Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 32-33 (17.8.1925)
- Date
- 1925-08-17
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 32/33 einer einsamen Insel, sondern ich bin aus einer Gesamtheit herausgeboren und diese Gesamtheit, der ich angehöre, isr ein Stück von mir/* Niemand kann seine Lebensführung nach einem Ideal einrichten, das er nicht kennt. Die heutige Menschheit wäre .nicht so ziel- und ruhelos, wenn ihr nicht die Menschheitsideale größtenteils verlorengegangen wären. Und was das Judentum anbetrifft, so erfahren wir es immer und immer wieder, wie ein großer Teil unserer Gemeinschaft entweder in vollkommener Unkenntnis des Judentums lebt und allen jüdischen Angelegenheiten mit erschreckender Gleichgültigkeit gegenübersteht oder den Schwerpunkt seines jüdischen Lebens aus dem Absoluten in das Relative verlegt und wie der Frömmler, den uns Martin Buber in einer chassidischen Legende vorführt, der aus der Hauptsache, der Frömmigkeit eine Nebensache und aus ihrer Nebensache eine Hauptsache macht, das, was wahrhaft Judentum ist, vernachlässigt und Scheingröütn nachjagt, wenn sie nur das Vorzeichen „jüdisch" tragen. Wahrhaftes Judentum und wahrhaftes Judesein in jedem jüdischen Menschen wieder zueinanderzuführen muß die Aufgabe der Gegenwart und der Zukunft sein. Das Verhältnis zu den Ewigkeitswerten unserer Religion muß jedem Einzelnen wieder bewußt werden und in der Gemeinschaft sinnfällig in Erscheinung treten. Die Einheit von Lehre und Leben, die der religiöse Liberalismus fordert, ist nichts anderes als die Einheit von Judentum und Judesein. Religiöser Liberalismus will allen Juden zeigen, daß für sie das Streben zum Judentum der Mittelpunkt ihres Lebens sein oder werden kann. Neben dem Grundsätze der Freiheit, dieses Leben religiös so zu gestalten daß über Dingen, die im heutigen Leben zu Nebensachen der religiösen Lebensgestaltung geworden sind, auch die Hauptsache, nämlich das Judentum, nicht vergessen werde, setzt er den Grundsatz der Ver-, pflichtung des Einzelnen gegenüber der Gemeinschaft. Der religiöse Liberalismus weiß, daß ein religiös-sittliches Ideal nur dann im Bewußtsein des Einzelnen seine dauernde Stellung behält, wenn es im Leben, im Judesein immer wieder sinnfällig in sittlicher Einzeltat und reh'giöser Gemeinschaftsbehandlung bewährt werden kann. Religiöses Leben kann nur dann wahrhaftes Leben sein, wenn _ es den ewigen „ Lebensgesetzen folgt, wenn dem Grundgesetz der Entwicklung auch auf deirf Gebiete des Judeseins Rechnung) getragen wird. Nur so kann nach der Weltanschauung des religiösen Liberalismus immer und immer wieder das. Judentum seine belebenden und Leben erhaltenden Ströme aussenden in jedes Einzelne jüdische Leben, sodaß das Schriftwort wahr werden und] v/ahr bleiben kann: „Weatem hadwekim b' adaunoi elauhechem chajim kulchem hajaum." „Ihr, die ihr dem Ewigen,. eurem Gott, anhanget, seid heute allesamt am Leben!^_ Judentum und Freidenkertun]. Von Medizinalrat Dr. H. Haase. Wir haben es unlängst in unserem lieben Wien erlebt, daß die Freidenker demonstrativ auf die Straße gingen. Sie zählen nicht nur „Intellektuelle" in ihren Reihen, sie verstärken dieselben durch Heranziehung sozialdemokratischer Parteigänger, namentlich aus der Jugend. Wir wissen, wie leicht im Kampfe gegen den Klerikalismus das Kind mit dem Bad ausgeschüttet wird. Allein es genügt durchaus nicht, es selbst zu wissen, daß das Judentum einen Klerikalismus ebensowenig wie Kirche und Dogma kennt; es wird unentwegt auch von jüdischen Pfaffen gesprochen. Ein Schlagwort erschlägt eben das Denken, das nicht mehr in der Stube sich vollzieht, sondern auf die freie Gasse' geht, um zuletzt vielleicht schlägende Argumente, für seine Anschauung anzuwenden oder wenigstens Gegner derselben dazu zu veranlassen. In bezug auf die Geistlichkeit sagt Güdemann in seinen (unedierten) Aphorismen: „Im Judentum gleicht Gott einem Vater, der die Erziehung seines Sohnes selbst besorgt; zwischen beiden besteht ein unmittelbarer Verkehr. Im Christentum! gleicht Gott einem Vater, der seinen Sohn einem Erzieher anvertraut. Jede Vermittlung1 aber bewirkt und befördert Entfremdung." „Daß dasl Judentum an[ sich schon Freisinn ist, beweist der Wert, den es auf den Beginn seiner Geschichte legt. Dar Auszug der Juden aus Aegypten hat zum erstenmal in der Weltgeschichte und mit so durchschlagender Kraft wie niemals wieder die Idee des Freisinns, die Entthronung von Göttern und Tyrannen, die Proklamierung der Menschenrechte verwirklicht. Der Anfang der religiösen Bewegung, deren Produkt das Judentum geworden, dokumentierte sich als entschiedener Nicht glaube, ja als Unglaube, d. h. als Verwerfung und Verleugnung des die antike Welt ebenso wie das Volk Israel beherrschenden Götter- und Mythenglaubens, der also nicht als ein neuer Glaube gegen den bestehenden, sondern als Erkenntnis gegen den Glauben überhaupt in die Schranken trat. Dieses Verhältnis ist so kurz Und unzweideutig wie möglich durch die Formulierung und den Zusammenhang der ersten zwei Gebote des Dekaloges ausgedrückt. Das erste bezeichnet den Monotheismus als Erkenntnis,! als Erlebnis, das zweite dekretiert in aller Form und im weitesten Umfange den Unglauben. Daher haben förmliche Glaubensartikel im Judentum niemals Geltung erlangen können, f erner ist es nie inner - halb desselben zu einer Kirchenspaltung wie im Christentum gekommen; dazu fehlt es ihm an dem Zersetzungsferment, welches der Glaube ist"1) Es ist also konsequent freisinnig, wenn R. Jochanan (Magilla 13 a.J im vielverschrienen Talmud erklärt, daß, wer den Götzendienst abschwört, Jude heiße. Kirchen- und Dogmenlosigkeit heißt doch, daß das Judentum volle D e n k f r e i h e i t gelten läßt. Dadurch hat es von Moses dem Befreier über Maimonides und Mendelsohn eine natürliche Entwicklung mitmachen und „den Gedankeninhalt der Antike, des christlichen Mittelalters, der neuzeitlichen Philosophie und Wissenschaft ertragen und aufnehmen können, ohne Kampf, ohne Verbitterung, ohne sein Innerstes preiszugeben."2) Aber die Freidenker setzten Natur, Kunst und Wissenschaft an Stelle der Religion. Man könnte gleich mit den Anfangssätzen der Genesis einen Beweis für den ästhetischen Sinn und die. Naturfreude des Verfassers erbringen,' der bei den Lesern, den! Israeliten desf alten Testaments, die Empfänglichkeit dafür voraussetzen mußte. Steht doch dort! bei der Geschichte der Schöpfung des Paradieses: „"Jeglichen Baum ließ Gott aus dem Boden wachsen, schön für den Anblick und gut für den Genuß, und ,den Baum des Lebens in der Mitte des Gartens . . ." Man merke, erst wird die Schönheit, dann der Wert gepriesen! Die Psalmen sind „hochpoetische Werke, in denen menschliche Schönheit und weiblicher Liebreiz mit den duftenden Gestalten der Pflanzen verglichen werden, die an den Berglehnen des Libanon und an den Ufern! des Jordan die; Landschaft schmückten . . . welcher Schriftsteller unserer Tage würde imstande sein, das Kommen des Frühlings anmutiger zu schildern, als es der Sänger des „hohen Liedes" getan hat? Und andere näturfreündliche Elemente weist das alte) Testament mehrere auf." So läßt sich einer' dir, stärksten Vorkämpfer des Freidenkertums vernehme*; er fügt allerdings bezeichnend hinzu: „Aber mit dem Christentum begann die Welt- und Naturverachtunig."3) Die Juden sind das Volk des Buches, aber nicht das allein, sie sind das Volk ,der Bücher geworden, nicht das Volk des Gesetzes; dieser,zum Schlagwort gewordene Vorwurf stammt von der falschen. Uebersetzung von „Thora" mit „Nomos"' aus der Septuaginta und den Fehler begehen auch unsere Orthodoxen, die sich wohl nicht mehr „Glaubens-1, sondern „Gesetzestreue" nennen. Wie wir den Kampf gegen das Heidentum im Altertum, den gegen die Philosophie im Mittelalter, gegen die Aufklärung in der Neuzeit in unseren eigenen Reihen durchgekämpft und überdauert' haben, gebietet es" der Fortschritt und Freisinn, daß wir „den Versuch, aus dem Volk© des Buches ein leibhaftiges Volk zu machen", daß; wir den Nationalismus, bei uns uberwinden. „Wir degradieren",, sagt der Geh. Justizrat Dr. Eugen "Euch s in „Glaube und Heimat", „das Judentum, wenn wir seinem geistigen Ideenkreis einen Körper geben, der raumzeiflich: lebt und stirbt, der blüht und verwelkt." Es genügt-aber nicht, wiederhole ich zum Schlüsse, zu wissen, daß Freisinn und Judentum identisch ist; wir haben die Pflicht, diese Erkenntnis bei uns zu vertiefen, im Bewußtsein der Jugend zu verankern, die besonders leicht Schlagworten und' Lockungen unterliegt, uns, wiei es die anderen tun, zu besserer Propaganda unserer Ideen zusamenzuschließen, aus negativer Untätigkeit zu positivem, aufklärendem Schaffen aufzuraffen; Und dies namentlich in der gegenwärtigen Epoche, von der ein geistvoller Schriftsteifer sagt, daß sie „alle Ideen als ungefähr gleichwertig in sich ausnimmt und schließlich dazu gelangt, nicht mehr denken zu können] und unfähig wird :. „ zu wählen.'* > . ''//'•_... - Liberalismus' und Orthodoxie im- Judentum,' Dr. Güdemann,' Isr. Wochenbl., Nr. 46, 'Berlin. 1 2) Walter Rathenau, Eine Streitschrift vom Glauben. 3) Moses oder Darwin?) Eine Schulfrage von Dr. Dodel- Port, Zürich 1890.