom Himmel herab bis in die Tiefen der Erde hineinzubohren schien. Die Mensch waren wie betäubt, ihr Atem stockte in der Brust. Dann trat eine plötzliche Stille ein, die eine unheimliche Minute lang andauerte. Und gleich darauf wurde der Horizont erhellt wie von einem Brande. Ein Blitz zuckte durch die Luft und zeichnete an den Wolken riesenhafte feurige Zickzacklinien. Jetzt kam ein heftiger, spitzer Schlag, der den Boden unter den Füßen erzittern machte. Der Blitz war in den Birnbaum gefahren und hatte ihn entzweigespalten. . . . Als sich Daniel von der Betäubung erholte und durchs Fenster blickte, sah er. wie die eine Hälfte sich langsam unter schwerem Aechzen zu Boden senkte, wird ein Mensch, der tödlich ins Herz getroffen wankt und den Rest seiner Kräfte aufbietet, um sich auf den Beinen zu halten, aber sch'/eßlich zur Erde niedergezogen wird. Endlich streckte die Baumleiche sich lang hin. eine Menge schlanker Maisstauden und anderer«Pflanzen zerdrückend. Die Kinder brachen in Tränen aus. . . . Man fürchtete nun, daß auch die andere Hälfte des Baumes noch absterben und dahinsinken würde. Aber nein, als wäre nichts geschehen, fuhr sie fort, jahraus, jahrein Blüten zu treiben und Früchte zu tragen, vom Vogelgezwitscher zu widerhallen und den lachenden, spielenden Kindern Schatten zu spenden .... Daniel malte sich aus. wie er auf dem Gang durch das Dorf von der Ferne schon die Krone des alten, lieben Baumes begrüßt, dann sein Elternhaus aufsucht, durch die Zimmer wandert, in denen seine Kindheit und Jugend verflossen waren. . . . Waren sie nicht vielleicht schon zerfallen oder gar eingestürzt? In fremde Hände übergegangen? ... Oh. er wollte alles wieder aufrichten, gan^. wie es ehemals gewesen, nur größer und viel schöner. Die Mittel hatte er dazu. Eine vollgespickte Brieftasche mit Banknoten trug er bei sich. Und drüben besaß er große Reichtümer. Hier mußte wohl alles noch wie ehemals so furchtbar ärmlich sein. . . . Abgerissene Lehmhütten, mit Stroh oder verfaulten Schindeln bedeckt. . . Die Bauernkinder barfuß umherlaufend. Er wollte eine Fülle des Segens über sie ausschütten. Die Juden der umliegenden Dörfer hatten jahrelang untereinander .Geld gesammelt, um sich eine kleine 'Synagoge zu erbauen»und ein Badehaus mit Mikweh. Sogar die christlichen Gutsbesitzer der Umgebung versprachen. Bauholz und Ziegel beizusteuern. Es ist nichts daraus geworden. Man konnte bei aller Anstrengung die nötige Summe nicht aufbringen. Nun sollten sie das Gewünschte haben. . . . Ob sie ihn vviedertrkennen würden? . . . Kein einziger Verwandter von ihm lebte mehr in der ganzen Gegend. Er musterte.alle im Gedächtnis. Kein einzigc_r mehr! Alle waren sie längst ausgewandert in jenes Reich, von dem es keine Rückkehr gibt, oder jenseits des Ozeans, nach' Amerika, Südafrika, Australien. Kejn einziger mehr. ... Ein Fremder, ein völlig Fremder war er auf diesem Fleckchen Erde, zu dem es ihn heimlich seit Jahren hinzog, zu dem er über das große Wasser, durch ferne Länder, in unendlich langen Tag- und Nachtfahrten hergeeilt war .... Daniel erinnerte sich jetzt an alle die Gestalten, unter! denen seine Kindheit und Jugendzeit verflossen war. Was mochte wohl aus seinen Mitschülern des Cheders geworden sein, aus dem langen Gerschon, der sich allwöchentlich über der Sidra abquälte und es doch nicht dahin br,ngen konnte, ein Kapitel in der Bibel fehlerfrei zu lesen? Und aus Löb Wigdors, der mit seinem robusten Leib die Schulbank quetschte und sich immer zu den Pferden hinaussehnte? Oder aus dem schmächtigen Benjamin mit den blitzenden braunen Augen, der alle nur erreichbaren Bücher verschlang und dessen Vater aus ihm just einen Rabbiner machen wollte? . . . Dann gedachte» Daniel der Bauerniungen, mit denen er und die Seinen so manchen harten Strauß auszufechten hatten, wobei es zerkratzte Gesichter, unterlaufene Augen und Stirnbeulen gab. Oft rief ihnen die Bauernjugend Schimpfworte nach, aber auch die Judenbuben hatten ein flinkes Mundwerk und blieben die Antwort nicht schuldig. Doch aus Daniels Gedächtnis war jeder Groll längst verschwunden. Jetzt empfand er nur eine wohlige, warme, mit einem Gefühl von Wehmut durchtränkte Zärtlichkeit bei der Erinnerung an die Jugenderlebnisse. Ueber allem lag ein feiner Hauch sehnsüchtiger Schwermut. Aber während die Angesichter der Menschen ihm wie in einen Schleier gehüllt erschienen, umfing er das Antlitz der Gegend, die Erde, die Bäume, die Umrisse der Berge mit einer Klarheit und Schärfe, als hätte er sie erst gestern verlassen. Unbewußt trug er die Bilder im Herzen. Und je näher er dem Ziele kam. desto mehr wuchs seine mit freudiger Erwartung gemischte Unruhe und Spannung. Er hatte ein Gefühl, als müßte dort in seinem Heimatsdorf, irgend jemand stehen und auf ihn warten, um ein Wiedersehen mit ihm zu feiern. Wer mochte das sein? . . . Irgendein geisterhaftes, unbestimmtes Wesen, mit dem er auf eine geheimnisvolle Weise zusammenhing. Irgend jemand, mit dem er sehr gut bekannt war. obwohl er sich seine Gestalt nicht ausmalen konnte. . . . Daniel war von einer banden Freude erfüllt. Sehr angeregt ging er im Kupee auf und ab. Da pfiff die Lokomotive, verlangsamte ihren Laut und hielt endlich ganz still. Mitten durch das Zischen und Knattern erscholl es: „Bursztvn! Eine Minute Aufenthalt!" Daniel wurde von einer großen Unruhe erfaßt, griff hastig nach seiner Reisetasche und eilte auf den Bahnsteig hinaus. Die EMe war überflüssig., es herrschte kein Gedränsre beim Eingang in' den Wartesaal. Daniel betrat den Raum, ließ sich ein_2 Erfrischung geben und fragte den Kellner, ob er einen Wagen nach J.ootiszna finden könnte. .Einen Wagen? . . . Sie scheinen kein Hiesiger zu sein, mein Herr. Warten Sie eine halbe Stunde, dann bringt Sie der Rohanyer Zug in fünfundzwanzig Minuten nach der Station Lopuszna." „Oh, wir haben uns entwickelt!'" dachte Daniei bei sich. ..Station Lopuszna! . . . Wer hätte vor fünfzehn Jahren gedacht, daß in dem weltvergessenen Gebirgsdorf eine Eisenhahnstation sich erheben würde? IX:r Fortschritt ist also schon auf dem Rücken des Dampfrosses bis in die entlegcndsten Gegenden gedrungen. Wir sind modern geworden. . . ." Indessen dauerten die fünfundzwanzig Minuten sehr lange . . . Daniel war vor Müdigkeit auf seinem Platz eingeschlummert und) fuhr mit einem jähen Ruck empor, als der Zug hielt und der Name Lopuszna ausgerufen wurde. . . . Lopuszna! ... Es tönte wie ein heller Klang aus frischer Jugendzeit. . . . Daniel war so überw ältigt und überrascht, daß er seine Reisetasche im Netz vergaß und hinausstürzte. Es dämmerte: nur verlorene Gasflammen erhellten hie und da eine vereinzelte Aufschrift in der Halle. „Lopuszna?" frug Daniel aufgeregt jeden vorbeigehenden Dienstmann und Packträger. „Lopuszna Lopuszna! Sie wollen ins Dorf? Gehen Sie nur den Weg geradeaus, dann biegen Sie rechts ein-'" Daniel ging den Weg geradeaus. Es war eine schön gepflasterte, breite, sehr zivilisierte Straße, zu beiden Seiten mit Pappeln bepflanzt. An der Wendung blieb Daniel stehen und sah sigh