Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 32-33 (17.8.1925)
- Date
- 1925-08-17
- Page
- – (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 26 DIE WAHRHEIT Nr. 32/33 kunstempfindende Jude fremd bleiben vor Bauten, wie etwa der Synagoge in der rue de la Victoire in Paris oder der von Budweis, um eine uns näher gelegene Synagoge zu erwähnen. Ich habe letztere im vorigen Jahre, als ich dort auf einer Reise am frühen Morgen einige Stunden warten mußte, allerdings nur von außen gesehen. Aber offen gestanden, ich hätte in diesem Bau, wäre nicht die jüdische Inschrift an der Stirnseite angebracht gewesen, alles eher als einen jüdischen Tempel vermutet. Ich meine, die kunstverständigen Juden in Budweis müßten eigentlich noch heute ihren ehemaligen Vorstehern gram sein, die ihnen diesen Bau haben aufführen lassen. Daß es uns mit jüdischen Profanbauten sogar in Erez Jisrael nicht anders geht, darüber hat erst kürzlich* P e i p e r in einem allerdings mit Recht als tendenziös gerügten Artikel in der „Grazer Tagespost" (Jahrgang 1925, Nr. 169, Seite 16) berichtet, worin er mitteilt, Tel Awiw komme ihm wie eine Filmstadt vor, wie etwa Hollywood. Mag dies auch übertrieben sein, wirft dieses Urteil doch einen gewissen Schatten über den dort angewandten Stil. Aber selbst dort, wo man am ehesten die Verwendung jüdischer Kunst erwarten sollte, beim Anfertigen von Kultgegenständen, wie Tempel vorhängen, Thoramäntelchen, Wickelbändern, Thorakronen, Schildern,Tempellampen zum Anzünden des ewigen Lichtes, Leuchtern, Bechern, Qewürzbüchsen, Sederschüsseln (Zinnplatten), Chanukaleuchtern usw., kann man die Herübernahme aller möglichen Stilarten beobachten, selten aber dabei einen spezifisch jüdischen Stil beobachten. Man-gehe nur einmal durch die reichsten Sammlungen jüdischer Kultgegenstände, wie z.B. um nur einiges zu nennen, die Sammlung hebräischer Altertümer im Musee de Cluny in Paris, der Danziger Synagogengemeinde, Prag und Wien und man wird fast an jedem Stückchen den nichtjüdischen Einfluß der Zeit, in der das betreffende Stück angefertigt worden ist, beobachten können. Also wieder nichts Jüdisches. Daß dem wirklich so ist, hat uns erst kürzlich S a 1 f e 1 d in einem ausgezeichneten Artikel der Rheinlandnummer der C. V.-Zeitung in Berlin (IV. Jahrgang, Nr. 26, Seite 457) über Bodenfunde jüdischer Altertümer in Mainz, dargelegt: Daß beispielsweise Vorbilder und Muster aus nichtjüdischen zeitgenössischen Kreisen für den Bau und die Einrichtung von Wohnstätten, für Hausbedarf, Kleidung usw. entlehnt worden sind, bedarf keines Beweises. Solche Vorbilder bieten alle Museen. Oder wenn er das Bruchstück von einem mit SkulpStureri geschmückten Fenster brwähnit (Seite 458), das frühromanischen Stil zeigt Daß uns oft für die gebräuchlichsten Gegenstände selbst die Mustervorlagen nur schwer zu erreichen sind, habe ich erst vor kurzem wieder erfahren müssen. Als ich nämlich für den Entwurf einer neuen Huppah ein Emblem, einen Becher, benötigte, konnte mir selbst ein so gewiegter Kenner wie Herr Busch, der Leiter des Wiener Hauses der Silberwarenfabrik Pollak, eigentlich kein Muster eines Bechers zeigen, das nicht auch in der Kirche Verwendung fände. Ja, ich muß sogar sagen, daß, als ich vor Jahren eine Ausstellung des „Bezalel" gesehen habe, ich kaum etwas spezifisch Jüdisches dort gesehen habe. Würde man bei den meisten Gegenständen die hebräische Inschrift weggelassen haben, sie hätten sich in nichts von anderswo und von nichtjüdischen Künstlern geschaffenen Werken unterschieden haben. Dies sagte mir auch eine geistig hochstehende, künstlerisch sehr interessierte nichtjüdische Dame, die ich damals zum Einkauf geladen hatte. Da müßten doch endlich die jüdischen Gemeinden darauf schauen, daß bei der Anschaffung von jüdischen Kultgegenständen endlich der jüdische Stil gewahrt werde. Ich freue mich, sagen zu können, daß ich diesem Geiste in meiner Gemeinde Eingang zu verschaffen suchte. Dieser Geist sollte sich auch beim Entwürfe der neuen Huppa, welche der Israelitische Frauenverein in Graz mit großem Kostenaufwand anfertigen hat lassen, offenbaren. Professor Viktor M y 11 e i s, ein anerkannt hervorragender Künstler, dessen Bilder mehrfach prämiiert wurden, und ich entwarfen nun die Zeichnungen, die folgendermaßen aussehen sollten: Oben am Baldachin sollten an den Seiten auf Grund von Psalm 128 Gilanden von Oel- und Rebenblättern mit Oelbaumschößlingen und Traubenbündeln angebracht werden, die an den vier Ecken von Emblemen durchbrochen wurden, und zwar einem Becher (Psalm 116, 13), einer Sabbathlampe, dem Sechseck und den Bundestafeln. Unter den Bundestafeln sollten die Worte: kol sason, unter dem Sechseck im Anschluß an Deuteron. 14. 26; Psalm 113, 9 und Prov. 5, 18, die Worte: kol simha. unter dem Becher: kol hasan und unter der Sabbatlampe: kol kallah angebracht werden. In der Mitte sollte ein .Myrtenkranz die Worte Masel tobh umgeben. An den äußeren vom Baldachin herabhängenden Draperien sollte dieselbe Girlande von Oelbaumzweigen und Rebengewinden unterbrochen werden von den Worten: Baruh haba und beruha habaah, an der Stirnseite und an den drei anderen Seiten sollten sie von 'dem Spruche der Ruth (l, 16) durchbrochen werden: el aser telki, elek/ubaaser taalini, alin / amen, ami weelckaih, elokaj. Leider konnte der Baldachin mit Rücksicht auf die geldlichen Mittel nicht in dieser Reichhaltigkeit ausgeführt werden. Trotzdem hat die Kunstanstalt für Paramente und Fahnen Anton S p a k, an deren Spitze Herr Landtagsabgeerdneter Anton S p a k, ein zutiefst nachempfindender, künstlerisch veranlagter Mann steht, nach den vorhandenen Mitteln ein Kunstwerk ersten Ranges geschaffen, so daß für die Folge bei Anschaffungen man dieses Kunstinstitut wird im Auge behalten müssen. Nicht anders wie bei den Baudenkmälern und Kultgegenständen geht es uns mit der Kunst auf den jüdischen Friedhöfen, obschon da noch am meisten, namentlich im Mittelalter, der jüdische Charakter gewahrt wurde. Denn sowohl aus den Bodenfunden, die ja fast überall, wo größere jüdische Siedlungen im Mittelalter bestanden haben, wieder aufgedeckt worden sind, wie auch aus den noch bestehenden alten jüdischen Friedhöfen, wie etwa Worms, Prag usw., läßt sich doch immerhin ein gewisser jüdischer Charakter ablesen. Man denke nur an die vielen, leider noch immer nicht gesammelten und genügend erforschten jüdischen Embleme auf jüdischen Grabsteinen und an die über viele jüdischen Grabstätten eigenartig gebauten Gehäuse. Daß aber auch da schon die Umwelt frühzeitig ihren Einfluß geltend gemacht hat, können wir aus den römischen Katakomben, aus den Gesteinen und sogar aus der Art der Schriftanbrin^ung deutlich ersehen. So z. B. teilt uns Salfeld a. a. 0. mit, daß viele der in Mainz aufgedeckten jüdischen Grabsteine die Buchstaben zwischen eingeritzten Linien haben, so daß die Analogie mit den Steininschriften aus der Karolingerzeit erwiesen ist. Was aber erinnert in einem modernen, neuen jüdischen Friedhofe noch an Jüdisches? Wenn es nicht einige gewissenhafte, sich ihrer Pflicht bewußten jüdischen Gemeinden gäbe, die doch zumindest die Anbringung einiger weniger hebräischer Buchstaben auf dem Grabsteine verlangten, unsere Friedhöfe unterschieden sich in fast nichts mehr von den nichtjüdischen Friedhöfen. Hier, das darf ruhig gesagt werden, ist die Selbstaufgabe bereits bis ins Uferlose gestiegen. Wie soll aber dann noch die jüdische Kunst gefördert werden! Nichts als nachgeahmte Schablone. Und darum auch jeder Mangel an künstlerischem Interesse und an jüdischen Vorlagen. Als vor ungefähr 17 Jahren der Vorstand der Chewra Kadischa in Graz daran ging, ihre allgemein als bewundernswert schön bekannte prunkhafte Leichenhalle zu bauen, ersuchte mich der Vorstand um den Entwurf eines Emblemes, das an der sonst kahl aussehenden Hauptwand angebracht werden sollte. Ich setzte mich damals mit Professor Frauenberger in Düsseldorf, einem gediegenen und allzeit hilfsbereiten Künstler und Forscher, der die jüdische Kunst tüchtig beherrschte, in Verbindung und auch er konnte damals nichts anderes tun, als daß er mir die herrlichen Abbildungen der von Immanuel Low mit künstlerischer Intuition entworfenen Fensterembleme der herrlichen Synagoge in Szeged (Ungarn) zur Verfügung stellte. Selbstredend waren diese Motive in einer jüdischen Leichenhalle nicht zu verwerten und so entwarf ich folgendes Emblem, das heute die Vorderwand ziert und allgemein als recht wirksam bezeichnet wird: Auf zwei schräg übereinanderliegenden Trauerweidezweigen (Alon bahuth). liegt ein aufgeschlagenes Buch, das auf der einen Seite die Worte Sifre Hajjim, auf der anderen Seite die Worte Sifre Methim eingezeichnet hat. Als Inschrift trägt die Halle die Worte aus Hiob 30, 23: beth moed lekol haj. Und als vor zwei Jahren Herr Josef Kraus, ein Wohltäter "unserer Gemeinde, der Chewra Kadischa für die ihr im Kriege abhanden gekommene Sammelbüchse eine neue Büchse hat anfertigen lassen, wurde dieses Emblem ebenfalls auf dieser Büchse angebracht. So sehen wir denn, wie wenig wir eigentlich auf dem Gebiete der jüdischen Kunst geleistet haben und wie wenig unsere künstlerischen Auswirkungen wahrhaft jüdischen Charakter tragen. Ja selbst in der synagogalen Musik werden russische Steppenlieder, Zigeunerweisen und rumänische Hirtenlieder ganz gewiß einen nicht geringen Einschlag bilden. Und was noch an weiteren, fremden Einflüssen vorhanden ist, wird sich vielleicht gar nicht mehr ermitteln lassen. Sollen wir darum aber ganz und gar auf den einst gewiß vorhandenen jüdischen Stil verzichten? Durchaus nicht, und gerade der •.Zweck dieser Zeilen, die zu Ehren dieses um die Förderung des *synagogalen Gesanges so hochverdienten Blattes geschrieben