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Die Wahrheit · 1925-08-17 · Heft 32-33 (17.8.1925) · page 10

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 32-33 (17.8.1925)
Date
1925-08-17
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 6. DIE WAHRHEIT Nr. aa/33 Vaterland gelitten, geblutet, ihr Leben hia^e- . geben haben, -wo sie-.-.eifrig geholfen haben, die furchtbare Not in der Heimat zu Ymtem; * j •' '/'. Jede völkische Ueberhebüng gegenüber ändern Völkern, wie gegenüber Andersstämmigeii ist unsittlich. „An ihren Früchten sollt Ihr sie erkennen!" Die Verachtung von Recht und Gesetz, die .rohe, sich bis zu zahllosen Meuchelmorden steige njde Gewalttat charakterisiert sie; ein verstiegener Nationalismus, der im Rowdy- und Verbrechertum Heldentum erblickt! Es genügt nicht wenn die „vornehmeren" Antisemiten solche „Ausschreitungen" ablehnen. Diese sind die unausbleibliche Folge der antisemitischen Bewegung. Mit Recht betonte im Prozeß der Rathenau-Mörder der Reichsanwalt: „Der eigentliche Angeklagte ist der Antisemitismus". Und ist es nicht grotesk, wenn manche Juden in einer radikalen Bewegung stehen, dies der Gesamtheit der Juden vorzuwerfen? Wenn dies gerade die tun, welche die schlimmsten Verächter von Recht und Gesetz, die Anbeter der rohen Gewalt sind! Gegen diese unsittliche Bewegung kämpft mit den Mitteln der Aufklärung, mit dem Appell an die Gewissen, der deutsche „Verein zur Abwehr des A.ntisemitismu s", in dem Christen und Juden gleichmäßig zusammenarbeiten« der aber gerade, weil er sich an die Christen wendet, von jeher Wert darauf gelegt hat, christliche Vorsitzende zu haben; von seinen Gründern dem berühmten Rechtslehrer Rudolf v. Gneis t und Heinrich Rickert an, über Dr. Theodor Barth, dem ich nach seinem Tode gefolgt bin. Mein Stellvertreter ist der katholische frühere Reichskanzler Fehrenbach, Schatzmeister der Reichstagsabgeordnete Dr. Hermann Fischer, ein alter Korpsstudent und im Krieg Rittmeister der Reserve. Die ersten Männer der evangelischen und katholischen Theologie Deutschlands unterstützen uns durch ihre Mitarbeit. Nicht als Judenschutztruppe, wie man uns verumglhnpfend genannt hat, fühlen wir uns. Wir wissen sehr wohl, daß an vielen unserer jüdischen Mitbürger gar manches auszusetzen ist. Daß der erst durch gesetzliche Schranken, dann durch die Praxis der Verwaltung bewirkte Ausschluß von den Aemtern des Staates viele einseitig auf den Erwerb von Reichtum hingewiesen und bei ihnen eine Ueberschätzung desselben, ein hastiges, oft rücksichtsloses Streben nach Gewinn großgezogen hat Daß das Zurschautragen des Reichtums seitens jüdischer Neureichen als Protzentum empfunden: wird und nicht selten verletzend wirkt. Freilich der Parvenü wird unabhängig von seiner Religionszugehörigkeit überall als fatale Erscheinung empfunden. Aber die nächste Generation hat die üblen Eigenschaften meist abgelegt, sich den Gefühlen und Gewohnheiten der Gesellschaftsschicht angepaßt, in die die vorangegangene eingetreten ist. Meist handelt es sich hier also um Uebergangserscheinungen, verschärft durch das über jüdische Kreise verhängte Ghetto. Je rascher und gründlicher dieses verschwindet, um so eher verschwinden auch berechtigte Klagen, wie dies die Erfahrungen der Kulturländer des Westens zeigen. Aufgabe der gebildeten jüdischen Kreise ist es, mit allem Nachdruck gegen rücksichtslosen Erwerbstrieb, gegen Ueberschätzung und Zurschautragen des Reichtums, gegen aufdringliches und vorlautes Wesen einzelner ihrer Glaubensgenossen einzutreten. Der unsittlichen Bewegung des Antisemitismus wird . das Judentum mit gesteigerter Sittlichkeit am Besten entgegentreten. Nationale Beweggründe sind es schließlich, die uns den Abwehrkampf gegen den Antisemitismus zur sittlichen Pflicht machen. Man hat das deutsche Volk einst „das Volk der Dichter und Denker" genannt, der höchste Ruhmestitel, den ihm das Ausland geben konnte. Durch den Weltkrieg, durch die alier Gerechtigkeit ins Gesicht schlagenden Friedensdiktate ist es von der Höhe seiner politischen Macht herabgestürzt, zur Ohnmacht verurteilt worden. Wir müssen in der Welt moralische Eroberungen machen, müssen ihr zeigen, daß wir noch das alte Kulturvolk sind, dessen Mitarbeit sie nicht entbehren kann, wenn sie nicht selbst schwerste Einbuße an allen Kulturgütern leiden soll. Daß es daher ihr eigenstes Interesse ist, dem deutschen Volk wieder die Stellung im Rate der Völker zu verschaffen, die ihm nach seinen sittlichen und g.e,isj;igen Eigenschaften und Taten gebührt. JJeberall im Ausland regen sich die Kräfte, Deutschland wieder röferechtigkeit werden zu lassen, Sie - finden hartnäckigsten Widerstand gerade bei den kurzsichtigen, gewalttätigen, nationalistischen, deutschfeindlichen Kreisen. Ihr " Kämpf gegen diese wird ihnen um so mehr erschwert, je mehr in Deutschland der kulturfeindliche; unsittliche Antisemitismus überhand nimmt, je mehr ihnen damit die Waffe aus (}er Hand geschlagen wird, daß sie für Gerechtigkeit gegenüber dem sittlichen deutschen Kulturvolk eintreten. Wir aber wollen die Hoffnung nicht aufgeben, daß die sittlichen Kräfte des deutschen Volkes der moralischen Erkrankung des Antisemitismus Herr werden. Wir leben der Hoffnung, daß auch gegenüber dem deutschen Antisemitismus das Wort sich erfülle, das der große Kämpfer Emil Zola einst dem französischen zurief: „La verite est en mar che, et. rien ne l'arretera." Die Zahl in der Geschickte der Juden, Von Dr. Rudolf Schwarz-Hiller. Die Antwort des Bundeskanzlers Dr. Ramek auf die antisemitische Interpellation im Nationalrat machte weder den Juden noch dem Bundeskanzler besondere Ehre. Es ist wohl kein Zweifel, daß die Interpellationsbeantwortung anders ausgefallen wäre, wenn die Zahl der Juden in Oesterreich statt 200.000 etwa 800.000 betragen oder wenn es im österreichischen Nationalrat eine Gruppe von 20 oder wenigstens 10 jüdischen Abgeordneten geben würde. Aber die Juden bilden in Oesterreich nur einen ganz geringen Prozentsatz der Staatsbevölkerung und politisch sind die Juden vollkommen ohne Bedeutung. Und da Moral, Rechte Kultur usw. in jedem Zeitalter und in jedem Lande Produkte der jeweiligen Machtverhältnisse sind, so konnte die Gruppe der Ohnmacht auf keine andere Verteidigung des internationalen Gastrechtes rechnen, als sie eben in der schwächlichen und unaufrichtigen Rede des Bundeskanzlers zum Ausdruck kam. Auch die angeblich großartigen internationalen Verbindungen und Beziehungen der Juden können es nicht verhindern, daß in diesem Staate eine verhältnismäßig kleine Gruppe junger gewalttätiger Leute, von vorläufig unsichtbaren Drahtziehern geleitet, ein Regime des Straßenterrors etabliert hat. Es kann darüber kein Zweifel bestehen, daß die sogenannte „Hakenkreuzbewegung", dieser Importartikel aus dem germanisierten Norden Mitteleuropas, aus Sarmatisch-Preußen, den Vorspann irgend einer reaktionären Kontrerevolution bildet. Um diese Reaktion den Völkern wieder mundgerecht zu machen, um sie den einstigen Druck von Junkertum, Bureaukratie und Säbel vergessen zu lassen, wird der allüberall und allzeit zugkräftige Judenhaß vorerst als Parole ausgegeben. Die Einberufung des Zionistenkongresses nach Wien dient als hochwillkommener Anlaß, die ein wenig abgeflaute Bewegung neu zu beleben und freiheitlich gesinnte Leute von der Bekämpfung der Reaktion abzuhalten; will hier doch kein Nichtjude — und mag er noch so freiheitlich und vorurteilslos veranlagt sein — in den Verdacht kommen, d^n Zionistenkongreß zu schützen. Deshalb läßt auch die Sozialdemokratie gegenwärtig die Hakenkreuzler ziemlich ruhig gewähren, da ihre jüdischen und nichtjüdischen! Führer begreiflicherweise fürchten, als „Judenknechte" stigmatisiert zu werden. Die Juden sind eben wieder einmal wie schon so oft ganz auf sich selbst angewiesen. Die freiheitlichen Parteien vergessen plötzlich die großen Opfer der Juden im Kampfe um die Freiheit' die weiter rechts stehenden Parteien vergessen die eingewurzelte Anhänglichkeit der Juden für das österreichische Vaterland. Ja, die katholischen ChristHchsozialen haben plötzlich neben dem uralten christlichen Kreuz. das Hakenkreuz offiziell anerkannt und ihre legitirnistischen Führer und Parteiblätter entdecken mit einem Male ihr Herz für die Sturmtrupps der protestantisch-preußisch-hohenzollerschen Restauration. Die Charaktere drängen sich im politischen Leben des neuen Oesterreich. Ob nun der Zionistenkongreß in Wien ruhig und unblutig verlaufen wird oder nicht, wird wohl von allerlei Zufälligkeiten und Imponderabilien abhängen. Die Schutzmaßnahmen der Regierung allein dürften wohl keinen bestimmenden Einfluß auf den Gang der Ereignisse ausüben.

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