Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 32-33 (17.8.1925)
- Date
- 1925-08-17
- Page
- – (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3062972-3064022-3064053--13902-3081432- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seilte 20 DIE Nr. 32/33 Moses Montefiore. 1784—1885. Ein Erinnerungsblatt von Dr. Max Q r u n w a 1 d. Der Sonnenaufgang der „Wahrheit" fällt in das Todesjahr eines Mannes, mit dessen Hinscheiden weiten Kreisen unserer Stammesgenossen eine Sonne brüderlicher Hilfsbereitschaft untergegangen ist. Eines Mannes, in dessen eifervollem, mutigem und behaglichem Bemühen für die Ehre des Judentums und die Verbesserung der sozialen sowie wirtschaftlichen Lage seiner Bekenner wir das Programm vorgezeichnet finden, das sich auch die „Wahrheit" gewählt hat. Seine wiei selten zähe Lebensfähigkeit wünschen wir der „Wahrheit" zur Vollendung des vierten Jahrzehntes ihres Bestehens. Es ist Moses Montefiore. ' Man hat, um der Bedeutung eines Mose Maimonides gerecht zu werden, von! ihm gesagt: „Von Mose bis Mose war keiner gleich Mose", ein Wort, das. man später auch auf Moses Mendelsohn, den bekannten Berliner Philosophen, übertragen hat. Zwei Jahre vor Mendelssohns Tod wurde in England der vierte Mose geboren, der in aufopfernder Liebe zu seinem Volksstamme und an Erfolgen für! das Ansehen des jüdischen Namens* außer in den drei großen Mose, die ihm vorangegangen, nicht seinesgleichen hat. Was Mose Maimonides für die Festigung des Judentums nach innen und nach außen geleistet, was Moses Mendelssohn zur Hebung und Veredlung der deutschen Judenheit beigetragen hat, dem entspricht der Sieg, den Moses Montefiore auf dem Kampfplatz für Recht, Wahrheit und bürgerliche Gleichberechtigung seiner Glaubensbrüder zu erkämpfen gelungen ist. Zur Zeit seiner Geburt stand es um die politischen Rechte derj Juden in England nicht viel besser als im übrigen Europa, obwohl jüdische Bankiers es gewesen waren, die Malboroughs, des Siegers von Malplaquet und Kampfgenossen des Prinzen Eugen, Feldzügd. ermöglicht/ hatten und jüdische Krieger in Englands Heer und Flotte mit Auszeichnung dienten, wofür unter vielen anderen Belegen ein noch heute erhaltenes Zeugnis spricht, das Nelson einem seiner jüdischen Mitkämpfer ausgestellt hat. Dem getauften Juden standen wohl, wie das Beispiel Ricardos und zahlreicher Begründer der angesehensten Familien des englischen Adels beweist, der Zuzug zu allen öffentlichen und gesellschaftlichen Stellungen und Ehren offen. Wie gehässig aber das glaubenstreue Judentum behandelt wurde, beleuchtet schon die Tatsache, daß Legate für jüdische Erziehungsanstalten von den Gerichtshöfen für null und nichtig erklärt wurden, weil sie als Stiftungen für abergläubische Zwecke anzusehen seien. Als ein englischer Jude einmal sein Legat zur Unterstützung eines jüdischen Betvereines hinterlassen hatte, bestimmte das Gericht diesen Fonds zur Unterstützung eines Kaplans, der den Insassen eines Findelhauses das Christentum zu predigen hatte. Dieser Fall aus dem Jahre 1754 behielt bindende Autorität bis zu der Zeit, da Montefiore das Mannesalter erreicht hatte, und wurde noch im Jahre 1818 als gesetzliche Regel zitiert, indem man nach seiner Analogie ein jüdisches Mädchen während der Lehrlingszeit von den Wohltaten eines Stipendiums ausschloß, das für Einwohner ihrer Heimat, der Sjtadt Badford, gestiftet worden war. Die Ausnahmsbestimmungen für die Juden, „de Judaismo",'. standen formell im Gesetzbuch bis 1846. Obschon die drückendsten ihrer Verfügungen längst veraltet waren und dieseAkte in den gewöhnlichen Gesetzessammlungen mit Absicht ausgelassen wurden, war der Geist, der solche gehässige Artikel diktiert hatte, doch noch mächtig genug, die Juden von dem Londoner Bürgerrechte auszuschließen und demgemäß bis zum Jahre 1832 zu verhindern, sogar Läden in der! Cityj offen zu halten. Bis 1828 war es nur zwölf Juden! zu gleicher) Zeit gestattet, Geschäfte als Börsenmakler in der City zu führen. Die Medaille, die sie zur Ausübung ihres Geschäftes ermächtigte, wurde von einem jeden aus den Händen des Lord Maypr selbst in Empfang genommen, sowie er zum Amt gelangte, und das Priyilegiimi auf die Nachfolge zu einer vakanten Stelle mußte mit großen Summen erkauft werden. Im Jahre 1833, als ein Jude sieh vor den Richtern in Lincolns Inm vorstellte, um zur Advokatur zugelassen zu werden, trat man in eine feierliche Diskussion ein, bevor des jungen Mannes Gesuch gewährt wurde. Weil! in den Universitäten in Oxford und Cambridge! noch die alten Eide auf das Evangelium geschworen werden mußten, konnten Juden erst! in einer viel späteren Zeit zu . wissenschaftlichen Graden gelangen. Sylvester gewann den Platz als zweitbester Mathematiker bei dem mathematischen Wettkampf im Jahre 1837, konnte aber als Jude nicht die Erklärung abgeben, die ihn zum Graduiertwerden befähigt hätte. Die. Universität Cambridge machte diesen Fehler wieder? gut, indem sie ihm im Jahre 1872 den Grad eines Master of Arts verlieh und im Jahre 1879 Arthur Cohen, einen Neffen Montefiores, zum Rang eines Universitätsrichters erhob. Ein Jahr vor der Geburt Montefiores schloß das irische Parlament die Juden speziell von der Wohltat der Naturalisationsakte aus, und dieser Unfähigkeit mag es/ zum Teil zugeschrieben werden, daß bis zum Jahre 1881 nur 453 Juden sich in Irland niedergelassen haben. t Somit gab es in dem Garten der Humanität selbst in dem frommen Old England noch sehr viel Unkraut zu jäten, eine Aufgabe, würdig eines Mannes wie Montefiore, der sich in den Diest der Humanität zu stellen zur Lebensaufgabe gewählt hatte. Der Familienname Montefiore weist auf ein Städtchen von 2000 Einwohner am östlichen Abhang, der Appeninnen als ihren Herkunftsort hin. Soweit bekannt, übersiedelten die Montefiores nach einem kurzen Aufenthalte in Ancona nach Livorno. Die weise Toleranz der Medici hatte diese Stadt aus einem dunkeln unbekannten Ort zu einem der größten Häfen Italiens erhoben und die Juden waren auf dem dortigen Markt so einflußreich, daß ein Schriftsteller der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts berichten kann: „Im allgemeinen feiern die Einwohner, Juden und Nichtjuden, den jüdischen Sabbath als den Tag der Ruhe im Geschäft." Die Geburt Moses Montefiores in Livorno am 24. Oktober 1784 wird durch das Gemeinderegister bestätigt. Schon Montefiores Großvater Moses Vita Montefiore hatte sich in England niedergelassen; die Eltern unseres Philantropen lebten in London und waren auf einer Reise in Italien begriffen, als ihr ältester Sohn Moses in Livorno das Licht der Welt erblickte. Die Eltern Moses Montefiores hatten nur über mäßige Mittel zu verfügen; er mußte daher früh die Schule verlassen und trat in ein Geschäft in der City ein. Seine Eltern wohnten in Kenington. Zur Zeit, da man die französische Invasion für nahe bevorstehend hielt, trat der junge Montefiore als Freiwilliger in die Surreylandwehf ein, in der er später den Rang eines Hauptmannes erhielt. Er War ein großer, schlanker und schöner junger Mann von liebenswürdigen, einnehmenden Manieren, und seine persönliche Popularität war ihm in der Laufbahn, die er'zuletzt wählte, sehr förderlich — nämlich, in der Effektenbörse, wo die Meinung, die das „Haus" als Korporation von seinen Mitgliedern hat. sehr ins Qewicht fällt. Moses Montefiore trat jedoch zuerst als Lehrling , in eine Firma ein, die sich hauptsächlich mit Proviantlieferungen befaßte; erst später ging .er zur Effektenbörse über und wjirde für die Summe von 1200 Pfund-einer der -zwölf von der City! patentierten Makler. im Jahre 1812 vermählte sich Monteiiore mit Judith Cohen aus einer angesehenen aus Holland nach England eingew änderten Familie., Zur Charakteristik dieser seltenen Frau sei aus ihrer Jugend_zeit folgender Zug erwähnt. An einem Tischo b'aw saß die Familie, wie üblich auf Schemmeta oder Kissen. Man las die Klagelieder Jeremias. Plötzlich wurde Besuch gemeldet und unmittelbar folgten dem Diener Admiral Sir Sidney Smith und andere Freunde des Hauses. Judiths Schwestern waren im Augenblick verwirrt Nur sie behielt ihren Platz inne und erklärte den Herren, als sie nach dem Grunde der Trauer fragten, die Bedeutung des Tages. > „Wir gedenken der Tapferkeit unserer Ahnen, die Ihnen, meine Herren, ohne Zweifel bekannt sein dürften, und betrauern das Mißgeschick, daß es nicht möglich war, die heilige Stadt und den Tempel zu erhalten. Diese Tapferkeit unserer Vorfahren ist uns ein Vorbild, wie wir kämpfen und unser Leben