Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 32-33 (17.8.1925)
- Date
- 1925-08-17
- Page
- – (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 22 DIE WAHRHEIH Nr. 32/3S bleibt und die künstlerische Vollendung umso lückenhafter erscheint. Auf die kurze, lapidarische Forderung, deren Inhalt und Bedeutung, deren ungeheure Verantwortung und Schwere das Volk absolut nicht kennt, ja nicht kennen kann, antwortet es einstimmig: „Alles, was Gott gesprochen hat, wollen wir tun" (Exod. 19, 8). Die Wichtigkeit, der dem Volke überbrachten Thora wird auch dadurch gekennzeichnet, daß die wenigen Worte (Exod. 9, 4—8) durch die Aeltesten dem Volk mitgeteilt werden; „alle diese Worte" ist in jedem Falle viel gesagt von so wenigen Sätzen; aber sie enthalten das Schlußglied der ganzen Kette, den Satz: „Ihr sollt mir ein Priesterreich sein und ein heiliges Volk". Ich lehne einen reinen Parallelismus für diesen Satz ab. Die große Feierlichkeit, mit der er überbracht wird, gebührt ihm. Das Volk antwortet ,jachdaw", also durch Akklamation, ohne zu fragen oder zu prüfen, ja ohne Kenntnis von Einzelheiten, mit imponierender Kraft „wir wollen es tun". Man beachte wohl die Tatsache, daß diese Antwort noch einmal gegeben wird. Jetzt (Exod. 19, 7) heit es: „Moscheh kam, berief die Aeltesten des Volkes, legte ihnen alle diese Worte vor, welche ihm Gott aufgetragen hatte; das ganze Volk antwortete . ." (offenbar, nachdem die Aeltesten die Vorlage wiederholt hatten) usw. Zum zweitenmal erfolgte dieselbe kurze Antwort unter ganz anderen Umständen. Das Zehngebot ist bereits erlassen und daran schließen sich wohl al_s typische Beispiele und Ausführungsmaßregeln die Rechtsnormen (Mischpatim), die durchaus auf Vollständigkeit und Lückenlosigkeit keinen Anspruch erheben und doch eine große Fülle praktischer Beispiele enthalten. Man kann, ohne Zwang und Gewalt auch in ihrer Aufeinanderfolge den Einfluß des Dekalogs feststellen. Ist es Zufall, daß entsprechend dem ersten Satze des Dekalogs, der die Befreiung aus dem Sklavenhause betont, das 'Sklavengesetz an die Spitze der Mischpatim tritt? Den Gesetzen ..Du sollst nicht morden", „Du sollst nicht stehlen", entspricht ferner die Gruppe* Exod. 21, 12—23, 33, mit verschiedenen Einschiebungen und Variationen, im ganzen und großen ist Diebstahl in jedem Sinne. Uebervorteilung; Mord, Totschlag, Verletzung usw. Gegenstand dieser Gesetzesgruppe. In ihr befinden sich ganz richtig auch! Ergänzungen zu lo thaane, lo thissa, Khabbed, lo thin'af in den Vorschriften Makkeh abil und Makallel, wekhü jefatteh, mi'debär scheker, elohim lo Makallel, lo thissa Schema schaw, wesch ochad lo thikkoch, ebenso sind in der Gruppe die Gesetze über Schemittah und drei Jahresfeste Parallelen zum Sabbathgebot des Dekalogs. Die Ermahnungen Exod. 23, 30—32 sind Ergänzungen zum zweiten Gebpte des Dekalogs. Nach Mitteilung all dieser Gesetze heißt es; dann: (Exod. 24, 3): „Nun. kam Moscheh und erzählte dem Volke alle Worte Gottes und alle Rechtsvorschriften; darauf antwortet das ganze Volk mit einer Stimme quol echad (nicht jachdaw) in dieser Variante liegt offenbar irgendeine Bedeutung; vielleicht heißt jachdaw soviel wie per acclamatäonen quol echad hingegen: nach Abstimmung: Einstimmigkeit und sagte: „Alle Worte, die Gott gesprochen hat, wollen wir tun" (naasseh); wie vordem. Das Volk kann, auch hier keilte andere Antwort geben, denn es hat nur mündliche Mitteilung erhalten. Bei der! ersten mündlichen Mitteilung, die eigentlich nur den Satz enthielt, daß es ein Reich von Priestern sein oder werden solle, war die Antwort vollkommen am Platze; ebenso hier nach der zweiten mündlichen, wenn auch weitaus ausführlicheren Vorlage des Gesetzes. Nun aber schreibt Moscheh alle Worte Gottes auf (Exod. 24, 4) errichtet einen Altar und zwölf Steine und nimmt se£er Habberith und liest vor den Ohren des Volkes den Bundesvertrag vor. Das Volk hörte nun auf Grund schriftlicher Aufzeichnung das ganze Gesetz mit den Ergänzungen und Erklärungen, während vorher nur mündliche Ueberlieferung erfolgt war. Daraul antwortet jetzt das Volk (Exod. 23, 7): „Alles, was Gott gesprochen hat, wollen wir tun und gehorchen (naasseh wenischma). Erst jetzt ist es also in der Lage, diese Doppelb ekräftigung, diese Doppelantwort zu geben; vorher konnte es das nicht, denn erst jetzt hat es in hochfeierlicher Weise den Bund geschlossen und der Bundesvertrag (sefer habberith) lag ihm vor. Vielleicht haben wir wirklich in dem Worte sefu habberith die Bedeutung von Bundesbrief (im Gegenan einem .förmlichen Vertrajgsbrief zu denken, als welcher satze zu sefer hakke rithuth) zu erblicken. Dann hätten wir an einen förmlichen Vertragsbrief zu denken, als welcher die als B u n d e s b u c h allgemein bezeichneten Kapitel, welche wir behandelt haben, zu gelten hätten. Ich glaube, daß durch diese Betrachtung, die sich durchaus an den einfachen Text der Heiligen Schrift hält, in das komplizierte-Gefüge der Kapitel 19—24 des Exodus helles Licht fällt und dessen Komposition und geradezu. künstlerisch-vollendeten Aufbau nachweist. Oute Juden. Von Dr. Felix Kanter, Zwittau (Mähren^. Gute Juden hat es zu allen Zeiten gegeben. Nach einer Stelle im Talmud soll es in jedem! Zeitalter mindestens sechsunddreißig Fromme geben, die sich ihrer Frömmigkeit nicht brüsten, daher meist im Verborgenen leben und deren gute, gottgefällige Werke die ganze Welt erhalten. Aber so viele gute Juden wie in der Jetztzeit dürfte es im Judentum nie gegeben haben. Früher galt der als guter Jude, der mindestens — gut war, das heißt in erster Reihe „edel, hilfreich und gut" im Sinne der Thora und des heiligen Väterglaubens. Ein guter Jude war gleichbedeutend! mit einem streng frommen Juden. Der gute Jude lebt nuiTin seiner Religion und für seine Religion, in seinem Glauben und für seinen Glauben, für seinen Gottj und seine Lehre, für sein Judentum und seine Ideale. Unter einem guten Juden verstand man vor allem einen gelehrten Juden, einen solchen, deri nicht nur im „unendlichen Meere des Talmuds" gleichsam! zu Hause war und in dessen Abgrundtiefen er sich spielend versenken konnte, um dann unversehrt und siegesfroh aus ihm emporzusteigen, sondern einen Mann, der das ganze rabbinische Schrifttum meisterhaft beherrschte und darin, d. h. in „den vier Ellen der Halacha" ganz und restlos aufging und kein anderes Streben kannte, als zu! lehren! und zu lernen, in der Thora zu forschen Tag und Nacht- Solche Männer bildeten den Schmuck und die Zier, jeder Gemeinde, die so glücklich war, solche Männer zu besitzen. Diese guten Juden umgab man nach und nach mit einer Art Glorienschein; sie standen gegen ihren Willen im Rufe der Heiligkeit und man erbat ihre Fürsprache bai Gott in den Stunden der Not und Gefahr, ihren Rat und Segen, so man ihrer bedurfte und rn.an pilgerte zu ihrenf Gräbern, wenn sie aus . dem Leben] schieden, penn solche Juden waren selten und glücklich die Gemeinde, die solche Männer aufzuweisen vermochte. Ihr Ruhm war für ewige Zeiten gesichert. Heute, gibt'es gute Juden in Hülle und Fülle, auf Schritt und Tritt, in Stadt und Land, überhaupt überall, wo Juden leben. Jeder zweite Jude, mit dem man zusammentrifft, sei es auf der Bahn, in der Elektrischen, im Kaffeehaus oder — last not least — in der Bar oder in der Sommerfrische, entpuppt sich bald als guter Jude. Jedenfalls behaupteii er es steif und fest, oft sogar in Momenten und Situationen, die weder gut noch jüdisch sind. Die stehende Redensart lautet stets: „Ich bin zwar ein guter Jude, ein sehr guter Jude sogar, aber w ." Dieses Aber lautet allerdings verschieden, je^nach dem Thema, das gerade angeschnitten wird oder je nach dem religiösen Ge- oder Verbot, das er gerade übertritt. Er ist ein guter Jude, aber ... die Speisegesetze existieren für ihn einfach nicht. Er ist ein guter Jude, aber . . . seinen Sohn läßt er trotzdem nicht beschneiden. Er ist ein guter Jude, aber . . . die Feiertage hält er trotzdem nicht. Er hält von der Religion überhaupt nichts, aber ... er ist trotzdem ein guter Jude. Worin seine Güte als Jude besteht? Nun, er ist Jude durch und durch, er schämt sich seines Judentums nicht und ist sogar (!) stolz auf seine jüdische Stammeszugehörigkeit. Wehe dem Antisemiten, dem es einfallen sollte, in seiner Gegenwart auf diej Juden zu schimpfen! Er würde es mit ihm zu tun haben und er wäre sogar imstande, das Lokal, wo antisemitische Schimpfworte fallen, einfach demonstrativ zu verlassen. Er lasse „sein" Judentum nicht beleidigen und dulde es nicht, wenn „seine" Nation herabgesetzt werde, sei es im Scherz oder Ernst. Solche Juden gibt es heutzutage, wie erwähnt, in Hülle und Fülle; Juden, die nichts halten, an nichts glauben und nichts können, weil sie nichts verstehen und nichts gelernt haben und trotzdem! sich für — gute Juden halten. Mir aber wilK.es nicht in den Sinnn* daß ein Jude, dem nichts Jüdisches mehr heilig, der den Sabbat entweiht» die .religiösen Feste nicht feiert, seine Löhne dem Bünde Abrahams njcht zuführt, das Gotteshaus nicht besudht und um die religiöse Erziehung seiner Kinder sich nicht kümmert, — daß ein solcher Jude ein „guter" Jude ist, nur deshalb, weil