Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 32-33 (17.8.1925)
- Date
- 1925-08-17
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Seite 9 Das Wesen des Antisemitismus. Von Dr. Franz Josef W c i ß. Der Antisemitismus ist ein Sonderfall einer überaus häufigen, primitiven sozialen Erscheinung, des Gruppenh a s s e s, und so alt als das Judentum selbst: „Und Pharao sprach: Siehe, das Volk der Kinder Israels wird zahlreicher und mächtiger als wir. Wir wollen es überlisten, damit es sich nicht weiter vermehre. Und man setzte Fronvögte über dasselbe, um es zu unterdrücken." (II. B. M. I, 9 ff.) Haben sich auch die Erscheinungsforme n, in denen uns der Antisemitismus entgegentritt, im Laufe der vieltausendjährigen Geschichte des jüdischen Volkes fortwährend geändert, indem sie sich den jeweiligen sozialen, politischen und kulturellen Verhältnissen angepaßt haben, in seinem Wesen blieb der Antisemitismus der gleiche seit den Zeiten der ägyptischen Knechtschaft bis auf den heutigen Tag. Dieses stets sich gleichbleibende Wesen des Judenhasses kurz zu beleuchten und die denselben auslösenden Faktoren, die fälschlich als seine „Wurzeln" bezeichnet werden, anzuführen, soll Aufgabe der folgenden Zeilen sein. Das Wesen des Antisemitismus ist sozialer Natur und daher, wie alle sozialen Phänomene, gleichzeitig individuell und überindividuell bedingt. Die individuellen Ursachen sind die in der Seele schlummernden, im Bewußtsein oder im Unterbewußtsein verankerten formalen Bedingungen, nach welchen jedes Individuum auf Fremdartiges reagiert. Das Anders sein allein genügt, um seine seelischen Konstitution in einen Spannungszustand zu versetzen, welcher stets das Gefühl der Beunruhigung in sich schließt. Mag nun dieser Spannungszustand als Mißtrauen, Angst oder Haß in Erscheinung treten, stets wird das Individuum im Banne dieses Spannungszustandes das Fremdartige in der Weise zu deuten suchen, daß es sein Mißtrauen, seine Angst oder Feindschaft im Nachhinein rechtfertigen wird. Je größer seine Unwissenheit ist, eine umso größere Gefahr wird es in dem Unerkannten wittern, eine umso schlechtere Deutung wird es dem Fremdartigen geben'. Gerade die jüdische Religion mit ihrer großen Zahl von Gebräuchen, die für den Nichtjuden unverständlich sind und mit einer Gebetsprache, die ihm fremd ist, hat immer wieder Anlaß zu Beschuldigungen gegeben, die, wie das Ritualmordmärchen, ebenso absurd wie tief im Bewußtsein mancher Nichtjuden verankert sind. Doch es wäre falsch, die Einzelseele für sich allein zu betrachten, ihre Stimmungen und Reaktionsformen losgelöst von den kollektiven seelischen Phänomenen zu untersuchen; denn d:r Seelenzustand des Einzelnen ist bestimmt durch die Wechselwirkungen zwischen ihm und seiner Umgebung. Hierdurch ist der Uebergang von den psychologischen, d. h. individuell bedingten Ursachen des Antisemitismus zu den sozialen d. h. überindividuellen Motivationen gegeben. Die gleichartig verlaufenen Reaktionsabläufe in den Seelen einer Mehrzahl zu einer Gruppe vereinigter Individuen verbinden sich zu einem überindividuellen Schema, das dem Einzelindividuum gewissermaßen die Art und Weise, wie es auf irgendeinen Eindruck zu reagieren habe, vorschreibt. Man denke etwa anden geradezu identischen Gefühlsablauf, den das Wort „Jud" in einer antisemitischen Versammlung bei den einzelnen Versammlungsteilnehmern hervorruft! Die erwähnten Spannungszustände in den einzelnen Seelen addieren sich gewissermaßen zu einer gruppenseelischen Spannung, welche als soziales Phänomen dann in Erscheinung tritt, sobald ein oder mehrere andersgeartete Individuen einer sozialen Gruppe entgegentreten. Entscheidend für das Auftreten dieser Spannung ist weder die objektive Größe noch die Art des Unterschiedes zwischen zwei "Gruppen, sondern die subjektive Bedeutung, die dem Unterschiede jeweils beigemessen wird. Diese Spannung kann also auch dort entstehen, wo die einzelnen Mitglieder einer Gruppe sich weder in ihren Eigenschaften noch in ihrem Verhalten wesentlich von denen einer anderen unterscheiden, wofern nur irgendeine als wesentlich angesehene Differenz vorhanden ist. Die Sucht nach Verallgemeinerung und das tief im menschlichen Bewußtsein eingegrabene Streben nach Typisierung nimmt gerade diese Differenz zum Angriffspunkt, um sich einen Typus zu schaffen, welcher natürlich nur das Produkt der oben gekennzeichneten Fremdheitsgefühle ist. Wird also in der erwähnten Antisemitenversammlung das Wort „Jud" ausgesprochen, dann ist es weder der jüdische Universitätsprofessor noch der jüdische Handelsagent, welcher die Haßgefühle der Versammelten auslöst, sondern „der Jude" ohne Bindung an eine individuelle Vorstellung. Dies hat zur Folge, daß jeder einzelne Jude als Repräsentant der gesamten Judenheit gilt, er in allen seinen Handlungen unter diesem Gesichtspunkte gewertet wird, seine Fehler der gesamten Judensehaft angerechnet werden, während seine Vorzüge, da sie nicht „typisch" sind, niemals sozial, sondern bestenfalls individuell gewertet werden. Da die Juden im Verlaufe ihrer Geschichte außer zur Zeit, wo sie ein eigenes Staatswesen bildeten, immer als Minorität auftreten, einer Minderheit, die sich weder unterwerfen noch assimilieren will, sind die sozialen Bedingungen für das Auftreten des Fremdenhasses gegeben. Um einen Ausgleich gegenüber dem materiellen Uebergewicht der Mehrheit zu schaffen, ist die Minderheit gezwungen, die in ihr schlummernden geistigen Kräfte in verstärktem Maße zu entwickeln, der äußeren Macht der Majorität einen gesteigerten inneren Wert entgegenzusetzen. Das Vorhandensein größerer geistiger Kräfte bei der Minorität verstärkt nun seinerseits das Gefühl der Bedrohung bei der Majorität, deren Feindschaft in dem Maße wächst, als sich die Minderheit gegen das Aufgeben der ihr eigentümlichen Werte zur Wehr setzt. Diese gesellschaftlichen Spannungszustände sind also die eigentlichen Ursachen des Antisemitismus. Die Art und Weise jedoch, wie er in Erscheinung tritt, ist verschieden, je nach den auslösenden Faktoren, welche den latenten Judenhaß erst zur geschichtlichen Tatsache werden lassen. Der Haß als solcher ist also das Primäre, der formale Rahmen des Antisemitismus, während die historischen Ereignisse die sekundären, sachlichen Momente darstellen, welche den bestehenden Haß mit konkretem Inhalte erfüllen. Die Juden unterscheiden sich von den Völkern, in deren Mitte sie wohnen, durch ihr Glaubensbekenntnis und durch ihre Abstammung. Diese beiden historischen Tatsachen sind die auslösenden Faktoren des Judenhasses. Insoferne sich nun dieser Haß, auf das Judentum in abstracto bezieht, ist der auslösende Faktor religiöser Natur: insoferne er sich gegen die Judenschait in concreto richtet, ist er rassischer Natur. In Wirklichkeit liegen jedoch die Verhältnisse so, daß beide Faktoren gleichzeitig wirken und nur der eine oder der andere jeweils das Uebergewicht besitzt. Dann wird der weniger nach außen hervortretende Faktor von den Historikern und Soziologen des Antisemitismus gewöhnlich übersehen und ein der Wirklichkeit nichC voll entsprechendes Schema geschaffen, welches den Antisemitismus in einen religiösen und einen rassischen einteilt. Mit diesem Vorbehalte wollen auch wir der Einfachheit halber die beiden wichtigsten Abarten der judenfeindlichen Bewegung kurz skizzieren. Der religiöse Antise tn>|i. t i s m u s, welcher im späteren Mittelalter und am Beginne der Neuzeit seinen Höhepunkt erreichte, ist bereits im Altertum zu beobachten. Das beste Beispiel des religiösen Antisemitismus im heidnischen Altertum dürfte wohl das Streben der griechischen Machthaber in Palästina gewesen sein, die Juden zu ihren religiösen und kulturellen Anschauungen zu bekehren. Die Weigerung der Juden, ihre Religion aufzugeben, führte bekanntlich zu drakonischen Zwangsmaßnahmen von seiten der Hellenisten, gegen welche sich der Makkabäeraufstand richtete. Auch im Mittelalter hatte die Weigerung der Juden, von ihrem Glauben abzulassen, einen furchtbaren religiösen Haß gegen dieselben hervorgerufen, der sich in entsetzlicher Weise auswirkte. Hier jedoch sind die Verhältnisse infolge der engen Beziehung zwischen der christlichen und jüdischen Religion wesentlich kompliziertere. Zunächst gilt für die katholische Kirche das Judentum als die verfluchte Religion derer, die den Messias nicht anerkennen wollen und daher für ihre Halsstarrigkeit bestraft werden müssen. Sodann stören die Juden durch ihr bloßes Vorhandensein die Glaubenseinheit des Christentums. Das Dogma von der alleinseligmachenden katholischen Kirche wird denen zum Verhängnis, die einen lebenden Protest gegen dasselbe bilden. Ja, die Kirche fühlt sich durch die Tatsache, daß die Religion der längst verfluchten Juden neben der ihrigen besteht, so sehr getroffen, daß sie ihre eigenen Prinzipien von der Nächsten- und Feindesliebe gegenüber den Juden aufhebt. Aber weder religiöse Disputationen, bei welchen der Mangel an Beweisen gewöhnlich durch andere Mittel ersetzt wurde, no.ch auch Ketzergerichte und Scheiterhaufen konnten die Juden von dem höheren sittlichen Werte der christlichen Religion überzeugen. In dem Maße, als die Macht und der Einfluß der Kirche gegenüber der staatlichen Gewalt zurücktrat und die Religion aufhörte, das Fundament des geistigen und politischen Lebens zu sein, wichen die hellauflodernden Flammen des religiösen Antisemitismus einem im Unterbewußtsein weiter brennendem Feuer des religiösen Hasses, das auch heute noch nicht er-