Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 32-33 (17.8.1925)
- Date
- 1925-08-17
- Page
- – (sequence 34)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 30 DIE WAHRHEIT Kr. 32/33 und trug sein Anliegen vor. JDie Gesellschaft bestand jedoch aus rohen Kerlen und „groben Jungen4', wie sie in den Dörfern zu finden sind; sie gaben nichts, sondern sahen ihn boshaft an. Einer von ihnen, ein besonders frecher 'Geselle, erhob sich vom Sitze, schlug auf Rabbi Mose los und sagte: „Hier die milde Gabe, und schere dich davon!" Rabbi Mose hielt seinen Körper hingeneigt, um die Schläge zu empfangen, und widersprach nicht. Alsdann sagte er: „Nun habe ich meinen Teil erhalten; die Schläge gehören mir. Was aber gibst du für die Armen?" Und er sprach die Worte so sanft und demütig, daß das Herz der rohen Gefährten gerührt wurde, ein tiefes Erbarmen überkam sie und sie gaben alles Geld her. Die Sehnsucht. Rabbi Moses stand fortwährend, in Erwartung des Messias. Als er einmal von draußen ein Getümmel vernahm, erbebte er, ergriff den Stab und rief: „Ist schon der Messias- Vorläufer angekommen?" Nacht für Nacht, vor dem Schlafen bereitete er die Festkleider vor, um jeden Augenblick bereit zum Empfang zu sein und ihn nicht zu versäumen. Einer seiner Diener hatte nichts anderes zu tun, als zu wachen, und wenn er vielleicht ein Zeichen vernähme, ihn zu wecken. Die Sehnsucht brannte in ihm, denn er wollte einer der ersten sein, die das Angesicht des Königs Messias sehen werden. Den 9. Ab, den Tag der Trauer um die Verwüstung des Heiligtums, pflegte er in unsäglicher Klage zu verbringen. Als man ihn einmal fragte, warum seine Trauer größer als die der anderen Zaddikim des Zeitalters sei, antwortete er: „Ich bin der Mann, der das Elend sah! Aber der Tröster Zions wird mich aucli die Aufrichtung sehen lassen." Die zeitgenössischen Zaddikim sagten von ihm, ein Funke der Seele des Propheten Jeremijas sei in ihm lebendig geworden. Zeit seines Lebens wohnte er in einem verfallenen Hause. Einst wölken ihm die Chassidim ein schönes Haus kauten. Da sagte er: „Ich brauche es nicht! Bald kommt der Messias und ich ziehe nach Jerusalem." Er starb hochbetagt, zweiundachtzig Jahre alt. In den letzten Tagen sagte er: „Es war der Wille Gottes, daß ich in meiner Jugend nicht ahnte, daß ich so alt würde, bevor der Messias kommt. Wie hätte ich denn all die Jähre durchleben können?" Die Opferung Jizchaks. Am Vorabend des Versöhnungstages, in der Stunde, da die Wachskerzen zu flackern begannen und das Volk zu Kol Nidre versammelt war, trat Rabbi Mose in den Sterbekleidern gehüllt ins Bethaus und schritt zur Heiligen Lade. Er versammelte alle im Bethause anwesenden Kinder und rief „Jüdische Kinder! Gott, sein Name sei gelobt, verlangt von euch, ihr sollt euch für ihn als Opfer darbringen lassen. Wollet ihr es tun und sein Verlangen erfüllen?" „Ja, Rabbi, ja!" antworteten die Kinder wie aus einer Kehle. „Wir sind bereit, unser Leben für Gott hinzugeben!" Da sprach der Rabbi: „Herr der Welt! Du rechnest es unserem Ahnen Jizchak als großes Verdienst an, daß er sich für Dich hat opfern wollen! Sieh, da stehen hunderte von Kindern bereit, für Dich sich zu opfern und ihr Leben für Deinen lieben Namen hinzugeben. Wirst Du nicht um ihretwillen die Sünden des Volkes vergeben?" Er brach in Weinen aus und die betende Gemeinde weinte mit ihm. Das Feuer. Rabbi Mose saß einmal am Sabbat bei der „dritten Mahlzeit" und viele Chassidim um ihn. Plötzlich trat sein Enkel Salem Leib, der nachher berühmt gewordene Rabbi von Siget, in das Zimuer und lärmte: „GroßVäterchen, in deiner Stube brennt es! In deiner Stube brennt es! Es entstand ein Tumult, der Rabbi hielt in der Auslegung des Wochenabschnittes inne und die Chassidim eilten in das Stübchen, manche auf die Gasse, um einen Nichtjuden zu holen, den Brand zu löschen. Sie fanden aber die Stube unversehrt wie sonst vor: von einem Feuer keine Spur. Sie meldeten dies dem Rabbi. „Ihr seht nichts!", sagte er. „Aber Salem Leib'nu sieht die brennenden Engel, umgeben von den heiligen himmlischen Flammen," Heimat. i Kolporteure i für unser Blatt werden aufgenommen. — Schöne J Verdienstmöglichkeit! g Vorzustellen nachmittag zwischen 3-4 in unserer Ad- J S ministration. m Skizze von Benjamin Segel. Während der Eisenbahnzug durch die weite Ebene dahinrollte, stand Daniel am Fenster des einsamen Kupees erster Klasse und blickte in die Landschaft hinaus. Es war eine schöne, stille Julinacht, ein leichter Nebel schwebte über den Feldern. Daniel strengte seine Augen an, die Umrisse der heimatlichen Landschaft wiederzuerkennen. Durch das milde Halbdunkel konnte er die sanften, bewaldeten Hügel wahrnehmen, die den Horizont einrahmten. Der Boden war ringsum wie mit einem dicken Teppich überzogen; heranreifende Aehren auf den Feldern, Grashalme auf den Wiesen, alle reglos dastehend, wie in den Schlummer dieser schönen Nachtstunden versunken. Ein rieselndes Bächlein sang irgendwo in der Ferne und ließ sich von dem Gerassel der Lokomotive nicht übertönen. Das war alles, ganz so wie vor fünfzehn Jahren, als Daniel in einer ebensolchen Nacht mit demselben Eisenbahnzug durch diese Ebene dampfte, nur in entgegengesetzer Richtung, damals, als er, nach dem Zusammenbruche seiner bürgerlichen Existenz das Weit suchte und auf eben diesem Bahngeleise dem Hamburger Hafen zustrebte, um sich nach Amerika einzuschiffen. . . .. Welch eine lange Streckef Lebens hatte er seither zurückgelegt! Bunt war sein Schicksal gewesen in. der großen Völkerwüste jenseits des Ozeans, durch die er hin und hergeschleudert wurde. Er war nacheinander Hausierer, Matrose, Zeitungsredakteur, Vorbeter, Lastträger, Ausrufer und Landwirt gewesen. Nirgends fand er Ruhe und dauerndes Behagen. Sobald eine Welle dieses aufgeregten] Menschenozeans ihn emporgetragen hatte, kam ein Sturm und fegte ihn hinunter. Zehn Jahre kämpfte er um ein ärmliches, schweres Dasein. Erst vor fünf Jahren war es ihm gelungen, auf einen grünen Zweig zu kommen. Sein Wohlstand stieg. Es dauerte nicht lange, und er konnte sich sogar einen reichen Mann nennen. Er gründete sich ein schönes Heim und dachte daran, dem Heim eine Hausfrau zu geben. Aber seit er nicht mehr um den morgenden Tag zu bangen brauchte, hatte ihn ein seltsames, unbegreifliches Gefühl der Unruhe beschlichen, das sich immer häufige^ einstellte j je besser es ihm erging. Mitten in der Arbeit unterbrach er sjch öfters, ließ, den Kopf hängen und versank in die Erinnerung an seine,Jugendzeit. Manchmal genügte ein kaum merklicher, verhallender Ion, eine, flüchtige Erscheinung oder der Anblick einer vorbeihuschenden Person, um in seinem Gedächtnis eine Fülle von Bildern hervorzurufen, die ihn mit seliger Sehnsucht und schmerzlicher Wonne erfüllten, daß er lange Zeit keine Ruhe finden konnte. Im:.iar häufiger kehrten diese Zustände wieder, oftmals steigerten sie sich zu einem Grade, der ihm fast körperliche Leiden verursachte. In einer solchen Stimmung erschien ihm das ganze ungeheuer bewegte Treiben New Yorks vollkommen zweck- und sinnlos, die grelle Pracht und die schreienden Farben ringsherum leblos und fad. Stundenlang irrte er ziellos durch die Straßen einher und blickte sich jedesmal um nach dieser und nach jener Ecke, als suchte er jemanden, als erwartete er, daß jemand plötzlich auftauchte, aber er wußte nicht, wer das sein mochte. Er magerte ab, hatte keinen Appetit, klagte über allerlei undefinierbare Schmerzen, gegen welche die amerikanischen Aerzte seltsame und kostspielige Arzneien verordneten. Längerer Landaufenthalt und eine Seereise brachten ihm endlich Linderung für einige Zeit Aber an einem schönen Sommertag erwachte er am frühen Murgen, von einer unbeschreiblichen Unruhe erfaßt, und beinahe, ganz unbewußt fing er an, seine Koffer zu packen. Auf die erstaunte Frage seines Verwalters, was das bedeuten solle, antwortete er kurz: „Ich fahre nach Hause!" Er traf die nötigen Dispositionen, und noch an demselben Abend schiffte er sich nach Hamburg ein. Er hatte den schnellster: Dampfer genommen. Nirgends hatte er Rast gemacht, war von einem Eisenbahnzug in den anderen gestiegen, immer von der nagenden Sehnsucht getrieben, sein Heimatsdorf wiederzusehen. Nur einen Blick wollte er idarauf werfen, dann sofort aufbrechen und sich auf den Rückweg machen. . . . Nun stand er am Fenster des Eisenbahnwaggons, der langsam dahinrollte, und sah auf die Landschaft hinaus. Was ihm zuerst auffiel, war die schneckenhafte Langsamkeit unserer Eisenbahnen in Vergleich mit den amerikanischen. Unsere Blitzzüge würde man dort als die trägsten Bummelzüge verlachen. Jetzt aber war er für diese Trägheit dankbar, denn sie ermöglichte, ihm, sich ungestört der angenehmen Erwartung des Wiedersehens mit der Heimat hinzugeben. Bald würde der Zug in die Station Bursztyn einlaufen. Dort mußte er aussteigen und einen Wagen nehmen,