Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 32-33 (17.8.1925)
- Date
- 1925-08-17
- Page
- – (sequence 27)
- Language
- German
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Nr. 32/33 DIE WAHRHEIT Sefte 23 er vorgibi jüdisch zu fühlen und zu denken und sich als Angehöriger des jüdischen Volkes deklariert. Daß die jüdische Religion ein überwundener Standpunkt sei; daß das Streben eines Rabbi Jgchanan ben Sakkai, religiöse Lehrhäuser als Ersatz für die verlorene nationale Selbständigkeit zu gründen, nur auf einem Irrtum seinerseits beruhte; daß die zahllosen jüdischen Märtyrer, die ihres Glaubens wegen freudig in den Tod gingen und alle Martern! und Qualen ertragen haben, vergebens starben, weil sie auch ohne Religion gute Juden hätten bleiben können i daß die ganze Geistesarbeit der Tanaim und Amoraim und der Gaonini des Mittelalters, der Rabbinen in der-Diaspora ein leeres Spiel und ein müßiger Zeitvertreib gewesen wäre; daß die Thora, die Propheten, die Psalmen ihre Bedeutung verloren und für uns nur einen historischen oder philologischen Wert haben — dies alles wül mir nicht in den Sinn. Und es will mir nicht in den Sinn, daß der ein guter Jude, sein kann, der weder gut ist noch als Jude lebt, noch vom Judentume, seiner Lehre, seiner Geschichte und seinen Geschicken etwas gehört und gelernt hat. Die guten Juden früherer Zeiten haben es durch ihre Taten und Handlungen, überhaupt durch ihr Leben bewiesen; die guten Juden von heute bleiben in der Regel den Beweis dafür schuldig. Worte sind Schall und Rauch, die Taten müssen es beweisen. Das Erste, was unsere Väter am Sinai ausriefen, war „Naasse" („wir wollen tun"). Am Anfang war die Tat. Und darauf kommt es; ganz und gar an. Die Nationalität des Juden besteht ja gerade in seiner Religion, es wäre daher verfehlt, wollte jemand sich zwar als „nationaler Jude" bekennen, nicht aber jene Pflichten erfüllen, die die jüdische Religion von ihm fordert. Dehn das gerade ist der Sinn des Judentums, oder wenn man will, seine „nationale Aufgäbe", sich selbst durch stete Befolgung der göttlichen Gebote zu heiligen und so durch wahrhaft sittlichen Lebenswandel zur Heiligung des Namens Gottes beizutragen. Kedauchim tiheju, ki kodausch ani adonai elauchechem! Und heilig lebt der„ der nach den Lehren d/er Thora lebt, seine Religion und seinen Glauben im Ehren hält. Nicht der ist der gute Jude, der es zu sein behauptet, sondern der es durch sein Leben und seine Taten beweist. Und an solchen Juden mangelt es unserem Zeitalter sehr... Eine Szene ans dem alten Wien. Von Prof. S. Krauss, Wien. Als die Juden im Jahre 1420 in Wien aufs Blut verfolgt wurden und ihnen nichts anderes übrig blieb, als entweder sich alle taufen zui lassen oder lebendig verbrannt zu werden, da entschlossen! sie sich, nach dem Muster der „Heiligen", die als Opfer der Kreuzzüge gefallen sind, sich mit eigener Hand zu töten. Die Gemeinde versammelte sich in der Synagoge auf dem Judenplatz zui Wien, Und nachdem sie die ganze Nacht hindurch gejammert, geweint,' Psalmen gesungen und gegenseitig sich um Vergebung gebeten hatten, schlachtete sie ein beherzter Mann und eine beherzte Frau alle der Reihe nach und des Morgens fanden die Wächter eine Anzahl im Blute liegender toter Leiber vor. Der damals regierende Herzog von Oesterreich, Albrecht V., befahl, daß man die Leichen der Unglücklichen vor diel Stadt schleppe und sie dort hinwerfe; so wurden sie denn auf den Steg eines Weinberges geworfen, der unweit des Kärntner Tores lag und dort sollten! sie dem Fraß von Hunden und wilden Tieren oder doch der schimpflichen Verwesung anheimgestellt werden. . . . Doch es kam anders. Gott £at ein Wunder. . . . Ein ganzer Berg von Stein und Geröll, der dort lag, fiel ein und bedeckte die Leichen, so daß diese wie in einem Grabe lagen; kein Wild, kein Vieh und kein Hund konnte an sie heran. „Alle Nacht hat man ein Licht auf dem Berge brennen sehen . . ." So erzäht, ein altes jüdisches Büchlein (s. mein Buch: Die Wiener Geserah, S. 106). Aber das Schlachten in der Synagoge, das schimpfliche Hinauswerfen der Leichen, das Wunder mit dem einstürzenden Berge usw. berichtet auch die alte Chronik „Schevet Jehuda", und selbst der große Judenfeind Eisenmeng er hat. von dem Ereignis I^otiz genommen. In dieser Chronik wird jedoch Wien nicht "ausdrücklich genannt., sondern nur „eine Stadt Deutschlands", und was den Berg anbelangt, so heißt es. von ihm: ,J5inige Deutsche wollten auch! durch mündliche! Ueberliefening jvissen, daß sie ein Berg bedeckt habe!' usw. — , so daß diese Sache geradezu von christlichen Deutschen' beobachtet worden wäre. Von den Lichtern, die man dai alle Nachli gesehen haben will, wird in dieser Chronik nichts berichtet. Wer soll nun die beobachtet haben? Die Juden, bis auf einige Täuflinge, waren ja alle tot; die man von ihnen noch übrig ließ, und das waren gerade die Reichen und Vornehmen, saßen hinter Schloß und Riegel, um später verbrannt zu werden, konnten also nichts beobachten. Es bleibt nur übrig, anzunehmen, daß auch diese Irrlichter von den „Deutschen" beobachtet wurden und von ihnen kam die Sage in das jüdische Büchlein „Wiener Geserah". Was es für Lichter waren, die auf diesem Massengrab aufflackerten, wird in jenen naiven Berichten nicht angegeben. Der naive Bericht lautet ja so, daß diese Lichter zu Ehren der Märtyrer aufblitzten, man weiß nicht, woher, man weiß nicht, wodurch.! Wer hätte auch in jenen Tagen die gespenstische Stella betreten! sollen, um der-Sache nachzugehen? Noch heute werden sich viele Menschen scheuen, einen Friedhof zu betreten, auf dem im nächtlichen Dunkel Irrlichter hin- und hertanzen. Denn das ist es wohl, was man so Irrlichter nennt. Da hat jüngst in der Wiener Zeitschrift für Volkskunde (1924, Heft 1) ein) Herr Dr. Leonhard Franz „Ueber vorgeschichtliche Gräber in volkstümlicher Ueberlieferung" geschrieben. Da erfahren wir, daß an Stellen, wo nach der1 Behauptung der Bevölkerung Irrlichter gesehen worden sind, nachträglich Gräber, viele alte, ja vorgeschichtliche Gräber gefunden worden sind. Der Zusammenhang zwischen Irrlichtern und Gräbern' ist nun klar, Wahrscheinlich handelt es sich bei den Irrlichtern um ein aus dem Boden sich entwickelndes G a s, das sich von selbst entzündet, und wo gäbe es mehr solch zusamengeballtös Gas als in der Verwesung eines Massengrabes^ Somit findet das „Neschama"-Licht der Wiener Märtvrer seine einfachste Erklärung und keineswegs müssen wir gleich von Märchen und Sagen und Aberglauben sprechen, wenn wir in) einem alten Buche von so etwasjesen. Aber die Beobachter waren, wie gesagt. Deutsche und nicht Juden. Der zusammengestürzte und einen Grabhügel bildende Berg und die Flämmchen, die da hüpften und sich unruhig hin und herbewegten — sie bilden die Komponenten einer einzigen Sage. Denn die deutsche Phantasie des Mittelalters war es besonders, die solche Irrlichter immer und immer wieder sah, und zwar hauptsächlich an Gräbern. Man denke nur an die ..Hügelfeuer" der isländischen Sagen, man denke an die Tückbolde, Leuchtemännchen, feurigen Männer, gleussigen Keerls des germanischen Volksaberglaubens. Erst als diese Stimmen laut wurden, hörten es auch die Juden, und so lesen wir es heute auch in einem iüdischen Büchlein. Der vortreffliche M. Güdemann hat viele? solche Züge beobachtet, wo erst in den anderen Kreisen, dann auch im Judentum absonderliche Vorstellungen aufkamen und heimisch wurden. Wir rechnen auch die Wiener1 Irrlichter dazu. Auf Grund der den Deutschen so geläufigen Vorstellung von Irrlichtern wurden dieselben auch von Juden erblickt und geglaubt, und demnach können wir behauoten. daß es keine Einbildung und Phantasie war. sondern Wirklichkeit, deren* Grund jedoch damals noch njeht erkannt wurde. Eine jüdische Nationalbioerraphie. Von Hofrat Professor Dr. S- Frankfurter. Gerne komme ich dem Wunsche der Redaktion der „Wahrheit" entgegen, ihr für ihre Festnummer einen Beitrag zu senden. Ich will den Lesern dieser Festnummer einiges über ein Werk erzählen, das in aller Stille und in emsiger Arbeit vorbereitet nunmehr in Erscheinung tritt. Dieses Werk, dessen erste zwei Lieferungen ich in Händen habe, führt den Titel „Grmße jüdische Na tion alb io g!r aph i e". Eine jüdische Nationalbiographie, gibt es denn so etwas, wird der erstaunte Leser fragen. Nein, das gibt es noch nicht, aber es ist im Werden: di2 zwei ersten Lieferungen des ersten Bandes liegen bereits vor und die weiteren Lieferungen sollen in Abständen von 14 Tagen erscheinen, so daß das Werk in absehbarer Zeit vollendet sein wird. Die jüdische Nationalbiographie, deren Verfasser S. W i n i n g-e r ist. bringt 8000 Lebensbeschreibungen hervorragender jüdischer Männer und Frauen aller Zeiten und Länder und will ein Nachschlagwerk für das jüdische Volk und dessen Freunde sein. Der erste Band „Abarbanel bis Ezobi" (Druck „Orient" in Cernauti) trägt die pietätvolle Widmung: „Dem Andenken meiner teuren Eltern widme icH diese meine Lebensarbeit". Das Vorwort gibt Auskunft über Zwecke und Anlage des