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Die Wahrheit · 1925-08-17 · Heft 32-33 (17.8.1925) · page 15

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 32-33 (17.8.1925)
Date
1925-08-17
Page
– (sequence 15)
Language
German
Belongs to
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Nr. 32/33 DIE WAHRHEIT Seite 11 setz aufdrängen: Cuius regio illius et religio („Die Religion des Herrschers ist auch die des Untertanen".) Die Juden akzeptierten niemals so schmähliches Gebot. Darum ernten sie den Hohn und blutigen Haß derer, die aus opportunistischen Gründen zuerst Arianer, dann Katholiken, dann Protestanten und zum Teil später) wieder Katholiken geworden sind, bis diese anderen ihre eigene JRechtgläubigkeit" kritisch zu analysieren beginnen und plötzlich jedem nach seiner Fasson selig werden lassen wollen. Die Aufklärung rüttelt an den Kerkermauern des Geistes, die französische Revolution an den Gittertoren der politischen Gefängnisse. Als die Bastille gefallen, sind auch die Ghettomauern nicht länger zu halten. Moses Mendelsohn mahnt die Juden zum Aufbruch aus der ägyptischen Finsternis schmachvoller Vergangenhei? in die schönere Zukunft der allgemeinen Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit . . . Ein Rausch hat die Menschheit erfaßt, doch schon naht das Schicksal aller menschlichen Räusche: der Katzenjammer. Noch einmal bäumt sich der entthronte Kirchenglaube gegen seine Niederlage auf, sucht in der verschleierten Form der romantischem Poesie die verlorene Herrschaft über die Gemüter und Seelen wieder zuj erlangen. Die Vorliebe der romantischen Schule für das katholische Mittelalter begründete die Germanistik. Diese führte zur vergleichenden Sprachwissenschaft und im Jahre 1808 entdeckte Friedrich Schlegel gemeinsame Sprachwurzeln im Indischen und einer Reihe europäischer Sprachen. Er schloß daraus auf eine gemeinsame Abstammung aller Völker, welche jene Sprachen initi den gemeinsamen Wurzeln sprechen. Als nicht zugehörig zu dieser vornehmen Völkerfamilie der „Indogermanen" oder „Arier" wurden neben Türken und Negern die — Semiten entlarvt. So fanden sich die Juden auf einmal wieder ausgesperrt aus der Gemeinschaft der Glücklichen, mit denen* in Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit endlich geeint zu sein, ihnen als schöner Traum vorgegaukelt hatte. Ja, diesmal schien ihre Vereinsamung noch weit trostloser zu sein: wurden docli die neuen Ghettomauern nicht wie die alten von konfessionellem Vorurteil gezimmert, sondern von dessen glorreichen Widerpart: der freien Forschung des wissenschaftlichen Geistes. Die Namen Gobineau, Renan, H. St. Chamberlain usw. bedeuten lauter Höllenstufen für das Judentum im Inferno der Rassenlehre, auf das die Inschrift Dantes erst eigentlich zu passen schien: „Laßt, die ihr eintretet, jede Hoffnung schwinden." In der Stickluft des mittelalterlichen Ghettos, ja in der Todesqual der von der heiligen Inquisition entflammten Scheiterhaufen konnte der Jude noch auf die ^ausgleichende Gerechtigkeit des Himmels hoffen, dagegen hat ein Otto W e i n i n g e r aus dem Gestrüppe der „R a s s e n v e rw o r f e n h e i t" keinen anderen AuswÜg für sich gesehen, als den Selbstmord, um das Böse in sich zu töten: ..Nur ein gemeiner Verbrecher wartet auf den Henker. Ein ethischer Verbrecher richtet sich selbst!" Ein Beweis für die unheimlich suggestive Gewalt, die die Rassenlehre nicht bloß auf die Arier ausübte, denen sie schmeichelte, sondern auch auf die Juden, gegen die sie ihre Spitze richtete. Erst allmählich kam man darauf, daß diese Spitze unfair vergiftet war. Wer sich für das wissenschaftliche Rüstzeug dieser Entlarvung interessiert, dem sei das Buch „Die Juden als Rasse* und Kulturvolk" von Fritz Kahn (Berlin 1921) empfohlen. Es enthält alles, in amüsanter, auch dem Laien verständlicher Art gegenübergestellt, was von beiiifener Seite gegen und von unberufener für die Rasseninferiorität der Juden gesagt worden ist. Die Aposteln des „wissenschaftlichen" Antisemitismus klammern sich noch immer krampfhaft an das letztere, mag es auch längst ad absurdum geführt worden sein. Die geistige Armseligkeit der Rassenverhetzer prunkt eben, da ihr Brillanten versagt bleiben, mit falschem Schmuck. Sie haben nicht mehr den Ehrgeiz, die Wahrheit zu tinden, sondern bemühen sich nur, die gefundene Wahrheit zu verfälschen, die cnfants terribles unter ihnen, die Hakenkreuzler haben auch bereits aus der Schule geplaudert und ganz offen den Juden gegen die Taktik empfohlen: „Nur ruhig verleumden!" Damit hat der Antisemitismus seinen moralischen Zusammenbruch verkündet. Der religiösen Unduldsamkeit der von ihrer allein seligmachenden Kraft überzeugten Kirche und dem Rassenhaß der von einem wissenschaftlichen Irrlicht geblendeten Anthropologen konnte man einen sittlichen Kern zugute halten. Die Judenhetze, die um ihrer selbst willen getrieben wird, hat darauf keinen Anspruch. Und wer den Glauben au die sieghafte Gewalt der Sittlichkeit noch nicht verloren hat, muß aus dem ethischen Debakle des Antisemitismus auch auf sein baldiges politisches schließen. Möglich, daß dann die von den Hakenkreuzlern prophezeite „Weltherrschaft des Judentums" anbricht. Das wird dann geschehen, wenn alle Völker auf dem weiten Erdenrund, die sich schon heute äußerlieh zu unserer Bibel bekennen und gelegentlich sogar, wie in dem amerikanischen „Affeuprozeß"" mit groteskem Uebereifer für sie eintreten, Hire Ethik auch innerlich apperzipiert haben und nicht bloß mit den Lippen, sondern auch mit Herz und Hand dem K e r n s p r u c h der mosaischen Lehre (Levitikus, Kap. 19, Vers IN und 34) dienen werden: „Liebe d e i n e.n Nächsten wie dich s e 1 b s t!" Agndas Jisroel. Von Wolf P a p p e n!i e i m. Die Ausführungen des geehrten Verfassers, des Nestors des Wiener orthodoxen Judentums, werden sicherlich auch in jenen Kreisen, welche sich nicht zur Orthodoxie bekennen, Interesse auslösen, zumal sie die Anschauungen wiedergeben, weiche in einem großen Teile der Judenschaft die herrschenden sind. Seit der Zerstörung des Heiligtums, seitdem die Judenschaft über den Erdball zerstreut wurde, bestand die Verbindung der getrennten Glieder eigentlich nur in dem geistigen Bande, das sich im Austausch von religiösen Entscheidungen und Belehrungen äußerte. Die Zentren der Talmud-Gelehrtheit, Erez lisroel und Babylon, später Afrika, Spanien, Frankreich und Deutschland, in der geschichtlich neueren Zeit auch Polen und Ungarn, standen mit der ganzen jüdischen Welt im Verkehr. Dieser Verkehr wurde durch die Reisen großer Gelehrter stets belebt und die Talmudgelehrsarnkeit umfaßte ganz Jisroel. Die anerkannten Jeschiwaus (Talmudschulen) und Gelehrten übten auf die gesamte Judenschaft entscheidenden Einfluß. Besondere Katastrophen in einem Winkei lösten in ganz Jisroel werktätige Hilfe aus. Die Gemeinsamkeit der Weltanschauung, welche die göttliche Offenbarung als Richtschnur für das gesamte jüdische Leben, des Einzelnen sowohl als des Zibbur (der Gemeinschaft) regelte, ließ den Juden aus dem fernsten Osten in dem Juden des Westens sor"oi\ den Gesinnungsgenossen, den Bruder erkennen. Außer der Gemeinde, die nur lokale Bedeutung hat, gab es keine Organisation. Erst das Auftreten antibibüscher Anschauungen vereinigte vor 1(M> Jahren die gläubige Judeuschaft zi: einem Abwe'nrkamp*. Dem Austurm $er Reform, der sich in schroffsten Formen äußerte, gelang es, besonders in den westlichen Ländern, Teile der Judeuschaft dem Modernismus in die Arme zu führen. Speziell in den Großstädten, wo die Nationalisten, später die Materialisten, bei allen Menschen die Gläubigkeit untergruben, wurden auch Teile der jüdischen Intelligenz dem Glauben entfremdet. Die Orthodoxie wehrte sich mit allen Kräften, und heute nach 100 Jahren des Kampfes sind noch 75% der Judenschaft traditionstreu. Noch immer gab es keine jüdische Organisation. Frst als der Zionismus eine stramme Organisation mit anti-, jedenfalls aber areligiöser Tendenz schuf und durch das in jedem jüdischen Herzen vibrierende Schlagwort „Zion" Anklang fand, sich sogar viele fromme Juden fanden, die sich wohl von dem antireligiösen Tendenzen abgestoßen fühlten, aber in ihrer ..Zionsliebe** soweit gingen, alles was Erez Jisroel entweiht, mit in den Kauf zu nehmen, da ertönte der Rui .,C. - veant consules*'. Mit Protesten kann man eine starke Bewegung nicht eindämmen. Der Phalanx destruktiver Kräfte muß eine stramme Organisation der P o s i t i v i s t e u entgegengestellt werden. Gegen den religiösen Verfall muß eine Arbeit einsetzen, die unsere Kreise, speziell unsere Jugend aufklärt und dem religiösen Judentum erhält, und sü' entstand die .,A g u d a s J i s r o e 1". Nach langen Beratungen, an denen die hervorragendsten Männer der Orthodoxie teilnahmen, wurde 1911 in Kattovvitz der „Agudas Jisroel" gegründet. Deren Zweck war: Vereinigung der gläubigen Judenschaft und Zusammenfassung aller geistigen und materiellen Kräfte zur Erhaltung der Religiosität. Hierzu sollte in erster Linie Förderung des Thora-

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