Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 32-33 (17.8.1925)
- Date
- 1925-08-17
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 32/33 .JDSO^HBSBHX-, Seite 7 Aber alle diese Erwägungen sind auch nicht das Wichtigste bei der. Erörterung der gegenwärtigen Situation. Wir Juden haben die Bedrückung durch die Aegypter und Babylonier, wir haben die Grausamkeiten der Römer, die unsagbaren Brualitäten der spanischen Inquisition, der deutschen Hexenjustiz, der Pogrome der Ostvölker Europas und viele andere furchtbare Greueltaten überstanden und überdauert. Unsere viertausendjährige Geschichte ist mit Blut geschrieben — es gibt kein Verbrechen, welches an uns nicht nicht verübt worde. Wir waren immer in der Minorität und unsere Tradition hat uns die Mimikry nicht gelehrt. Wir werden auch die Hakenkreuzbewegung überstehen, die ja doch nur! einen neuen Namen füruralte, uns. gegenüber geübte Methoden bedeutet. Die große Gefahr, welche dem Judentum stets droht, liegt nicht bei seinen Gegnern, sie liegt im Innern der Judenschaft selbst, in dem mangelnden Solidaritätsgefühl weiter Kreise der Juden, in der niemals abflauenden Abfallbewegung. In der Natur, in der Politik herrscht das Prinzip der Zahl. Die größere Zahl hat immer Recht, eine unbedeutende Minorität wird immer schütz- und -wehrlos sein. Verhinderung des Abfalls, Verstärkung der Solidarität geben weitaus größeren Schutz als noch so großartige Polizeimaßnahmen. Die wachsende Zahl eines Volkes verbürgt mehr Sicherheit als Staatsverträge und Regierungserklärungen. Jenes Volk, welches mehr Kinder produziert, schafft sich allein seinen Platz an der Sonne; ein Volk, das immer und überall in ohmächtiger Minorität lebt, reizt geradezu zum Angriff und zur Verfolgung. Vor einer jüdischen Minorität von 20 Abgeordneten im österreichischen Nationalrat hätte der Bundeskanzler seine letzte Erklärung nicht abzugeben gewagt; einer politisch vollkommen ohnmächtigen Gruppe aber kommt man nur so weit entgegen, als internationale Rüchsichten es gerade unbedingt erfordern. Im alten Oesterreich mußten die führenden Staatsmänner mit den kleinsten politischen Gruppen verhandeln. Mit jemandem aber, der überhaupt nicht vorhanden ist, braucht man nicht zu paktieren, er ist Objekt, nicht Subjekt im staatlichen Leben. Abel Pann: Evas Erschaffung.*) *) Siehe Artikel „Abel Pann und sein Werk4, Seite 27. Judentum und Judesein. Ein Beitrag zur Weltanschauung des religiösen Liberalisrmis von Dr. Max Mayer, Berlin. Menschentum ist uns das Ideal des Menschseins. Es ist uns das Ziel, dem jedes Menschen Leben möglichst nahekommen muß. Menschentum ist der Inbegriff alles dessen, was den Menschen sichtlich über alle anderen Lebewesen hinaushebt. Menschentum ist immer ein Ziel, das den Menschen in seiner menschlich bedingten Existenz zu göttlichen Ewigkeitswerten leiten will. Judentum ist nichts anderes als eine eigenartige und einzigartige religiös-sittliche Ausprägung dieses Menschentums. Judentum ist für den Juden, den jüdischen Menschen, das Ideal, dem er in seinem Leben so nahe!wie möglich zu kommen versuchen muß. Judentum ist für den Juden der Ursprung und Mittelpunkt seines menschlichen Lebens. Fritz Mauthner hat in seinem genialen Meisterwerk „Zur Kritik der Sprache" immer und immer wieder darauf hingewiesen, daß es der Sprache unmöglich sei, begriffliche Inhalte objektiv-eindeutig wiederzugeben. Nicht anders steht es mit der Deutung des Wortes „Judentum". Es werden von allen Seiten je nach der politischen und religiösen Parteieinstellung Begriffsinhalte hineingetragen, die ihm das eine Mal diese, das andere Mal jene Deutung verleihen. So ist man gezwungen, wenn man Judentum und Judesein miteinander in Beziehung setzen will, zuerst das, was man unter Judentum versteht, möglichst deutlich zu sagen; doch auch hier sind der menschlichen Ausdrucksfähigkeit unüberschreitbare Grenzen gesetzt, denn keine Definition kann den Gefühlsinhalt erschöpfen, den das Wort „Judentum" im einzelnen Juden auszulösen vermag. Nur innerhalb dieser Grenzen kann hier gesagt werden, was Judentum bedeutet. Judentum ist ein Ideal, ein Inbegriff von religiösen und sittlichen Ewigkeitswerten, die die menschliche Lebensführung bestimmen. Wie eine Wahrheit existiert, ob sie Menschen bekannt ist, von Menschen gedacht wurde oder nicht, so bleibt das Judentum unvergänglich, mag es auch auf Erden keinen jüdischen Menschen « mehr geben. Mit dieser Feststellung wird aber der Begriff des sogenannten Nationaljudentums als „Judentum" abgelehnt; da es eine Auffassung vom Judentum darstellt, die seine Existenz, mit dem Vorhandensein1 einer irgendwie gearteten Zusammenfassung jüdischer Menschen identifiziert und zur Erhaltung dieses Judentums einer nationalen Zusammenfassung nicht entraten zu können glaubt. In Wirklichkeit handelt es sich beim Nationaljudentum nicht um Judentum im eben erwähnten Sinne, sondern um eine Zusammenfassung von Menschen, die in einer ganz bestimmten Form, und zwar in der nationalen, Juden sein möchten. Der Begriff des Judentums als „Nationaljudentum" bedeutet also die Projizierung eines absoluten religiösen Ideals auf die relativ menschliche Ebene, während bei unserer Auffassung die Stellung des Judentums als absoluter Idee gegenüber dem relativ bedingten J u d e s e i n gewahrt bleibt. Es kann also dem Menschen, der dem absoluten sittlich-religiösen Ideal des Judentums nachstreben will, nur dann sein Leben wahrhaft jüdisch erscheinen, wenn er es an dem absoluten Richtpunkt des Judentums orientiert, wenn ihm das Streben zum Judentum als Menschheitsideal zum Mittelpunkt seines Lebens wird. Dieses jüdische Leben muß aber eine ganz bestimmte Färbung durch die geschichtlichen, biologischen und soziologischen Voraussetzungen haben, die in jedem Menschen liegen. Die Stellung unserer Vorfahren in der menschlichen Gesamtheit, ihr Verhältnis als Juden zur Idee des Judentums prägt sich in jedem heute lebenden Juden bewußt oder unbewußt aus und jeder Mensch kann die Wahrheit des Wortes an sich erfahren, das Rabbiner Dr. Baeck, einer der geistigen Führer der deutschen Judenheit, vor einiger Zeit ausgesprochen hat:*) „Jedes Individuum kommt aus der Gesamtheit heraus. Ich bin nicht geboren worden vor vierzig, fünfzig, sechzig Jahren, sondern ich bin geboren worden vor zweitausend, dreitausend, fünftausend Jahren. Von diesen fünftausend Jahren steckt etwas in mk. Ebenso bin ich aus einer gewissen Breite heraus geboren worden. Ich bin nicht geboren worden durch Parthenogenesis auf irgend *) Auf der. Hauptversammlung der Vereinigung f. d. liberale Judentum, Oktober 1924.