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Die Wahrheit · 1925-08-17 · Heft 32-33 (17.8.1925) · page 14

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 32-33 (17.8.1925)
Date
1925-08-17
Page
– (sequence 14)
Language
German
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SeiteJO DIE WAHRHEIT Nr. 32/33 loschen ist. War im Mittelalter und im Anfange der Neuzeit die Religion das bewegende Moment des historischen Geschehens gewesen, so trat in der Folgezeit der nationale Gedanke, der bisher von geringer politischer Bedeutung gewesen war, in den Vordergrund der geschichtlichen Entwicklung. Dies ist auch der Grund, warum der religiöse Faktor des Antisemitismus immer mehr vom rassischen Faktor verdrängt wurde. Wenn diese Umgruppierung der auslösenden Faktoren nicht so offen in Erscheinung getreten ist, dann ist eine dritte Art von Antisemitismus daran schuld, nämlich der wirtschaftliche Antisemitismus, der von den meisten Autoren als eine besondere Erscheinungsform des Judenhasses angesehen wird, während er meiner Meinung nach niemals für sich allein auftritt. Denn der wirtschaftliche Antisemitismus entspringt nicht wirtschaftlichen Beweggründen allein, sondern er wird nur dann zur Tatsache, wenn neben ökonomischen Motiven religiöse oder rassische Strömungen vorhanden sind. Befinden sich zum Beispiel in einem Orte reiche Juden und reiche Nichtjuden, dann wird das Vermögen der ersteren viel leichter den Neid und Haß der Besitzlosen hervorrufen als die Güter der letzteren, auch wenn sie viel größeren Wert besitzen. Das Wort „bodenständig", das von dem judenfeindlichen Teile der Bevölkerung gebraucht wird, um seinen Haß gegen die jüdischen Kapitalisten zu motivieren, zeigt uns, daß auch die Antisemiten aus wirtschaftlichen Gründen sich dennoch der außerhalb der Wirtschaft befindlichen, haßerregenden Beweggründe bewußt sind. Religiöse oder rassische Motive schaffen also die Judenfeindschaft, die sich dann das Vermögen der Juden als passendstes Objekt des Hasses aussucht. Dieses bildet den Gegenstand, an dem sich die niedersten Instinkte des Pöbels, nämlich krassester Egoismus und unverhüllte Habsucht, leicht entzünden können. Ebenso wie die Vergehen eines verbrecherisch veranlagten Individuums ihre eigentliche Ursache in einer seelischen Erkrankung haben, so liegen die Bedingungen für den Ausbruch des wirtschaftlichen Antisemitismus in dem durch obgenannte Faktoren veränderten Seelenzustand der Judenfeinde. Während aber die verbrecherischen Triebe eines assozialen Individuums durch die Furcht vor Strafe wenigstens einigermaßen gehemmt werden, wurden die Ausbrüche des wirtschaftlichen Antisemitismus durch die Rechtlosigkeit der Juden nur noch gefördert. Unter dem Deckmantel des wirtschaftlichen Antisemitismus vollzog sich also, wie bereits erwähnt, die allmähliche Ablösung des religiösen durch den rassischen Faktor, bis um die Wende des neunzehnten Jahrhunderts der Rassenantisemitismus klar Und deutlich hervortrat. Dieser ist der in ein System gebrachte Haß gegen die Judenheit, der durch religiöse oder ethische Gründe überhaupt nicht mehr verschleiert wird. Das Anderssein des Juden, das, wie wir am Beginn unserer Untersuchung dargestellt haben, den latenten Antisemitismus hervorgerufen hatte, wird besonders betont und durch eine eigens geschaffene „Rassen theorie" zu begründen versucht. Diese erklärt die jüdische Rasse, welche von ihr entgegen den anthropologischen und ethnischen Forschungsergebnissen geschaffen wurde, für absolut minderwertig und bar jeglichen Kulturwertes. Die Juden, so behauptet diese merkwürdige Theorie, seien infolge ihrer natürlichen schlechten Eigenschaften die Urheber alles Unheils und daher für alles Schlechte auf Erden verantwortlich. Die Aehnlichkeit der Beschuldigungen der „wissenschaftlichen" Antisemiten mit den Vorwürfen, die der religiöse Fanatismus seinerzeit den „tausendmal verfluchten" Juden entgegengeschleudert hat. ist ein neuer Beweis für die Anschauung von der gemeinsamen Wurzel des Judenhasses. Der Rassenantisemitismus geht jedoch noch einem Schritt weiter und erklärt nicht nur alles Jüdische für „schlecht", sondern umgekehrt alles Schlechte für „jüdisch", so daß für ihn die Begriffe „schlecht" und „jüdisch" geradezu identisch werden. Folgerichtig lehnt er auch das Christentum seiner jüdischen Herkunft wegen ab und trachtet an dessen Steäle den altgermanischen Wotansglauben in irgendeiner Form zu restituieren. Während die religiösen Antisemiten als fromme Söhne der Kirche Indeterministen sind und .auch dem Juden die Erlangung der Seligkeit zubilligen, wofern er in den Schoß der Kirche eintritt, stellt der Rassenantisemitismus den konsequenten Determinismus dar, die vollständige Leugnung der Willensfreiheit und somit auch jeglicher Entwicklungsmöglichkeit. Geburt ist gleich.Schicksal. Rasse ist gleich Bestimmung. Nicht die Konstellation der Gestirne zur Zeit der Geburt bestimmen Schicksal und Charakter des Neugeborenen, wie es die Astrologen behaupten, sondern die Konstitution der Chromosomen im werdenden Keim bedingen die Laufbahn des noch Ungeborenen von der Wiege bis zum Grabe. Hat es das Unglück, als das Kind jüdischer Eltern zur Welt zu kommen, oder rollt in seinen Adern von irgendeinem seiner Vorfahren her jüdisches Blut, dann, so behauptet der Rassenantisemitismus, ist nur Schlechtes von ihm zu erwarten. Mühe, Arbeit, Selbstvervollkommnung, ja der idealste Lebenswandel können nach dieser Theorie die durch die Minderwertigkeit der Rasse bedingten Mängel nicht verbessern; es wird, mag es auch noch so tüchtig und edel werden, hinter dem noch so tief stehenden Individuum einer „besseren" (gemeint ist natürlich „arischen") Rasse zurückstehen. Da somit.für den Rassenantisemitismus der in der Rasse gelegene Wert der ausschlaggebende isit, führt er notwendigerweise zur Leugnung jedes persönlichen Werts. Gehört nämlich ein Individuum einer vollwertigen Rasse an, dann ist sein Persönlichkeitswert nur ein Teil des überpersönlichen Rassenwertes. Wenn aber das Individuum einer minderwertigen Rasse angehört, so kann, es überhaupt keinen persönlichen Wert erringen. Der Rassenantisemitismus ist somit vom sittlichen Standpunkte aus, viel ver werf Tic her als der Teligiöse, der die Frucht eines in falsdhe Bahn gelenkten, aber immerhin idealen Wollens bildet. Die Frage nach der Dauer des Antisemitismus kann weder auf Grund historischer Erkenntnisse, noch auch vermittelst psychologischer oder sozialer Untersuchungen beantwortet werden. Denn der Judenhaß ist ebenso wie andere menschliche Verirrungen eine Folge der unvollkommenen Durchdringung der menschlichen Seelen mit sittlichen und wahrhaft religiösen Anschauungen. Die Antwort auf die Frage nach der Dauer des Antisemitismus, der eine der furchtbarsten Verirrungen der Menschheit darstellt, kann allein vom Standpunkte der philosophischen Intuition und der religiösen Ueberzeugung gegeben werden: Es hieße den Messianismus leugnen, wollte man an der endlichen Ueberwindung des Antisemitismus zweifeln. Antisemitismus und Sittlichkeit. Von Dr. Hugo S p i e g 1 e r. Seit. Jahrtausenden hat. sich das Judentum eines proteusartigen Gegners zu erwehren. Kaum liegt er besiegt auf dem Boden und ist scheinbar für immer unschädlich gemacht, du wechselt er einfach seine Gestalt und setzt den Angriff in neuer Form und mit verjüngten Kräften fort. Achtzehnhundert'Jahre lang wurde Juda als der Verräter und Mörder Christus angefeindet. Die Zerstörung Jerusalems stellte sich als die Erfüllung einer Christusprpphezeiung dar und die jüdische Diaspora, symbolisiert im ruhelosen Wandern Ahasvers, erschien als die Strafe für die Ver.stoßung des Heilands. Daß die Juden Jesus nicht als ihren Messias gelten lassen wollten, läßt noch den im Greisenalter unter den Einfluß der katholisch schillernden Romantik geratenen . Goethe ausrufen: „Dulden wir keine. Juden unter uns, denn sie leugnen die Grundlage unserer Kultur!" Kurz, der Gegensatz zwischen Juden und Nichtjuden wurde als ein r eligiöser empfunden und wer diesen' Gegensatz verschärfen wollte, mußte sein Gifttränklein aus den Mixturen der r it u e 11 e n Küche brauen. In dieses Kapitel gehört das Ritualmordmärchen und die Anschuldigung der Hostienschändung. Achtzehnhundert Jahre lang sind alle Verhöhnungen und Vergewaltigungen des Judentums, das in der ganzen Weltgeschichte vereinzelt dastehende Martyrium eines Volkes die Folge seiner beispiellosen Treue zur angestammten Religion und die mutige Ablehnung des allen anderen] mit Feuer und Schwert aufgenötigten Kreuzes. Die Juden werden ins Ghetto gesperrt, ehrsames Handwerk wird ihnen verwehrt, nur der Schacher vermag ihnen den Lebensunterhalt zu gewähren. Also handeln sie mit allem Möglichen: mit alten Hosen und neuem Geld©, mit Pfandbriefen und mit Edelsteinen. Nur mit einem Gute schachern sie nicht: mit dem Glauben ihrer Väter. Der ist ihnen' um nichts feil. Die anderen aber hausen in stolzen Burgen, weihen ihr Leben der Ritterehre und wechseln um freiwerdender Throne willen die Religion wie das Hemd. Was Ueberzeugung und Ideal! „Paris ist eine Messe wert" für Henri IV., Polen ist es desgleichen für August den Starken. So sind die Herrscher und Fürsten, die Edelsten der Christenheit! Die breite Masse des christlichen Volkes läßt sich in der Reformationszeit das Ge-

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