Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 32-33 (17.8.1925)
- Date
- 1925-08-17
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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N& 32 38 Dg_WAHRHElT Seite 15 erscheint, als die judenfeindliche hakenkreuzlerische Bewegung im Staate immer mehr um sich greift. Und wenn diese Zeilen dazu beitragen werden, daß die Realisierung der vorangeführten Idee erfolgt, dann ist den Intentionen dieses Aufsatzes vollauf Rechnung getragen worden. „Hamischmar". Eine Besprechung. Von Dr. Konrad Prunner, Berlin. Mischmar: — das ist ein hebräisches Wort, das wir etwa frei mit Scout übersetzen wollen —, Mischmarim werden die .iugendgruppen im „Blau-Weiß" bezeichnet, in denen die Jungen bis zum sechzehnten Jahre zusammengefaßt sind. „Hamischmar" ist der Titel eines Führerhandbuches, das die Bundesleitung der Blau-Weiß-Bünde herausgegeben hat und das jetzt erschienen ist. Letzterer Umstand mag wohl eine Rezension verständlich machen. Daß wir aber aus diesem Anlaß einen Aufsatz über jüdische Jugendbewegung schreiben, kann nur durch die symptomatische Bedeutung, die wir dem Buche beimessen, gerechtfertigt werden. Um das verständlich zu machen, müssen wir weiter ausholen. Wer einmal die soziologische Geschichte unseres Jahrhunderts schreiben wird, wird kaum an der Jugendbewegung ohne eingehende Würdigung vorbeigehen können. Um das Jahr 1900 entstehen zwei Bewegungen: in England gründet der geniale General Ba.den-Powell den „Pfadfinder", in Deutschland entsteht der „Wandervogel". Trotz der Gleichheit des Kreises und der Zeit sind die beiden grundverschieden. Die] englische Bewegung, von „oben" gegründet und gefördert, bedeutet stärkste Bejahung des Bestehenden, des Staates als höchstes Ziel. Scouting ist staatsbürgerliche Erziehung; ihr Ziel der Bürger, der Mann. Anders die deutsche Bewegung. Sie ist nicht konservativ, sondern revolutionär. Für sie ist der Bürger nicht Ziel, sondern Objekt des Kampfes. Sie bejaht nicht den Staatsbürger, sondern negiert den Spießbürger als Vertreter der heutigen verlogenen Gesellschaft. Nicht der Mann, sondern der Jüngling (Type Siegfried) ist ihr Idealbild. Revolutionär mußte auch die jüdische Jugendbewegung sein. Nicht deshalb, weil ihre' Führer zum Teil aus dem Wandervogel, der inzwischen, den „Arierparagraphen" eingeführt hatte, kamen. Die revolutionäre Haltung war durch das Milieu bestimmt. Der junge Mensch strebt nach Ganzheit, nach Totalität des Weltbildes und kennt keine Kompromisse. Und so mußten die jungen Juden, die in Schule und Wandervogel sahen, daß sie nicht Deutsche sein konnten, sich um so fester an ihr Judentum anschließen. Sie stellten dieses in das Zentrum ihres Lebens. Und aus diesem Streben nach Ganzheit heraus lehnten sie die Konstruktionen von „Deutschtum und Judentum" ab; ebenso konnte ihnen ein Judentum, das sich fast in nichts von der evangelischen Kirche unterschied, oder wie! in Oesterreich durch die „Presse" und den Jörn Kippur charakterisiert ist, nicht bieten. Zum Teile kam sie aber auch aus einem konservativen Milieu, in dem das Judentum eine Sammlung von Formen und Normen ohne Inhalt ist, heraus. Solche „Tradition" konnte nicht als Aufgabe, sondern nur als Last empfunden werden. So war auch jüdische Jugendbewegung Auflehnung, Revolution gegen das Althergebrachte. Während aber die deutsche Jugendbewegung im Negieren, im Negativen stecken blieb und ihre Kräfte in Kleinigkeiten verzettelte, schritt die jüdische Jugendbewegung über das Verneinen hinaus und gelangte zu positiver Leistung. Im Streben nach einem vollen, ganzen Judentum, das den ganzen Menschen erfüllt, mußte sie sich notwendigerweise mit dem Palästinagedanken auseinandersetzen, der Gedanke, der am stärksten auf die jungen Menschen wirken mußte. Und aus diesem Palästinagedanken heraus stellte sie an sich die Forderung der Chaluziuth, der Berufsumschichtung, die Forderung, das Judenland selbst aufzubauen. Auch hier bereitet sich langsam ein Wandel der Ideologie vor. Statt der jüdischen Gesellschaft, die man ablehnte, tritt die jüdische Gesamtheit auf, der gegenüber man das Gefühl der Verantwortlichkeit hegt und der man sich als „Staatsbürger" einordnen will. Und mit der Ideologie wandeln sich die Formen. Aus der Fahrtengemeinschaft wird ein Erziehungsbund, organisch entsteht ein Streben nach Form und Stil, nach! Wertungen. Man ringt um das! „Bild" des jüdischen Menschen. Ein Meilenstein auf diesem Wege ist das Erscheinen des „Hamischmar". Es ist ein Beweis dafür, das wieder ein bestimmtes Erziehungsbild existiert, daß die Frage: Wie soll ein jüdischer Junge aussehen? bereits positiv beantwortet werden kann. Und so zeugt das Buch auch von einer gewissen Reife und Klarheit des Weges. Wer das Buch durcharbeitet, wird von ,der Aehnliehkeit mit dem Boy-Scout überrascht sein. Dennoch — das muß betont werden — ist es kein stumpfsinniges Uebernehmen von fremden Formen. Nach dem Obigen ist es klar, daß die ideologische Aehnliehkeit auch eine Aehnliehkeit des Erziehungsweges bedingt. Es ist also kein Rezipieren der Formen des Pfadfinders, sondern ein organisches Wachsen in der Richtung zum Scouting. Doch wird es nicht so bald zu einer Gleichheit kommen. Denn eine wesentliche Voraussetzung, die „Staatlichkeit", fehlt uns, und so mußte der „Hamischmar" den besonderen Umständen und der besonderen Eigenart unserer Jungen gerecht werden. Welches ist pun das Bild? „Es sollen Menschen heranwachsen, die Männer werden können. Menschen, die mit einem besonderen Blick für das Wirkliche und Bedeutende begabt, immer auf ein Tun aus sind. Verantwortlichkeit, Fähigkeit zur Hingabe an das Volk, Einsatz für die Forderungen, die von ihm ausgehen, soll zu ihren Tugenden gehören. Weder die Schule, noch der Sport, noch das öffentliche Leben sind geeignet, unseren Menschen aur vollen Entfaltung ihrer Kräfte zu verhelfen." „Die Kunst der Erziehung besteht darin, an die Fähigkeiten unserer Jungen selbst anzuknüpfen. Sie besteht nicht darin, Jüngeren den Wilen eines Aelteren aufzuzwängen; sie besteht darin, an dem lebendigen Empfinden jedes einzelnen anzusetzen und von seinen eigenen Kräften alles zu erwarten." Alle Erziehung dringt auf praktische Erfolge, auf Leistung. Die Form, in der alle Leistung gemessen wird, ist die Prüfung. Diese ist den drei Stufen angemessen, die den Altersklassen entsprechen. In dreifacher Hinsicht geht die Ausbildung vor sich: körperlich, geistig, handwerklich. Körperlich sind es nicht nur diö technischen Fähigkeiten für Wanderung und Lager, sondern zur Durchbildung des Körpers auch Leichtathletik und Jiu-Jitsu; geistig vor allem die Erlernung der hebräischen Sprache (ein ausgezeichneter Lehrplan!), Naturwissenschaften u. a.; handwerklich wird nicht auf Bastelarbeiten Wert gelegt, sondern auf ziemllich gründliches Erlernen eines Handwerkes. Letzterer Punkt scheint uns für unsere jüdischen Jungen von besonderem Wert. All diese Dinge sind in einen vorzüglichen „Lehrpl^n" untergebracht, der die harmonische Ausbildung unserer Jungen ermöglichen soll. Hinweisen möchten wir noch auf die reichhaltige Bibliographie, die vom pädagogischen Standpunkt als ausgezeichnet gewertet werden muß. Auf ein Kapitel des Buches wollen wir jedoch näher eingehen, das den Titel trägt: „Die Formenwelt der Jüngerenschaft." Und uns interessiert nicht so sehr, was darinnen steht, sondern was nicht darinnen enthalten ist, Gedanken, die durch 'd|e Lektüre dieses Kapitels erweckt werden. Es sind Gedanken über die Formenwelt des Judentums und ihre Verwertung im Leben der Jugend. Eingangs haben wir davon gesprochen, daß die Jugend Formen abgelehnt hat, denen der , Inhalt verlorengegangen war. Auf die nun notwendige Frage nach dem Wesen der Formen könen wir hier nicht eingehen. Es genügt uns hier, zu wissen, daß es nur das Erlebnis ist, das Forrrien schafft. Die Freude der primitiven Völker an Form und Symbol findet sich bei der Jugend wieder. Form, Symbol, Zeremonie im jüdischen Leben sind Ausdrucksformen des Erlebnisses unserer Vorfahren, Formen, die von jeder Generation neu geschaffen und erlebt wurden. Wenn man diese Gedanken bis in alle Konsequenzen durchdenkt, wird man den grauenvollen Widerspruch, „Jugendgottesdienste" zu veranstalten, empfinden. Mit demselben Erfolge könnte man eine tibetanische Gebetsmaschine abrollen. Das, was diese Veranstaltung sein soll, religiöses Erlebnis sein, kann sie schon aus dem einen Grunde nicht, weil sie nicht die Möglichkeit hat, die inneren Kräfte der Menschen zu lösen. Und so ist diese Veranstaltung nicht nur nicht Gottesdienst, sondern Gottess lästerung. Das mag nur ein Beispiel sein. Wir könnten sie beliebig vermehren, wenn wir die heutige „jüdische Erziehung" durchbesprechen würden. Eine etwas gründlichere, modernere psychologische Schulung wäre den Leuten, die in diesen Fragen zu entscheiden haben, wohl zu wünschen. Und gerade so ein Buch, das mitten aus dem Leben der Jugend heraus geschaffen wurde, mag dem Jugendbiidner vielfach Anregunge ngeben und in dies_em Sinne mögen gerade diese auf den „Mischmar" hingewiesen werden.