Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 32-33 (17.8.1925)
- Date
- 1925-08-17
- Page
- – (sequence 29)
- Language
- German
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Nr. 32/53 DIE WAHRHEIT Seite 25 Der poelisch unübertrefflichen Dickung r'umerlmgs sei eine andere gegenübergestellt. Es ist der „Ahasver" von Julius Mosen, eines der Vergessenen und Verschollenen, der unserer Generation wohl ganz fremd sein muß. Er lebte und schuf in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Ich fand seinen „Ahasver", der in schlanken, blanken Terzinen geschrieben ist, als Knabe und bedaure, daß mir dieses Buch frühzeitig abhanden gekommen ist. Ich kann deshalb nur fragmentarisch einiges aus dem Gedächtnis zitieren. Julius Mosens „Ahasver" ist der Ewige Jude der Legende, vom Fluch des ruhelosen Wanderns dafür getroffen, weil er auf seiner Schwelle dem zur Richtstätte ziehenden Jesus kurze Rast verweigerte. Dieser Ahasver ist Volljude, der seinem Schicksal ungebändigten Trotz entgegensetzt. Dreimal hat er ein junges Weib genommen, das, nachdem sie ein holdes Zwillingspaar geboren, mit den Kindern bald sterben mußte. Auch beim dritten Male ruft der Einsame: „Und da ich euch nun beide wieder habe, Zum Trotz heiß Leah, du mein Töchterlein Und Rüben, du mein Knabe." Diese Kinder greifen tragisch in das Verhängnis Jerusalems. Herangewachsen, verbreitet sich der Ruf ihrer Schönheit weithin und reizt den römischen Legaten, ihrer in seinen unreinen Lüsten zu begehren. Er findet aber nur ihre Leichen. Ahasver hat seine Kinder mit dem Dolch getötet. Nun setzt die Belagerung Jerusalems mit allen Schrecken, wie sie nur eines Dichters Phantasie schildern kann, ein. Draußen das Tosen der Sturmböcke an den Wällen, drinnen der Bitt- und Fluchgesang der Priester, die den Altar umkreisen. „Und wie der Raben Schrei tönt ihre Weise: Schütt aus ihr Blut, daß wir mit bloßen Füßen Hinschreiten können in dem Heiligtum Dich großer Gott, in Deiner Macht zu grüßen.'* Aber unaufhaltsam naht das Ende. Die innere Ringmauer wird durchbrochen, die Legionen dringen in den Tempel, ein Soldat hat die Brandfackel geschleudert und Salomons wunderherrliches Gotteshaus ist ein Flammenmeer. Ahasver ist auf die Zinne gestiegen und springt in die schreckliche Lohe. „So stirbt der letzte Jude. Dürft' er sterben." Er darf aber nicht sterben, denn er ist ja der ewige Jude, dem die Elemente nichts anhaben können und er hat noch eine große Mission zu erfüllen. Er verkündet sie. als er, der Ueber- .lebende, zum Wanderstabe greift. „Und helfen will ich jedem Volke ringen, Bis von des Wahnes Nacht und Sklaverei, Bis alle Ringe von der Kette spriegen." So allegorisiert sich hier der ewige Jude zum ewigen Judentum, das nach den Worten der Propheten, „von Zion wird die Lehre ausgehen", berufen ist, allen anderen Völkern den reinen Gottesgedanken, den Begriff reiner Menschenliebe, wahrer, innerer Freiheit zu vermitteln. Man muß gestehen, daß der vergessene Julius Mosen ethisch ungleich höher steht als der gefeierte Robert Hamerling, wie immer, wenn ein Dichter über den Bannkreis des engeren Parteilichen hinweg, die ewigen Menschheitswerte findet und verkündet. Jüdische Kunst. Von Dr. David Herzog, Graz. Bekanntlich hat man uns Juden gar oft den Vorwurf gemacht, auf dem Gebiete der Kunst so gut wie gar nichts geleistet zu haben. Daß dieser Vorwurf, so allgemein gehalten, gewiß unberechtigt ist, braucht nicht erst des längeren dargelegt zu werden. Aber es muß endlich auch von unserer Seite zugegeben werden, daß wir tatsächlich eigentlich wenig jüdische Kunstdenkmäler besitzen. Der Grund dafür aber lag gewiß nicht in uns, sondern in Umständen, die ich hier nicht darzulegen brauche, weil es hieße, Eulen nach Athen tragen, wollte ich sie hier wiederholen. Haß, Verfolgung, schwerer wirtschaftlicher Kampf sind gewiß kein Antrieb zur Förderung künstlerischen Schaffens und können unmöglich jene kontemplative Atmosphäre schaffen, die zum künstlerischen Schaffen unbedingt notwendig ist. Zudem kam für gewisse Gebiete der Kunst, wie z. B. der Plastik, die religiöse Scheu hinzu. Man wollte eben vermeiden, daß derartige künstlerische Gebilde, wie ja das so oft geschehen, man denke nur an den Kampf der Ikonoklasten, der „Bilderstürmer" unter Kaiser Leo dem Isaurier gegenüber den Ikonodulen, zum Gegenstande göttlicher Verehrung gemacht werden. Der jüdische Gottesgedanke war so vergeistigt, daß jede bildhafte Darstellung religiöser Geschehnisse und religiöser Gestalten, als eine Entweihung des göttlichen Gedankens erschienen war. Das Judentum verabscheute die Vergottung eines religiösen Gebildes auf Erden. Darum wurde jede Darstellung, die Anlaß hierzu hätte bieten können, aufs strengste verpönt. Daß wir Juden aber sonst für die verschiedensten Gebiete der Kunst schon in ältester Zeit ein tiefes Verständnis hatten, möge man daraus ersehen, daß Israel schon zur Zeit seiner Wüstenwanderung den Bau seiner Stiftshütte hervorragenden Künstlern übertragen hat. Doch ehe ich auf die jüdische Kunst, den eigentlichen Gegenstand meiner Darlegungen eingehe, müssen wir uns zunächst darüber klar werden, was unter dem Sammelbegriff „Kunst" eigentlich überhaupt zu verstehen ist. Nun. ich will hier nichtauf die verschiedenen Definitionen dieses Begriffes, die uns zu weit abführen würden, eingehen. Ich will vielmehr hier meine eigene Definition dieses Begriffes geben und glaube darin jene Offenbarung menschlicher Schaffungsfähigkeit zu erblicken, die trotz größten Fleißes nur von einigen Auserwählten ins Dasein gerufen werden kann und die dem Wesen einer Gemeinschaft Form zu geben versteht und die in jedem geistig Hochstehenden ein Gefühl der Befriedigung, der harmonischen Ausgeglichenheit, ja der Begeisterung auszulösen imstande ist. Von diesem Gesichtspunkte aus betrachtet, ist das Gebiet der Kunst so groß wie das der menschlichen Tätigkeit überhaupt. Doch wir wollen heute dieses Gebiet einschränken und nur von der bildlichen, baulichen und %/t v e r b l i c h e n Kunst sprechen, in welchen Juden proprio Marte, aus eigener Kraft Werke geschaifen haben, die Jahrhunderte überdauern und vielen Generationen harmonisches Empfinden, seelischen Gleichklang, ja Begeisterung gewähren. Ich spreche hier natürlich ausschließlich von solchen Werken jüdischer Art, die von jüdischen Künstlern entworfen oder geschaffen worden sind. Denn was Juden an nichtjüdischer Kunst geschaffen haben, und daß es nicht wenig ist, sei nur nebenbei bemerkt, gehört in den Bereich der allgemeinen Kunstgeschichte und hat mit jüdischer Kunst eigentlich nichts zu schaffen. Was ist nun jüdische Kunst? Ich glaube, das wird sich eigentlich nur schwer beantworten lassen, auch schon darum, weil wir, wie schon erwähnt, viel zu wenig jüdische Kunstdenkmäler haben. Theoretisch aber wird sich die Antwort dahin formulieren lassen, daß das, dem geniale jüdische Menschen aus dem Wesen und der geschichtlichen Entwicklung des Judentums Form verliehen und zum vollendeten Ausdruck gebracht haben, jüdische Kunst genannt werden kann. Wo aber ist eine solche jüdische Kunst bei uns anzutreffen? In der Malerei können wir da nur aus den letzten Jahrzehnten auf glänzende Namen hinweisen: Horowit?. Kaufmann. Israels, Lieberni^nn. Struck, Epstein, Lilien, Wachtel, David Kohn, Pann und noch viele andere. Aber ganz anders steht es schon in der Baukunst. An Baudenkmälern ist uns eigentlich fast nichts aus alter Zeit erhalten geblieben. Die wenigen Reste galliläischer Synagogen und sonstiger Synagogenbauten zeigen nur geringen Unterschied von ihrer Umgebung. Und auch die jüdischen Baudenkmäler des Mittelalters zeigen nichts, was nicht auch in nichtjüdischen Baudenkmälern vorhanden wäre. Die Raschikapelle in Worms oder die Scheunensynag(.ge in Bechhoien in Mittelfrankcn :;ni die h"< Izsynagogen in Rußland und Polen sind Bauten, wie sie au:h in der d< vtigtn U.r.veit gebaut worden sind. Ja. Strzvgowski hat erst vor kurzem nachzuweisen gesucht, daß die der Scheunensynagoge ähnlich gebauten Holzkirchen, die namentlich im Norden Europas vielfach anzutreffen sind, auf rein arischen Ursprung hinweisen. Wo also ist da die jüdische Kunst? Ja, wer könnte mir diesen spezifisch jüdischen Stil, der namentlich aus der Dreiteilung des Innenraumes herauswachsen soll, aufweisen? Ich kann ihn leider nirgends finden. Denn selbst in den in maurischem Stil gehaltenen Synagogenbauten, mögen sie auch manches semitische Element in ihren Stil eingemengt haben und manches Wesensgleiche enthalten, ein rein dem Wesen und der geschichtlichen Entwicklung der jüdischen Seele entsprechender Stil aber ist auch er nicht. Indes mag uns irnmerhin dabei der Gedanke trösten, daß in diesem Stil doch noch etwas vom jüdischen Geiste enthalten ist. Stilwidrig und das jüdische Kunstempfinden durchaus verletzend aber ist es. wenn Synagogen in rein gotischem Stile, der ja so diametral unserem ganzen Wesen und Empfinden ist. erbaut werden. Nicht als ob der gotische Stil mit seinen auiwärtsstrebenden Maßen und seinem grandiosen Schwünge unschön wäre. Im Gegenteil, er ist eine der geistvollsten und schönsten Stilarten, die überhaupt je geschaffen worden sind. Aber für jüdische Bauten, für jüdische Zwecke eignet er sich nicht. Und darum wird jeder