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Die Wahrheit · 1925-08-17 · Heft 32-33 (17.8.1925) · page 17

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 32-33 (17.8.1925)
Date
1925-08-17
Page
– (sequence 17)
Language
German
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Nr. 32/33 Seite 13 os chassidische Elemente sind, die chaluzische Arbeit auf sich genommen und bisnun in staunenerregender Weise leisten. Der Keren Kajemeth, der Bodenfonds, der bis zur Schaffung des Keren Hajessod der einzige Exponent des bewußten jüdischen Willens zur Gesundung des jüdischen Lebens war. ermöglichte die Entwicklung dieses Strebens, indem er auf seinen Farmen die jungen Menschen ausbildete, die das Ziel ihres Lebens eben darin sahen, die „Awoda atzmit" (die eigene Arbeit) in der Landwirtschaft zu verwirklichen. Auch dieser neue Jischuw ist auf außerpalästinensische Mittel angewiesen — diesem Zwecke dienen der Keren Kajemeth und der Keren Hajessod —, aber diese Mittel sind nicht dazu da, um die Bedachten zu ernähren, sondern um ihnen die Möglichkeit zu geben, wirtschaftlich auf eigenen Füßen zu stehen. Der Boden bleibt Eigentum der jüdischen Gesamtheit, alles übrige erhält die Form von Darlehen. Der neue Jischuw wird ferner dadurch charakterisiert, daß er kulturell darnach strebt, ein einheitliches jüdisches Volk auch in sprachlicher Beziehung zu schaffen. Die hebräische Sprache soll der einigende Kitt werden. Ebensowenig wie das Streben nach wirtschaftlicher Gesundung ist das nach kultureller Vereinheitlichung und Gesundung eine beim grünen Tisch ausgeklügelte Forderung. Beide haben ihre Quelle in dem unverdorbenen jüdischen Volksinstinkte. Wir sehen das bald ein, wenn wir bemerken, daß z. B. jüdische Gruppen, die dem Prozesse der Wiederauflebung der hebräischen Sprache gleichgültig gegenüberstanden, selbst die bereits stark verlebendigte und entwickelte Sprache anwenden, ja anwenden müssen. Was eine Gruppe im Volke schöpferisch hervorbringt, muß Gemeingut der Gesamtheit werden. Es ist nun natürlich, daß in Erez Israel die Iwrith b'iwrith-Methode entstand, die dann ihren Siegeszug in allen Ländern der Diaspora antrat. Der neue Jischuw fühlt sich als Avantgarde des e n tstehenden jüdischen Gemeinwesens in Palästina. Die Siedler halten nicht ihre Aufgabe damit für beendet, daß sie ein produktives Leben führen. Nein, sie wissen, daß sie Pioniere sind für die Schaffung einer jüdischen Gemeinschaft auf historischem Boden, die berufen ist, die politische, wirtschaftliche und kulturelle Heimat des jüdischen Volkes, dessen Zentrum in all diesen Beziehungen zu werden. Daher das unablässige Hämmern am Baum der jüdischen Selbstverwaltung in Kolonie und Stadt und das heiße Bemühen um die politische Zusammenfassung der Judenheit Erez Israels. Freilich ist sich die Judenheit des Landes darüber im klaren, daß die politischen Rechte einen Reflex darstellen der wirtschaftlichen und kulturellen Macht des Jischuw und nur wachsen können, wenn diese wachsen. Das System der politischen Privilegien ist der Ueberbau, die Wirtschaft und die geistige Kultur das Fundament. Wir haben bisnun über den Inhalt des geistigen Lebens des neuen Jischuw nichts gesagt. Es ist aber nur natürlich, daß der junge neue Jischuw zu sehr von der alltäglichen, wirtschaftlichen und kulturellen Aufbauarbeit in Anspruch genommen ist, als daß er seine Aufmerksamkeit den tiefen geistigen Problemen, sowohl jüdischen als auch allgemein-menschlichen, zuwenden könnte. Die Schaffung des jüdischen Dorfes, das Eindringen des jüdischen Elementes in alle Zweige der produktiven wirtschaftlichen Tätigkeit — wie Straßen- und Häuserbau, Handwerk, Bahnbau u. dgl. —, die Schaffung und Entwicklung der jüdischen Industrie sind schwere Probleme genug, um einen Menschen ganz auszufüllen. Aber die menschliche Seele ruht nicht, das menschliche Gemüt fordert kategorisch Nahrung. Die alte große jüdische Geisteswelt pocht an -die Tore von Erez Israel. Je mehr der Jischuw wächst, desto mehr wird er zu dieser Welt Stellung nehmen müssen, denn der tiefe Sinn der ganzen Palästinabewegung kann nur der sein, unserem Volke die Möglichkeit zu freiem geistigen Ausleben zu geben. Heute herrscht noch irn Lande ein hoher Grad von Rationalismus, der sicherlich einer tiefen geistigen Regsamkeit Platz machen wird, piese Umwandlung hat zweierlei zur Voraussetzung: 1. Die Einwanderung von Elementen, denen das geistige, religiöse Judentum wirkliches Leben bedeutet und die aus tiefstem Verständnis für deren dringende Notwendigkeit an der Schaffung der äußeren Kultur (Landwirtschaft usw.) aktivsten Anteil nimmt. 2. Völlige Toleranz in geistigen Dingen. Diejenigen, denen das alte Judentum höchstes persönliches Glück ist, müssen wissen, daß nur durch <las lebendige Beispiel die von ihnen in Besitz genommenen geistigen Güter Gemeingut der Judenheit werden können. Der alte und der neue Jischuw, von verschiedenen Seiten kommend, müssen und werden sich treffen, die Liebe zum eigenen Volke und Lande wird sie vereinigen. Gemäßigter Zionismus. Von Rudolf Seiden, Mödling. Gerne gewähren wir den Ausführungen des Herrn Rudolf Seiden, eines Propagators des" „gemäßigten Zionismus", in unserer Jubiläumsnummer Raum, zumal wir in den Anschauungen des geehrten Verfassers, denen wir zwar nicht vollkommen beipflichten können, einen vielleicht gangbaren Weg zu einer künftigen Vereinigung sämtlicher Juden für die Zwecke des Palästinaaufbaues erblicken. Mit Freuden komme ich der Einladung der Redaktion der „Wahrheit" nach, ihr für die Festnummer anläßlich ihres 4(>jähngeu Bestandes einen Artikel über den von mir seit langem propagierten „gemäßigten" oder „u na tili ä n g i g e n" Zionismus zu schreiben. Schon im Jahre 1921 sagte ich in der „Jüdischen Rundschau", anläßlich des 12. Zionistenkongresses, unter dem Titel: „Neuer Weg oder — Scheideweg": Wenn wir die Tätigkeit der Zionistischen Organisation im Osten und im Westen vergleichen, werden wir finden, daß sie sehr verschieden ist; was nicht so sehr damit zusammenhängt, daß die Massen im Osten* zufolge ihrer andersgearteten politischen Lage, rechtlichen Stellung, sozialen Schichtung und religiösen Anschauung sowie ihrer spezifischen Kultur einen anders gearteten Zionismus betreiben müssen als beispielsweise die Juden Englands, sondern vielmehr mit der Dehnbarkeit des Begriffes „Zionismus". In diesem Artikel sagte ich, daß eine N e u Orient i er u ii s des Zionismus für die Entwicklung von Palästina von größter Wichtigkeit wäre. Der Zionismus hat alle Juden ohne Unterschied ihrer politischen, religiösen und sozialen Anschauungen zu u mfassen, insoweit sie den Verpflichtungen der Organisation nachkommen, d. h. Schekel und Keren- Hajessod-Beiträge leisten und sich als Angehörige des jüdischen Volkes deklarieren. Denn: Es gibt keine Zionistische „Parte i". e s gibt nur eine Zionistische .,0 r g a n i s a t i o n": neben dieser muß jeder Zionist — je nach % seiner Anschauung — einer Partei angehören kön n e n; der jüdischnationalen, der demokratischen oder der sozialdemokratischen usw. Was will der gemäßigte Zionismus? Er will einzig Palästinakolonisation fördern und was unbedingt dazu gehört. Landespolitik zu treiben, kann wohl einer bestimmten Gruppe im Zionismus als notwendig erscheinen, aber sie darf nicht eine Hauptaufgabe unserer Organisation sein. Die Diaspora entgeht uns nicht, aber Palästina kann für das Judentum auf ewig verloren sein, wenn wir nicht jetzt alle Kräfte darauf konzentrieren. Ich freue mich, feststellen zu können, daß diese v o r vier Jahren ausgegebene Parole heute schon in weitesten Kreisen als richtig erkannt ist und daß viele damals „radikale" Zionisten seither von ihrem Radikalismus viel, manche, die mich damals bekämpften, sogar alles abgegeben' haben. Und ebenso erfreulich ist es, daß viele Gruppen des Judentums, die lange Zeit dem Zionismus ablehnend gegenüberstanden, sich für eine erweiterte J e w i s h A g e n c y erklärt haben. Wir sind Zionisten, wenn wir, A n g ehörige der jüdischen Nation, bereit sind, in irgend einer Form mitzuarbeiten am Aufbau Zioiis! Darin liegt der große Unterschied zwischen unserem Zionismus und dem der „Radikalen".

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